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Vereinte Nationen: Der Kampf gegen die Armut

Wer Hunger leidet, der ist anfällig für Krankheiten. An Hunger sterben pro Jahr mehr Menschen als zusammengenommen an der Immunschwächekrankheit Aids, an Malaria und an Tuberkulose. Das belegen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation. Vor allem Kinder sind gefährdet.
Der Entwicklungshelfer Marwin Meier auf einer Reise durch Sierra Leone im Jahr 2010. Der Entwicklungshelfer Marwin Meier auf einer Reise durch Sierra Leone im Jahr 2010.
Frankfurt. 

Die Vereinten Nationen (UN) haben in den vergangenen 15 Jahren den Kampf gegen Armut und Hunger forciert, sie haben die sogenannten Millenniumsziele formuliert – und können Erfolge vorweisen. „Im Großen und Ganzen sind uns im Vergleich zum Jahr 2000 Sachen gelungen, die niemand für möglich gehalten hätte“, sagt Marwin Meier, der für die Hilfsorganisation World Vision Deutschland arbeitet. Aber, so fügt er hinzu, es gebe noch viel zu tun.

Meier arbeitet seit 2001 für World Vision. Der 50-Jährige hat Krankenpfleger gelernt und studierte dann in Großbritannien Anglistik und Religionswissenschaft. Seinen Master absolvierte er im Fach Öffentliches Gesundheitswesen. Auf seiner Visitenkarte steht die Bezeichnung „Themenmanager Gesundheit und Anwaltschaftsarbeit“. Das heißt, er schaut den Regierenden in Berlin auf die Finger und passt auf, ob den Ankündigungen in der Entwicklungshilfe auch Taten folgen.

„Wir fordern zum Beispiel von der Bundesregierung, endlich 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens für Entwicklungshilfe auszugeben. Schließlich hat sich die Bundesrepublik dazu in einer UN-Resolution verpflichtet.“ Meier fügt hinzu: „Von jedem Euro aus Deutschland wären das noch nicht einmal ein Cent für Entwicklungszusammenarbeit.“ Bislang liegt der deutsche Wert bei etwa 0,4 Prozent.

Mitstreiter sind wichtig

Den meisten Druck erzeugt man nach Auffassung Meiers, wenn man sich „im Rudel“ für etwas einsetzt. World Vision ist Mitglied bei VENRO, dem Dachverband der entwicklungspolitischen und humanitären Nichtregierungsorganisationen in Deutschland. „Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ich als Mitarbeiter von World Vision dem Minister einen Brief schreibe, oder ein Verband mit 120 Organisationen.“ VENRO erreichte im vergangenen Jahr, dass Deutschland den Beitrag für die Weltimpfallianz um das Vierfache auf 120 Millionen Euro pro Jahr aufstockte. „Das war ein Riesenerfolg“, sagt Meier. „Mit dem Geld können wir mit den Impfungen bis 2020 den Tod von fünf bis sechs Millionen Kindern verhindern.“

Etwa sechs Millionen Kinder sterben pro Jahr weltweit, bevor sie den fünften Geburtstag feiern können. Die Gründe dafür sind häufig vermeidbare Krankheiten wie Durchfall, Malaria oder Lungenentzündung. Im Jahr 2000 hatte es noch 12,6 Millionen Todesfälle gegeben.

Damals formulierten UN-Experten die sogenannten Millenniumsziele. Diese wurden von der Weltgemeinschaft angenommen. Die Pläne waren ehrgeizig. Die Zahl der Menschen weltweit, die weniger als einen Dollar pro Tag zum Leben hatten, sollte bis ins Jahr 2015 halbiert werden. Das gelang – außer in Afrika. Die Sterberate von unter Fünfjährigen sollte um zwei Drittel gesenkt werden. Das gelang nicht, aber immerhin lag die erreichte Rate bei fast 50 Prozent.

Einen ähnlichen Wert erreichten die Staaten dieser Erde auch bei der Bekämpfung schwerer Krankheiten. Erfolge gab es zum Beispiel bei der HIV-Therapie. Gesundheitsexperte Meier sagt: „In Dritte-Welt-Ländern erhalten mittlerweile mehr als die Hälfte der Erkrankten eine Therapie. Im Jahr 2000 hätte das niemand gedacht.“

Was der reine Blick auf die Statistik nicht zeigt, sind wichtige Entwicklungen. „Die Halbierung der Armut wurde vor allem durch den wirtschaftlichen Aufschwung Chinas erreicht“, erläutert Meier. „Millionen Menschen entkamen dort der Armut, und das drückte den Durchschnitt nach oben.“ Für die Zukunft wird das nicht mehr so sein, da ist sich der Experte sicher. Und noch immer gibt es in den Ländern Afrikas südlich der Sahara große Not.

Die Bilanz ist also gemischt. Die Millenniumsziele sind im vergangenen Jahr abgelöst worden von noch ambitionierteren Plänen, der Agenda 2030, die für alle Länder der Erde gilt. Die Agenda 2030 ist eine verbesserte Version der vorherigen Ziele, und es wird versucht, mit 17 Hauptzielen und 169 Unterzielen Versäumnisse nachzuholen. Armut auf der ganzen Welt soll zum Beispiel ganz eliminiert werden. Auch die Gleichstellung von Frau und Mann soll überall realisiert sein und auch nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen. Die globale Partnerschaft wird als Punkt 17 stärker betont als noch in den Millenniumszielen.

„Wie wird die internationale Staatenwelt die Ziele umsetzen?“, fragt Meier. Es soll unter anderem ein neuer Umweltfonds für die Nachhaltigkeitsziele errichtet werden, in den von 2020 an jährlich 100 Milliarden Dollar einfließen sollen. Wie solch eine gewaltige Summe aufgebracht werden soll, ist aber unklar.

Vorschläge für Afrika

In Afrika ist die Armut auf der Welt am größten. Was ist nötig, um die Situation dort zu verändern? Meier analysiert: „Es gibt immer noch die Abhängigkeitsstrukturen aus der Kolonialzeit.“ Er plädiert dafür, dass die Industriestaaten ihre Subventionen für heimische Produkte abbauen. Diese kämen nämlich zum Schleuderpreis auf den afrikanischen Markt und machten dort die lokalen Anbieter kaputt. „Lebensmittel sind ein Beispiel, Textilien ein anderes.“ Weil heimische Anbieter in vielen Ländern der Dritten Welt nicht mit den günstigen Preisen mithalten könnten, gingen den Staaten Steuereinnahmen verloren, mit denen sie selbst ihr Gesundheits- oder das Bildungssystem verbessern könnten.

Meier sagt außerdem: „Wir müssen in ganz anderen Zeitstrahlen denken. Da ist immer das Problem mit der Finanzierung: Die Hilfsorganisationen bekommen maximal zwischen drei bis fünf Jahre öffentliche Gelder. Dabei reichen selbst unsere Projekte, die 15 Jahre dauern, eigentlich nicht aus.“

Meier ist sich sicher. Die Bekämpfung der Armut ist kein Problem der Ressourcen. „Kinderkrankheiten können wir für 50 Cent behandeln, wenn wir wollen. Es liegt am politischen Willen in den Industriestaaten.“

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