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ZING-Reporter besuchen die Oberurseler Werkstätten: Kein mulmiges Gefühl mehr

Die Schüler der Klasse 4a der Burgwiesenschule Bommersheim besuchten zusammen mit ihrer Lehrerin Judith Kern die Oberurseler Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Und sie erlebten eine faustdicke Überraschung.
Frank Vierthaler hat Freude an seiner Arbeit, da er gerne mit Holz umgeht. Bilder > Frank Vierthaler hat Freude an seiner Arbeit, da er gerne mit Holz umgeht.
Oberursel. 

Als wir uns auf den Weg zu den Oberurseler Werkstätten in der Oberurseler Straße machen, haben einige von uns tatsächlich ein mulmiges Gefühl. Sie haben ein wenig Angst, wie es ist, behinderten Menschen näher zu begegnen. Doch kaum sind wir angekommen, machen wir andere Erfahrungen.

Wir sitzen im Gemeinschaftsraum – da geht die Tür auf: Michael Roth spitzt um die Ecke, um zu schauen, für wen er heute Morgen die Getränke und Gläser bereitgestellt hat. Als wir uns für die freundliche Bewirtung bedanken, macht er im Flur einen Luftsprung und ruft: „Yippie!“ Da merken wir schon, dass hier eine sehr nette und freundliche Atmosphäre herrscht.

Dann berichtet uns der 38-jährige Andy Becht von seinem Leben. Er ist von Geburt an blind und arbeitet seit 9 Jahren fest an der Pforte. Viele Leute fragen sich, wie er erkennen kann, wer in die Oberurseler Werkstätten hineinkommt. Niemals hätten wir gedacht, dass man Leute an den Schritten oder am Parfum erkennen kann. Eine Mobilitätslehrerin hat mit ihm so lange trainiert, bis er die Wege, die er im Alltag so braucht, alleine zurücklegen konnte. Andy Becht liebt die Musik. Er hat schon in seiner Kindheit Schlagzeug gespielt, und nun macht er in der Werkstattband „Hörsturz“ mit.

Als wir ihn fragen, ob er Blindenschrift auf seinem Telefon hat, antwortet er: „Nein, man muss sich einfach die Tasten merken.“ Aber manchmal braucht er doch ein Extragerät – es ist der Einkaufsfuchs. Wenn er sich beim Einkaufen nicht sicher ist, welches Produkt er in der Hand hält, fährt er damit über den Barcode, und eine Computerstimme sagt ihm genau, was es ist und wie viel es kostet. Meist braucht er das Gerät nur, wenn umgeräumt wurde oder wenn er in einem unbekannten Laden ist. Wir bedanken uns herzlich, dass er sich so viel Zeit für uns genommen hat, und lassen ihn wieder an seine Arbeit.

Jetzt gehen wir in den Werkstatt-Shop auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Als wir diesen betreten, herrscht Stille. An der Kasse sitzt Serdar Agbayir und wartet auf Kundschaft. Gleich fragen wir ihn, ob das öfter so ist, dass gar keiner da ist, um etwas zu kaufen. Wir erfahren, dass es schon mal vorkommen kann, dass den ganzen Tag niemand kommt, dafür sind es an anderen Tagen bis zu 25 Leute. In der Vorweihnachtszeit ist der Laden dann so richtig gut besucht.

In den Regalen ist alles schön hergerichtet, und einige von uns wollen sich gleich kleine Geschenke kaufen. Die meisten Verkaufsstücke sind aus Holz. Schon für 50 Cent kann man sich Flaschenkorken kaufen, die wie Fliegenpilze geformt und angemalt sind. Aber ein großes Holzpuppenhaus kostet 300 Euro, weil sehr viel Arbeit dahintersteckt. Durch die Frage, wie viele einzelne Artikel im Laden verkauft werden, lässt sich Hannelore Schlott, die die behinderten Mitarbeiter im Laden anleitet, nicht in Verlegenheit bringen. Diese Zahl hat sie im Kopf: Es sind 1700 verschiedene Stücke. Mit unserer Frage nach dem höchsten Umsatz, der schon einmal an einem Tag gemacht wurde, geben wir ihr aber ganz schön zu denken. „In der Weihnachtszeit können es schon einmal um die 1500 Euro am Tag sein“, verkündet sie. Das hätten wir nicht gedacht. Bevor wir den Laden verlassen, lässt sich ein Mitschüler noch von Serdar Agbayir beraten, was er für seine mitgebrachten 10 Euro alles kaufen kann.

Dann gehen wir schnell weiter zur Schreinerei der Werkstätten, die ungefähr 10 Minuten entfernt liegt. Sie ist in einem schönen Neubau untergebracht. In der Werkstatt duftet es nach frisch gesägtem Holz, und uns fällt auf, dass die Mitarbeiter sehr glücklich aussehen. Frank Vierthaler schmirgelt in gleichmäßigen Bewegungen über einen Minihocker aus Fichtenholz. Von Timo Jung, der einer der Schreinereileiter ist, erfahren wir, dass diese hergestellt werden, damit sie von Künstlern bemalt werden können. „An meiner Arbeit macht mir eigentlich alles Spaß“, meint Frank Vierthaler. Er arbeite einfach gerne mit Holz. Trotzdem wollen wir noch wissen, was bei der Arbeit nicht so schön ist. „Wenn ich mir mal auf die Finger haue!“, antwortet er schmunzelnd.

Einige der Mitarbeiter stellen Transportkisten für Rolls-Royce-Flugzeugteile her. Dies ist der größte Auftrag der Schreinerei und das schon seit 10 Jahren. Es werden auch Holzspielzeuge für Kinder geschreinert und bemalt. Auch die Burgwiesenschule hat viele schöne Sachen von den Behindertenwerkstätten, zum Beispiel die Holzkalender in den Klassenräumen sowie die Kinderburg und die Ranzenfächer im Hort. Die Schreinerinnen und Schreiner arbeiten durchschnittlich 7 Stunden und 35 Minuten. In der Mittagspause gehen sie gerne zum Essen in die Mensa des Hauptgebäudes.

Auch wir sind nun allmählich hungrig, und auf uns wartet auch schon ein Mittagessen – entweder daheim bei Mama oder im Hort. Keiner hat nun noch ein mulmiges Gefühl, wenn uns die ersten Rückkehrer aus der Mittagspause auf dem Zimmersmühlenweg entgegenkommen. Wir haben die Menschen mit Behinderung ein wenig kennengelernt, und wirklich alle von uns fanden sie richtig nett. Wir sind froh, dass der Hochtaunuskreis die Werkstätten für Behinderte geschaffen hat, weil wir es gut finden, dass man sich dort darum kümmert, dass sie an einer Arbeit Freude finden können und auch neue Freunde kennenlernen.

Autoren: Emilie Borrmann, Jana Bruch, Laura Burkhardt, Zio Glugla, Delina Habtu, Johann Hiller, Annika Koch, Georg Langsdorf, Luca Müller, Tim Quadflieg, Malin Ried, Tobias Schneider, Jakob Schwehm, Laurens Urban, Romina Weiß, Mia Zdralek

Der Werkstatt-Shop in der Oberurseler Straße 81 in Oberursel ist erreichbar unter Telefon (06171) 58 81 55. Die Öffnungszeiten sind: montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr.

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