Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer
Anzeige LS Lederservice Sie suchen einen Spezialisten aus Rhein-Main? Frankfurt am Main 24°C

Zeltstadt und Bürgermeisterzimmer

Die 28 besten Bildserien sind im Architekturmuseum unter dem Titel „Im Brennpunkt“ zu sehen. 175 Künstler aus aller Welt hatten sich beworben.
Frankfurt. 

Eine provisorische Kleinstadt aus Zelten, Plastikplanen und Sonnenschirmen, notdürftig mit Schnüren zusammengehalten. Kein sonderlich ästhetischer Anblick, auch keine sonderlich bequeme Wohnstatt auf Dauer. Und doch lebten so zahlreiche Menschen im Herbst 2010 im Stuttgarter Schlossgarten, um gegen das Verkehrs- und Städtebauprojekt „Stuttgart 21“ zu protestieren. Großprojekte dieser Art werden heute von den längst mündigen Bürgern sehr kritisch beäugt und zuweilen auch verhindert. Beim Protest-Campieren entstehen kuriose Zweckbauten auf Zeit, die Frank Bayh und Steff Rosenberger-Ochs fotografiert haben. „Die Entwicklung neuer Stadtquartiere im Herzen der City“ nennen die Stuttgarter Fotografen ironisch ihre Bildserie, für die sie den ersten Preis beim Europäischen Architekturfoto-Wettbewerb erhielten.

Der alle zwei Jahre und nun zum zehnten Mal seit der Gründung 1995 verliehene Preis wird vom Stuttgarter Verein „Architekturbild“ gestemmt. Ihm zur Seite steht seit 2009 das Frankfurter Architekturmuseum, das nun die 28 besten Beiträge bis 16. Juni zeigt. „Im Brennpunkt“ lautet das diesjährige Thema des Preises, um den sich 175 Fotografen aus aller Welt bewarben. Die Jury hatte also viel zu sichten, zumal das Thema sehr weit gefasst war. So drehen sich die Fotos um kulturelle, gesellschaftliche und politische Ereignisse, aber auch um soziale Brennpunkte oder städtebauliche Entwicklungen. Um einen besseren Eindruck vom gewählten Motiv zu erhalten, wird immer eine Serie von vier Bildern verlangt.

 

Entwerfen am Computer

 

Ohnehin sind Fotos heute fast unentbehrlich geworden für die Präsentation von Bauwerken. Das ist vor allem den Architekten zu verdanken, die das bequeme Entwerfen am Computer bevorzugen. Seither fehlt jedoch die künstlerische Handschrift. Zwar sind Pläne sowieso nicht leicht lesbar, aber Computer-Pläne wirken vollends eintönig. Fotos machen das etwas wett, sie können sachliche Perspektiven und subjektive Blicke zeigen.

Freilich lässt sich bei einer Wettbewerbsschau trefflich über die Preisverteilung streiten. Die 4000 Euro für den ersten Preis sind wahrlich verdient, aber fast schon ärgerlich ist, dass Jörg Winde keinen der zwei mit je 1000 Euro dotierten zweiten Preise erhalten hat. Jörg Winde hat zwischen 2005 und 2012 quer durch die deutsche Republik viele Bürgermeisterzimmer fotografiert und damit einen klugen Atlas zwischen öffentlicher Repräsentation und persönlichem Geschmack geschaffen. Anna Thiele indes verfolgte den Wandel des ehemaligen Flugfeldes in Berlin-Tempelhof zu einem Ort für Vergnügen aller Art.

Erstaunlich viele Serien bieten einen lexikalischen Überblick: Thorsten Klapsch fotografiert deutsche Atomkraftwerke, ohne beim Start seiner Serie 2005 zu ahnen, dass es wenige Jahre später schon zu Ende geht mit der Kernenergie. Monika Nguyen widmet sich den verfallenden Istanbuler Holzhäusern, die noch aus der osmanischen Zeit des späten 19. Jahrhunderts stammen und heute von anatolischen Zuwanderern bewohnt werden.

 

Filigrane Sendemasten

 

Und Bertram Kober dokumentiert Sendemasten in aller Welt. Diese filigranen Gebilde haben eine ganz eigene Ästhetik. An etlichen dieser Serien hätte das Fotografenpaar Bernd und Hilla Becher seine helle Freude. Die Bechers wurden selbst mit typisierten Fotos von Industrie- und Fachwerkbauten berühmt.

Nicht zu vergessen der drei Etagen höher gelegene Rückblick auf bisherige Themen und Preisträger, von „Mensch und Architektur“ (1995) bis „Dazwischen“ (2011). Die Motive reichen vom Bordell in aufgepeppten Containern über austauschbare Siedlungsbauten bis zu den quietschbunten Plastikheimen unserer Kleintiere. Die Stuttgarter Zeltstadt befindet sich also in bester Gesellschaft.

 

Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt, Schaumainkai 43, Telefon (069) 21 23 88 44. Preis-Schau bis 16. Juni, Jubiläums-Schau bis 28. Juli, geöffnet dienstags und donnerstags bis samstags 11-18 Uhr, mittwochs 11-20 Uhr, sonntags
11-19 Uhr. Eintritt 7 Euro. Katalog
24,80 Euro. Internet www.dam-online.de

 

Zur Startseite Mehr aus Rhein-Main & Hessen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse