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Zufriedener werden: Glück ist Pflicht

Glück hat einen großen Wert. Für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft insgesamt. Darüber haben PJZ-Autorin Neele Bruns und Redakteurin Nadine Klein mit der Psychologin Marion Lemper-Pychlau gesprochen.
Die Psychologin Marion Lemper-Pychlau erläutert im Gespräch mit Neele Bruns, worauf Eltern in der Erziehung achten sollten. Hündin Mona hört zu. Die Psychologin Marion Lemper-Pychlau erläutert im Gespräch mit Neele Bruns, worauf Eltern in der Erziehung achten sollten. Hündin Mona hört zu.
Königstein. 

Frau Lemper-Pychlau, Sie sagen, dass Selbstmotivierung Selbstvergewaltigung ist. Der Satz hat uns sehr neugierig gemacht.

MARION LEMPER-PYCHLAU: Selbstmotivierung wird dann erforderlich, wenn wir für die Sache selbst nicht brennen. Die Sachen, zu denen wir uns motivieren müssen, sind immer die, die wir nicht von Herzen tun. Dann müssen wir einen Teil von uns unterdrücken. Die Forschung zeigt ganz klar, dass dies nicht gut ist. Nach einer Weile kommt es als Folge von zu viel Selbstmotivierung zur Ego-Erschöpfung.

Glauben Sie, dass Schüler bessere Leistungen erbringen würden, wenn sie mehr Mitsprache hätten?

LEMPER-PYCHLAU: Ja, sicher. Es gibt verschiedene Faktoren, die uns motivieren. Angst ist einer, Sehnsucht nach Belohnung ein weiterer und Sinn ein dritter. Es geht nicht ohne Sinn. Wenn ich in etwas Sinn sehe, bin ich hochmotiviert. In der Schule wird leider oft gar nicht nach dem Sinn gefragt.

Wäre es nicht gut, wenn Schüler zum Beispiel mitentscheiden dürften, ob sie heute Hausaufgaben machen oder besser an einem anderen Tag, wenn sie weniger Stress haben.

LEMPER-PYCHLAU: Das wäre zu viel verlangt. Denn was Schüler auch brauchen, ist Disziplin, die Fähigkeit zur Selbstregulation. Ich plädiere auf jeden Fall dafür, dass die Schüler in die Pflicht genommen werden. Es muss aber auch mehr Freiräume geben, eigene Interessen einzubringen.

Geld ist in unserer Gesellschaft sehr wichtig, dabei sollte doch das Streben nach Glück ganz oben stehen.

LEMPER-PYCHLAU: Glücklich wird man nicht durch das, was man hat, sondern durch das, was man ist und tut. Das Haben macht abhängig und kostet viel Energie.

Würden Sie sagen, dass Glück in den klassischen Wertekanon aufgenommen werden müsste?

LEMPER-PYCHLAU: Auf jeden Fall. Warum ist Glück Pflicht? 1. Es macht uns gesund. Wer glücklich ist, hat ein besser funktionierendes Immunsystem. 2. Wer glücklich ist, dessen Gehirn funktioniert besser. Der schafft mehr weg, ist kreativer. Auch das wirkt sich auf andere aus. 3. Wer glücklich ist, ist ein besserer Mensch und geht mit anderen besser um. Alle drei Punkte betreffen nicht nur uns selbst, sondern auch andere. Deshalb sage ich, Glück ist Pflicht.

Glück ist aus Ihrer Sicht eine Eigenleistung, die Bemühen und Verstand erfordert. Wenn ich unglücklich bin, liegt es also daran, dass ich mich zu wenig angestrengt habe?

LEMPER-PYCHLAU: Ja! Allerdings wissen viele auch gar nicht, wie Glück überhaupt funktioniert. Es gibt ein falsches Verständnis von Glück. Die Angelsachsen trennen „lucky“ und „happy“. Luck ist das Zufallsglück, das doch sehr von happiness, vom Glücklichsein, zu unterscheiden ist, zu dem ich selbst etwas tun muss.

Es gibt aber auch Dinge, etwa ein Schicksalsschlag, auf die ich keinen Einfluss habe.

LEMPER-PYCHLAU: Natürlich. Und das kann die Glücksfähigkeit stark beeinflussen. Aber dennoch hat man weiterhin die Möglichkeit, die Fäden selbst in der Hand zu halten und auch aus einer schwierigen Situation etwas zu machen.

Das halten Sie ja auch in der Arbeitswelt für möglich...

LEMPER-PYCHLAU: Ich bin Expertin für Arbeitsfreude. Ich predige nicht, mach nur das, was du möchtest. Ich predige vielmehr, finde gerade auch dort, wo du nicht glücklich bist, deine Freude. Das Glück hat immer die Qualität des Trotzdem. Es wird nie alles stimmen, und wir müssen lernen, trotz allem glücklich zu sein.

Wie gehe ich damit um, wenn meine Arbeit mich nervt?

LEMPER-PYCHLAU: Es gibt unzählige Möglichkeiten, zum Beispiel soziale Beziehungen aufbauen und pflegen – zum Kunden, zu Kollegen. Oder ein bisschen Abenteuerlust, sich mal einer Herausforderung stellen. Oder die Suche nach Spielräumen, um der Fremdbestimmtheit ein Stück weit zu entgehen.

Welchen Wert hat Arbeit?

LEMPER-PYCHLAU: Arbeit ist etwas sehr Wertvolles für die eigene Entwicklung. Arbeit hat mehr als die Freizeit das Potenzial, uns Glück zu bescheren. Bei der Arbeit lernen wir Neues. Das Gehirn liebt es, zu lernen, dann schüttet es Glückshormone aus. Durch die Arbeit können wir Sinn stiften, können einen Beitrag leisten. Das gibt uns eine Identität.

Arbeiten Sie selbst jeden Tag gerne?

LEMPER-PYCHLAU. Ja! Es ist aber auch völlig okay, wenn jemand seinen Job nur als Job macht – nine to five – wenn das bewusst läuft. Was ich nicht akzeptiere, ist, wenn sich jemand in eine Opferrolle begibt.

Sie haben sich auch intensiv mit Erziehung beschäftigt. Eine Ihrer Thesen lautet, dass Erziehung mit natürlicher Autorität jenseits von Machtkämpfen und Druckmitteln möglich ist. Wenn ein Kind aber etwa keine Hausaufgaben macht, muss ich Druck machen.

LEMPER-PYCHLAU: Das funktioniert irgendwann nicht mehr, weil Sie die Macht gar nicht mehr haben. Man muss als Erwachsener manchmal auch einfach aushalten können, dass Kinder Erwartungen nicht erfüllen, und sollte vertrauen. Wichtig ist natürlich auch, was man ihnen selbst vorlebt.

Auf welche Weise erreiche ich natürliche Autorität?

LEMPER-PYCHLAU: Ich muss jemand sein, der mit sich selbst im Reinen ist. Ich muss Vorbild und glaubwürdig sein, eine Persönlichkeit sein und Beziehungen aufbauen. Das Kind muss spüren, dass ich auf seiner Seite bin.

Spielen heute Werte noch eine Rolle in der Erziehung?

LEMPER-PYCHLAU: Die altmodischen Werte werden zu wenig vermittelt, also Mitgefühl, Verantwortung und Mut.

Können Sie Eltern drei Tipps geben, wie sie zu Glück erziehen?

LEMPER-PYCHLAU: Das Wichtigste ist, immer an seiner eigenen Persönlichkeit zu arbeiten. Dann ist es wichtig zu lernen, wie man liebt. Es gibt ja verschiedene Arten der Liebe: eros, filia und agape. Eros ist keine gute Liebe, es ist die Liebe aus der Begehrlichkeit heraus: Ich liebe dich, weil ich dich brauche. Filia ist die Freundschaft: Ich liebe dich, weil es schön ist, zu sehen, wie du dich entwickelst. Diese Art der Liebe sollten wir anstreben. Und dann ist da noch agape, die göttliche Liebe. Das schafft keiner von uns, eine Liebe völlig frei von Bedingungen. Und als Letztes würde ich den Eltern noch raten, Kindern Disziplin abzuverlangen, sie zu Persönlichkeiten zu erziehen und auf Strafen zu verzichten, denn sie sind ein Zeichen von Schwäche.

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