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Flüchtlinge in Deutschland: Zwei Syrer helfen bei der Integration - App für Neuankömmlinge

Was müssen Neuankömmlinge in Deutschland wissen um sich zurecht zu finden? Das wissen zwei Syrer aus eigener Erfahrung und entwickeln nun eine App um auch anderen zu helfen. Die AWO Frankfurt unterstützt sie dabei.
Wesam Alfarawti (l) und Ahmed Abdelhamed entwickeln eine Integrations-App. Foto: A. Arnold/Archiv Wesam Alfarawti (l) und Ahmed Abdelhamed entwickeln eine Integrations-App. Foto: A. Arnold/Archiv
Frankfurt/Main. 

Vokabel- und Grammatik-Training, deutsche Gesetze, Alltagsfragen und wichtige Anlaufstellen: Die Syrer Wesam Alfarawti und Ahmed Abdelhamed arbeiten an einer App für Neuankömmlinge mit diesen Inhalten. «Nicht nur für Flüchtlinge, sondern für alle Ausländer, die nach Deutschland kommen», beschreibt Alfarawti die Zielgruppe der Anwendung für Handy und Laptop. Denn: «Wenn die Menschen richtige erste Hilfe bekommen, schaffen sie es auch bald allein.»

Der 25-Jährige spricht aus eigener Erfahrung: Als er vor etwa 14 Monaten nach einer traumatischen Flucht über das Mittelmeer die Bundesrepublik erreichte, hätte er in den ersten Wochen vor allem bei Behördengängen mehr Unterstützung gebraucht. «Ich habe überhaupt nicht verstanden, was ich unterschreiben musste, und hatte Angst, es ist meine Abschiebung, oder ich muss 1000 Euro bezahlen.»

Vor solchen Situationen soll die App schützen. Die Informationen und Deutschübungen sind nicht nur auf Arabisch geplant, sondern sollen auch auf Englisch, Französisch und Türkisch verfügbar sein. «Ehrenamtliche Übersetzer haben wir schon», sagt der 21 Jahre alte Abdelhamed. Die beiden Landsmänner haben sich vor rund drei Monaten bei der AWO-Ehrenamtsagentur «Freiwillig» kennengelernt. «Wir haben uns gefragt, was können wir für andere Leute tun? Was können wir ihnen weitergeben?», berichtet Alfarawti. Schnell sei so die Idee mit der App entstanden.

Dreimal pro Woche treffen sich die beiden Neu-Frankfurter seit einigen Wochen und arbeiten dann vier, fünf Stunden an ihrem Projekt. Das erste Konzept steht, gerade versuchen sie namhafte Institutionen als Unterstützer zu gewinnen. Mindestens ein Jahr werde die Projektentwicklung dauern, schätzen sie. Technische Probleme sehen sie nicht: Mit Java kenne er sich schon seit seiner Schulzeit gut aus, sagt Abdelhamed.

«Was durch die App gelernt wird, hilft Missverständnisse zu vermeiden», sagt Christiane Sattler von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Frankfurt. Sie unterstützt das Projekt mit Fundraising: Die Hard- und Software kosten Geld. «Die Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, bringen ganz viel mit und haben sehr viel Potenzial, das umarmt und genutzt werden sollte», sagt Sattler - und ergänzt mit Blick auf die Diskussion über die Vorfälle in der Silvesternacht in Köln: «gerade jetzt».

Alfarawti engagiert sich mehrere Stunden pro Woche bei der AWO-Ehrenamtsagentur im Büro. «Wenn ich zu Hause bleibe, werde ich krank», sagt er. Auf einen Sprachkurs an der Volkshochschule habe er fast fünf Monate warten müssen und in der Zeit mit Hilfe von Internetvideos versucht, sich selbst Deutsch beizubringen. Auch dabei soll die App mit kleinen geeigneten Filmen helfen. Der 25-Jährige spricht inzwischen schon gut Deutsch, lernt aber fleißig weiter, denn er hat ein Ziel: Im September will er mit einer Ausbildung als Buchhalter anfangen. Damit hatte er bereits in Damaskus begonnen.

Wo kann ich kostenlos Deutsch-Unterricht bekommen? Wo kann man studieren, wo Sport machen? Wie schreibt man Texte und Briefe? Wie ist die deutsche Kultur? Wie sind die Rechtsgrundlagen? - Auch solche Fragen soll die App beantworten. Ganz wichtig seien Tipps zum Umgang mit Medizinern, sagt Alfarawti. «In Syrien geht man einfach zum Arzt, hier muss ich wissen, wie ich einen Termin ausmache, und wie ich zeigen kann, wo es weh tut.»

«Am Anfang war es total schwer», beschreibt Abdelhamed seine erste Zeit in Deutschland. Nicht nur wegen der fremden Kultur, sondern vor allem wegen der Sprachschwierigkeiten. «Wenn man nicht richtig miteinander kommunizieren kann, wird man schüchtern und fühlt sich einsam.» Der 21-Jährige kam vor rund drei Jahren mit dem Flugzeug nach Deutschland und studiert inzwischen in Marburg Orientwissenschaften. Auch deshalb lernt er intensiv Deutsch: «Minimum fünf Stunden am Tag allein zu Hause, weil die Kurse so teuer sind.»

Inzwischen hat Abdelhamed seine eigene kleine Wohnung; er konnte sein WG-Zimmer mit der Wohnung einer Bekannten tauschen, die nicht mehr allein wohnen wollte. «Jetzt ist alles super», sagt der Student strahlend. Der einzige Landsmann, zu dem er Kontakt habe, ist sein Mitstreiter beim App-Projekt. Alfarawti gelang es, mit viel Eigeninitiative, Engagement und seinen Kontakten zur AWO auch, eine kleine Wohnung zu finden.

Er fühlt sich inzwischen ebenfalls wohl in Deutschland: «Ich finde die deutsche Kultur sehr interessant» - vom Essen bis zum öffentlichen Nahverkehr: «U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse sind gut und pünktlich.» Vor allem aber: «Die Menschen vertrauen sich», sagt der 25-Jährige aus Damaskus. «Ich habe erst gedacht, Frankfurt ist ganz groß», erinnert er sich an seine ersten Monate in der Hessenmetropole. «Jetzt finde ich es ganz klein, weil ich so viele Freunde habe.»

(dpa)
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