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Wenn der Tumor die Zunge frisst

Von Der Begriff Mundhöhlenkarzinom umschließt alle bösartigen Tumore der Mundhöhle und Zunge. Die häufigste Ursache sind mechanische Irritationen, etwa scharfe Zahnkanten oder schlecht sitzende Prothesen, die an der Zunge oder Wangenschleimhaut scheuern, eine schlechte Ernährung und Mundhygiene sowie die Einwirkung von Tabakrauch in Verbindung mit Alkohol.

Das ist jedem schon passiert: Beim herzhaften Zubeißen spürt man plötzlich einen Schmerz - die Zähne haben nicht nur die Speise, sondern auch die Zunge oder die Wange getroffen. Eigentlich nichts Schlimmes. Die Mundhöhle gehört zu den Teilen unseres Körpers mit einem sehr starken Abwehrsystem und einem sehr hohen Regenerationspotenzial. Aufgrund der sehr guten Durchblutung und dem steten Kontakt mit Speisen, Flüssigkeiten sowie der Atmung, findet quasi ein lebenslanger Abwehrkampf mit den von außen kommenden Bakterien statt - und so heilen Verletzungen im Mund recht schnell. Meist schon nach einer Woche ist die Schleimhaut wieder intakt.

Bei Thomas M. (Name geändert) ist das jedoch nicht der Fall. Er hatte sich beim Essen am Zungenrand verletzt, weil seine Zahnkrone eine scharfe Kante hatte. Es heilte und heilte nicht. Schließlich bildete sich an der verletzten Stelle eine sogenannte Leukoplakie, eine weißliche Veränderung, die man hätte therapieren müssen. Aber Thomas M. ging so gut wie nie zum Zahnarzt - und so fiel die Verletzung niemandem auf. So entwickelte sich die weiße Stelle auf der Zunge zu einer fakultativen Präkanzerose, einer Krebsvorstufe.

Nach etwa acht Monaten hatte Thomas M. einen Zungentumor. Als er endlich zum Arzt ging, wiegelte er sogar noch ab: „Ich hab mir da doch nur draufgebissen.“ Die Folge seines monatelangen Zögerns war fatal: In der Uniklinik musste ihm operativ die Hälfte der Zunge entfernt werden. „Bestrahlungen haben in dem Bereich nicht die gleichen Erfolgschancen wie die Operation“, erklärt Professor Dr. Dr. Dr. Robert Sader, Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Plastische Gesichtschirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. Es habe sich gezeigt, dass der Patient bei einem Krebs in der Mundhöhle mit einer Operation die beste Chance auf Überleben hat. Nur Tumore, die besonders aggressiv wachsen oder schon in einem weit fortgeschrittenen Stadium sind, würden bestrahlt. Nach einer Operation haben Betroffene immerhin eine Überlebenschance von mindestens 50 Prozent.

Thomas M. hat seit der Operation allerdings Probleme beim Sprechen und Schlucken. Professor Sader sagt: „Der Tumor hatte noch keine Tochtergeschwülste gesetzt, so dass der Patient diese Tumorerkrankung überlebt hat.“ Er benötigte allerdings nach der Operation eine entsprechende Therapie, um den Rest seiner Zunge derart zu trainieren, um wieder möglichst normal schlucken und sprechen zu können. Sader: „Kiefer und Zähne kann man ersetzen, Zungenmuskulatur aber nicht. Da muss man dann lernen, mit dem Rest umzugehen.“ Logopäden unter der Anleitung von spezialisierten Ärzten, sogenannten Phoniatern, halfen Thomas M., so dass er sich heute wieder gut artikulieren kann.

Tumor-Erkrankungen in der Mundhöhle haben zugenommen. Sie liegen derzeit an vierter Stelle der bösartigen Neubildungen bei Männern, bei Frauen an sechster Stelle. Sader: „Das liegt an den Risikofaktoren - am Rauchen, am Genuss von hochprozentigem Alkohol und an schlechter Mundhygiene.“ Letzteres bedeute vermehrt Bakterien und Viren im Mund. Sader: „Wir wissen heute, dass einige Krebsarten direkt über Bakterien oder Viren entstehen - in der Mundhöhle ist das teilweise auch so.“

Von der Wirkung muss man sich das so vorstellen: Die Schleimhaut im Mund ist mit einem dünnen Biofilm bedeckt. Alkohol, vorwiegend der hochprozentige, wischt nun diese Schicht weg - dann kommt das Nikotin als stärkstes Gewebegift und setzt sich auf die schutzlosen Zellen und es kommt zur Entartung. Die Zunge, der Mundboden unterhalb der Zunge, die Wange, der Unter- und Oberkiefer, der Gaumen und alle Teile der Mundhöhle sind gefährdet.

Professor Sader: „Ein weiterer Risikofaktor ist das erste Mal im Iran beschrieben worden. Dort gibt es ein Krebsregister ähnlich wie bei uns und man hat festgestellt, dass es eine Rolle spielt, ob man einen Lebenspartner hat oder nicht. Die Erklärung: Wer einen Partner hat, achtet mehr auf sich selbst und auf die Mundhygiene.“

Das Beißen in die Wange oder Zunge bezeichnet der Mediziner als reflektorische Unachtsamkeit. Beim Kauen passt das Gehirn nicht immer auf. Das ist per se nicht schlimm, wenn eine Wunde schnell wieder heilt. „Wichtig ist, wenn man eine solche Verletzung im Mund hat, frühzeitig etwas zu tun“, sagt Sader. „Jede Veränderung der Mundhöhle, die länger als zwei Wochen trotz Therapie besteht, muss abgeklärt werden.“

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