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Opel-Zoo: Martin Becker: Warum es den Tieren im Opel-Zoo gut geht

Zoos stehen immer wieder in der Kritik. Tierschützer sehen die Tierhaltung dort häufig als nicht artgerecht an. Gegen diesen Vorwurf wehrt sich der Vizedirektor des Opel-Zoos vehement. Er erklärt, worauf Tiere Wert legen. Von unseren PJZ-Autoren Mareike Brum, Neele Bruns, Aliyah Spurlock und Sabiha Ullah.
Gregor hat keine Berührungsängste. Er frisst Aliyah Spurlock, Neele Bruns, Sabiha Ullah und Mareike Brum (von links) aus der Hand. Bilder > Foto: Jochen Reichwein Gregor hat keine Berührungsängste. Er frisst Aliyah Spurlock, Neele Bruns, Sabiha Ullah und Mareike Brum (von links) aus der Hand.
Kronberg. 

„Ich liebe Tiere.“ Mit dieser Aussage eröffnet Dr. Martin Becker das Gespräch und lächelt. Klar, etwas anderes hätte man vom Vizedirektor des Opel-Zoos auch nicht erwartet. Doch er lässt dies nicht einfach so stehen, sondern erklärt, wie sich seine Tierliebe mit dem Artenschutz und der Haltung in Zoos verbindet: „Früher ging es darum, die Vielfalt der Tierwelt zu zeigen. Mittlerweile entwickeln sich Zoos zudem immer mehr zu Artenschutz- und Naturschutzzentren. Projekte mit diesem Ziel nehmen permanent zu. Es geht darum, so viele Arten wie möglich zu erhalten.“ Und das sei unter Umständen zumindest für einen längeren Zeitraum, bis sich etwa die Natur wieder erholt hat, nur in Zoos möglich.

Der Biologe betont daher: „Wenn es Zoos noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden.“ Schmunzelnd fügt er an: „Ich bin ein Überzeugungstäter.“ Becker nennt sich selbst einen „Zoo-Menschen“.

Giraffen sind bedroht

Ein Beispiel für eine bedrohte Art, die im Opel-Zoo lebt, ist die Rothschild-Giraffe, eine Unterart der Steppengiraffe, die in einem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) gezüchtet wird. Über ein EEP wird der Austausch von Nachzuchten innerhalb der wissenschaftlich geleiteten Zoologischen Gärten organisiert. Ziel ist, eine möglichst große genetische Vielfalt zu sichern.

„Von diesen Giraffen gibt es in freier Wildbahn nur noch zwischen 750 und 1100“, sagt Becker. In Kronberg leben vier Rothschild-Giraffen: ein Bulle, zwei Weibchen und ein Jungtier.

Zucht zur Erhaltung der Arten

Die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) gibt es seit 1985. Dahinter steht der Verband der Europäischen Zoos, Zooverbände und Aquarien, European Association of Zoos and Aquaria (EAZA),

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Giraffen-Bulle Gregor (11) scheint sich über Besuch im Giraffenhaus zu freuen. Er kommt gleich angelaufen, reckt seinen Kopf über das Geländer des kleinen Balkons, der Besuchern die Möglichkeit gibt, ganz nah an die Giraffen heranzukommen. Klar, er weiß, dass er dort etwas zu fressen bekommt. Ohne zu zögern frisst er das hingehaltene Futter aus der Hand. Ein gutes Beispiel dafür, wie sehr sich das Leben im Zoo von dem in freier Natur unterscheidet.

Doch das will Becker keinesfalls negativ sehen, im Gegenteil: „Das Leben hier ist langweiliger, aber luxuriöser.“ So legten sich Giraffen in freier Wildbahn nicht mal eben für ein Nickerchen hin, da die Gefahr vor einem Fressfeind zu groß ist. Becker: „Doch hier machen sie öfters mal ein Mittagsschläfchen, woran man erkennt, dass sie sich sicher fühlen.“

Wenn man den menschlichen Wertekanon auf Tiere übertragen wolle, so sei Sicherheit DER Wert, der in der Tierwelt oberste Priorität hat. Von ihr leite sich alles andere ab. Letztlich sei das bei Menschen nicht anders, die ebenfalls Sicherheit suchten. Die menschlichen und „tierischen Werte“ seien sich in Grundzügen ähnlich.

Wie zentral Sicherheit ist, zeigt Becker an einem weiteren Beispiel: In freier Natur überlebten sieben von zehn Giraffenbabys nicht. Im Zoo hingegen schafften es acht von zehn. Er ist überzeugt: „Wenn man eine Giraffe für drei Monate aus dem Zoo in die Savanne brächte und sie dann fragte, wo sie leben will, würde sie sich für die Rückkehr in den Zoo entscheiden.“

Futter zentral

Bei den Gehegen komme es, anders als es die Kritik mancher Tierschützer vermuten lasse, bei weitem nicht nur auf die Größe an. Vielmehr sei entscheidend, dass ein Tier all das ausleben kann, was es braucht, dass die möglichst naturnahe Umgebung an seine Bedürfnisse angepasst ist. „Die Reviergröße ist in freier Wildbahn abhängig vom Futterangebot. Gibt es ausreichend Futter, reicht dem Tier ein kleineres Revier“, erklärt Becker. Ein großes Revier sei vielmehr ein Problem, denn es müsse verteidigt werden – bis zum Tod. Ein Beispiel: „Ein Gepard, das schnellste Landraubtier der Welt, rennt nicht 110 km/h, weil es will, sondern weil es muss.“ Hat der Gepard genug Futter, habe er gar nicht das Bedürfnis, so schnell zu rennen.

Dass sich Tiere im Zoo wohlfühlen, macht Becker auch an fehlenden Ausbruchversuchen fest: Wenn man sich zum Beispiel anschaue, wie hoch und weit Kängurus springen können, so könnten sie – wie viele andere Tierarten – aus ihren Gehegen ausbrechen. Tun sie aber nicht.

Tiere verändern Verhalten

Becker verhehlt nicht, dass Tiere ihr Verhalten im Zoo verändern. Der Luchs zum Beispiel sei ein Einzelgänger. Im Opel-Zoo werde er aber gemeinsam mit Artgenossen gehalten und entwickele daraufhin Gruppenverhalten. Mit Vehemenz wehrt sich Becker dagegen, dies als unnatürlich oder gar nicht artgerecht zu bezeichnen. „Wenn die Luchse das Verhalten zeigen (können), dann deshalb, weil es im Gesamt-Verhaltensrepertoire der Art verankert ist“, erklärt er. „Im Freiland wird die Ausprägung dieses Verhaltens durch die limitierenden Faktoren der Umwelt wie Futterangebot verhindert. Der Wegfall des limitierenden Faktors ändert dann eben auch das Verhalten.“ Bei Menschen sei das übrigens ähnlich: „Wir sind Weltmeister darin, auf veränderte Bedingungen mit anderem Verhalten zu reagieren.“

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