Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Unter ständigem Druck

Sie fühlen sich unwohl und meiden Situationen, in denen keine Toilette in der Nähe ist. Trotz des Drucks, der buchstäblich auf ihnen lastet, zögern viele an Harninkontinenz leidende Menschen, die allermeisten sind Frauen, den Gang zum Urologen heraus – aus Scham. Dabei können sie geheilt werden: mit einer Beckenbodentherapie und einem kleinen operativen Eingriff.
In Deutschland leiden sechs bis acht Millionen Menschen an einer Harninkontinenz. In Deutschland leiden sechs bis acht Millionen Menschen an einer Harninkontinenz.
Seit einigen Jahren ärgert sich Rosi K. (Name geändert), dass sie ständig auf die Toilette muss. Ihren Stadtbummel mit Freundinnen plant die 65-jährige Frankfurterin schon mal danach, wo sie saubere Toiletten vorfindet.

Erste Anlaufstelle ist meist das Tiefgeschoss im Kaufhof, auf die sanitären Einrichtungen im My Zeil kann sie kaum verzichten, beim P&C ist es schon wieder so weit, und schließlich muss sie noch das Kellergeschoss in der Kleinmarkthalle aufsuchen. Ihrer Familie – drei Kinder hat Rosie K. – und den Freundinnen geht das auf den Nerv, denn gegen Harninkontinenz gibt es Hilfe.

Rosi K. brauchte sehr viel Überwindungskraft, aber schließlich vertraute sie sich ihrem Hausarzt an. Der überwies sie an das Fachärztezentrum in der Gutzkowstraße in Sachsenhausen, das seinen Ursprung auf Dr. Hermann Schmutte, den Begründer der Urologie in Frankfurt, zurückführt. Dort nimmt sich Privatdozentin Dr. Judith Adams solchen Fällen an.

„Es läuft einfach weg“

Rosi K. erzählt der Ärztin, was sie bedrückte: „Es passiert auch beim Husten, beim Heben, beim Sport. Wenn ich nicht rechtzeitig auf die Toilette komme, läuft der Urin einfach weg.“

Bei der Harninkontinenz sind verschiedene Formen bekannt. Die Belastungs- und Stressinkontinenz, die bei Druckerhöhung auftritt, und die Dranginkontinenz. Das heißt: Die Patienten spüren den Harndrang aus heiterem Himmel und haben manchmal nicht mehr die Kontrolle, es zu halten.

Bei ihrem ersten Besuch veranlasst die Urologin, dass der Urin nach Infekten untersucht wird. Eine körperliche Untersuchung folgt, und auch Informationen über mögliche Begleiterkrankungen sind wichtig – Diabetes oder neurologische Erkrankungen wie Schlaganfall und Parkinson. Rosi K. wiegt 80 Kilo bei einer Größe von 1,60 Meter und hat Diabetes. Es folgt eine Ultraschalluntersuchung vom oberen Harntrakt und von der Blase. Eine Blasenspiegelung soll Tumore im Harntrakt und Anomalien der Harnröhre ausschließen. Die Blasenspiegelung ist bei Frauen eine Sache von etwa fünf Minuten, gut auszuhalten auch ohne Narkose und spontan durchführbar.
Nach der ersten Untersuchung musste Rosi K. drei Tage ein Miktions-Tagebuch führen. Darin wird aufgeschrieben, was wann getrunken und wie viel Urin ausgeschieden wird. Die Anzahl der Toilettengänge wird festgehalten und genau protokolliert, ob plötzlicher Harndrang auftritt oder Urin abgeht und wann und wo.

Danach beginnt die Therapie. Bei der Stressinkontinenz wäre eine klassische Therapie die Beckenbodengymnastik. Dr. Adams: „Sehr gute Erfahrungen auch bei älteren Frauen habe ich mit Biofeedback und Elektrostimulation gemacht. Dabei bekommen die Patienten ein spezielles Gerät angepasst, mit dem sie drei Monate üben müssen.“
Mit Gewichtsreduktion, Optimierung des Blutzuckers, Beckenbodentherapie, Biofeedback und Medikamenten gelang es innerhalb von wenigen Wochen, die Häufigkeit der Blasenentleerungen bei Rosi K. zu reduzieren – von 20-mal in 24 Stunden auf achtmal tagsüber und einmal nachts.

Es gibt zum Beispiel ein Medikament, das die Funktion des Schließmuskels verbessert und auch Medikamente, die die Dranginkontinenz verbessern. Sie erhöhen die Blasenkapazität und erniedrigen die Reizschwelle. 75 bis 80 Prozent der Patienten kann mit Medikamenten geholfen werden.

Bewährte Hausmittel

„Wer das Beckenbodentraining konsequent durchführt, kann die Medikamente mit der Zeit reduzieren“, sagt Dr. Judith Adams. Wenn alles nichts hilft, bleibt nur noch die Operation. Da wird entweder eine Blasenhebung vorgenommen oder ein Bändchen wird unter die Harnröhre gelegt, um eine Unterstützung des Beckenbodens zu erreichen. Das erspart im Alter das Tragen von Windeln.

Eine andere Möglichkeit bei der Dranginkontinenz wäre die Botox-Injektion. Dabei wird das Nervengift Botox in den Blasenmuskel gespritzt. Dadurch können die Patienten länger mehr Urin speichern. Da sich aber Botox abbaut, ist es notwendig, diese Behandlung regelmäßigen zu wiederholen.

Gegen Harninkontinenz hilft vor allem, sich sportlich zu betätigen und sein Gewicht im normalen Bereich zu halten. Natürlich sind auch die alten Hausmittel nicht zu verachten. So helfen beispielsweise Cranberry-, Brennnessel- oder Goldrutenpräparate gegen Blaseninfekte, die den Harndrang und die Inkontinenz verstärken können.

Mehr zum Thema

Das sagen die Experten:

Prof. Dr. Dr. Eduard W. Becht, Chefarzt der Klinik für Urologie und Kinderurologie im Krankenhaus Nordwest:

Wichtig ist, zwischen Stress – und Dranginkontinenz zu unterscheiden. Stressinkontinenz hat etwas zu tun mit dem Beckenboden und der Schließmuskelfunktion. Bei der Frau kommen, falls die konservativen Maßnahmen wie zum Beispiel Beckenbodengymnastik oder die Behandlung mit dem Medikament Yentreve versagt haben, operative Maßnahmen in Betracht. Sie werden heute fast ausnahmslos minimalinvasiv mit der Implantation von hochhebenden Bändern durchgeführt. Zum Beispiel die TVT-Operation (Tension Vaginal Tape) oder die OP mit einem sogenannten transobturatorischem Band (TOT). Laparaskopische Operationen kommen heute nur noch bei leistenbruchähnlichen Erkrankungen und Aussackungen des Mastdarms (Cystocele, Rektocele) in Betracht. Entscheidend und ein Muss: Vor jeder operativen Maßnahme sollte eine urodynamische Untersuchung erfolgen – das ist eine Untersuchungsmethode, bei der mit Hilfe von Elektroden und Drucksonden die Funktionsweise der Harnblase untersucht wird (Blasendruckmessung). Die Dranginkontinenz kann behandelt werden mit Anticholinergika, das sind hochwirksame Medikamente, die zur Behandlung einer instabilen Blasenmuskulatur angewandt werden oder mit Botox, das in die Blasenwand injiziert wird. Beim Mann kommen im Falle einer Stressinkontinenz ebenfalls Bandimplantationen (Advance-/Virtue-Band) oder sogenannte Sphinkterprothesen infrage.


Dr. med. Rodolfo Bogesits, Facharzt für Frauenheilkunde mit dem Schwerpunkt spezielle operative Gynäkologie an der Emma Klinik in Seligenstadt. Er ist zertifizierter Berater der Deutschen Kontinenzgesellschaft.

Die Ursachen für eine Blasenschwäche sind vielfältig: Eine Schwangerschaft kann Auslöser sein, aber auch eine individuelle Bindegewebsschwäche. Häufige Ursachen sind auch Übergewicht, Hormonmangel in den Wechseljahren, Leistungssport, der stark den Beckenboden beansprucht wie zum Beispiel Trampolinspringen, Operationen im kleinen Becken wie zum Beispiel die Gebärmutterentfernung, oder schlicht eine altersbedingte Schließmuskelschwäche. Ausschlaggebend für eine Behandlung ist der Leidensdruck der Patientin. Leider ist das Thema Blasenschwäche noch immer ein Tabuthema. Obwohl Blasenschwäche für die Betroffenen ein hohes Maß an körperlicher und sozialer Einschränkung bedeutet, ist es ihnen oft zu unangenehm, darüber zu sprechen. Auch wenn Betroffene selbst relativ früh eine Blasenschwäche bemerken, dauert es durchschnittlich vier Jahre, bis sie einen Arzt aufsuchen. Dabei muss heute niemand mehr mit einer Blasenschwäche leben; sie ist heilbar. Zur Behandlung einer Blasenschwäche stehen unterschiedliche Methoden zur Verfügung. Um für jede Patientin die individuell richtige Therapie auszuwählen, ist eine umfangreiche Untersuchung und exakte Diagnose essenziell. In der Regel wird die Blasenschwäche zunächst konservativ behandelt, das heißt mittels Medikamenten und Beckenbodengymnastik. Sollten die konservativen Methoden jedoch keine Wirkung zeigen, gibt es die Möglichkeit der operativen Behandlung. Bei der operativen Behandlung von Blasenschwäche setze ich vor allem auf schonende Methoden wie zum Beispiel die Behandlung mittels eines Mini-Schlingensystems. Hierbei wird ein 8,5 Zentimeter langes Polypropylen-Netzband unter die Harnröhre platziert. Die Schlinge umschließt die Harnröhre in einer der normalen Anatomie nachgeahmten Position, um sie so besser zu unterstützen. Der Eingriff erfolgt meist minimalinvasiv, also ohne große Schnitte, so dass die Patientin in der Regel weniger Schmerzen hat und bereits nach kurzer Zeit wieder ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen kann. Der Eingriff dauert etwa 15 Minuten.

Inkontinenz: Zahlen und Fakten

In Deutschland leiden sechs bis acht Millionen Menschen an einer Harninkontinenz.

Davon sind
11,8 % 40-44 Jahre alt
14,7 % 45-49 Jahre alt
18,8 % 50-54 Jahre alt
27,1 % 55-59 Jahre alt
27,6 % 60-64 Jahre alt

3/4 der Betroffenen sind Frauen.

Weltweit sind mehr als 200 Millionen Menschen von Kontinenzproblemen betroffen. Das hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgefunden.



 
Zur Startseite Mehr aus Thema: Gesundheit

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse