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Ärzte als Friedensbotschafter

Das Friedensdorf International fliegt jährlich schwer geschädigte Kinder aus Kriegs- und Krisenherden wie Afghanistan oder Angola nach Deutschland. Vom 13. bis 16.06. präsentiert sich die Organisation auf einem Stand der Frankfurter Gesundheitststage im Congress Center Messe. Autorin Nadia Saadi traf Ärzte aus Frankfurt und Umgebung, die die jungen Patienten kostenlos behandeln.
Frankfurt. 
Engagiert sich seit vielen Jahren: Dr. Schmidt mit Patienten. Foto: Hermann Lock Bild-Zoom
Engagiert sich seit vielen Jahren: Dr. Schmidt mit Patienten. Foto: Hermann Lock
Frankfurt Hauptwache. Tobias Bexten kommt mit dem Kinderwagen um die Ecke. Seine schulterlangen Locken sind locker zu einem Zopf zusammengefasst. Locker und auf den Punkt erzählt er auch über seinen Einsatz für das Friedensdorf International. 1999 begann er bei der Organisation seinen 13-monatigen Zivildienst, in der Abteilung für Rehabilitation.
 
„Wundkontrollen, Sprechstundenhilfe, Medikamente vorbereiten“, beschreibt er sein damaliges Aufgabenfeld und beginnt kurz nach dem Zivildienst sein Medizinstudium.
 
14 Jahre später, mit Doktortitel in der Tasche und auf dem Weg zum Facharzt der Allgemeinchirurgie, engagiert sich Bexten noch immer für das Friedensdorf. Organisiert Betten in Krankenhäusern, findet gleichgesinnte Ärzte, die kostenlos operieren oder leistet selbst medizinische Hilfe.
 
Das Friedensdorf  International ist eine Organisation, die gleichzeitig humanitäre Hilfe und Friedensarbeit leistet. Viermal im Jahr fliegt das Hilfswerk Kinder aus Kriegs- und Krisengebieten nach Deutschland. Voraussetzung ist, dass sie vor Ort nicht behandelt werden können, weil das Geld oder die medizinischen Möglichkeiten fehlen. Die meisten Kinder kommen aus Afghanistan, Angola Zentralasien oder dem Kaukasus. Nach der Ankunft werden sie in der ganzen Bundesrepublik auf Kliniken verteilt, kostenlos behandelt und betreut. Anschließend kommen sie ins Friedensdorf in Oberhausen, wo sie sich – durch Reha-Maßnahmen begleitet – auskurieren und auf die Rückkehr in ihre Heimatländer vorbereiten können. Rund 1.000 Patienten bekommen jährlich Hilfe durchs Friedensdorf. Das System ist in dieser Form einzigartig. Möglich ist es nur durch das freiwillige Engagement von Medizinern.

Selbst für Mediziner schwer zu verkraften



Rund zwei Mal im Jahr begleitet auch Bexten Friedensdorf-Flüge nach Angola oder Afghanistan, um seine kleinen Patienten schon auf dem Transportweg nach Deutschland ärztlich zu versorgen. Den Notfallkoffer im Gepäck, stillt Bexten die schlimmsten Schmerzen oder leistet Erste Hilfe, wenn die kleinen Körper es gerade nicht mehr alleine schaffen. „Jede Form der Beeinträchtigung der Entwicklungsmöglichkeiten dieser Kinder ist eine Form von Gewalt“, sagt Bexten und blickt auf den Kinderwagen, in dem sein eigener Sohn friedlich schläft. „Wir sind gerade vor zwei Wochen aus Angola gekommen“, erzählt der Frankfurter und switcht durch die Bilder auf seinem Tablet: Kinder mit Schienen, Verbänden oder Krücken – kurz vor dem Abflug nach Deutschland, Zielort: Oberhausen, Friedensdorf. „Es hat logistisch sehr gut geklappt“, sagt Bexten. „Die Zusammenarbeit mit den lokalen Hilfsorganisationen in Angola lief ausgezeichnet.“
 
Was er im Rahmen seiner ehrenamtlichen Arbeit teilweise zu sehen bekommt, ist allerdings selbst für einen Mediziner schwer zu verkraften: schwere Knochenentzündungen Fehlbildungen jeglicher Art, starke Verbrennungen ... Warum tut sich ein angehender Chirurg mit intakter Familie und besten Karriereaussichten das an? Bexten stützt das Kinn auf den Handrücken und schaut nachdenklich aus dem Fenster. „Mir tun die Kinder einfach wahnsinnig leid“, sagt er schließlich, um seine Aussage kurz darauf fast wieder zurückzunehmen: „Aber wenn ich sage, dass sie mir leidtun, tue ich ihnen eigentlich Unrecht. Es sind ganz normale Kinder und sie haben es nicht verdient, was der Krieg ihnen angetan hat.“

Jedes Kind will laufen



"Die Bereitschaft zu helfen, hat zugenommen", sagt Wolfgang Mertens, stellvertretender Leiter des Friedensdorf International. „Ohne den kostenlosen Einsatz der Mediziner wäre unsere Arbeit gar nicht möglich. Mittlerweile stellen uns rund 100 Kliniken jährlich etwa 400 Freibetten zur Verfügung. Viele Ärzte und Kliniken unterstützen uns seit vielen Jahren. Gerade in den letzten Monaten kamen aber auch einige neue hinzu, die bereit sind, Kinder aus dem Friedensdorf aufzunehmen." Die Friedensdorf-Kinder verdanken die Hilfe einer ausgeklügelten Logistik: Kooperationspartner der Organisation wählen sie in ihren Heimatländern aus und garantieren auch die Weiterbehandlung nach der Rückkehr. "Das ist ein Kernprinzip unserer Organisation", sagt Mertens. "Wir setzen nicht auf kurzfristige Notfallmaßnahmen, sondern auf nachhaltige Hilfe."
 
Ein besonders engagierter Unterstützer der Organisation ist auch Dr. Michael Schmidt aus Kronberg. Seit rund zehn Jahren operiert und behandelt der Facharzt für Orthopädie Kinder aus dem Friedensdorf. Etwa einen Arbeitstag im Monat widmet er seinen speziellen Schützlingen. Schon während seiner Ausbildung kam er mit Friedensdorf-Patienten in Kontakt. "Diese Kinder kamen damals hauptsächlich aus Vietnam" sagt Schmidt. Die Erinnerung an sie ließ ihn nicht mehr los. Als er später seine eigene Praxis eröffnete, wollte er sich persönlich einsetzen. "Ich habe die Ausbildung, die Befähigung und die Möglichkeiten, diesen Kindern zu helfen, also möchte ich meinen Beitrag leisten", sagt Schmidt ohne Pathos. „Die Eingriffe sind oft sehr umfangreich. Manchmal müssen Extremitäten verlängert, schwere Fehlstellungen korrigiert und teilweise fehlende Knochen ersetzt werden. „Ich erinnere mich an ein achtjähriges Mädchen aus Angola mit schweren Klumpfüßen. Ihr größter Wunsch war es, einmal im Leben richtige Turnschuhe tragen zu können", sagt Schmidt. "Jedes Kind will laufen."

Neue Gesichter statt Liftings



Die achtjährige Tessa (Namen geändert) liegt mit Kopfhörern in ihrem Krankenbett und schaut Fernsehen. Mit Muscheln geschmückte Zöpfe ragen in ihr kleines Gesicht. Sie lächelt schüchtern. Bis vor Kurzem noch litt das Mädchen an einer chronischen Infektion des linken Oberschenkels, der ihren Körper zunehmend schwächte und ihr Wachstum behinderte. „Der Knochen ist jetzt fest“, erklärt Dr. Uwe Horas. Der Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Bad Sodener Krankenhauses operierte Tessa. „Sie ist schmerzfrei, kann wieder laufen und ganz normal am Leben teilnehmen.“ Behutsam reicht er dem Mädchen die Hand und hilft ihr beim Aufstehen. „Ich stehe nur am Ende einer langen Kette“, sagt der Mediziner. „Viele Menschen haben durch ihr ehrenamtliches Engagement dazu beigetragen, dass Kinder wie Tessa mit deutlich verbesserten Lebenschancen in ihre Heimat zurückkehren können. Wir sitzen hier ja auf der goldenen Seite der Erdkugel.“

Mittwochabend 19 Uhr, Schöne Aussicht, Wiesbaden. Im Wartezimmer des plastischen Chirurgen Dr. Nuri Alamuti herrscht immer noch Hochbetrieb. Seine Patienten wollen meist der Natur ein wenig nachhelfen. Bis zu sechs Monaten Wartezeit nehmen sie in Kauf, um Brust, Bauch, Beine oder Gesicht nach ihren Wünschen richten zu lassen.
 
Einige von Alamutis Patienten haben allerdings ganz andere Sorgen. Sie sind Kinder aus dem Friedensdorf International und leiden fast alle unter schweren Hautverbrennungen oder Deformierungen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf Erscheinungsbild und Psyche, oft sind auch Bewegungsfähigkeit oder Motorik stark eingeschränkt, etwa wenn der junge Patient nicht mehr richtig kauen kann, weil die Brandwunde seinen Kiefer fast zerstört hat. Hilfe bekommen sie von engagierten Ärzten wie Alamuti.
 
Der Mediziner gehört zum Kreis jener, die schon seit vielen Jahren Friedensdorf-Patienten behandeln. Er nimmt sich viel Zeit für seine Friedensdorf-Kinder, behandelt dringende Fälle sofort, auch, wenn sein Terminplan eigentlich längst voll ist. Um sein Pensum überhaupt zu schaffen, operiert Alamuti sogar samstags oder spät am Abend. "Das ist schon eine ziemliche Zerreißprobe, wenn man sich im Fegefeuer der Eitelkeiten bewegt und es auf der anderen Seite mit wirklich harten Fällen tun hat", sagt Alamuti. "Es erfordert auch viel Verständnis von meinen Patienten, wenn ein lang ersehnter Termin ausfällt, weil ein Kind dazwischen kommt." Berührungsängste akzeptiert der Familienvater dabei nicht: "Ich zwinge meine Besucher förmlich dazu, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Wenn die Kinder kommen, setze ich sie ins Wartezimmer. Der reguläre Patient begegnet bei mir dem Friedensdorf-Patienten." Die Anerkennung für seine Leistung bekommt er vor allem von jenen, die sie nicht bezahlen können: "Ich erlebe die Kinder als wahnsinnig dankbar. Am Anfang sind oft viele verschüchtert, aber im Laufe der Zeit entwickelt sich ein unglaubliches Vertrauensverhältnis", sagt Alamuti. "Ich fühle mich irgendwie verpflichtet, ihnen zu helfen. Wer außer uns sollte es machen?“

Spendenkonto Friedensdorf International:
Stadtsparkasse Oberhausen
Konto-Nr.: 102 400
BLZ: 365 500 00
www.friedensdorf.de
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