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Werte vermitteln: Erzieherinnen müssen immer Vorbild sein

Wo wenn nicht im Kindergarten werden Werte vermittelt. Die Erzieherinnen in der katholischen Kindertagesstätte St. Bonifatius erklären, wie es funktionieren kann, und verraten, dass sie sich auch selbst manchmal am Riemen reißen müssen . . .
Steinbach. 

Auf dem Boden liegt Lava, natürlich keine echte. Aber für die Kinder ist klar, dass sie da bloß nicht drauftreten dürfen. Vorsicht ist also geboten auf dem im Turnraum aufgebauten Balancier- und Kletter-Parcours. Wer die Lava berührt, hat sich verbrannt, muss den Parcours verlassen und sich hinter den anderen wieder anstellen. Nach ein paar Runden fragt Erzieherin Ursula Tumm: „Was möchtet ihr an dem Parcours verändert haben?“ Ein Mädchen meldet sich, sie hat eine Idee.

„Demokratie ist uns ganz wichtig“, nennt Tumm einen Grundsatz, der in der katholischen Kindertagesstätte St. Bonifatius gilt. Die Kinder dürften möglichst viel mitentscheiden, und es werde versucht, auf ihre Anregungen und Wünsche einzugehen. Das ist natürlich nicht immer und bei allem möglich. Schließlich sind bis zu 25 Kinder in einer Gruppe, insgesamt besuchen derzeit rund 90 Kinder die vierzügige Einrichtung mit einem geschlossenen Konzept, darunter drei Förderkinder.

Doch auch wenn der Demokratie natürliche Grenzen gesetzt sind, betont Tumms Kollegin Maria Busold: „Wir nehmen die Kinder in allem ernst.“ In ihren Wünschen und Ideen und in ihren Gefühlen. „Kinder wollen genauso ernst genommen werden wie wir Erwachsenen“, ist sich Busold sicher.

Wie fühlt sich der andere?

Dahinter stehe der Grundsatz, dass Kinder kompetent und lernwillig sind – von Anfang an, sagt die Leiterin der Kita, Barbara Albrecht. Daher versuche sie mit ihrem Team – inklusive einer Praktikantin im Anerkennungsjahr und der Absolventin eines Freiwilligen Sozialen Jahres zählt es 13 Frauen – den Kindern keinen Weg vorzugeben, sondern diesen mit ihnen zu erarbeiten. Zum Beispiel bei Streit: „Wir fragen dann, wie der Konflikt entstanden ist“, sagt Busold. Wichtig sei es auch, den Kindern immer widerzuspiegeln, wie sich der andere fühlt, warum er sich so verhalten habe und wie man es für sich selbst gerne hätte. Die Kinder sollen eigene Bedürfnisse kennenlernen und auch lernen, sich in andere hineinzuversetzen. Die Bedürfnisse seien natürlich sehr unterschiedlich, erläutert Albrecht, schon allein vom Alter her – die Gruppen sind altersgemischt. Aber auch bedingt durch ganz verschiedene Lebensumstände. „Manche Kinder haben fast kein Spielzeug zu Hause, kennen keine Bilderbücher oder Knete, sondern nur noch das Tablet“, berichtet Albrecht.

Die Aufgabe des Kindergartens sei es, den Kindern den Zugang zu unbekannten Dingen zu öffnen. „So genießen es viele Kinder, vorgelesen zu bekommen. Darüber kommt man über vieles ins Gespräch“, sagt Busold. Das Kirchenjahr mit seinen vielen Festen und besonderen Tagen präge auch den Jahreslauf in der Einrichtung. „Daraus können aber auch Kinder anderer Religionen viel mitnehmen. Zum Beispiel das Teilen ist auch für Muslime ganz wichtig“, sagt Albrecht. „Das Christliche hat für uns einen großen Stellenwert, was aber nicht heißt, dass wir uns ständig mit Geschichten aus der Bibel beschäftigen. Vielmehr orientiert sich unsere ganze Arbeit an einer christlichen Grundeinstellung, am christlichen Menschenbild.“

Sich in die Augen sehen

„Wir müssen Werte vorleben“, legt Busold dar. Dabei gehe es um ganz einfache Dinge, wie Bitte und Danke zu sagen, abzuwarten, bis der andere ausgeredet hat, sich im Gespräch in die Augen zu sehen. Diese vermeintlichen Kleinigkeiten zeigten gegenseitige Wertschätzung. „Man geht dann ganz anders miteinander um“, ist Busold überzeugt. Und Wertschätzung sei die Basis für die Entwicklung von Selbstbewusstsein.

Dass Vorbild sein in jeder Hinsicht für die Erziehung zentral, aber nicht immer leicht ist, gestehen Albrecht und Busold unumwunden ein. Ein Beispiel: Die Kinder sollen den Vormittag über keinen Zucker essen. „In der Küche hatten wir früher immer Schokolade für uns stehen“, erzählt Albrecht und schmunzelt. Nun nicht mehr, denn wenn man mit den Kindern auf einen zuckerfreien Vormittag hinarbeite, könnten die Erzieherinnen selbst nicht die Schokolade dastehen haben. „Man muss im Umgang mit Kindern authentisch sein“, sagt Albrecht. Wenn man beispielsweise selbst mal laut werde, weil einen etwas aufrege, sei das okay. „Man muss dem Kind dann sein eigenes Verhalten erklären, ihm sagen, worüber man sich geärgert habe.“ Wichtig sei, dass die Kinder das Verhalten verstehen.

„Entscheidend ist auch Konsequenz und eine gute Absprache der Erzieherinnen untereinander“, sagt Albrecht. Wenn ein Kind gegen Regeln verstoße, müsse es Folgen spüren. Andernfalls lerne es nichts aus seinem Verhalten. Wichtig ist Albrecht und Busold auch, dass die Kinder lernen, selbstständig zu handeln und sich selbstständig Hilfe zu holen, wenn sie ein Problem haben. Das stärke ihr Selbstvertrauen.

Zwar wollen Busold und Albrecht keine Erziehungstipps geben. Doch drei Punkte halten sie für entscheidend: Vorbild sein, Interesse für Mitmenschen und die Gesellschaft insgesamt vermitteln und Kinder ernst nehmen und ihnen aufrichtig begegnen.

Dass die Kinder ernst genommen werden, zeigt sich auch beim Lava-Spiel: Die Idee des Mädchens für den Umbau des Parcours wird sogleich umgesetzt, und zwar von Erzieherinnen und Kindern gemeinsam. In vielerlei Hinsicht werden den Mädchen und Jungen in der katholischen Einrichtung schon im jungen Alter Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Ehrlichkeit, Teamgeist und viele weitere Werte vermittelt, die ihre Zukunft beeinflussen werden.

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