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Wenn die Haut höllisch juckt

Von Die Sprechstunde: Das atopische Ekzem ist eine chronische, nicht ansteckende Hautkrankheit, im Volksmund besser bekannt als Neurodermitis. Symptome sind rote, schuppende, manchmal auch nässende Ekzeme auf der Haut und ein starker Juckreiz. Die Volkskrankheit ist Thema des 11. Teils der FNP-Gesundheitsserie.

Es sieht nicht gerade gut aus. Aber vor allem juckt es höllisch: Neurodermitis. Thomas Schwarz aus Altenstadt in der Wetterau kennt die chronische Hautkrankheit gut. Der FNP-Redaktionsleiter war gerade einmal drei Wochen alt, als die Krankheit bei ihm festgestellt wurde. Nach über vier Jahrzehnten hat er sich mit ihr arrangiert. „Es juckt so stark, dass man es anderen Menschen gar nicht beschreiben kann. Ich muss dann kratzen, bis die Haut blutet. Diese Stellen entzünden sich und nässen, so dass der Körper ständig mit Entzündungsherden zu kämpfen hat“, schildert er.

Es gibt Hilfsmittel, etwa Cortisonsalbe. „Das lässt zwar die Entzündungen schneller abheilen. Doch die Haut wird auch dünner davon“, sagt Schwarz. Seit einigen Jahren bekommt er deswegen Blutergüsse. Die sehen zwar schlimm aus, heilen aber nach wenigen Tagen wieder ab. Vor allem in seiner Jugend hatte Schwarz Probleme, mit der Krankheit umzugehen. Rückblickend sagt er: „Es war die Hölle. Man hat immer das Gefühl, jeder starrt einen an. Ich habe stets gehofft, dass es irgendwann weggeht. Das kann alle sechs bis sieben Jahre passieren, etwa zur Pubertät oder mit dem Ende der Pubertät. Aber bei mir wird das nichts mehr.“ Auch sein Arzt sagte ihm im Alter von etwa 16 Jahren, dass sich Schwarz damit abfinden müsse, ein Leben lang mit Neurodermitis zu tun zu haben.

Als Jugendlicher mit dem Makel umzugehen, war auch für ihn nicht leicht. „Es war immer schwer, auf Frauen zuzugehen. Es gab Zeiten, in denen ich mich völlig zurückgezogen habe“, erinnert sich der verheiratete dreifache Familienvater. Männer hätten mehr Berührungsängste gezeigt, Frauen offener über derartige Probleme geredet.

Prof. Hans Ockenfels, leitender Hautarzt des Klinikums Hanau. Bild-Zoom
Prof. Hans Ockenfels, leitender Hautarzt des Klinikums Hanau.
Geholfen haben ihm drei Kuraufenthalte an der Nordsee mit viel Licht, Salzbädern und reglementierter Ernährung. Aber vor allem der Kontakt mit anderen Betroffenen dort hat ihm Mut gemacht. „Wir haben abends unsere Flecken mit bunter Salbe abgedeckt und sind dann so in die Disco gegangen.“ Der offensive Umgang mit der Hautkrankheit steigerte das Selbstwertgefühl. Auch seiner Haut ging es danach besser, „doch die Wirkung verfliegt im Alltag schnell“. Auch vor dem beruflichen Leben macht die Krankheit nicht Halt. „Wenn man sich nicht wohlfühlt, ist es schwer, in Bewerbungsgespräche hineinzugehen“, so Schwarz. Doch wirklich benachteiligt worden sei er nicht, auch wenn die Gefahr für Erkrankungen aufgrund der ständigen Entzündungen bei ihm größer sei als bei gesunden Menschen. Noch heute benötigt er Salben; sie enthalten Zink und Teer. Doch vor allem letztere stinke und „geht schlecht aus der Kleidung raus“. Schlimmer wird der Juckreiz, wenn Schwarz unter Anspannung steht. „Positiver wie negativer Stress machen sich sofort bemerkbar.“ Und auch Allergien spielen eine große Rolle, gegen Hausstaub, Pollen und derlei mehr.

Dennoch hat ihn die Beschäftigung mit der Krankheit gestärkt. „Ich kann nur jeden ermutigen, offensiv mit Neurodermitis umzugehen“. Seine Kinder sind damit aufgewachsen, wissen, dass nicht jeder Mensch von Haus aus gesund ist und haben selbst gesunde Haut.

Professor Hans Ockenfels, leitender Hautarzt des städtischen Klinikums in Hanau, kennt die Problematik. „Wir haben Patienten jeden Alters hier, die psychologische Komponente spielt eine große Rolle.“ Die angeborene Veranlagung, Ekzeme zu entwickeln, wird heute in der Medizin gar nicht mehr als Neurodermitis bezeichnet. „Menschen werden oft in diese Neuro-Schiene stigmatisiert“, erklärt Ockenfels. Korrekt sei deswegen der Begriff atopische Dermatitis (griechisch atopos: anders, empfindlich). Der dafür verantwortliche genetisch bedingte Systemekomplex betrifft nicht nur die Haut, sondern eben auch Allergien und Asthma. Kommt ein Patient zu ihm, absolviert er zunächst einen Allergietest, um die Diagnose abzusichern.

Dr. Ines
Dr. Ines Spiegel, Fachärztin für Allgemeinmedizin und ...

Kann Akupunktur bei Neurodermitis helfen?

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Tatsächlich hängt die Schwere einr Neurodermitis auch mit dem Stresslevel des Betroffenen zusammen. Da sich viele Kranke ständig kratzen, werden sie oft als psychologisch labil eingestuft. Doch Ockenfels liefert hier eine andere Erklärung: „Tatsächlich gibt es Neurotransmitter auf der Haut, die bei Entzündungen Juckreizsignale an das Hirn senden. Bei Stress verstärkt sich das, mehr Signale gehen raus. Sobald die Waage verschoben ist, der Mensch aus dem Gleichgewicht gerät, muss er sich auch stärker kratzen.“ Bei der Therapie verweist er deshalb auch auf einen Komplettansatz mit psychologischer Betreuung - falls nötig - und einer Ernährungsberatung.

Langzeitbetroffenen wie Thomas Schwarz rät Ockenfels, nicht aufzugeben und einen Arzt zu suchen. „Viele werden gar nicht ordentlich behandelt, kriegen Cortison und werden weggeschickt.“ Die Neurodermitis-Therapie basiere aber auf drei Grundzügen. Als Erstes sei eine ordentliche Allergiediagnostik nötig. Damit könne man Kreuzallergien feststellen und erkennen, welche Allergien für die Neurodermitis überhaupt relevant sind. Der zweite Ansatz sei eine Phasentherapie - der ausgetrockneten Haut werde dabei Fett zurückgegeben. Die verminderte Fett- und Talgproduktion sollte dabei möglichst ohne Cortison, sondern mit neuartigen Ersatzpräparaten ausgeglichen werden, die keine Nebenwirkungen haben. Nur bei schweren Ekzemen sollte auf Cortison zurückgegriffen werden.

Die dritte Schiene ist laut Ockenfels eine Lichttherapie: „Entweder, um das Ganze abzufangen oder als Intervalltherapie mit langwelligem UVA1-Licht. Nach mehreren Sitzungen ist der Juckreiz erst einmal weg.“ Die meisten großen Hautkliniken haben diese Geräte. Eine Bestrahlung kostet etwa 30 Euro, etwa zehn sind für eine Therapie notwendig. Diese Behandlung muss etwa alle sechs Monate wiederholt werden. Einzelne kleine Ekzemherde kann man laut Ockenfels auch mit der neuartigen Exzimer-Lasertherapie bekämpfen. Auch eine Klimatherapie mit Meersalz und viel Sonne hilft; ein Strandurlaub ist also empfehlenswert.

Dr. Heidi
Dr. Heidi Braunewell, Seminarleiterin in der Akademie ...

Bestimmte Speisen und Getränke können Neurodermitikern Erleichterung verschaffen.

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In den vergangenen Jahrzehnten sei in der Forschung einiges passiert, sagt Ockenfels. „Wir haben jetzt tolle Systemtherapien und können Tabletten verabreichen, um die Neurodermitis zu unterdrücken“. Es gebe auch Medikamente, die die Allergien unterdrücken, aber die seien sehr teuer. Aufgeben sollten Betroffene also nicht.

Ockenfels sagt aber auch, dass das Gesundheitssystem ein weiteres Problem darstelle: Die Krankenkassen zahlten nicht für die Lichtbestrahlung und auch die Salbentherapien seien teuer. Im Hanauer Klinikum werden laut Ockenfels jedes Jahr rund 1000 Patienten mit Neurodermitis behandelt.

INFO   Hilfreiche Tipps einer von ...

Eine selbst von Neurodermitis betroffene Hautärztin hat einige Tipps gesammelt und der Frankfurter Neuen Presse zur Verfügung gestellt.

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Neurodermitis: Zahlen und Fakten

Das atopische Ekzem, besser bekannt als Neurodermitis, gehört zu den häufigsten Hautkrankheiten.

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