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"Ich musste da raus"

Der 44-jährige Musikmoderator und Autor Markus Kavka schildert in seinem ersten Roman „Rottenegg“, wie ein Großstadtmensch wieder in sein bayerisches Heimatdorf zieht. Er selbst könnte sich eine solche Rückkehr nicht vorstellen. Melanie Hamm und Daniela Schäfer wollten wissen, welche Erfahrungen er in der Heimat gemacht hat und wo er heute zu Hause ist.
Markus Kavka Markus Kavka

Wie sind Sie als Musikmoderator auf das Thema Heimat gekommen?

KAVKA: Ich habe eine – wie jeder Mensch. Ich komme aus einem bayerischen Dorf. Jetzt lebe ich in Berlin, besuche aber noch einmal im Monat meine Eltern im Dorf. Und da fragt man sich natürlich schon: Wo gehört man hin? Wo ist Heimat? Man spürt eine Zerrissenheit, wenn man diese verlassen hat. Insofern hat es sich angeboten, diese Gedanken in einen Roman zu integrieren.

Was hat Sie zu dem Titel „Rottenegg“ inspiriert?

KAVKA: Dieses Dorf gibt es tatsächlich. Eines Tages habe ich Besuch aus Amerika bekommen, und als wir am Ortsschild vorbeigefahren sind, meinte der eine zu mir: „How the fuck can you call a town like that?“ Für mich war das ganz normal, weil viele Orte in meiner Heimat auf „egg“ enden. 18 Jahre lang war mir nicht aufgefallen, dass „rotten egg“ „faules Ei“ heißt. Für den Roman habe ich den Titel gewählt, weil das Landleben gar nicht so friedfertig ist, wie es wirkt. Unter der Oberfläche schlummert viel, was nicht in Ordnung ist.

Hat Sie die Enge Ihres Heimatortes gestört?

KAVKA: Ja. Ich möchte nichts Schlechtes sagen über meine behütete Kindheit. Bis ich 12, 13 war, war alles ganz wunderbar auf dem Dorf. Aber dann kamen Anfang der 80er New Wave und Gothic auf, und ich habe nur noch schwarze Klamotten getragen, mich geschminkt und sah natürlich anders aus als die anderen. Deswegen gaben die mir als Ausdruck ländlicher Beschränktheit jedes Wochenende in der Dorfdisco ein paar auf die Fresse. Ich wusste: Ich muss da raus. Im Nachhinein denke ich aber, dass diese Erfahrungen mir das Durchsetzungsvermögen verschafft haben, das man in meinem Job braucht. Weil ich früh lernen musste, für Dinge einzustehen, die nicht massenkompatibel sind.

Sind Sie der Einzige aus Ihrer Familie, der in die Großstadt gegangen ist?

KAVKA: Ja. Niemand aus unserer kompletten Familie, da kann ich noch vier, fünf Ecken dazutun, hat jemals in einer Großstadt gelebt.

Denken Sie, dass man aus der Heimat weggehen muss, um erwachsen zu werden?

KAVKA: Das kommt darauf an. Wenn ich das Gefühl habe, dass das Dorf das Richtige für mich ist und dort eine Familie gründen will, kann ich auf dem Land ein erwachsenes Leben führen. Man könnte ja mir vorwerfen, dass ich nicht erwachsen bin, weil ich keine Kinder habe und mich noch in den Clubs in Berlin bis acht Uhr morgens rumtreibe. Ich will immer neue Musik entdecken und wissen, was los ist in der Welt. Und ich hatte das Gefühl, dass das Dorfleben diese Neugierde nicht stillen konnte. Aber das ist eben mein Lebensplan, und der andere Lebensplan ist vollkommen konträr, verdient aber auch meine höchste Anerkennung.

Wie haben Sie sich verändert, seit Sie von zu Hause weggegangen sind?

KAVKA: Es prägt einen, wenn man viele Reisen macht und viele Kulturen und neue Menschen kennenlernt. Ich empfinde das als riesengroßes Privileg meines Berufs. Ich darf so geile Sachen machen, für die würde ich sogar noch zahlen, stattdessen gibt mir jemand Geld dafür. Ich glaube, dass Reisen einen viel toleranter und weltoffener macht. Wenn ich dann wieder die Brücke zum Dorf schlage: Dass ich damals Dresche bekommen habe, lag nicht daran, dass die Leute etwas gegen mich persönlich hatten. Die waren einfach irritiert, weil sie diesen Modestil nicht kannten. Und ihre Unwissenheit hat sich in Gewalt niedergeschlagen.

Worin unterscheiden sich im Zeitalter von Internet und Multimedia noch Stadt- und Landleben?

KAVKA: Natürlich hat heute jeder Zugang zu allen Informationen. Aber ich glaube, dass die Art, wie ein Dorfleben geführt wird, sich nicht sehr verändert hat. Jeder kennt jeden, man tratscht übereinander, hilft sich aber auch gegenseitig. Wenn ich meine Eltern besuche, dann stehen dort Honig, Marmelade, alles selbst gemacht von Nachbarn. Der eine kann das, der andere wieder das – das ist ein Austausch von Waren und Gütern und Handwerksleistungen und Sympathien. Das kenne ich natürlich aus Berlin-Kreuzberg nicht.

Was ist schwieriger: Die Heimat zu verlassen oder zurückzukehren?

KAVKA: Mir ist es sehr leicht gefallen, sie zu verlassen. Aber ich hatte triftige Gründe. Wenn ich jetzt überlege, ob ich in meinem Dorf noch mal leben könnte, beantworte ich mir das immer mit Nein. Denn an dieser Grundeinstellung, dass mir das Leben im Dorf zu klein bzw. zu kleingeistig ist, hat sich nichts geändert. Viele Leute freuen sich einen Kullerkeks, wenn sie wieder nach Hause zurückkehren dürfen und nie mehr wegmüssen. Mein’s wär’s nicht.

Wie lange halten Sie es noch in Ihrem Heimatort aus?

Kavka: Meistens beschränken sich meine Besuche auf ein paar Stunden am Nachmittag. Übernachtet habe ich zuletzt zu Weihnachten dort. Aber ich bin dann auch wirklich nur im Haus meiner Eltern, ich nehme dann nicht am Dorfleben teil. Ich kenne da auch niemanden mehr. Spätestens nach einem Tag fällt mir die Decke auf den Kopf. Zwei Übernachtungen wären schwierig.

Gibt es gar keinen Umstand, unter dem sie sich eine Rückkehr vorstellen könnten?

KAVKA: Doch, aber das wäre kein erfreulicher. Wenn es meinen Eltern, die jetzt auf die 70 zugehen, sehr schlecht geht und wenn es logistisch nicht machbar ist, dass mein Bruder oder andere Verwandte sich um sie kümmern können, dann würde ich wieder zurückziehen, um sie zu pflegen.

Wenn Sie eine Familie hätten, würden Sie in Berlin bleiben?

KAVKA: Ja. Selbst dann werde ich nicht aufs Land ziehen, sondern vielleicht von Kreuzberg nach Prenzlauer Berg. Ich brauche das Gefühl, in der Großstadt zu sein. Die Stadt inspiriert mich für meinen Job. Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass ich mir, wenn ich irgendwann nur noch Romane schreibe, ein Haus am Meer kaufe. Aber auch dann würde ich noch eine Wohnung in Berlin behalten.

Gibt es etwas, das man nur in der Heimat findet?

KAVKA: Eine Grundvertrautheit, eine warme wohltuende Routine, die es so in der Großstadt nicht gibt. Die Sicherheit, mit der man sich im Dorf bewegt. Ich könnte mein Dorf komplett blind ablaufen. An der einzigen Ampel habe ich so oft gestanden, dass ich jetzt noch mit meiner inneren Uhr die Grünphase mit geschlossenen Augen durchschreiten würde.

Kann man Heimat in einer Beziehung oder in der Musik finden?

KAVKA: Es heißt ja: „Home is where the heart is“. Das heißt, dass es auf jeden Fall in einer Beziehung so etwas wie ein Heimatgefühl gibt. Und ich entdecke auch immer wieder Platten, da habe ich das Gefühl: Die Musik wurde nur für mich gemacht, weil mich die so berührt. Dann fühle ich mich in dieser Musik auch zu Hause. Wenn ich mich irgendwo wohlfühle, wenn der Ort oder die Sache mich berührt, dann kann ich von Heimat sprechen.

Haben Sie mit Ihrer Tätigkeit bei MTV ein Stück Heimat verloren?

KAVKA: Ja, es bilden sich Freundschaften mit den Kollegen. Wir haben wahnsinnig viel auch außerhalb von MTV unternommen. Da ist es so, als würde ein Stück von einer Familie wegbrechen, wenn der Job beendet ist. Die Zeit bei MTV, das waren die aufregendsten und schönsten Jahre meines Lebens. Und ich habe das Gefühl, dass es so nie wieder sein wird.

Wo und mit wem fühlen Sie sich denn heute zu Hause?

KAVKA: Ich kann ganz viele Orte zu meinem Zuhause machen. Immer wenn ich das Meer sehe, fühle ich mich sofort zu Hause. Bei meiner Wohnung muss ich sofort das Gefühl haben: „Hier fühle ich mich wohl.“ Um das zu finden, bin ich innerhalb von Berlin drei- mal umgezogen. Aber jetzt lebe ich seit zehn Jahren in einer Wohnung, in der ich mich zu Hause fühle. Und wenn ich mit meiner Freundin zusammen bin, ist so eine Vertrautheit da, dass ich mich geborgen fühle – egal, wo wir uns befinden.

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