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„Ein sehr sorgfältiger Jurist“

Frank-Walter Steinmeier kommt für eine Stippvisite an die Universität Gießen. Er studierte hier Jura und Politik – und fiel Weggefährten schon früh als „politischer Kopf“ auf.
Doktorarbeit von Frank-Walter Steinmeier Bilder > Foto: Boris Roessler (dpa) Eine gebundene Ausgabe der Doktorarbeit von Steinmeier. Die Arbeit mit dem Titel „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum; Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ hatte er 1991 an der Uni Gießen eingereicht.
Gießen. 

Beim Antrittsbesuch des Bundespräsidenten in Hessen darf eine Station nicht fehlen: die Universität Gießen. Hier studierte Frank-Walter Steinmeier Jura und Politik, hier ergaben sich berufliche und persönliche Weichenstellungen. Bei seinem Besuch am heutigen Montag wird das Staatsoberhaupt auf aktuelle Jurastudenten treffen und mit ihnen unter anderem über die Fundamente und die Zukunft der Demokratie sprechen. Das Thema hatte es Steinmeier (61) auch schon zu seiner Zeit an der mittelhessischen Uni angetan.

„Steinmeier ist aufgefallen, weil er erstens deutlich machte, dass er ein politischer Kopf ist“, berichtet einer seiner Weggefährten von damals, Michael Breitbach (69). „Er hat juristische Themen immer in gesellschaftspolitischen Kontexten gesehen.“ Zweitens sei aufgefallen, „dass er ein ungemein sorgfältiger junger Jurist war, der sehr präzise gearbeitet hat.“ Breitbach, ebenfalls Jurist, lernte Steinmeier nach eigenen Angaben über die gemeinsame Arbeit für die Fachzeitschrift „Demokratie und Recht“ kennen, deren Herausgeber ihr beider Doktorvater Professor Helmut Ridder war.

Es fällt auf, dass Steinmeier längst nicht der einzige Absolvent der Gießener Uni ist, der es in Spitzenpositionen der Landes- oder Bundespolitik geschafft hat. Unter anderem studierten hier CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier (Jura), der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel (Agrar- und Politikwissenschaft) sowie die SPD-Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (Jura).

Ein regionaler Zufall

Eine besondere politische Gemengelage an der mittelhessischen Hochschule sieht Breitbach nicht als Grund dafür: Man könne nicht sagen, dass Gießen ein „Magnet für den politischen Nachwuchs“ gewesen sei. „Es ist, wenn Sie so wollen, ein regionaler Zufall.“ Allerdings habe Ridder durchaus bestimmte Studenten-Typen angezogen. „Er war eine herausragende Figur in der deutschen Verfassungsrechtswissenschaft.“

Helmut Ridder (1919-2007) hatte sich unter anderem einen Namen gemacht mit kritischen Veröffentlichungen zu herrschenden Rechtsmeinungen; er publizierte zur Demokratietheorie oder den Grundrechten. „Ridder war ein Magnet, aber nur für sehr aufmerksame und politisch neugierige Studenten“, erzählt Breitbach.

Dass die Uni Gießen Steinmeiers Alma Mater ist, wurde bundesweit spätestens 2013 bekannt. Plagiatsvorwürfe kamen gegen den damaligen SPD-Fraktionschef auf, er solle bei seiner Dissertation geschummelt haben. Doch der Politiker kann seinen Doktortitel behalten: Die Uni entdeckte bei einer Überprüfung zwar handwerkliche Schwächen, aber weder ein wissenschaftliches Fehlverhalten noch eine Täuschungsabsicht. Später, als Außenminister, dankte Steinmeier der Hochschule, dass sie trotz großen öffentlichen Drucks „mit Selbstbewusstsein“ seine Dissertation unter die Lupe genommen habe.

Der Sozialdemokrat, der im Jahr 1976 sein Studium in Gießen begann, promovierte 1991 über „Bürger ohne Obdach: zwischen Pflicht zur Unterkunft und Recht auf Wohnraum. Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“. In Gießen lernte er auch seine Frau Elke Büdenbender kennen, die ebenfalls dort Jura studierte. Und er traf auf Zypries. Sie sollte ihm später einen Job in Niedersachsens Staatskanzlei schmackhaft machen – Startpunkt der großen politischen Karriere.

Die Wissenschaft wäre wohl auch ein denkbarer Weg gewesen: „Damals hätte ich ihm eine Wissenschaftskarriere zugetraut, er hatte das Zeug dazu, auch die Neugier“, erinnert sich Michael Breitbach. Aber Karrierefragen hätten sie zu dieser Zeit gar nicht interessiert. „Es war nicht unser Thema: Wie kommen wir weiter und wo scheffeln wir Geld? Unser Interesse galt den Diskussionen am Fachbereich von Herrn Ridder. Es ging um die Faszination an der Wissenschaft, um das lebendige Diskussionsklima. Darum haben uns andere Juristen beneidet.“

Ein anderer Weggefährte Steinmeiers, der Sozialrichter Cornelius Pawlita, beschreibt die Stimmung unter den Jura-Studenten ähnlich: „Interessiert waren wir alle politisch. Aber es ging nicht um eine bestimmte Karriereausbildung. Dass man jetzt möglichst schnell etwas erreicht. Wir wollten die Welt verstehen, politisch und juristisch. Es war eine sehr fruchtbare Zeit.“

Steinmeier und Pawlita (61) waren zunächst Kommilitonen und dann Kollegen am Fachbereich Rechtswissenschaft. Noch heute kennen sie sich, wie Pawlita erzählt. Über Steinmeier sagt er: „Er lässt Sie nicht spüren, welche Bedeutung er hat, das finde ich wirklich ein Phänomen.“ Und: „Wenn man jemanden so lange kennt, dann ist er ein Stück weit einfach noch der alte Freund, nicht der Außenminister oder der Bundespräsident.“

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