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Und die Welt ist ein Karussell

Von Die Sprechstunde: Wenn man unter Schwindel leidet, ist man kein Einzelfall. Mehr als jeder zehnte Patient beim Hausarzt klagt über Schwindelgefühle. Der 7. Teil unserer Gesundheits-Serie befasst sich mit diesem Thema.
Frankfurt. 

Ohne Vorwarnung geschieht es: Der Schreiber dieser Zeilen saß im September 2012 in der Redaktion, Tagesgeschäft. Artikel schreiben, sie auf der Seite platzieren, Termine vergeben und verwalten. Er blickt vom Rechner auf und merkt, wie die Welt beginnt, sich um ihn herum zu drehen. Er ignoriert das zunächst, richtet den Blick starr auf den Monitor, das hilft. Doch schließlich muss er doch noch per Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht werden.

Ein Drittel aller Deutschen machen in ihrem Leben mindestens einmal Erfahrungen mit akut auftretendem Schwindel, mal weniger schlimm, mal mit dramatischen Folgen.

Zurück zum Dienstag im September: Langsam beginnt sich auch der Bildschirm zu drehen, der Blick ins Büro macht die Sache schlimmer. Ein Kollege hilft dabei, an die frische Luft zu gehen. Mehrfach muss ich mich übergeben, kalter Schweiß tritt auf die Stirn, der

Kreislauf sackt ab. Wieder drinnen wird der Rettungswagen alarmiert. Mit Blaulicht geht es ins Krankenhaus. Doch die Übelkeit wird trotz Infusion nicht besser.

Keine Besserung

Im Krankenhaus folgt eine eingehende Befragung. Wie ist der Schwindel zu bezeichnen? Dreht es sich oder schwankt es mehr? Es wird nach Medikamenten gefragt, nach der Ernährung, nach hohem Blutdruck und vielem mehr. Eins ist klar: Nach Hause geht es heute nicht mehr. Ins stationäre Patientenzimmer kommt eine weitere Ärztin, die Frageprozedur wiederholt sich. Jetzt gibt es Tests. Hinlegen und schnell aufrichten, kleine Hämmerchen testen die Reflexe des Körpers, ich muss mit geschlossenen Augen durch das Zimmer gehen. Ich mache die Augen wieder auf und sehe, dass ich keineswegs geradeaus gegangen bin.

Vier Tage dauert der Aufenthalt im Krankenhaus. Zahlreiche Untersuchungen schließen sich an. Röntgen, Ultraschall, Magnetresonanz, Kernspin, EEG, CT. Die Ursache wird dabei nicht gefunden. Aber ich erfahre: Ich bin gesund, Schlimmeres wie ein Schlaganfall oder Herzinfarkt kann ausgeschlossen werden. Insgesamt geht es mir wohl sogar besser, als ich als Raucher erwartet hätte.

Eva 
Wunder
Dr. Eva Wunder, Fachärztin für Hals-, Nasen- und ...

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Der Schwindel ist am zweiten Tag weg. Ich möchte raus, eine Zigarette rauchen. Draußen angekommen, geht es wieder los, ich falle fast um, muss mich stützen. Und mich erneut übergeben. Mit Hilfe einer Schwester komme ich wieder auf Station. Ich bin hier aber nicht alleine mit meinen Beschwerden. Einige Patienten werden gestützt oder halten sich an Handläufen fest, um die Orientierung zu behalten. Einen weiteren Rückfall erlebe ich, als eine Physiotherapeutin ein paar Übungen mit mir macht. Zunächst überstehe ich die ganz gut, aber bei einer Übung wird mir schlagartig schlecht, ich muss abbrechen.

Zwei Tage später kann ich wieder raus, muss für zehn Tage Cortison und als Begleitprodukt gegen die Nebenwirkungen des Cortisons ein Magenmittel nehmen. Ich bewege mich wieder in der Stadt, nur den Kopf halte ich sehr gerade, bewege ihn langsam. Denn dann geht es wieder los. Eine gute Woche später ist der Zustand unverändert. Ich komme erneut ins Krankenhaus, diesmal aber ohne Blaulicht. Ein letzter Test: die Lumbalpunktion. Mit einer langen Nadel dringt der Arzt in meine Wirbelsäule ein, entnimmt Nervenwasser. Das ist klar, keine Färbung, keine Flocken, ein gutes Zeichen. Ich muss noch eine Nacht im Krankenhaus verbringen, gehe am nächsten Morgen heim. Doch noch immer dauert es eine Woche, bis ich mir wieder zutraue, mich ins Auto zu setzen, zur Arbeit zu fahren.

Gutartiger Schwindel

Ein Dreivierteljahr später ist alles normal. Fast alles. Komme ich zu schnell vom Dunklen ins Helle, bewege ich mich zu hektisch, gerate ich in großen Arbeitsstress, fängt es an zu schwindeln. Leicht und kurz sind die Attacken, ich nehme mich dann zurück, atme durch, mache Pause.

„Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich die Attacken wiederholen“, sagt Sandra Wahl, Fachärztin für Neurologie am Medizinischen Versorgungszentrum des Markuskrankenhauses Frankfurt. Hat man es einmal gehabt, sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass es auch später noch einmal vorkommt.

Robert 
Hansten
Dr. Robert Hansten, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie

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Die Diagnose für meine Episode lautet vestibuläre Neuronitis, eine Nervenentzündung im Ohr, die das Gehirn mit falschen Informationen zur Lage und Situation versorgt. „Ein bis zwei Wochen sind normal, bis diese Krankheit wieder abklingt“, sagt Wahl. Sie zählt gleich eine ganze Reihe an Ursachen auf, die für den plötzlichen Schwindel in Frage kommen.

Sehr häufig ist das der gutartige Lagerungsschwindel. Der kommt ebenso unvermittelt wie in meinem Fall. „Oft, wenn die Patienten aus dem Bett aufstehen und sich plötzlich die Welt um einen herum dreht“, sagt Wahl. Grund sind sogenannte Ohrsteine (Otolithen), mikroskopisch kleine Körnchen bis mehrere Zentimeter große Steine aus festem Material wie Kalk oder Stärke. Durch ihre träge Masse und ihre Gewichtskraft ermöglichen sie es, Beschleunigungen und die Richtung der Schwerkraft wahrzunehmen. Löst sich eines dieser Steinchen, spielt der Gleichgewichtssinn verrückt. Deswegen auch tritt der Fall so unvermittelt auf.

Doch es gibt noch viele andere Faktoren, die einen Schwindel hervorrufen können. Der gutartige Lagerungsschwindel gehört zu den harmlosen Varianten, auch die Entzündung des Nervs ist vorübergehend. Doch können auch lebensbedrohliche Varianten wie ein Tumor oder ein Schlaganfall das Schwindelgefühl hervorrufen. Es gibt auch Möglichkeiten, dass ein Schwindel zum chronischen Wegbegleiter wird. Und auch Ängste können Auslöser für einen Schwindelanfall sein, die psychologische Komponente spielt also ebenfalls eine Rolle. Deswegen ist es für Sandra Wahl auch wichtig, dass man bei einem Schwindelgefühl den Arzt aufsuchen und nicht warten sollte, bis es von alleine wieder abklingt. „Der Patient kann nicht erkennen, ob es sich um etwas Gut- oder Bösartiges handelt. Deswegen fragen wir auch so genau nach, denn die Reihe der Ursachenmöglichkeiten ist immens. Durch die genauen Fragen, auch wenn sie für den Patienten nicht so einfach zu beantworten sind, können wir herausfinden, in welchem Bereich des Gehirns eine Störung vorliegt. Und dann auch weitere Untersuchungen veranlassen.“ Es gehe dabei vor allem auch darum, schlimmere Erkrankungen auszuschließen.

Die Häufigkeit der Erkrankung nimmt mit zunehmendem Alter zu, es kann einen aber auch schon früh treffen. Und der Schwindel kann immer wieder kommen. Zur Vorbeugung helfen etwa motorische Übungen, nach Anleitung durch einen Physiotherapeuten. „In der akuten Phase können Medikamente gegen Übelkeit helfen.“ Doch Sandra Wahl gibt trotzdem noch einen dringenden Rat ab. „Auch ein Schlaganfall ist mögliche Ursache für den Schwindel. Hier sollte man immer vorbeugen, auch wenn der Schwindel hier eine der geringeren Sorgen darstellt.“ Heißt: gesunde Ernährung, Bewegung, das Rauchen aufgeben.

Kein Thema für Forschung

Die Forschung beschäftigt sich nicht in erster Linie mit dem Schwindel. „Große Anstrengungen laufen bezüglich Krankheiten wie Alzheimer. Hier macht die Neurologie auch Fortschritte, um die Lebensqualität der Menschen im Alter zu verbessern. Einen Ausblick kann man hier aber nicht geben“, sagt Wahl. Der Schwindel und Untersuchungen seiner Ursache müssen angesichts dieser Priorität wohl noch warten. Obwohl mehr als die Hälfte der stationären Patienten wegen Schwindelgefühlen bei Sandra Wahl auftauchen.

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