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Autorin Susanne Lang: Freundschaftsexpertin über Wärme, Geborgenheit, Spaß

Heute sind Freundschaften oberflächlicher als früher, Männer reden nicht miteinander, und Freunde können die Familie ersetzen – mit solchen Klischees befasst sich die Freundschaftsexpertin Susanne Lang. Im Gespräch erklärt sie, was davon ihrer Ansicht nach stimmt – und was nicht.
Susanne Lang Foto: Picasa Susanne Lang
Frankfurt. 

Männer gucken nur zusammen Fußball, Frauen telefonieren stundenlang miteinander – stimmen diese Klischees? „Die Freundschaften unter Männern und Frauen unterscheiden sich im Kern nicht so sehr“, meint die Journalistin und Autorin Susanne Lang. Die 39-Jährige hat das Buch „Ziemlich feste Freunde“ über die Kulturgeschichte der Freundschaft geschrieben.

„Sowohl Männer als auch Frauen suchen nach Unterstützung und Nähe“, betont Lang, als wir mit ihr über ihr Buch sprechen. „Es gibt nur unterschiedliche Formen, die Freundschaften zu pflegen. Frauen tauschen sich mehr über Gefühle aus. Männer unternehmen eher etwas zusammen und reden dann am Rande miteinander.“ Also ist an diesem Klischee vielleicht doch ein bisschen etwas dran.

Alte Rollenbilder prägen nämlich immer noch das Denken. Susanne Lang spricht bei Frauenfreundschaften vom „Geht-mir-genauso-Mantra“: Wenn Frauen sich weniger zutrauen, suchten sie bei der Freundin Selbstbestätigung. „Sie wollen sich austauschen mit jemandem, der sie versteht, aber nicht besser ist als sie selbst“, erklärt die Autorin. „Solche Freundschaften gehen dann auch kaputt, wenn die eine ein Kind bekommt, Karriere macht oder einen Partner findet, die andere aber nicht.“

Frauen hätten auch eher die Idealvorstellung, dass die Freundin eine Person ist, bei der sie alles finden – und dass die Freundschaft für immer hält. „Das ist schon eine Romantisierung. Junge Mädchen inszenieren das ja auch mit der ,Best Friend Forever’.“ Das entspreche nicht immer der Realität, in der Menschen nicht ideal seien.

Und hat man durch das Internet heute mehr Freunde als früher? Das kann die Autorin nicht bestätigen. „Laut Studien haben die Menschen meistens drei bis vier enge Freunde. Was sich verändert hat, ist die Zahl von loseren Beziehungen.“ Die Möglichkeit, über Entfernungen oder zu Freunden von früher Kontakt zu halten, vergrößere deren Zahl. „Dadurch nimmt nicht automatisch die Qualität der Freundschaften ab, aber natürlich sind nicht alle gleich eng“, meint Lang.

Physische Nähe ist wichtig

Im Kern ginge es bei Freundschaften schon immer um Beziehungen, die auf Vertrauen und Ehrlichkeit beruhen. „Aber unsere Zeit ist schnelllebiger als vor 100 Jahren. Es wird von uns verlangt, dass wir flexibel und mobil sind. Das macht es schwieriger, Freundschaften auch zu leben und zu pflegen“, hat die Autorin festgestellt.

Denn physische Nähe sei sehr wichtig. „Wenn man die Mimik und Gestik von jemandem sieht, ist das anders als das, was er nur schreibt oder inszeniert“, erwähnt sie. Nähe sei auch oft eine Voraussetzung dafür, Freundschaften zu knüpfen. In einer Studie waren die Studenten, die als Erstsemester nebeneinander saßen, auch ein Jahr später noch eher und enger befreundet als andere. Dass Menschen irgendwann nur noch virtuell miteinander befreundet sind, kann sich Lang „nicht vorstellen“.

Aber können Freunde auch so wichtig werden, dass sie die Familie ersetzen? „Das vielleicht nicht, aber es gibt eine Annäherung“, ist ihre Auffassung. Wo sich Familien-Zusammenhänge auflösten, werde die Unterstützung durch Freundschaften wichtiger – wenn etwa eine alleinerziehende Mutter ein Kind aufziehe. Oder 60-Jährige zögen in eine WG. „Wir suchen immer stärker den Rat vom Freundeskreis“, ist auch ihre eigene Erfahrung.

Umgekehrt sei es aber eher problematisch, wenn Eltern zu Freunden werden. Obwohl sie es gut findet, dass Kinder respektvoller behandelt werden als früher, sei die „Rollenverteilung klar und wichtig: Die Eltern tragen die Fürsorge für die Kinder und nicht umgekehrt. Freundschaften dagegen beruhen auf Gegenseitigkeit“.

Und wie hat sich eine Expertin für Freundschaft selbst ihre Wegbegleiter ausgesucht? „Ich habe gar keine Kriterien im Kopf“, räumt sie ein, „das ist eher ein Prozess. Erst findet man sich sympathisch, mit der Zeit merkt man, ob man sich vertrauen kann. Oder man erlebt Dinge, die einen zusammenschweißen – seien es Schicksalsschläge oder intensive Lebensphasen.“

Über die Frage, wie sie ihre beste Freundin in nur drei Worten beschreiben würde, muss sie nicht lange nachdenken: „Wärme, Geborgenheit, Spaß.“ Vielleicht ist es das, was Freundschaft immer ausmacht.

Susanne Lang: Ziemlich feste Freunde. Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist. Blanvalet Verlag, München 2014, 192 Seiten, 16,99 Euro.

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