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PJZ-Studentin Linda in Taiwan: Die Fremde auf Taipeis Straßen

Linda Vorbau (22) verbringt ihre Semesterferien in der taiwanesischen Hauptstadt Taipei. Für das Projekt Junge Zeitung berichtet sie aus der Ferne - und gibt so einen Einblick in die fremde Kultur.
Studentin Linda Vorbai (22) schreibt für die Junge Zeitung aus Taiwan. Foto: Privat Studentin Linda Vorbai (22) schreibt für die Junge Zeitung aus Taiwan. Foto: Privat
Taipei.  Guten Morgen, Taipei! Es ist 8 Uhr, ich verlasse das Haus.? "Haaallooooo, where are you from?", schallt es da von der Straßenecke.? Zwei Opas sitzen auf einer Bank. Ich werfe ihnen einen Blick zu, antworte gereizt: "Taiwan." Und gehe zügig weiter.

?Die Hitze ist drückend, 30 Grad sind es bereits und die Luftfeuchtigkeit setzt mir zu. Ab ins Café an der Ecke, ich brauche Kaffee – geeisten, schwarzen Kaffee. Als ich zahle, geschieht es wieder: "Thirty five! Thank you!" ?Meine Lippen öffnen sich bereits, ich möchte den Verkäufer anfahren, verkneife es mir, lächele, bedanke und verabschiede mich auf Chinesisch.

So viel meiner Lebenszeit habe ich bereits in Taipei verbracht, kenne die Kultur, die Sprache, die Viertel. Und doch wird mir jeden Tag aufs Neue unter die Nase gerieben, dass ich anders, eine Exotin bin. ?Es geschieht mir oft, dass Kellner in Restaurants mir die englische Karte vor die Nase knallen oder Verkäufer in Geschäften mich ignorieren und einen englischsprachigen Kollegen rufen, der mich abfertigen soll, ohne mir die Chance zu geben zu erklären, dass das nicht nötig sei.

Ab und an schießen Passanten Bilder, auf denen ich „zufällig“ mit drauf bin, andere fragen: "Hi, can I take a picture with you?" ?Ich denke dann immer: "NEIN, ich bin doch kein Zootier!" Sage aber lächelnd: "Sure!" - "?Oh thank you, you are so sweet and beautiful!" – Nein, ich bin einfach nur anders-aussehend, denke ich und bleibe freundlich, denn Taiwaner meinen es ausnahmslos gut. Es ist als Zeichen ihrer Gastfreundschaft zu verstehen, sie können schließlich nicht ahnen, dass ich ihrer Kultur nicht so fremd bin, wie es äußerlich scheint.

Ein klarer Kulturunterschied. Ich habe den Eindruck, dass in Deutschland jeglicher Unterschied zwischen ethnischen Gruppen ungern angesprochen wird, da dies schnell mit Rassismus assoziiert wird.? Diese Berührungsangst hat man hier historisch bedingt nicht. Es ist kein Problem, einen Ausländer als diesen auch lautstark zu bezeichnen.?

Taiwanesen begrüßen Ausländer, ich habe mich hier noch nie auf Grund meiner Herkunft unerwünscht gefühlt. Durch die Bank weg sind alle äußerst hilfsbereit und haben ein großes Interesse zu erfahren, wie das Leben in Deutschland sei. Die schmächtigsten Mädchen betonen, wie gern sie Schweinshaxe essen und Bier trinken würden.? Deutschland genießt einen sehr guten Ruf in Taiwan – so gibt es hier neben vielen authentisch-deutschen Produkten auch zahlreiche, die einen Deutschlandbezug herstellen, um ihn zu Marketingzwecken zu verwenden.? Es ist zum Trend geworden, Deutsch zu lernen und der deutsche Biergarten ist nicht nur zum Taipeier Oktoberfest gut besucht.

Dass fremde Taiwanesen mit einem auf der Straße Fotos schießen möchten, ist im Vergleich zu meinem Aufenthalt vor vier Jahren zum seltenen Extremfall geworden, denn mittlerweile hat man sich an die Gäste gewöhnt und bevorzugt ein angeregtes Gespräch über die kulturellen Unterschiede, denn immer mehr Menschen aus der westlichen Welt zieht es nach Taiwan, ob studien- oder arbeitsbedingt. Dass viele von ihnen, obwohl sie körperlich anwesend sind, nie geistig in der asiatischen Kultur ankommen, empfinde ich als sehr schade.?

Meist besteht ihr Umfeld aus eigenen Landsleuten, sowie anderen international-tätigen Kommilitonen und Kollegen. Gesprochen wird in der Muttersprache oder auf Englisch – Chinesisch-Sprachkenntnisse erwerben die wenigsten. Zum Essen geht es in westliche Restaurants und Fastfoodketten. Trotzdem wird betont, eine exotische Kultur – etwas ganz anderes - kennengelernt zu haben. Es macht sich gut im Lebenslauf, doch die taiwanische Kultur bleibt den meisten verborgen.

Meine festangestellten Kollegen in der Deutschredaktion arbeiten allesamt schon viele Jahre in Taiwan. Ihr Beispiel bringt mich dazu, darüber nachzudenken, ob auch ich mir vorstellen könnte, hier über einen langen Zeitraum zu leben. Und ich muss sagen, dass zumindest meine momentane ehrliche Antwort ein klares Nein wäre.? Trotz großer Sympathie gegenüber Land und Leuten und meinem Interesse an deren Kultur, fühle ich mich hier nicht zuhause.

Sei es noch so nett gemeint, zu sehr wird jeden Tag in meinem Umfeld betont, dass ich fremd bin.

Hier, bei Radio Taiwan International in Taipei, macht PJZ-Studentin Linda Vorbau (22) ein Praktikum. Foto: Privat
PJZ-Studentin Linda in Taiwan "Ei Gude" trifft "Ni Hao"

Linda Vorbau (22) verbringt ihre Semesterferien in der taiwanischen Hauptstadt Taipei. Für das Projekt Junge Zeitung berichtet sie aus der Ferne - und gibt so einen Einblick in die fremde Kultur.

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...doch auch "westliches Früstück" ist vielerorts zu bekommen. Fotos: Linda Vorbau
PJZ-Studentin Linda in Taiwan Reis zum Frühstück

Linda Vorbau (22) verbringt ihre Semesterferien in der taiwanesischen Hauptstadt Taipei. Für das Projekt Junge Zeitung berichtet sie aus der Ferne - und gibt so einen Einblick in die fremde Kultur.

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