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Interview: Philosophie-Professorin: "Der Körper ist nicht nur ein Ding"

Ob Blut, Niere oder Stammzellen - vieles aus dem menschlichen Körper wird inzwischen "nutzbar" gemacht. Dennoch lässt sich ein Wert des Körpers nicht beziffern, betont Petra Gehring (56), Professorin für Philosophie an der TU Darmstadt. Im Gespräch mit den PJZ-Teilnehmerinnen Julia Mutter und Mareike Uhlmann erklärt sie, warum das so ist.
Symbolbild Symbolbild

Was ist mein Körper wert?

GEHRING: Vom menschlichen Körper kann man eigentlich keinen Geldwert angeben. Jeder Körper ist einzig und damit unschätzbar. Er ist kein Ding unter Dingen. Der Philosoph Immanuel Kant hat genau an dem Punkt einen Unterschied gemacht. Wo Dinge einen „Wert“ haben, hat der Mensch „Würde“ – und das meint dessen Körper mit.

Man kann also einen Körper nicht wertvoller machen?

GEHRING: Nein, „Würde“ ist schon etwas Maximales, sie lässt sich – anders als ein Wert – nicht steigern. So ist sie auch gemäß Grundgesetz „unantastbar“. Aber es gibt natürlich Bewertungssysteme, was etwa die Arbeitskraft und Leistungskraft des Körpers angeht. Daran haben wir uns leider ziemlich gewöhnt.

Welches Körperteil gilt als wichtigstes?

GEHRING: Wir leben in einer hirnzentrierten Zeit, in der man den Kopf für besonders wichtig hält. In früheren Jahrhunderten war beispielsweise das Herz wichtiger, weil man es als Sitz der Persönlichkeit sah, der Integrität und der Güte.

Philosophie-Professorin Petra Gehring sprach in Darmstadt mit (von links) Julia Mutter und Mareike Uhlmann. Bild-Zoom Foto: Sven-Sebastian Sajak
Philosophie-Professorin Petra Gehring sprach in Darmstadt mit (von links) Julia Mutter und Mareike Uhlmann.

Gibt es bestimmte Organe und Körperstoffe, die besonders wertvoll sind?

GEHRING: Als Philosophin sage ich: Nein. Aber ökonomisch gibt es natürlich Rechnungen, die mit handfesten Verwertungsmöglichkeiten zu tun haben. Vor dem 20. Jahrhundert waren beispielsweise Bluttransfer und Organtransplantationen noch nicht möglich. Inzwischen ist die Inwertsetzung des lebendigen menschlichen Körpers weit fortgeschritten. In Deutschland wird freilich der Bedarf etwa an Blutbestandteilen oder Knochenmark nicht durch eine volle Ökonomisierung gedeckt, also durch Kauf zu Marktpreisen. Die Weitergabe wird vielmehr über Spenden abgewickelt.

Was wird alles transplantiert?

GEHRING: Sowohl die Organe aus dem lebendigen Körper als auch Körperteile von Leichen – etwa die Hornhäute der Augen. Je effizienter die Immunabwehr gegen die fremden Organe durch Medikamente unterdrückt werden kann, desto reibungsloser können Nieren, Lungen und Lebern implantiert werden. Transferiert werden auch Blut, Blutbestandteile, Eizellen, Embryonen, Samenzellen, Stammzellen oder Knochenmarkszellen. Gewebe wird verpflanzt. Das neue Feld der Synthetischen Biologie basiert darauf, Abschnitte aus dem Genom herauszunehmen oder zu ersetzen. Auch künstliche Zellen und Gewebe werden auf dieser Basis konstruiert.

Hat sich die Einstellung zur Organspende gewandelt?

GEHRING. Ja, die Bereitschaft in Deutschland geht in den letzten Jahren kontinuierlich zurück. Dafür gibt es sicherlich eine Reihe von Gründen, etwa Mauscheleien in einigen Kliniken. Aber es ist wohl auch ein Beharren darauf im Spiel, dass der Körper selbst nach dem Tod nicht nur ein Ding ist, das man wie einen Wertstoff nutzt. Denn bei dem Entnehmen von Organen geht es ja um die Nutzung für einen Zweck.

Aber auch darum, Leben zu retten...

GEHRING: Sicherlich. Oder sagen wir genauer: das Leben so lange zu verlängern, bis sich die Frage stellt, ob das nächste Organ transplantiert werden muss. Organe werden jedoch nicht nur genutzt, wenn keine Therapien mehr möglich sind. Oft ist es auch einfach die kostengünstigere Methode. Eine Niere zu transplantieren ist etwa schlicht billiger als eine lebenslange Dialyse des Patienten. Und da kommen wir schon in eine ethisch bedenkliche Zone.

Spender werden dafür auch in anderen Ländern gesucht. Wird da ein anderer Maßstab angelegt?

GEHRING: Definitiv tragen wir da moralische Scheuklappen. Wir wollen nicht sehen, dass die Körper in anderen Ländern als Ware betrachtet werden. Deutsche Organempfänger sitzen in der Komfortzone des Transplantationssystems. Wir ahnen, dass die Verwertungsketten sehr kompliziert sind und wollen nicht wissen, was auf der Entnahmeseite genau passiert. Oder man redet sich die Ausbeutungsverhältnisse in anderen Teilen der Welt schön, das sieht man zum Beispiel beim Thema Leihmutterschaft.

Wie sieht da die Rechtfertigung aus?

GEHRING: Manche sagen sich, Schwangerschaft sei ja ohnehin natürlich, also sei es doch großzügig, dafür zu bezahlen. Oder: die Frauen müssten in Indien oder Bangladesch für das Geld, das sie für die Leihmutterschaft bekommen, sonst viel schlimmere Berufe ausüben. Dass die eigene Tochter hier in Deutschland für Geld Schwangerschaften austrägt, würde man hingegen für unwürdig halten. Da beginnt die klassische Doppelmoral.

Glauben Sie, dass alle Menschen ein natürliches Gespür für die Würde der anderen haben?

GEHRING: Nein, das ist leider nichts Natürliches. Eine Kultur der Anerkennung muss geschaffen werden. Durch Bildung, indem man Achtung vorlebt und Respekt einfordert – von Anfang an.

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