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Wenn der Blick getrübt ist

Von Bereits jeder zweite Bundesbürger im Alter von 50 bis 62 Jahren leidet am Grauen Star, fast alle bekommen ihn irgendwann. Doch die meisten merken gar nicht, wie sich die Linse abzunutzen beginnt. Erst im hohen Alter werden die Symptome buchstäblich sichtbar, lässt die Sehkraft dramatisch nach. Spätestens dann sollte man zum Augenarzt gehen. Pro Jahr erhalten mehr als 700 000 Deutsche eine Kunststofflinse.
Auf dem Vormarsch: Der Graue Star Auf dem Vormarsch: Der Graue Star

Seit ein paar Wochen wundert sich Jochen E. (Name geändert) beim Autofahren, dass er im Dunkeln ständig von entgegenkommenden Autos geblendet wird. Auch die Schilder kann der 69-Jährige nicht mehr so richtig erkennen, es sieht alles so ein bisschen verschwommen aus, und wenn er im Garten sitzt, dann sieht er die Blätter und Äste nicht mehr richtig. Zuhause greift er schon mal zur Lupe, wenn er das Kleingedruckte auf einem Kaufvertrag lesen will, und auch das Zeitungslesen strengt ihn neuerdings an. Schließlich überredet ihn seine Frau, doch mal wieder zum Augenarzt zu gehen. Der letzte Besuch dort ist schon ein paar Jahre her - für die neue Brille geht er nur noch zum Optiker.

Info: Der Graue Star

Der Graue Star (Katarakt) ist die häufigste Operation in Deutschland: über 700 000 Fälle jedes Jahr. Weltweit geht man von 20 Millionen Eingriffen aus.

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So intensiv hat dem Rentner noch niemand in die Augen geschaut wie der Arzt, den er ein paar Tage später besucht. Zunächst bekommt er einen Tropfen ins Auge geträufelt, damit die Pupille erweitert ist, dann schaut sich der Augenarzt mit Spaltlampe und Mikroskop das Auge ganz genau an. Privatdozent Dr. Oliver Schwenn, Chefarzt der Augenklinik im Bürgerhospital: „So können wir die hinter der Pupille liegende Linse genau anschauen. Wenn wir eine deutliche Trübung erkennen und der Patient sieht schlechter, dann wissen wir, dass der Katarakt die Ursache für die Sehschärfenminderung ist.“

 

Schlechte Gewohnheit

 

Jochen E. war das gar nicht so bewusst. Er hat die deutliche Abnahme des Sehvermögens nicht richtig gemerkt: „Man gewöhnt sich daran, wenn man immer schlechter sieht, und kommt in seiner natürlichen Umgebung gut zurecht.“

Nimmt die Linse seiner Patienten ins Visier: Dr. Oliver Schwenn, Chef-Augenarzt im Bürgerhospital. Bild-Zoom
Nimmt die Linse seiner Patienten ins Visier: Dr. Oliver Schwenn, Chef-Augenarzt im Bürgerhospital.
Der Arzt im Krankenhaus hat das Auge gründlich untersucht: die Netzhaut mit allen Strukturen, den Sehnerv, die Makula - und entdeckte die Trübung der Linse. Es war wie der Blick durch ein trübes Glas. Dahinter erkannte der Augenarzt nicht mehr viel. Sonst sieht er auch im Augeninneren alles. Allerdings konnte er ausschließen, dass zusätzliche Augenerkrankungen bestehen, die das Sehen beeinträchtigen. Die Diagnose war klar: Grauer Star am rechten Auge.

Dr. Schwenn erklärt: „Es gibt am Auge eine Vielzahl von Erkrankungen. Manche Patienten haben fünf unterschiedliche Augenkrankheiten. Wir müssen nachsehen, was dem Auge sonst noch fehlt. Schließlich möchte der Patient wissen, ob nach der Operation das Sehvermögen so gut wie früher ist.“ Direkt nach der Untersuchung besprach der Augenarzt mit Jochen E., welches Ergebnis er wünschte. Jochen E. hatte wie viele das Glück, dass es sich nur um eine Trübung der Linse handelte und das Auge sonst gesund war.

Die OP eine Woche später wurde noch besprochen. Privatdozent Schwenn: „Dazu gehört die Frage, welchen Sehzustand der Patient danach erreichen möchte. Das heißt, will er ohne Brille gut in die Ferne sehen oder will er lieber ohne Brille gut in der Nähe seine Zeitung lesen können und für die Ferne eine Brille tragen.“

Es gibt zwar auch Mehrstärkenlinsen, mit denen man in der Nähe und der Ferne sehen kann. Aber das ist nicht zu vergleichen mit einer Gleitsichtbrille. „Eher ein Kompromiss“, sagt Dr. Schwenn.

Und die Betäubung war noch zu besprechen. Jochen E. hatte die Wahl zwischen Tropfen ins Auge oder einer Spritze neben das Auge. Bei den Tropfen musste er das Auge ganz still halten. Er entschied sich für die Spritze und eine weitere zur Beruhigung.

Die Operation dauerte etwa zehn Minuten. Danach erhielt Jochen E. noch ein Medikament in die Lidspalte, dann kam der Augenverband, eine Art Mullkompresse drauf. Schon am nächsten Morgen kam der Verband ab.

Der Augenarzt kontrollierte an diesem Vormittag das Auge noch einmal. Ist es reizarm? Nicht sehr rot, sind die Gefäße blass und die Kammerwasserflüssigkeit im Inneren klar? Zwei Wochen musste Jochen E. noch die Augen mit Tropfen behandeln, die gegen Infektion halfen und zur Wundheilung beitrugen. Dann kam er wieder zur Brillenanpassung, und das Auge wurde nochmals kontrolliert.

Altersbedingte Schwäche

Der Graue Star, oder mit dem Fachausdruck: Katarakt, ist altersabhängig und eine Eintrübung der natürlichen Linse. Das liegt daran, dass die Linse oft nicht so ein langes „Haltbarkeitsdatum“ wie der gesamte Organismus hat. Zwar beginnt der Graue Star bei vielen Betroffenen schon zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr, typischerweise aber werden die Symptome, also das schlechte Sehen, erst ab dem 70. Lebensjahr erkennbar. In ganz seltenen Fällen ist der Graue Star angeboren und tritt bei Neugeborenen auf.

Übrigens: Über 3000 Patienten werden jedes Jahr in der Augenklinik des Bürgerhospitals operiert.

Das sagen die Experten:

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Prof. Dr. Claus Eckardt, Chefarzt der Klinik für Augenheilkunde am Klinikum Frankfurt Höchst

Als Grauer Star wird die Eintrübung der Linse im Auge bezeichnet, was sich meist mit zunehmendem Alter einstellt, in seltenen Fällen aber auch bei Neugeborenen auftritt. Eine Linsentrübung durch Entzündungen im Auge, Unfälle oder Medikamenteneinnahme ist möglich. In den meisten Fällen hilft die ambulante Operation. Drei Betäubungsarten gibt es: die Tropfanästhesie (ohne Injektion), die Peribulbäranästhesie (mit Injektion) oder die Intubationsnarkose (Vollnarkose). Neben den Standardlinsen, also den nicht faltbaren, können auch faltbare implantiert werden: die torische (bei Hornhautverkrümmung), die asphärische (zur Verbesserung des Kontrastsehens), welche mit Gelbfilter (um energiereiches blaues Licht herauszufiltern) oder die multifokale IOL (Intraokularlinse). Die Optik der multifokalen Linsen ist so beschaffen, dass stark fehlsichtige Menschen in der Ferne und in der Nähe scharf sehen können und in der Regel kurz nach der Operation keine Brille mehr benötigen. Allerdings werden die Kosten meist von den gesetzlichen Krankenkassen nicht erstattet.

Prof. Dr. Thomas Kohnen, Leiter der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Frankfurt:

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Die Klinik für Augenheilkunde der Goethe-Universität Frankfurt zählt bei der Behandlung des Grauen Stars seit langem zu den innovativsten und führenden Instituten in Deutschland, Europa und der Welt. Laufend werden die allerneuesten Verfahren eingesetzt und weiterentwickelt. Mit der Anschaffung des LenSx-Femtosekundenlasers (eine Femtosekunde ist ein Billiardstel Sekunde) haben wir diesen Weg konsequent weiterbeschritten. Der LenSx-Laser führt die wichtigen Schritte einer Kataraktoperation computergesteuert aus, um präzise und sichere Operationen zu gewährleisten. Neben der schon angewandten Ultraschalltechnik wird jetzt auch die hochinnovative Femtosekundenlasertechnik für die Kataraktchirurgie eingesetzt. Die Patienten profitieren dabei von einer schonenden, sicheren und noch präziseren Operation. Behandelt wird so meist ohne Messer oder Skalpell und, wie bisher schon, auch ohne Spritze. Erste Studien zeigen, dass sich so die Genauigkeit der Ergebnisse gegenüber der manuellen Operationsmethode mit der Laserchirurgie signifikant verbessern lässt.

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