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FNP-Empfangsdame: Wo der Verlag am schönsten lächelt

Am Empfang der Frankfurter Neuen Presse sorgt Brigitte Hermes dafür, dass sich Besucher und Mitarbeiter wohlfühlen.
Brigitte Hermes begegnet jedem mit unerschütterlicher Freundlichkeit. Foto: Sven-Sebastian Sajak Brigitte Hermes begegnet jedem mit unerschütterlicher Freundlichkeit.

"Wie der Götterbote?“ Diese Frage hat Brigitte Hermes schon in fast allen Varianten gehört, wenn sie ihren Namen nennt – aber sie kann so freundlich lächeln, dass jeder denkt, er sei als Erster darauf gekommen. Und die 62-Jährige am Empfang in der Frankenallee weiß ihren Nachnamen auch durchaus zu schätzen. „Er gefällt mir viel besser als mein Mädchenname“, erzählt sie vergnügt, „der war Klopfleisch.“

Während sich aber alle ihren Namen leicht merken können, war es umgekehrt für sie weitaus schwieriger. Hunderte gehen schließlich im Verlagshaus täglich ein und aus. Deswegen hat sie, als sie vor vier Jahren ihren Job begann, die Namen aller Mitarbeiter „auswendig gelernt wie Vokabeln“. Gut organisiert, wie sie ist, legte sie sich ein 30-seitiges Notizbuch an. „Ich habe mir dann zu jedem Mitarbeiter etwa aufgeschrieben, ob er jemand blond, dunkelhaarig oder schlank ist“, verrät sie. Ob noch pikantere Details drinstehen? Brigitte Hermes lächelt nur. „So konnte ich mir jedenfalls alles merken.“

Es sei ihr sehr wichtig, jeden persönlich ansprechen zu können, erklärt sie, „dann fühlen sich die Leute einfach zufriedener und geborgen.“

Dass sie nun den ganzen Tag ruhig auf einem Stuhl sitzt, hätte sie sich früher allerdings nicht träumen lassen. Als Kind wollte die gebürtige Sachsen-Anhaltinerin, die „so viel Temperament hatte wie alle Jungen zusammen“, am liebsten Balletttänzerin werden.

Dann allerdings entschied sie sich für eine Schneiderlehre, bei der ihr das lange Sitzen aber nicht gefiel. Um Geld zu verdienen, schweißte sie in der früheren DDR auch Rohre, machte den Gabelstapler-Führerschein. „Ich habe bis zu sechseinhalb Meter lange Rohre verlegt“, ist sie heute noch stolz. Und in der Gastronomie jobbte sie am Wochenende.

Doch als ihr damaliger Mann immer mehr Kritik am Sozialismus äußerte und ausreisen wollte, war sie Repressalien ausgesetzt. „Er kam ins Gefängnis, ich wurde einen Tag bei der Stasi verhört, meine Tochter in ein Kinderheim gebracht“, erzählt sie. „Aber dann bekam ich sie glücklicherweise wieder.“ Am 21. Dezember 1984, den Tag weiß sie heute noch ganz genau, durfte sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter endlich in den Westen ausreisen.

Über diesen Schritt ist sie heute noch froh. „Ich wusste schon, dass es im Westen besser, aber nicht, dass es so viel besser war“, erinnert sie sich. „Ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten.“

Auf diesem Planeten wurde sie schnell heimisch, zog 1994 mit ihren mittlerweile zwei Kindern ins Saarland und machte sich dort mit einer Hotelbar selbstständig. Doch die Neugier auf andere Aufgaben blieb. Daher entschied sie sich im Alter von 45 Jahren für eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. „Ich wollte an einem Empfang arbeiten und gleichzeitig eine Bürotätigkeit haben“, war ihr neues Ziel.

„Das ist der beste Job, den ich je hatte“

Das lange Sitzen hatte mit zunehmendem Alter seinen Schrecken verloren. „Heute ist das völlig okay“, betont sie. Als Ausgleich tanzt sie schließlich Tango, fährt mit dem Fahrrad oder stemmt zu Hause in ihrer Wohnung in Gravenbruch Hanteln.

Nach all ihren unterschiedlichen Berufserfahrungen bezeichnet sie ihre Arbeit im Verlagshaus der Frankfurter Societät als „den besten Job, den ich je hatte“. Vor allem der Umgang mit Menschen liegt der kontaktfreudigen Frau mit dem immer noch leichten ostdeutschen Akzent. „Ich komme jeden Tag mit Liebe und Lust zur Arbeit“, betont sie, „und ich glaube, das spüren die Leute auch.“

Zu den Mitarbeitern habe sie durchweg einen guten Draht, schätzt die kleinen Gespräche, wenn sie ins Haus kommen. Wie viel Brigitte Hermes an ihren rund 160 Arbeitsstunden im Monat erledigen muss – etwa Besucherlisten führen, Chiffre-Nummern im Computer eingeben oder die Raumbelegung organisieren –, ahnen die meisten allerdings nicht.

Nur sehr selten sei ein Besucher unfreundlich, wenn sie etwa Anzeigen auf- oder Anrufe entgegennimmt. Sollte sich jemand im Ton vergreifen, lasse sie ihn einfach reden und bleibe ruhig, erklärt sie. Generell gelte aber: „Bei mir geht keiner raus, dem ich nicht geholfen habe.“

Und das Lächeln, das sie aussendet, kehrt wie im chinesischen Sprichwort auch zu ihr zurück – manchmal auch in anderen Erscheinungsformen. „Ich bekomme öfter Blumen, weil die Leute sich bei mir bedanken“, freut sie sich.

In Rente gehen will die vierfache Großmutter deswegen noch lange nicht, auch wenn sie es Ende des Jahres theoretisch könnte. „Was soll ich den ganzen Tag zu Hause bleiben?“, fragt sie – und ihre Augen blitzen wieder so temperamentvoll, als könne es kaum einer der Jungen mit ihr aufnehmen. „Ich liebe schließlich meinen Job.“

(Pia Rolfs)
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