Lade Login-Box.
E-Paper
Abo & Service Immo Stellen Trauer

Eintracht Frankfurt: Müsst ihr noch elf Freunde sein?

Das Motto ist alt und bekannt, nicht nur als Titel eines Buchklassikers: Elf Freunde müsst ihr sein. Aber gilt das heute auch noch? Helfen Freundschaften unter Spielern im modernen Profi-Fußball, um Erfolg zu haben? Die Junge Zeitung hat in Frankfurt und Darmstadt nachgeforscht.
Bilder > Foto: imago sportfotodienst (imago sportfotodienst)
Frankfurt. 

In die Victoria-Statue, die einst dem deutschen Meister überreicht wurde, war er eingraviert, der berühmte Satz: „Elf Freunde müsst ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen.“ Anfang des 20. Jahrhunderts war dies der Leitspruch jeder Mannschaft. 1944 hat man die Trophäe durch die Meisterschale ersetzt. Auch der Mannschaftssport hat sich seither verändert. Trifft der Spruch „Elf Freunde müsst ihr sein“ heutzutage also überhaupt noch zu? Oder gibt es mittlerweile ein anderes Erfolgsrezept?

2012 und 2013 feierte Eintracht Frankfurt nach Jahren der Dürre endlich wieder Erfolge. Nach dem direkten Wiederaufstieg folgte die Qualifikation für die Europa League. Marco Russ war zu dem Zeitpunkt schon ein wichtiger Teil der Mannschaft. Er glaubt aber, dass man heutzutage nicht zwingend befreundet sein muss, um Erfolge zu feiern. „Man kann auch so auf dem Platz harmonieren. Man sollte sich in einer Mannschaft gut verstehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen“, sagt der Abwehrspieler. Erfolg schweiße aber zusammen. Deshalb habe sich die Mannschaft von 2012 und 2013 besonders gut verstanden. „Nach dem Aufstieg haben wir uns für die Europa League qualifiziert und uns international gut präsentiert. Da hat man als Mannschaft natürlich mehr Spaß als im Misserfolg“, sagt Russ.

Trainer Armin Veh, der die Aufstiegsmannschaft betreut hat, findet es gut, wenn man eine Mannschaft hat, in der viele miteinander befreundet sind: „Wenn man Freundschaften hat und ein gemeinsames Ziel verfolgt, ist das schon immer hilfreich“, sagt Veh. Bei seiner Aufstiegsmannschaft habe er schon das Gefühl gehabt, dass die Spieler sich gut verstanden haben. „Für mich als Trainer ist es aber am wichtigsten, dass man respektvoll miteinander umgeht, egal ob man sich gut versteht oder nicht“, sagt Veh.

Bei Darmstadt 98 ist das alles etwas anders. Dort ist das Mannschaftsklima besonders gut, sagt Marcel Heller: „Ich glaube, jeder sieht, dass wir gut miteinander auskommen, dass es in der Mannschaft einfach passt. Wir verstehen uns als Typen.“ Trainer Dirk Schuster habe daran einen großen Anteil, denn er sei es gewesen, der mit dem Trainerteam die Mannschaft zusammengestellt hat. „Dabei hat er sehr auf die Charaktere der Spieler geachtet. Sein Anteil an unserer intakten Truppe, die sehr gut gemeinsam funktioniert, ist riesig“, sagt Heller. Die Mannschaft kann seiner Ansicht nach nur durch Zusammenhalt so erfolgreich sein: „Wir haben bei Weitem nicht die Mittel anderer Bundesligisten. Bei uns geht es nur über den Teamgedanken und den Zusammenhalt“, sagt der Mittelfeldspieler.

Doch auch Heller ist wie Russ der Meinung, dass Erfolg zusammenschweißt: „Wir sind fast aus dem Nichts zweimal in Folge aufgestiegen, auch in der Bundesliga läuft es derzeit ganz gut. Das sind natürlich Erlebnisse, die zusammenschweißen.“ Ein großer Teil des Teams sei zusammengeblieben, die Spieler würden sich mittlerweile sehr gut kennen und zusammenhalten. Es kann also doch hilfreich sein, wenn „Elf Freunde“ gemeinsam auf dem Platz stehen.

Sportpsychologe Dr. Michael Gutmann ist wie die Sportler geteilter Meinung. „Im Grunde ist das eine klassische Motivationsvariante: Optimale Leistung bringt man, wenn man gut drauf ist und das Umfeld stimmt. So gesehen sind Freundschaften für den Erfolg im Mannschaftssport immer noch richtig gut“, sagt Gutmann. Man befinde sich dann in einem Flow, der extreme Leistungen befördern kann. Trotzdem ist für Gutmann sicher, dass man im Profifußball nicht immer einen Flow braucht. „Da müssen auch mal Arbeitssiege her“, sagt der Psychologe. Der Teamgedanke sei wichtig, der nicht immer etwas mit Freundschaft zu tun haben müsse. „Ein neuer Spieler zum Beispiel kann ja in der Regel noch gar keine Freunde in der Mannschaft haben, aber trotzdem gute Leistungen bringen“, sagt Gutmann.

Gutmanns Ansicht nach sollte man Arbeit und Privates auch im Mannschaftssport trennen. „Wir sind immer in verschiedenen Rollen unterwegs, die sich von Situation zu Situation ändern. Es geht darum, den Wechsel zwischen den Rollen hinzubekommen: Auf dem Platz sind wir Gegner, danach wieder Freunde. Da gibt es interessante Konstellationen – wenn zum Beispiel ein Spieler das Team verlässt und nächste Woche ein Gegner ist“, sagt Gutmann.

Auch bei Eintracht Frankfurt weiß man, wie es sich anfühlt, wenn ein Mannschaftskollege den Verein verlässt und dann Gegner ist. So zum Beispiel bei Pirmin Schwegler. Trotzdem blieb die Freundschaft bestehen. „In der heutigen Zeit ist es nicht so schwer, den Kontakt zu ehemaligen Mitspielern zu halten. Ob Kevin Trapp in Paris, Pirmin Schwegler in Hoffenheim oder auch viele andere Spieler. Über Internet und Smartphone tauschen wir uns aus und sehen uns auch gelegentlich“, beschreibt Marco Russ die Freundschaft zu ehemaligen Mitspielern.

Über sich hinauswachsen

Für das Phänomen Darmstadt 98 hat Gutmann eine Erklärung: „Bei Darmstadt 98 handelt es sich um eines der spannendsten Phänomene im Sport: das Über-Sich-Hinauswachsen. Hierbei gewinnt man Selbstvertrauen durch die Leistungen der anderen, das gegenseitige Vertrauen und die gegenseitige Unterstützung wächst. Es gibt keine Zweifel“, erklärt Gutmann. Das Gemeine an dieser Sache sei allerdings, dass es in der Regel nicht von Dauer ist. Man fange an nachzudenken und kommt auf eine realistische Ebene zurück. Dann müsse man sich die Qualität erst wieder erarbeiten. „Hoffenheim ist das vor ein paar Jahren so ergangen, die haben dann noch die Kurve gekriegt. Paderborn letztes Jahr nicht“, nennt der Sportpsychologe einige Beispiele.

Eigentlich kann also gesagt werden, dass jede Mannschaft einzigartig ist und es kein Rezept gibt. Trotzdem bleibt die Frage, ob „Elf Freunde“ auf dem Platz stehen müssen um Erfolge feiern zu können. „Ich glaube nicht, dass alle gut befreundet sein müssen, um auf dem Platz zu harmonisieren. Es reicht, wenn man sich als Mannschaft gut versteht“, sagt Russ.

Marcel Heller hingegen glaubt schon, dass dieses Zitat auf seine Mannschaft zutrifft: „Bei uns ist das so. Auf dem Platz geht es nicht anders. Hier ist jeder bereit, die Fehler für den anderen auszubügeln, alle pushen sich gegenseitig. Ich kann wirklich sagen, dass wir Freunde sind und ich denke, dass dort ein ganz großer Schlüssel zum Erfolg liegt“, sagt der Mittelfeldspieler.

Beim SV Darmstadt 98 wird dieser Spruch also noch gelebt. Vielleicht auch deshalb, weil die Mannschaft in großen Teilen zusammengeblieben ist. Denn auch das ist etwas Besonderes in der Fußball-Bundesliga.

Zur Startseite Mehr aus Projekt Junge Zeitung

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2016 Frankfurter Neue Presse