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Aufruhr in Magen und Darm

Von Julia Kirk und Michelle Hein aus Bad Nauheim sind Freundinnen. Und sie haben das gleiche gesundheitliche Problem: Fructose-Lactose-Intoleranz.

Julia Kirk und Michelle Hein aus Bad Nauheim sind Freundinnen. Und sie haben das gleiche gesundheitliche Problem: Fructose-Lactose-Intoleranz. Wie vielfältig diese Stoffwechselerkrankung ist, zeigt sich an den beiden jungen Frauen. Und auch, wie unterschiedlich Menschen mit ein und derselben Krankheit umgehen.

Bei beiden Frauen wurde die Unverträglichkeit vor knapp drei Jahren diagnostiziert. „Ich hatte etwa anderthalb Jahre lang immer wieder starke Magenschmerzen“, berichtet Hein. Auch Durchfall und Kreislaufschwächen sind typische Symptome, wie Kirk erklärt. Alles kommt schlagartig - nach dem Essen. „Ich bin einmal bewusstlos umgekippt, habe dann Panik bekommen“, schildert Hein.

Beide gingen zum Arzt. Und die wendeten verschiedene Tests an. So bekam Michelle Hein eine genau dosierte Zuckerlösung und davor und danach Blut abgenommen, um die Werte zu vergleichen. Bei Julia Kirk war es ein Atemtest. Auch sie bekam 25 Gramm eines bestimmten Zuckers verabreicht. Der Atemtest stellt anschließend fest, ob eine Intoleranz vorhanden ist. Bei Hein kam heraus, dass sie vor allem auf Fructose, also den Fruchtzucker in Lebensmitteln, empfindlich reagiert. Ihre Unverträglichkeit auf Milchzucker (Lactose) ist eher gering. Bei Kirk hingegen ging die Diagnose zunächst davon aus, dass sie nicht nur stark auf beide genannten Arten reagiert, sondern zusätzlich auch auf die Zuckerart Sorbit. Die kommt als Lebensmittelzusatzstoff E 420 in vielen industriell hergestellten Lebensmitteln vor, was eine massive Einschränkung bei der Ernährung bedeutet hätte. „Glücklicherweise wurde diese Diagnose später revidiert“, sagt Kirk.

Für beide Frauen gingen mit der Diagnose tiefgreifende Veränderungen bei der Ernährung einher. Heins Vater war Obst- und Gemüsehändler. „Das war ein Schock, als ich Obst zunächst nicht mehr essen durfte“, sagt Hein. Kirk hingegen vermisst vor allem Käse, aber auch Kartoffeln, der Deutschen liebste Beilage mit den vielfältigen Möglichkeiten der Zubereitung.

Kirk schlug das Angebot auf einen kostenpflichtigen Kochkurs aus und machte auch keine Ernährungsberatung mit. Stattdessen versuchte sie, auf eigene Faust herauszufinden, was sie verträgt, was nicht. Denn jeder Betroffene reagiert unterschiedlich auf verschiedene Speisen. Was der eine essen kann, ist für die andere mit massiven Beschwerden verbunden.

Psychisch belastend

Hein hingegen ging zu einer Ernährungsberaterin und führte mehrere Wochen Buch. Sie aß bewusst Lebensmittel, die eigentlich auf ihre Verbotsliste gehörten und testete so, ob sie diese vielleicht doch essen könnte. Und sie notierte äußere Umstände wie etwa Stress, der die Wirkung des Zuckers verstärkt. Regelmäßig traf sie sich mit der Ernährungsberaterin, sprach die Ergebnisse durch. Und erhielt schließlich eine Liste der für sie guten und schlechten Lebensmittel.

Doch nicht nur die körperliche Seite der Intoleranz muss neu eingestellt werden. „Ich fiel in ein Loch. So habe ich früher zum Frühstück immer süß gegessen, jetzt muss es herzhaft sein. Statt Obst gibt es jetzt mehr Fleisch. Ich will das eigentlich gar nicht“, bedauert Michelle Hein. Julia Kirk fiel noch etwas tiefer. „Ich wollte mich nicht damit abfinden, war depressiv, bin nicht mehr rausgegangen und wollte gar nichts mehr essen.“ Ihr Freund half ihr, lud sie zu einem selbst gemachten Abendessen ein. Und achtete dabei sehr genau auf ihre Bedürfnisse.

Die 24-jährige Kirk geht heute offensiv mit ihrer Krankheit um. Viele ihrer Freunde wissen von ihrer Unverträglichkeit, im Restaurant fragt sie genauer nach, was in den Speisen ist. Bei Michelle Hein ist das etwas anders. Sie will nicht mit ihrer Krankheit hausieren gehen. Und auch bei ihr selbst scheint die Krankheit noch immer nicht richtig angekommen zu sein. „Es fällt mir schwer, mir immer wieder zu sagen, dass ich krank bin. Ich will doch nur das machen, was jeder andere auch kann.“

Bis 20% der Mitteleuropäer sind laktoseintolerant

Prof. Axel Dignaß, Medizinische Klinik I am Markuskrankenhaus. Bild-Zoom
Prof. Axel Dignaß, Medizinische Klinik I am Markuskrankenhaus.

Dabei sind beide mit ihrer Krankheit nicht alleine. Bis zu 30 Prozent der Mitteleuropäer bauen Fruchtzucker nur unvollständig ab. „Von der Lactoseintoleranz sind 15 bis 20 Prozent der Mitteleuropäer betroffen“, sagt Professor Axel Dignaß, Leiter der Medizinischen Klinik I am Markuskrankenhaus in Frankfurt. In Japan und China seien sogar 85 bis 90 Prozent der Bewohner betroffen; diese hohe Rate habe genetische Gründe. Generell habe die Zahl der Lactoseunverträglichkeiten nicht zugenommen, aber durch eine verbesserte Diagnostik, eine höhere Sensibilität für das Thema und die große Auswahl an Lebensmitteln erscheine dies so. Dabei wüssten viele Menschen gar nicht, dass sie betroffen seien. „So sagen mir Patienten etwa, dass sie gar keine Milch trinken. Fragt man sie aber nach Milchkaffee, heißt es, dass sie danach immer sofort auf die Toilette müssten. Ein klares Indiz für Lactoseintoleranz.“ Dignaß relativiert: „Dies ist eigentlich keine Krankheit, es handelt sich vielmehr um Funktionsstörungen, auch wenn diese erhebliche Beschwerden bereiten und die Leute darunter leiden. Es geht aber nichts kaputt, und man kann genauso lange leben wie ohne diese Störung. Doch der Leidensdruck ist groß, man rennt von Arzt zu Arzt, von Heilpraktiker zu Heilpraktiker, von Ernährungsberater zu Ernährungsberater. Und auch psychische Hilfe kann angebracht sein, um etwa Depressionen zu lindern und Ängste zu nehmen.“ Doch manche Ärzte wollten sich dieses Problems nicht richtig annehmen. „Es gibt viel Gesprächsbedarf, die Tests kosten Geld. Und da Hausärzte pro Patient und Quartal nur wenig Geld erhalten, sind diese Störungen nicht gerne gesehen.“

Es gibt allerdings auch eine angeborene, die hereditäre Fructoseintoleranz. Dann haben auch nur kleine Mengen an Zucker schwere, sogar lebensgefährliche Folgen für die Betroffenen.

Was passiert aber eigentlich bei den Betroffenen? Der Zucker, mit Lebensmitteln aufgenommen, besteht aus Doppelmolekülen und muss durch Fermente aufgespalten werden. Das ist bei Menschen mit Intoleranz aber nicht möglich. Da der Zucker nicht wie üblich im Dünndarm aufgespalten und abgebaut wird, muss das der Dickdarm übernehmen. Dabei entsteht Wasserstoff, der im Atemtest nachweisbar ist. Blähungen, Durchfall, aber auch Verstopfungen sind die Folge.

Dignaß: „Ich sage meinen Patienten immer wieder, dass bei Nichteinhaltung der Richtlinien die Folgen überschaubar sind.“ Soll heißen: „Sündigt“ man, sind nicht gleich schlimme oder dauerhafte Schäden der Darmflora zu befürchten. Aber man muss mit Bauchschmerzen, Blähungen und den anderen Symptomen rechnen.

Es gibt Hilfsmittel: Bei der Lactoseintoleranz helfen Lactase-Tabletten, die das fehlende Ferment liefern. Dignaß erklärt: „Vor allem beruflich angespannte Menschen, die ihre Essensaufnahme nicht so gut kontrollieren können, greifen zu diesem Hilfsmittel.“ Diese Tabletten nimmt man zum Essen, kann das Problem also medikamentös klären.

Traubenzucker kann helfen

Eine Möglichkeit, mit Fructose-intoleranz umzugehen, ist die Einnahme von Traubenzucker. Dieser spaltet den schädlichen Fruchtzucker auf, ist allerdings kalorienreich. Dignaß empfiehlt deswegen, die gewünschten Lebensmittel auf den Tag zu verteilen. Ein Medikament, das die Folgen lindert oder gar abschaltet, gebe es aber nicht. „Forschung findet hier nicht wirklich statt. Es müsste viel Geld investiert werden - und da die Krankenkassen die Kosten für ein Medikament wahrscheinlich nicht übernehmen würden, lohnt sich die Forschung für die Pharmaindustrie nicht“, so der Experte.

Eine wirkliche Heilung sei nur durch die Veränderung von Genen möglich. „Doch hier betreten wir ein Gebiet, das sehr umstritten ist“, sagt Dignaß. Bei Insulin für Diabetiker habe die Gentechnik geholfen, doch bei Fructose sind die Barrieren höher, weil die Folgen der Intoleranz geringer sind. Geforscht allerdings wird hinsichtlich schwererer Erkrankungen wie Morbus Crohn oder Zöliakie, die lebensgefährliche Folgen haben können. Eventuell falle hier dereinst einmal ein Mittel ab, das auch gegen Fructoseintoleranz hilft, so Dignaß.

Julia Kirk hält davon nichts. „Ich habe es einmal mit Lactase-Tabletten probiert und dachte, jetzt kann nichts passieren.“ Nach den Nudeln mit Sahnesoße kamen die Beschwerden dann aber doch massiv. „Also habe ich es wieder gelassen, lebe jetzt einfach mit den Einschränkungen.“ Und schließlich gebe es inzwischen ja sehr viele lactosefreie Mittel in den Supermärkten. „Ich kann jetzt wieder viel mehr essen als früher, weil die Lebensmittelhersteller reagiert haben“, ist sich Kirk sicher. Michelle Hein hingegen verspürt aber immer wieder Heißhungerattacken. Dann nimmt sie Traubenzucker - aber auch das hilft nicht immer.

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Welche Krankheiten sind auf dem Vormarsch, wo gibt es neue Behandlungsmöglichkeiten und Therapien? In einer Serie beleuchtet die FNP die großen Volkskrankheiten.

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Das sagen die Experten:

Gentest kann Klarheit bringen
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Prof. Daniela Steinberger

Jeder siebte Erwachsene mitteleuropäischer Herkunft verträgt Milchprodukte schlecht. Der dafür verantwortliche Enzymmangel ist in vielen Fällen genetisch bedingt. Da es unterschiedlich starke Ausprägungen der Milchzuckerunverträglichkeit gibt und die Beschwerden nicht unmittelbar auftreten, werden Symptome wie Blähungen, Durchfall, Übelkeit und Völlegefühl oft nicht richtig zugeordnet. Ein Gentest kann eine Vermutung bestätigen. Anschließend ist es hilfreich, die Ernährung umzustellen oder das fehlende Enzym einfach gezielt zu den Mahlzeiten einzunehmen. Wenn Beschwerden nicht so stark sind, dass ein Arzt aufgesucht werden muss, kann ein Test auch direkt bei qualifizierten Ärzten für Humangenetik online erfolgen: pgsbox.de/dna/vorsorge-ernaehrung

 

Prof. Daniela Steinberger ist
medizinische Leiterin und Geschäftsführerin bei bio.logis, einem Zentrum für Humangenetik.

 

Chinesische Medizin sucht Balance mit Kräutern
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Charlotte Schott

Intoleranzen lassen sich mit alternativen Methoden nur schwer behandeln, da die Therapie im Vermeiden von Nahrungsmitteln besteht. Die schulmedizinische Therapie besteht vor allem in einer sauberen Diagnose und dann einer ausführlichen Diätberatung.

Die Fructoseintoleranz ist komplexer, sie bedarf der eingehenden Anamnese und Beratung. Homöopathisch würde man eine Harmonisierung der Verdauung anstreben, das fehlende Enzym lässt sich aber nicht ersetzen. Auch hier ist das Weglassen die wichtigste Maßnahme.

In der chinesischen Medizin gibt es keine Einzeldiagnosen. Man kann hier aufgrund einer Gesamtanamnese versuchen, etwa mit Hilfe von Kräuterzubereitungen, den Organismus in eine bessere Balance zu bringen - aber nicht nur in Hinsicht auf die Verdauungssymptome.

 

Dr. Charlotte Schott betreibt eine Praxisgemeinschaft für ganzheitliche Medizin, Allgemeinmedizin und Allergologie in Frankfurt.

 

Ratgeber aus dem Reformhaus
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Heidi Braunewell

Wird Milchzucker nicht vertragen, arbeitet im Darm das Enzym Lactase wenig oder fehlt ganz. Man kann es entweder per Pulver oder Tabletten zuführen oder isst und trinkt Lebensmittel ohne Milchzucker. Von Natur aus lactosearm sind Joghurt und Käse - je länger gereift, desto besser. Hier lohnt sich ein Blick auf die Zutatenlisten: Milchzucker wird häufig zur Verarbeitung von Lebensmitteln eingesetzt. Lactosefreie Lebensmittel werden durch Zusatz von Lactase hergestellt und enthalten keinen Milchzucker.

Wer von Obst und Gemüse Bauchweh bekommt, kann den Transportern für Fruchtzucker im Darm leicht auf die Sprünge helfen - mit Traubenzucker. Optimal ist ein Verhältnis von 1:1 der beiden Zuckerarten.

Tabellen geben Auskunft darüber, wie viel von welchem Zucker in einem Obst oder Gemüse stecken. Eine Prise Traubenzucker zum Apfel macht ihn vielleicht schon bekömmlicher.

Nach 14 Tagen komplett ohne Fructose im Essen lässt sich die individuell verträgliche Fructosemenge am besten austesten, indem man danach die Fructosemenge in den Lebensmitteln anhand der Listen langsam steigert. Bioladen und Reformhaus halten oft entsprechende Ratgeber bereit.

 

Dr. Heidi Braunewell ist Seminarleiterin in der Akademie Gesundes Leben der Stiftung Reformhaus-Fachakademie Oberursel. Infos gibt es im Internet auf www.akademie-gesundes-leben.de.

 

Schmackhafte Alternativen finden
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Dr. Rolf Grobecker

Immer mehr Menschen vertragen bestimmte Nahrungsmittel nicht, oft sind Lieblingsnahrungsmittel betroffen. Treten Lactose- und Fructoseunverträglichkeit gleichzeitig auf, werden Einkauf und eine ausgewogene Ernährung plötzlich kompliziert. „Das Große Lexikon der Nahrungsmittel & Unverträglichkeiten“ ist dann eine Hilfe. Es präsentiert mehr als 250 Nahrungsmittel von A bis Z und zeigt die jeweils relevanten Unverträglichkeiten. Viele schmackhafte Alternativen und unterhaltsame Nahrungsmittelinfos machen Lust, Neues auszuprobieren. Sofort-Checks zu den häufigsten Nahrungsmittelunverträglichkeiten (Lactose, Fructose, Histamin, Gluten, Allergien), Einkaufstipps und spannende Sonderthemen bieten darüber hinaus praktische Unterstützung für Betroffene.

 

Dr. Rolf Grobecker ist wissenschaftlicher Berater bei der Evomed Diagnostics AG, Herausgeber des Buches.

 

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