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Die verborgene Gefahr

Von Man hat keine Schmerzen, fühlt sich nicht schlechter als sonst, und doch kann sich schon Darmkrebs gebildet haben. 26 000 Deutsche sterben jährlich an der tückischen Krankheit. Deshalb ist es wichtig, hin und wieder seinen Stuhl auf verborgenes Blut untersuchen zu lassen. Noch besser ist es, zur Darmspiegelung zu gehen. Wird der Krebs früh erkannt, kann das wie ein geschenktes Leben sein.

Der Vater von Dieter B. (Name geändert) ist mit 56 Jahren an Darmkrebs gestorben. Die Ärzte empfehlen in solch einem Fall, dass direkte Familienangehörige sich zehn Jahre vor dem Todesalter des Verstorbenen untersuchen lassen, was in solchen Fällen die Krankenkasse bezahlt. Also meldete sich Dieter B., 40, im Klinikum Frankfurt Höchst zur Darmspiegelung (Koloskopie) an. Es begann mit der für viele lästigen Prozedur der Reinigung des Dickdarms mit einer speziellen Flüssigkeit. Das darin enthaltene Vitamin C unterstützt die Reinigung. Äußerlich ganz ruhig ging Dieter B. zum Termin. Er erhielt eine sogenannte Sedierung, eine Narkose, bei der der Patient zu jeder Zeit aufgeweckt werden kann. Dr. Rami Masri-Zada, der leitende Oberarzt in Höchst: „Während der Darmspiegelung schlafen die Patienten, kurz nach der Untersuchung wachen sie auf.“

Jörg Bojunga
Sie fragen - Experten antworten

Fettleber, Diabetes, Prostatakrebs, Darmkrebs: Krankheiten, die unterschiedlicher nicht sein können, aber zu den häufigsten Erkrankungen zählen und Tausende Menschen in Frankfurt darunter leiden. Die FNP hat deshalb drei Experten eingeladen, die Sie in einem persönlichen Gespräch am Telefon beraten.

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„Bei dem Patienten wurde eine komplette Koloskopie durchgeführt“, sagt Masri-Zada, „im Sigma stellten wir einen lumenfüllenden Polypen fest.“ Sigma ist die S-Kurve des Dickdarms an dessen Ende sich der Mastdarm befindet. Lumenfüllend bedeutet, dass der Polyp den gesamten Durchmesser des Inneren des Darms einnimmt. Übrigens eine Stelle, an der häufig Polypen zu finden sind. Der Polyp war fünf Zentimeter groß.

Früher galt: Polypen bis drei Zentimeter konnten endoskopisch, also während der Darmspiegelung abgetragen, größere sollten operativ entfernt werden. Dr. Rami Masri-Zada entschloss sich zur sofortigen Entfernung während der Darmspiegelung. Dazu wird ein Instrument mit einer feinen Schlinge über den Arbeitskanal des Endoskops ins Darminnere vorgeschoben. Die Schlinge besteht aus dünnem Draht. Sie wird um den Polypenstiel gelegt und dann zugezogen. Für einen Moment wird Hochfrequenz-Strom durch die Drahtschlinge geleitet. Durch die Hitzeeinwirkung wird der Polyp abgeschnitten. Gleichzeitig verschließt die Hitze die durchtrennten Blutgefäße, so dass es nicht zu einer Blutung kommen kann. Polypektomie nennt sich das. Der abgeschnittene Polyp wird zusammen mit dem Endoskop aus dem Darm herausgezogen.

„Die Darmspiegelung ist der Goldstandard“, sagt Dr. Rami Masri-Zada, leitender Oberarzt in Höchst. Bild-Zoom
„Die Darmspiegelung ist der Goldstandard“, sagt Dr. Rami Masri-Zada, leitender Oberarzt in Höchst.
So ein Polyp entwickelt sich über mehrere Jahre aus normaler Schleimhaut. Es herrscht die Meinung: Von 20 Polypen wird einer zu Krebs. Warum sich ein Polyp zu Krebs entwickelt, weiß man allerdings noch nicht. Über ein Drittel der Patienten haben Polypen mit Vorstufen von Krebs (Adenome), und vielleicht acht Prozent haben ein Karzinom.

 

Kurz vor dem Krebs

 

Dieter B. durfte nicht, wie sonst üblich nach der Darmspiegelung, nach Hause, sondern musste eine Nacht im Krankenhaus bleiben. Der Polyp wurde vom Pathologen untersucht. Oberarzt Masri-Zada: „Die feingewebliche Untersuchung ergab einen noch gutartigen Befund, allerdings mit einer Vorstufe zum Darmkrebs - es war kurz vor dem Krebs.“ Wäre er ein Jahr später zur Untersuchung gekommen, hätte er vielleicht schon Krebs gehabt.

Zehn Wochen später musste Dieter B. zur Kontrolluntersuchung ins Krankenhaus. Nur an der Stelle, an der der Polyp entfernt wurde, musste erneut eine Darmspiegelung gemacht werden. Dr. Masri-Zada: „Es gab keinen Hinweis auf das Vorliegen eines Restpolypen. Auch die Biopsie im Randbereich der Abtragungsstelle ergab keinen Hinweis auf auffälliges Gewebe.“ Ein Vierteljahr später wurde Dieter B. erneut untersucht. Ein Jahr lang folgten weitere vierteljährliche Untersuchungen, dann wurden die Kontrollen auf ein halbes Jahr ausgedehnt. Jetzt kommt er nur noch jährlich. Der Oberarzt: „Bei keiner Untersuchung gab es einen Hinweis auf einen Polypenrest. Wenn die Ärzte im Frühstadium heilen, ist das für den Patienten ein geschenktes Leben.“

 

Gute Augen sind gefragt

 

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Darm vorsorglich zu untersuchen, zum Beispiel mit einer virtuellen Darmspiegelung per Computertomografie. Dr. Rami Masri-Zada: „Aber nach wie vor ist die herkömmliche Darmspiegelung der Goldstandard.“

Wenn der Darm gut vorbereitet ist und der Untersucher gute Augen hat, dann erkennt er auch kleinste Polypen. Selbst kleinste Knospen mit zwei, drei Millimetern können heutzutage entfernt werden. Wichtig ist allerdings, dass der Darm optimal vorbereitet, also gesäubert ist. Ist das nicht der Fall, sollte die Darmspiegelung nach sechs Monaten wiederholt werden. Angst, dass der Darm perforiert wird, muss man kaum haben. Allerdings sollte man darauf achten, die Darmspiegelung bei einem erfahrenen Arzt machen zu lassen. Und allgemein: Gesunde Ernährung mit Ballaststoffen, gemüse- und obstreicher Kost sowie viel Bewegung hilft, Darmkrebs vorzubeugen.

Das sagen die Experten:

Prof. Dr. Klaus Haag, Internist, Gastroenterologe, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin 2 am Klinikum Frankfurt Höchst

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Professor Dr. Klaus Haag
Es sterben in Deutschland immer noch jährlich 26 000 Menschen an Darmkrebs. Je älter die Menschen sind, umso höher wird die Wahrscheinlichkeit, dass sie Polypen im Darm haben - von 20 Polypen wird einer zu Krebs. Darmkrebs kommt nicht von einem auf den anderen Tag, er verläuft über verschiedene Zwischenstadien. Das ermöglicht eine sehr effektive Prophylaxe, indem man rechtzeitig eine Koloskopie, eine Dickdarmspiegelung, macht. Dadurch kann man den allergrößten Teil der Tumore rechtzeitig entdecken. Die meisten sogar im Vorstadium, bevor es endgültig Krebs geworden ist. Der Arzt, der das macht, sollte allerdings ein erfahrener Untersucher sein. In einem großen Zentrum ist das meist sichergestellt. Das zertifizierte Darmzentrum am Klinikum Frankfurt Höchst zum Beispiel macht 1500 bis 1700 Koloskopien im Jahr. Es ist von den Krankenkassen zugelassen für ambulante Operationen, und jeder Arzt macht hier mindestens 250 Darmspiegelungen im Jahr und trägt dabei mindestens 50 Polypen ab, so wie es gefordert ist. In der Klinik sind wir fünf Oberärzte und ein Chefarzt, die Darmspiegelungen machen, allesamt sind hoch erfahrene Kollegen, die schon Tausende von Untersuchungen hinter sich haben. Ein zertifiziertes Darmzentrum bietet den Patienten eine hohe Sicherheit: Die Überwachung stimmt, die Medikamente sind immer die gleichen und das Personal ist entsprechend eingearbeitet. Ein großer Vorteil eines Darmzentrums: Wenn der untersuchende Arzt einen Polypen nicht vollständig abtragen kann, hat er jederzeit die Möglichkeit, einen Chirurgen hinzuzuholen.

Professor Hermann Brenner, Epidemiologe, Deutsches Krebsforschungszentrum

Professor Hermann Brenner Bild-Zoom
Professor Hermann Brenner
Zur Früherkennung von Darmkrebs haben alle gesetzlich Krankenversicherten von ihrem 50. Geburtstag an Anspruch auf einen Test auf verborgenes Blut im Stuhl. Darüber hinaus wird ihnen vom 55. Geburtstag an eine Darmspiegelung angeboten. Bei dieser Untersuchung entdeckt der Arzt eventuelle Krebsvorstufen mit großer Sicherheit, jedoch nehmen nur rund 20 bis 30 Prozent aller Berechtigten das Angebot an. Daher sind die Tests auf verborgenes Blut wichtig, denn mit ihnen erreichen wir mehr Menschen. Die Bereitschaft zu einem einfachen Labortest ist deutlich höher. Umso wichtiger ist es, dass die Nachweisverfahren auch aussagekräftig sind. Untersuchungen auf verborgenes Blut im Stuhl geben Hinweise auf Darmkrebs oder auf Vorstufen. Seit über 40 Jahren wird dazu ein enzymatisches Nachweisverfahren eingesetzt, zwischenzeitlich sind aber auch immunologische Tests auf dem Markt. Im direkten Vergleich beider Methoden ist die Überlegenheit der immunologischen Tests nachgewiesen worden: Sie spüren doppelt so viele Krebsfälle und Krebsvorstufen auf und liefern weniger falsche positive Ergebnisse. Die Tests auf Blut im Stuhl werden ein wichtiger Bestandteil der Früherkennung von Darmkrebs bleiben. Daher sollten die immunologischen Tests auch in Deutschland in das Krebsfrüherkennungsangebot aufgenommen werden. Damit würden deutlich mehr Menschen einen lebensrettenden Hinweis auf eine verborgene Krebserkrankung erhalten.
 

Professor Dr. Matthias Schwarzbach, Leiter der Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Klinikum Frankfurt Höchst

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Professor Dr. Matthias Schwarzbach
Eine Operation wird beim Dickdarmkrebs immer dann gemacht, wenn der Tumor zu lokalisieren ist und sich noch keine Fernmetastasen ausgebildet haben. Der Chirurg entfernt ein Stück Dickdarm, zusammen mit den nachgeschalteten Lymphknoten. Wenn sich bereits Metastasen in anderen Organen gebildet haben, kommt es danach zur Durchführung einer Chemotherapie. Sie kann das Überleben der Patienten noch einmal deutlich und nachhaltig verbessern. Deswegen ist sie besonders bei einem Lymphknotenbefall mittlerweile Standard. Diese Chemotherapie ist gut verträglich und speziell in der unterstützenden Situation ohne Probleme machbar. Nicht zuletzt durch neue Medikamente kann man einen großen Teil der Patienten heilen oder eine lange rückfallfreie Zeit bewirken. Liegen zusammen mit dem Dickdarmkrebs Metastasen in der Leber oder Lunge vor, beurteilt der Tumorchirurg, ob der Primärtumor und die Metastasen operativ entfernt werden. Ist das der Fall, wird eine multimodale Therapiestrategie geplant. Sie besteht aus einer Chemotherapie. Nach zwei bis drei Monaten beurteilt der Chirurg, ob der Patient immer noch operiert werden kann. Der Primärtumor im Dickdarm und die Metastasen werden dann entfernt. Noch nie waren die Heilungschancen für den Dickdarmkrebs so gut wie heute. Die dritte wichtige Therapiesituation ist der Bauchfellkrebs, der mit einem Dickdarmkrebs auftritt. Er verstreut seine Tumorzellen in der Bauchhöhle. Mit dem HIPEC-Verfahren entfernt man den Bauchfellkrebs durch eine Operation, gibt dabei eine Chemotherapie in die Bauchhöhle und erwärmt sie auf 42 Grad Celsius. Diese neue Operationstechnik wurde im Klinikum Höchst zum ersten Mal durch Professor Schwarzbach im August 2010 durchgeführt.

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