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Wie Politiker dem Trend folgen: Die Lust am Selfie

Du machst es. Ich mach es. Angela Merkel macht es. Das Selfie* (Begriffe mit Sternchen siehe „Lexikon der Social Media“) scheint zum Volkssport geworden zu sein.
Der Fotograf Silas Koch – natürlich auf einem Selfie. Bilder > Der Fotograf Silas Koch – natürlich auf einem Selfie.
Frankfurt. 

Googelt man die Begriffe „Selfie Angela Merkel“ findet man etwa 553 000 Suchergebnisse und unzählige Bilder der Kanzlerin mit Fans, Flüchtlingen und Stars. Auch andere deutsche Spitzenpolitiker wie FDP-Chef Christian Lindner oder SPD-Familienministerin Manuela Schwesig geben sich im Internet so offen wie nie. Welche Selbstportraits dabei inszeniert und welche wirkliche Schnappschüsse sind, lässt sich nicht immer feststellen. Feststeht, dass das Gefühl, live dabei sein zu können und an dem (Privat-)Leben eines populären Fremden teilhaben zu können, die Follower* anreizt.

„Sie finden heute von Politikern nicht mehr nur die Bilder vom Joggen im Internet, sondern teilweise auch schon den Pulsschlag“, sagte vor kurzem Georg Schütte, Staatssekretär im Bildungsministerium. „Das Private wird Teil einer öffentlichen Inszenierung. Wer wird künftig aktiv sein in der Politik? Die, denen es gelingt, an dieser delikaten Grenze von öffentlich und privat aktiv zu werden.“

Modern, volksnah, authentisch – das sind unsere Erwartungen an die Politiker von heute. Und das Selfie bietet ihnen die Möglichkeit diese Erwartungen zu befriedigen. Sabine Wirth weiß, warum die Selbstportraits so gut ankommen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philipps Universität Marburg und hat das Seminar „Selfies“ angeboten. Wirth sagt: „Es geht vordergründig nicht darum, sich mit diesem Foto an einen bestimmten Moment zu erinnern, vielmehr dient dieses Foto zur Kommunikation.“ Ganz nach dem Motto „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, werden Fotos auf Social-Media-Kanälen wie Facebook, Twitter, Instagram und Co. zur Selbstinszenierung eingesetzt, von den Stars – und auch immer öfter von Politikern.

Eine Art Paparazzi-Bild

Die Wissenschaftlerin fügt hinzu: „Diese Menschen sind Personen des öffentlichen Interesses. Das Selfie ist für sie eine Art Paparazzi-Bild, nur bietet sich hier die Möglichkeit, selbst zu entscheiden wann und in welcher Situation sie fotografiert werden bzw. sich selbst fotografieren. Es ist kein offizielles Bild, vermittelt so persönlichen Charakter und knüpft an Alltagsästhetik an.“

Warum Sabine Wirth aus diesem digitalen Trend sogar ein Seminarthema an der Uni gemacht hat, erklärt sie so: „Die Faszination des eigenen Bildes ist eine anthropologische Grundkonstanz, die gar nicht so neu ist, wie das Selfie es suggeriert. Trotzdem ist es ein polarisierendes und emotional aufgeladenes Thema, welches die Studierenden interessiert. Betrachtet man die zunehmende Vergänglichkeit des Bildes, stellt sich außerdem die Frage nach der Entwicklung der Fotografie.“

Ein Experte in Sachen digitaler Entwicklung ist Silas Koch, selbständiger Fotograf aus dem Lahn-Dill-Kreis. Er fotografierte und filmte noch analog, bis es Ende der 90er Jahre zum Wechsel kam und er eine weitere Ausbildung als Mediengestalter absolvierte. Heute arbeitet er unter anderem für Samsung und das ZDF. Er sagt: „Auch als Fotograf werde ich mit Selfies konfrontiert. Wenn ich zum Beispiel einen Job erledigt habe, kommt es oft vor, dass ich mit meinen Partnern noch mal ein Selfie schieße. Im Grunde ist das Foto von sich selbst nichts Außergewöhnliches, erst die neue Technik und die neue Funktion machen es zu etwas ,Neuem’.“

Dass auch Politiker auf den Zug aufspringen, findet Silas Koch nicht schlecht, denn so bekäme man einen anderen Bezug zu der Person. Aus Sicht des Fotografen ist die entscheidende Herausforderung die, sich mit seinen Aufnahmen aus der mittlerweile schier unerträglichen Bilderflut abzugrenzen und herauszustechen. Und das gelinge durch Emotionen.

Selfies – eine Gefahr

Der Fotograf erläutert: „Es gibt heute eine Inflation von Bildern. Alles wird fotografiert, alles wird geteilt. Bilder tauchen auf und verschwinden genauso schnell wieder. Nur wenige berühren Menschen wirklich. Ich bin ein emotionaler Mensch. Und ich finde, Bilder brauchen eine Geschichte und die sollte so gut erzählt werden wie möglich.“

Abgesehen von der Möglichkeit der Selbstinszenierung, sei sie nun authentisch oder nicht, bergen Selfies oder vielmehr Selfiesticks* jedoch auch Gefahren.

Immer öfter hört man vom „Tod durch Selfies“. So stürzte sich beispielsweise im August 2014 ein polnisches Paar an der westlichen Küste Lissabons in die Klippen, als es ein außergewöhnliches Bild machen wollte. Auch einige Autounfälle sind auf Unachtsamkeit durch Fotografieren während der Fahrt zurückzuführen. Das führte letztlich dazu, dass an besonders gefährlichen Stellen wie Berggipfeln und Felsvorsprüngen „Selfie-verboten-Schilder“ angebracht wurden. Im Europapark in Rust darf man seit letztem Jahr aus Sicherheitsgründen keinen Selfiestick mehr bei sich führen.

Auch die EU diskutierte bereits über ein mögliches Verbot von Selfies, da die Sorge bestehe, das Urheberrecht könne verletzt werden. In einigen Museen wie dem Albertina in Wien und an historischen Plätzen wie beispielsweise dem Kolosseum in Rom ist ein solches Verbot bereits in Kraft gesetzt worden.

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