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Oberurseler Werkstätten: So viel kann Arbeit wert sein

Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben sie keine Chance. Dass Menschen mit geistigen und seelischen Behinderungen aber durchaus produktiv sind, hat PJZ-Reporterin Lisa Lahl bei einem Rundgang durch die Oberurseler Werkstätten erfahren – und war überrascht über die sehr gute Stimmung.
Zu Jörg Messers Aufgaben gehört es, Etiketten auf die verpackten Ringe der Firma Seeger-Orbis zu kleben, was ihm viel Spaß macht. Foto: Sven-Sebastian Sajak Zu Jörg Messers Aufgaben gehört es, Etiketten auf die verpackten Ringe der Firma Seeger-Orbis zu kleben, was ihm viel Spaß macht.
Oberursel. 

Die Gänge sind lang und verwinkelt. Zwischen den Türen stehen immer mal wieder Bänke zum Ausruhen. An den weißen Wänden hängen viele bunte Bilder, die hier in den Oberurseler Werkstätten entstanden sind. Ich betrete einen Gruppenraum des Berufsbildungsbereichs, der auf die spätere Tätigkeit vorbereitet. „Dies ist quasi die Ausbildung“, erklärt Andreas Knoche, Erster Betriebsleiter der Einrichtung, die derzeit 530 Menschen mit seelischen und geistigen Behinderungen Betreuungs- und Arbeitsplätze bietet. Wie in anderen Firmen auch werden sie als Mitarbeiter bezeichnet. Sie werden nach Art ihrer Einschränkung eingeteilt und entsprechend gefördert.

Als ich den Raum betrete, werde ich sogleich herzlich empfangen. Alle begrüßen mich freundlich, manche geben mir gleich die Hand. Sie sind sehr aufgeregt und freuen sich, mir zu zeigen, woran sie gerade arbeiten. Viele sortieren von der Königsteiner Firma Seeger-Orbis produzierte Sicherungsringe auf in den Werkstätten hergestellten Holzstäben. Etikettiert und eingeschweißt gehen sie zurück nach Königstein. Andere stellen Kamin- und Grillanzünder aus Abfallholz her. Während der 27-monatigen Ausbildung gibt es auch Angebote wie beispielsweise Computer- und Sportkurse oder ein Bewerbungstraining. Trotz aller Förderung ist der Wechsel auf den ersten Arbeitsmarkt für die Mitarbeiter der Oberurseler Werkstätten schwierig. „Wir testen dies immer erst einmal in Praktika. Im Schnitt schafft jährlich nur ein Mitarbeiter den Wechsel“, sagt Knoche.

Weiter geht es in den sogenannten Bereich Arbeit, wohin die Mitarbeiter nach der Qualifizierung im Berufsbildungsbereich wechseln, sofern ihre Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit dies zulässt. Menschen mit mehrfacher Behinderung und sehr starken Einschränkungen steht die Tagesförderstätte offen, in der Hilfe bei den täglichen Verrichtungen angeboten wird. Zudem gibt es noch das Förderzentrum, in dem etwa Schwankungen in der Belastbarkeit von Mitarbeiten aufgefangen oder der Wechsel in den Ruhestand vorbereitet wird.

Zum Bereich Arbeit zählen verschiedene Tätigkeiten, etwa die Aktenvernichtung, die Schreinerei, Verpackung und Konfektionierung, Büroarbeiten oder Geräte- und Elektromontage. „Leider wird die Arbeit, die für unsere Leute leistbar ist, immer weniger. Daher versuchen wir, immer wieder neue Geschäftsfelder zu erschließen“, sagt Knoche.

Verkauf im Hessenpark

„Derzeit bauen wir einen Logistikbereich auf. “ Auch bei Produkten wie Deko- und Haushalts- und Büroartikeln, die in den beiden Shops der Werkstätten in der Oberurseler Straße 81 und im Hessenpark verkauft werden, überlegten sich die Kollegen immer wieder Neues. Knoche betont, wie wichtig das Tätigkeitsangebot der Werkstätten für die behinderten Menschen ist: „Es ermöglicht ihnen Teilhabe am Arbeitsleben und Selbstbestimmtheit.“

Ich besuche eine Montage-Werkstatt. Sofort fällt mir auf, dass die Mitarbeiter durchschnittlich einige Jahre älter sind als die im Berufsbildungsbereich. Es läuft stimmungsvolle deutsche Musik. Auch hier werde ich freundlich begrüßt. Andreas Knoche kommt gleich mit dem ein und anderen ins Gespräch, wird auch mal umarmt. „Das gehört dazu“, sagt er und lacht.

Die Gruppe besteht heute aus 17 Personen mit geistiger und psychischer Beeinträchtigung – in der Regel sind es zwischen 15 und 18. Die meisten sortieren, genau wie im Berufsbildungsbereich, Dichtungsringe von Seeger-Orbis. „Die begegnen Ihnen überall im Haus“, sagt Knoche. Andere wiederum arbeiten an einem Auftrag der Firma Messko. Sie schneiden Löcher in Gehäusen für Messuhren nach und säubern sie, damit die Montage in der Firma später schneller geht. Jeder arbeitet nach seinem Können und schafft somit ein anderes Pensum. Während manche 20 Holzstäbe mit Dichtungsringen füllen, schaffen andere nur zwei am Tag.

Genau wie auf dem ersten Arbeitsmarkt müssen aber auch hier alle Aufträge bis zu einem bestimmten Termin abgeschlossen sein. Uwe Wallrapp, der Leiter der Gruppe, erklärt, dass das nicht immer einfach sei, jedoch stünden die Menschen im Vordergrund und nicht die Arbeit. Oft müsse ein Gruppenleiter mal selbst Hand anlegen, um einen Auftrag rechtzeitig abzuschließen. Wie Knoche erläutert, kommen nicht alle Mitarbeiter regelmäßig zur Arbeit. Besonders seelisch behinderte Menschen seien oft nicht in der Lage, dauerhaft zu arbeiten. Mit diesen Unwägbarkeiten müssen die Gruppenleiter zurechtkommen.

Neue Hilfsmittel

Zu ihren Aufgaben gehört es, den Mitarbeitern die Arbeit durch die Entwicklung von Hilfsmitteln zu erleichtern. So hat Wallrapp an die Maschine, mit der die Löcher in den Gehäusen nachgeschnitten und gesäubert werden, ein Lämpchen gebaut, das signalisiert, wann ausreichend nachgeschnitten ist. Zudem hat er einen Gong installiert. Er bietet den Mitarbeitern, die keine Uhr lesen können, zeitlich Orientierung. „Eine feste Struktur ist für die Selbstbestimmung wichtig“, sagt Wallrapp. Er lege Wert darauf, dass Regeln eingehalten werden und nicht schon fünf Minuten vor der Pause die Arbeit beendet wird. Seine Art scheint gut anzukommen, wie sich an der guten Stimmung in der Werkstatt zeigt. Mitarbeiter Jörg Messer (47) erklärt genau, wie die Ringe der Firma Seeger eingeschweißt und etikettiert werden müssen. „Die Arbeit macht Spaß.“ Er sei schon seit 2009 in den Oberurseler Werkstätten tätig, erzählt er stolz und strahlt.

Besser kann der Wert der Arbeit für die Mitarbeiter wohl nicht ausgedrückt werden. Der Besuch in den Oberurseler Werkstätten hat mich sehr beeindruckt. Die Atmosphäre ist sehr angenehm, Gruppenleiter und Mitarbeiter haben ein enges Verhältnis.

Die rund 90 Beschäftigten, die sich um die behinderten Menschen kümmern, haben keinen einfachen Job. Sie müssen zugleich menschliche und technische Fähigkeiten mitbringen. Auf gar keinen Fall dürfen sie Berührungsängste haben, denn manch einer der Behinderten wahrt nicht die übliche Distanz und braucht auch mal eine Umarmung.

Auf dem Weg zurück in Richtung Verwaltung und Ausgang komme ich an der Kantine vorbei, wo viele gerade die Mittagspause genießen. Andere sitzen mit ihrem mitgebrachten Essen nebenan und machen Handarbeiten. Auch hier werde ich sogleich neugierig und freundlich von einigen angesprochen. Die Freude, dass über sie, über das, was sie leisten, etwas in der Zeitung stehen soll, ist sehr groß.

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