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Kein Austausch: Zu viel Inzucht bei hessischem Rotwild

Von Es ist kein leichtes Leben für das Rotwild in hessischen Wäldern. Lediglich dort, wo Hegegemeinschaften und Naturschützer sich um die Tiere kümmern und deren Lebensraum definieren, können sie ungestört leben. Dabei bräuchten die Tiere dringend größeren Austausch zu anderen Populationen.
Rotwild auf Gut Leidenhausen Foto: Rainer Jensen (dpa) Die Hirsche in den hessischen Wäldern bleiben häufig innerhalb kleiner Gebiete und Gruppen – das führt zu Inzucht.
Gießen. 

Es ist ein Inseldasein für das deutsche Rotwild. In den besiedelten und von Straßen durchzogenen Landschaften Deutschlands hat sich der Lebensraum der majestätischen Hirsche und Rehe längst zergliedert. Rotwild-Hegegemeinschaften kümmern sich um die Tiere im jeweiligen Kerngebiet ihrer Population. Doch zwischen diesen Arealen ist das Wild weitestgehend unerwünscht. Straßen, Flüsse und Städte stehen ihren natürlichen Wanderungen zudem im Weg. Darunter leiden die Gene der Tiere, genauer gesagt: deren genetische Vielfalt.

Nachwuchs ohne Augen

„Wenn man schon solche getrennten Populationen bildet, dann muss man auch dafür sorgen, dass ein Austausch besteht“, betont Gerald Reiner, Veterinärmediziner an der Universität in Gießen. Er hat sich die Frage gestellt, welchen Einfluss diese Zergliederung der Lebensräume auf die Tiere und deren Erbmaterial hat. Denn nur Tiere mit einem gesunden Gen-Mix seien in der Lage, in den sich ständig wandelnden Bedingungen der Natur dauerhaft zu bestehen. Es ist das Prinzip der Evolution. Schon Darwin habe sich um das Rotwild gesorgt, berichtet Reiner.

Denn je weniger neue Tiere zu einer Populationen stoßen, umso wahrscheinlicher ist es, dass künftige Generationen irgendwann die selben Vorfahren haben. Als Folge dieser unfreiwilligen Inzucht geht die genetische Vielfalt mit der Zeit zurück. „In Schleswig-Holstein gibt es ein Wildgebiet, dass komplett von Autobahnen umschlossen ist. Da werden mittlerweile Tiere ohne Augen geboren“, erzählt der Wissenschaftler. Derart schockierende Beobachtungen sind in Hessen nicht zu finden. Zugute kommt den Hirschen hier, dass im hügeligen Mittelhessen dank zahlreicher Talbrücken selbst Autobahnen keine absolute Grenze darstellen.

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Gerade die Autobahn 5 ist für das Rotwild ein großes Hindernis – daher wandern kaum Tiere vom Lahn- und Dill-Bergland in den Vogelsberg. Grafik. FNP

Dennoch ist das Problem erkennbar. Zumindest für den Mediziner. Von 278 geschossenen Tieren aus den fünf mittelhessischen Gebieten erstellten Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität genetische Fingerabdrücke. Durch detaillierte Vergleiche konnten sie so erkennen, wie groß der genetische Austausch zwischen den Populationen noch ist.

Das Ergebnis fiel gemischt aus: Während der Austausch zwischen dem nördlichen und dem hohen Vogelsberg sowie zwischen dem Lahn- und dem Dill-Bergland ungestört ist, liegt der Austausch zwischen Letzteren und dem Krofdorfer Forst nur noch bei 33 Prozent. Noch prekärer stellt sich der Austausch zwischen den drei westlichen Gebieten und den beiden Gebieten im Vogelsberg dar. Einen Austausch von weniger als zehn Prozent erkannten die Forscher dort. Insbesondere die Autobahn 5 sieht Reiner hier als großes Hindernis.

Im Krofdorfer Forst kamen die Wissenschaftler zu einer weiteren traurigen Erkenntnis. Dort konnten sie die aktuellen Proben mit Daten aus den 60er bis 80er Jahren vergleichen. Das Ergebnis: Bis heute hat sich die genetische Vielfalt der Tiere um 17 Prozent verschlechtert.

Immerhin machten sie auch eine zunächst positiv erscheinende Entdeckung: Normalerweise können die Wissenschaftler aufgrund der Gene jeden Hirsch einer genauen Population zuordnen. Es gab aber ein Tier, dass gleichermaßen in jedes Gebiet passte. Doch dieser besonders starke „Standardhirsch“ birgt einen Nachteil: „Ein Tier dass genetisch zu allen passt, treibt auch mit allen irgendwie Inzucht“, fasst Reiner das Dilemma zusammen.

Studie wird ausgedehnt

Ein Handeln ist für ihn dringend erforderlich. Dank der neuen Ergebnisse der Studie können die Rotwild-Hegegemeinschaften nun Lebensraumgutachten und konkrete Verbesserungsvorschläge erarbeiten. Grünbrücken könnten beispielsweise getrennte Lebensräume wieder vereinen, auch die Möglichkeit, auf bekannten Wildwanderwegen den Abschuss zu unterlassen, müsse überlegt werden.

Generell hält Reiner nicht viel vom Jagen. Die massive Reduktion des Bestandes in den 80ern wirke sich bis heute fatal auf die genetische Vielfalt aus, betont er. „Wir wollen auch zukünftigen Generationen den Wildbestand erhalten“, ist Reiners Credo. Dabei sind nicht nur die Hirsche in seinem Blickfeld. „Wenn das Rotwild nicht durchkommt, dann gilt das für andere Arten umso mehr“, warnt er. So lässt sich von den Erkenntnissen der Studie auch auf andere Tiere schließen. Im Umkehrschluss kämen die Verbesserungsmaßnahmen auch anderen Populationen, wie dem Luchs oder der Wildkatze zugute und würden den Artenschutz in der Region grundsätzlich verbessern.

Nun soll die Studie auf ganz Hessen ausgedehnt werden. Dazu sammelt das Forschungsteam in der aktuellen Jagdsaison Proben von geschossenen Tieren aus dem ganzen Bundesland.

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