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Soziales Jahr in Peru: Wie sich ein junger Peruaner eine bessere Zukunft aufbaut

Nachdem am Samstag unsere "Junge Zeitung" erschienen ist, haben wir hier noch einen Artikel einer jungen Frau, die gerade in Peru ein soziales Jahr absolviert.
Jesús Paucar Ccama hat es schon jetzt zu etwas gebracht. Jesús Paucar Ccama hat es schon jetzt zu etwas gebracht.
Cuzco. 

Ein junger Mann in Jeans und Sportjacke sitzt an seinem Schreibtisch. Konzentriert lernt er für Klausuren in der Hochschule. Draußen ist es laut, Autos fahren, Kinder spielen und von der Straße sind Stimmen zu hören. Es ist ein gewöhnlicher Tag in Cuzco, einer Großstadt in den Anden Perus.

Doch bis dahin war es ein weiter Weg für Jesús Paucar Ccama (20). Geboren in den Hochanden Perus auf über 3800 Metern Höhe, in der abgeschiedenen 950-Seelen-Gemeinde Huilloc, sah es lange so aus, als würde er niemals akademische Bildung erlangen. „Mein Vater war ein Kleinbauer. Er starb, als ich acht Monate alt war. Danach zog meine Mutter meine drei Brüder und mich allein auf“, erzählt Jesús.

Die Familie sprach Quechua, eine indigene Sprache, die bereits von präinkaischen Kulturen gesprochen wurde. Diese Sprache ist weiterhin Alltagssprache in vielen ländlichen Gemeinden der Anden Perus – ein Großteil der älteren Bevölkerung versteht und spricht kein Spanisch. In der Grundschule in Huilloc, die sechs Jahrgangsstufen umfasst, wird zwar im ersten Jahr noch auf Quechua unterrichtet, im Laufe der Zeit wird den Schülern jedoch immer mehr Spanisch beigebracht, so dass der Unterricht in den letzten Jahrgangsstufen zum Großteil auf Spanisch gehalten wird. So können die Kinder schließlich auch mit der Welt außerhalb der Anden kommunizieren.

Ohne Abschluss

2008 trat Jesús in die weiterführende Schule ein, die secundaria, welche auf fünf Jahre ausgelegt ist. „Unsere weiterführende Schule ging aber nur bis zur dritten Klasse. Insofern erhielt keiner von uns am Ende einen gültigen Abschluss“, erklärt Jesús. Viele seiner Klassenkameraden verließen die Schule jedoch bereits vorher – so auch Jesús’ Freund Mario Quispe. Der heute 19-Jährige brach die Schule ab, um auf dem Feld zu arbeiten und den Lebensunterhalt für sich und seine kleine Schwester zu verdienen. Seine verwitwete Mutter hatte die beiden für einen neuen Mann verlassen. Heute arbeitet Mario als Kleinbauer. In der Touristen-Hochsaison verdient er sich zusätzliches Geld als Gepäckträger und Küchenhilfe auf dem beliebten Inka-Trail für Touristen zur Kulturstätte Machu Picchu.

INFO Ungleiche Chancen

Peru liegt an der Westküste Südamerikas und ist etwa dreieinhalbmal so groß wie die Bundesrepublik. Das Land hat jedoch nur 31 Millionen Einwohner, wovon rund ein Drittel in der Hauptstadt Lima lebt.

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Anders Jesús. „Ich hatte sehr viel Glück“, sagt er. „Von der Organisation ,Herzen für eine Neue Welt’ erhielt ich ein Stipendium, das mir eine monatliche finanzielle Unterstützung zusichert und ideellen Beistand.“ Der gemeinnützige Verein wurde 1998 gegründet und unterstützt seit 2007 die Gemeinde Huilloc mit einer Gesundheitsstation und dem Aufbau der Schulen. Dadurch wurden die Verantwortlichen auf Jesús aufmerksam und setzten sich dafür ein, dass er, der Klassenbeste, seine Schullaufbahn fortsetzen konnte. 2011 zog er allein nach Urubamba, um weiter zur Schule zu gehen. Diese Stadt mit 18 000 Einwohnern liegt etwa zwei Stunden von seinem Heimatdorf entfernt. Dort wohnte er bei einem älteren Ehepaar, für die er sich als Gegenleistung um ihre Kühe kümmerte und am Wochenende die Erzeugnisse der Feldarbeit auf dem Markt verkaufte.

Zusätzlich zu dieser Arbeit und zur regulären Schule besuchte Jesús während seines Abschlussjahres ein Bildungsinstitut, eine sogenannte academia, „um meine Chancen zu verbessern, die Aufnahmeprüfung der Hochschule zu bestehen“. Fünf Stunden dauerte der Zusatzunterricht jeden Nachmittag. Dieser wird fast als obligatorisch angesehen, wenn man studieren will. Knapp die Hälfte der Schüler besucht solch eine Akademie, weil die erhaltene Bildung in einer Sekundarschule nicht als ausreichend angesehen wird.

Wichtiges Stipendium

Jesús’ Fleiß zahlte sich aus: Im Januar 2013 begann er sein Hotellerie-Studium am Institut Antonio Lorena in Cuzco. Daneben arbeitete er in einem Restaurant, um die Miete für sein Zimmer zu finanzieren. Jesús betont aber: „Ohne das Stipendium wäre es mir trotz meines Nebenjobs nicht möglich gewesen, in Cuzco zu studieren. Wenn man wie ich über keine finanziellen Mittel verfügt, hat man keine Chance.“ Er gehörte nun zu den sechs Prozent der ländlichen Einwohner Perus, die studieren. .

Drei Jahre später, im Januar dieses Jahres standen nun die Abschlussprüfungen an. Das Ergebnis ist noch nicht bekannt, aber Jesús hat ein gutes Gefühl. Trotzdem wird er nicht zur offiziellen Abschlussfeier gehen: „Ich spare das Geld lieber für Englischstunden.“

Seit einem Jahr nimmt er im Sprachinstitut an einem Englischkurs teil. Jesús ist überzeugt: „Heutzutage muss man immer besser ausgebildet sein und über immer mehr Wissen verfügen, um erfolgreich zu sein. Es gibt so viel Konkurrenz.“

Deshalb bereitet er sich nun auch auf die Aufnahmeprüfungen der staatlichen Universität San Antonio Abad in Cuzco vor. Als zweiten Studiengang strebt Jesús Ingenieurswissenschaften an.

Für seine Zukunft nach dem Studium wünscht er sich, ein Jahr auf einem Kreuzfahrtschiff arbeiten zu können, „um aus Peru herauszukommen, andere Länder kennenzulernen und die Welt zu entdecken.“ Jesús sagt aber auch: „Ich könnte Peru dauerhaft nicht verlassen. Besonders nach Huilloc möchte ich zurück. Ich will mich nützlich machen, in der Gemeinde arbeiten und jungen Menschen Perspektiven aufzeigen.“

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