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Wenn Dopamin fehlt

Von Morbus Parkinson, auch Schüttelkrankheit genannt, ist eine langsam fortschreitende neurologische Erkrankung. Seit Anfang der 1990er Jahre wird erfolgreich die „Tiefe Hirnstimulation“ angewendet: Hier erhält der Patient eine Art „Hirnschrittmacher“.

Dietmar W. Wessel ist 59 Jahre alt. Beim Hereinkommen stützt er sich auf seinen Stock, macht kleine Trippelschritte. Er setzt sich ungelenk auf den Stuhl. Ständig knetet er seine Hände, bewegen sich seine Füße. Er reckt und streckt sich auf dem Stuhl, während er über seine Krankheit spricht. Der Diplom-Ökonom leidet an Parkinson.

Vor 25 Jahren machte sich die Krankheit bei dem verheirateten Mann und Vater zweier erwachsener Kinder erstmals bemerkbar. Er arbeitete damals in der Entwicklungshilfe für die UNO, war viel in Afrika und in Mexiko, wirkte beim Bau von Staudämmen und Kraftwerken mit. „Plötzlich“, so erinnert er sich, „wackelte die Tasse mit Kaffee in meiner Hand. Ich zitterte. Beim Langlauf hatte ich nach einer Stunde starke Schmerzen in der Hüfte und beim Klavierspiel hatte ich mit der linken Hand Probleme - sie war wie steif.“ Selbst das Zeitunglesen wurde zum Problem, er konnte das Papier nicht mehr festhalten. Immer öfter fragten ihn Kollegen: Hast du zu viel gefeiert? „Ich habe es nicht ernst genommen“, sagt er heute. Sein Arzt diagnostizierte Parkinson.

Die Symptome wurden schlimmer. Der Neurologe verschrieb ihm 1988 erstmals L-Dopa. Das Zittern hörte auf. Doch nach sieben Jahren, 1995, er war damals 41 Jahre alt, ging nichts mehr. Er nuschelte nur noch. Wenn er sich in Englisch oder Französisch unterhielt, verstanden ihn die Kollegen nicht. Er war auch nicht mehr belastbar.

Da bei dieser Krankheit Dopamin im Kopf fehlt, ist die entscheidende Therapie, diesen Neurotransmitter zu ersetzen. Forscher und Kliniken haben bereits vor einigen Jahrzehnten L-Dopa als wirksamstes Medikament gegen Parkinson entwickelt. Es wird im Gehirn zu Dopamin umgewandelt. Die Hirnzellen geben das Dopamin bedarfsweise ab. Die Zellen aber sterben nach und nach ab - dadurch braucht der Patient immer mehr L-Dopa, das er in Form von Tabletten erhält.

Mit 45 Jahren ging Dietmar Wessel in Rente. Er engagierte sich in Parkinson-Selbsthilfegruppen. Gesundheitlich ging es ihm immer schlechter. Ohne Ehefrau Renate war er hilflos. Er brauchte eine Gehhilfe. Trotzdem kam er manchmal keinen Schritt weiter. „Es ist als würde plötzlich ein Schalter auf Off, also Aus gelegt“, erzählt er. Dietmar Wessel nahm inzwischen jeden Tag 25 Tabletten ein.

Professor Rüdiger Hilker-Roggendorf, stellvertretender Direktor der Neurologie am Universitätsklinikum Frankfurt, sagt: „Beim Parkinson-Syndrom kommen bestimmte Symptome zusammen: Zittern, Muskelsteifigkeit, Verlangsamung und Störung des Gleichgewichtssinns mit Sturzneigung. Ein Absterben von Nervenzellen ist schuld an der Krankheit. Die Ursache ist nicht eindeutig klar.“ Der größte Risikofaktor ist das Alter. Je älter, desto häufiger trete die Krankheit auf. Bei über 80-Jährigen ist einer von 100 betroffen.

Die Dopaminzellen im Gehirn spielen dabei eine große Rolle. Dopamin ist ein wichtiger Botenstoff im Gehirn - wie Öl im Motor. Wenn es verloren geht, stimmt die Koordination nicht mehr: Man kann sich zwar bewegen, aber die Bewegungen laufen nicht richtig ab. Die Dopaminzellen werden im Alter weniger.

Auto kann Dietmar Wessel längst nicht mehr fahren. „Das ist ein großer Einschnitt für mich“, sagt er. Die Fremdsprachen Englisch und Französisch pflegt er jedoch nach wie vor: „Ich höre über Internet Radio in den beiden Sprachen und informiere mich damit gleichzeitig auch, was in den entsprechenden Ländern so los ist.“ Und er treibt auch weiter Sport: Er schätzt Walking und trainiert sogar für einen Zehn-Kilometer-Lauf.

Doch immer wieder gibt es Rückschläge: „Ich bin unterwegs, laufe, komme nach Hause und bin plötzlich hilflos“, sagt er. In dieser Phase geht nichts mehr: „Es ist, wie wenn jemand einen Schalter in mir umlegt. Ich kann nicht mehr reden, nichts mehr machen.“ Professor Hilker-Roggendorf: „Nach zehn oder 15 Jahren Krankheit sind die Patienten absolut davon abhängig, ob Dopamin im Kopf ist oder nicht.“ Wessel musste inzwischen 25-mal am Tag Dopamin einnehmen. Professor Hilker-Roggendorf: „Er hatte schwere Schwankungen, die guten Phasen durch die L-Dopa-Gabe waren zu kurz.“ Deshalb entschlossen sich die Ärzte, Elektroden in Wessels Gehirn zu implantieren. Das Verfahren heißt „Tiefe Hirnstimulation“ und wird seit einigen Jahren erfolgreich an der Frankfurter Uniklinik angeboten.

Dabei übertragen die Elektroden Strom auf das Hirngewebe, ein Schrittmacher-Kästchen unter der Haut steuert den Prozess. Durch den „Hirnschrittmacher“ verbesserte sich Wessels Zustand. Seine Beweglichkeit und damit Lebensqualität nahmen nach der Operation im Mai 2002 erheblich zu. Er musste zwar weiter Dopamin einnehmen, aber nur noch vier oder sechs statt 25 Tabletten.

Professor Hilker-Roggendorf sagt: „Parkinson wird heute nicht mehr nur mit Tabletten, Medikamentenpumpen oder Hirnoperationen behandelt. Wir können den Patienten eine individuelle Komplexbehandlung der Parkinson-Krankheit anbieten, bei der neben den Neurologen auch Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und andere Disziplinen tätig werden. So können wir unseren Patienten über viele Jahre eine gute Lebensqualität erhalten.“

Das sagen die Experten

Privatdozent Walter Maetzler Bild-Zoom
Privatdozent Walter Maetzler
Dr. Walter Maetzler:

Geh- und Gleichgewichtsstörungen gehören zu Haupt-Symptomen von Parkinson. Milde motorische Symptome könnten bei Parkinson möglicherweise Jahre vor der Diagnose nachweisbar sein. Um die Diagnostik zu verbessern, braucht es unter anderem objektive Messparameter, etwa zur Bewegungskontrolle beim Gehen, die mit dem subjektiven Gesundheitsempfinden von Parkinson-Patienten in Relation stehen. Damit beschäftigt sich beispielsweise das EU-Projekt „Moving beyond“. Das Projekt soll das Grundlagenverständnis von motorischen Prozessen verbessern, die Diagnostik erleichtern sowie neue Ansätze für Therapien entwickeln. Im Rahmen des dreijährigen EU-geförderten Projektes „Sense-Park“ etwa entwickeln, testen und validieren Experten ein Sensor-basiertes Informationssystem für Patienten. Das modulare System soll sich möglichst „unauffällig“ in den Alltag der Anwender integrieren lassen. Es kann also zu Hause angewendet werden und „auf Knopfdruck“ Informationen über den aktuellen Zustand geben können.

Privatdozent Dr. Walter Maetzler ist Forschungsgruppenleiter am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH).

Professorin
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Professorin Daniela Berg
Prof. Daniela Berg:

Werden erste Symptome der Parkinson-Krankheit spürbar, sind wahrscheinlich bereits mehr als die Hälfte der Dopaminzellen zugrunde gegangen. Dies zeigt, dass jede wirklich effektive, die Nervenzellen schützende Therapie einsetzen muss, bevor die Erkrankung klinisch sichtbar wird. Eine Form der Früherkennung ist die transkranielle Ultraschalluntersuchung des Gehirns, die sich immer mehr zur frühen und sogar präsymptomatischen Diagnose der Erkrankung und zur Unterscheidung von anderen, ähnlichen Bewegungsstörungen durchsetzt. Die „Substantia nigra“, die Region des Gehirns, in der die Dopaminzellen lokalisiert sind, wirft bei Parkinson-Patienten ein verstärktes Ultraschall-Echo zurück, das mit einer Sonde detektiert werden kann, möglicherweise bedingt durch eine vermehrte Eisenspeicherung des Gewebes. Diese Veränderungen sind möglicherweise schon Jahre vor Ausbruch der Erkrankung erkennbar.

Professorin Daniela Berg ist Forschungsgruppenleiterin am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH), und Vorsitzende der Deutschen Parkinson Gesellschaft. Die Hertie-Stiftung mit Sitz im Frankfurter Grüneburgweg hat seit der Gründung rund 30 Millionen Euro in die Forschung investiert.

Professor 
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Professor Rejko Krüger
Prof. Rejko Krüger:

Die „Tiefe Hirnstimulation“ (THS) wird seit vielen Jahren erfolgreich zur Therapie der fortgeschrittenen Parkinson-Krankheit angewandt. Vor allem bei starken Schwankungen der Beweglichkeit wie raschen Wechseln zwischen Über- und Unterbeweglichkeit oder starkem Zittern stößt die medikamentöse Parkinson-Therapie oft an Grenzen. In dieser Situation kann die THS bei vielen Patienten zur Linderung der Beschwerden eingesetzt werden. Bisher wurde jedoch nur ein Zielgebiet im Gehirn stimuliert und die THS erst spät im Krankheitsverlauf eingesetzt. Aktuelle Studien zeigen, dass der frühere Einsatz der THS bei Morbus Parkinson die Lebensqualität der Patienten verbessern kann. Außerdem ist es Tübinger Neurowissenschaftlern weltweit erstmals gelungen, ein kombiniertes Verfahren zu entwickeln, das zwei Areale gleichzeitig stimuliert. Die kombinierte Therapie scheint ein wesentliches Problem der Parkinson-Behandlung zu lösen: Sie verbesserte laut der Tübinger Studie die sonst kaum kontrollierbaren Gangblockaden der teilnehmenden Patienten.

Professor Rejko Krüger ist Forschungsgruppenleiter am Hertie-Institut für klinische Hirnforschung (HIH).

Dr. med. Sven Thonke Bild-Zoom
Dr. med. Sven Thonke
Dr. med Sven Thonke:

Die Beobachtung, dass Raucher seltener an einem Morbus Parkinson erkranken, hat dazu geführt, dass in einer aktuellen Studie (NIC-PD Studie) untersucht wird, ob die Gabe eines Nikotinpflasters den Verlauf dieser Krankheit verlangsamen kann.

Insbesondere die motorischen Symptome sind meist gut medikamentös zu behandeln, so dass heutzutage bei einer adäquaten Therapie die Lebenserwartung von Parkinson-Kranken nicht nennenswert herabgesetzt ist. Neben der medikamentösen Behandlung und krankengymnastischer Therapie hat sich bei geeigneten Patienten besonders in späteren Krankheitsstadien die „Tiefe Hirnstimulation“ als Behandlungsoption durchgesetzt. In diesem Jahr erschien außerdem eine aktuelle deutsch-französische Studie (EARLY-STIM Studie), die aufzeigen konnte, dass viele Parkinson-Patienten auch in deutlich früheren Krankheitsstadien von der „Tiefen Hirnstimulation“ profitieren können. Bislang gibt es jedoch noch keine Behandlung, die nachweislich die Krankheit zum Stillstand bringen kann.

Dr. med. Sven Thonke ist Leitender Oberarzt der Klinik für Neurologie am Klinikum der Stadt Hanau.

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