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„Wesentliche Handicaps nicht verbergen“

Viele Menschen, die chronisch krank sind, verschweigen ihr Leid am Arbeitsplatz. Was aber, wenn sie nicht mehr so können, wie sie wollen und sollen? Über Rechte kranker Mitarbeiter und Pflichten des Arbeitgebers sprach FNP-Mitarbeiter Mark Obert mit Dr. Wolfgang Panter. Der 63-Jährige ist Präsident des Verbandes Deutscher Betriebs- und Werksärzte.
Dr. Wolfgang Panter Dr. Wolfgang Panter

Herr Dr. Panter, viele Menschen, die an chronischen Krankheiten leiden, fürchten um ihren Arbeitsplatz. Kann der Betriebsarzt helfen?

WOLFGANG PANTER: Wenn jemand wegen Krankheit oft fehlt oder seine Tätigkeit nicht mehr richtig ausüben kann, sollte er sich dem Betriebsarzt anvertrauen. Der untersteht der Schweigepflicht und kann auf jeden Fall erst einmal beraten. In den Firmen arbeiten ja immer mehr ältere Menschen, zum Beispiel mit einer Diabeteserkrankung. Da sollte dann überprüft werden, ob der Diabetes der Tätigkeit entsprechend anders eingestellt werden muss. Oder denken Sie an Menschen, deren Konzentration und Merkfähigkeit krankheitsbedingt vermindert ist. Wesentliche Handicaps wie diese sollte man nicht verbergen, sonst kann es betriebliche Probleme geben.

Was wird der Betriebsarzt in so einem Fall tun?

PANTER: Unsere Aufgabe ist es, die Beschäftigungsfähigkeit eines Menschen zu erhalten - in seinem Sinne. In einem Unternehmen kann das bedeuten, dass man eine andere Tätigkeit für den Betroffenen sucht. Oder dass der Betroffene über eine Qualifikation sein Handicap kompensiert. Nach dem Sozialgesetzbuch ist der Arbeitgeber verpflichtet, ein Eingliederungsmanagement anzubieten - übrigens schon dann, wenn ein Mitarbeiter im Jahr mehr als sechs Wochen arbeitsunfähig ist.

Aber das ist kein Muss für den Mitarbeiter, oder?

PANTER: Der Mitarbeiter entscheidet, ob er dieses Angebot annehmen will. Es kommt immer darauf an, ob ich nach einer längeren Krankheit meine bisherige Arbeit noch machen kann oder ob ich glaube, dass ich das nicht kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich bin Betriebsarzt bei den Hüttenwerken Krupp-Mannesmann in Duisburg. Einer unserer Kran-Elektriker zog sich bei einem Motorradunfall einen multiplen Beckenbruch zu. Es wäre nicht mehr vertretbar gewesen, ihn hoch auf den Kran zu lassen. Der Mann war erst Ende 30. Also machte er eine Qualifikation als Techniker und arbeitet heute in der Arbeitsvorbereitung im Büro. Aber zugegeben: Das ist ein idealtypisches Beispiel.

Weil es in vielen Unternehmen für einen chronisch Kranken gar keine andere Tätigkeit gibt?

PANTER: In kleinen Unternehmen ist das oft schwierig. Aber vielleicht kann man dann eine Lösung mit Teilrente finden, so dass der Mitarbeiter statt acht Stunden nur noch vier am Tag arbeitet.

Welche Erfahrungen machen Sie mit Arbeitgebern: Sind die immer kooperativ?

PANTER: Im Vordergrund sollte der Mensch stehen, nicht die Zahl. Handelt ein Unternehmen nicht nach dieser Maxime, mangelt es möglicherweise am nötigen Verständnis. Meiner Erfahrung nach haben solche Unternehmen aber auch insgesamt unzufriedene Mitarbeiter und dann weniger Erfolg als andere.

Es heißt, immer mehr Menschen erkrankten psychisch.

PANTER: So ist es, seit einem Jahrzehnt beobachten wir das. Grund dafür sind der ständige Wandel in der Arbeitswelt, aber auch im sozialen Umfeld, die dauernde Erreichbarkeit durch E-Mails, Handys etc. Die Alltagsbelastung nimmt zu. Seit 2006 sorgen wir dafür, dass Betriebsärzte auch in Sachen psychischer Gesundheit kompetent sind.

Welche Rolle spielen Vorgesetzte?

PANTER: Eine sehr große. Achtsame Führung ist enorm wichtig, und da können Betriebsärzte sehr hilfreich sein. Sie können das Management darin schulen, fair und angemessen mit den Mitarbeitern umzugehen, sie nicht zu überfordern, zu erschöpfen, sie nicht unter unzumutbaren Druck zu setzen.

Wünschen Sie sich diesen Einfluss oder haben den Ihre Kollegen schon?

PANTER: In vielen Unternehmen haben Betriebsärzte einen großen Einfluss, das erfahren wir aus den Berichten über anonymisierte Gespräche. Aber natürlich muss die Führungsebene mitarbeiten, gegen beratungsresistente Chefs ist auch der Betriebsarzt machtlos. Entscheidend ist auch die Größe eines Unternehmens. In Konzernen ist der Betriebsarzt immer vor Ort, in kleinen Unternehmen nicht. Die werden meistens von überbetrieblichen betriebsärztlichen Diensten versorgt. Da kann der Einfluss geringer sein. Bedauerlicherweise ist es auch so, dass viele Arbeitnehmer ihren Betriebsarzt gar nicht kennen oder gar nicht wissen, dass nach den Vorgaben der Berufsgenossenschaft jeder Betrieb eine medizinische Versorgung bieten muss.

Nun gibt es ja auch Arbeit, die krank macht, auch chronisch krank macht.

PANTER: Arbeit birgt Risiken, aber sie macht nicht krank. Im Gegenteil: Zunächst einmal ist Arbeit sinnstiftend und ermöglicht soziale Kontakte. Nicht von ungefähr treten seelische Probleme besonders häufig bei Menschen ohne Arbeit auf.

Die immer wieder gleiche Handbewegung am schnell getakteten Fließband, das ununterbrochene Sitzen vorm Rechner, Arbeitsverdichtung und so weiter: Das kann streng gesehen doch kein Betriebsarzt gutheißen?

PANTER: Es ist wichtig, dass die Arbeit an sich nicht dazu beiträgt, dass Menschen krank werden. Deshalb sollte beispielsweise in Fabriken rotiert werden, sollte jeder mal etwas anderes machen, um der Monotonie und Dauerbelastung zu entgehen. Insgesamt aber haben sich die Arbeitsbedingungen seit den 70er Jahren in allen Feldern wesentlich verbessert, das kann man, ergonomisch betrachtet, schon revolutionär nennen.

Das müssen Sie sagen, da die Berufsgenossenschaften die Rente nicht zahlen wollen, wenn jemand berufsbedingt chronisch krank geworden ist.

PANTER: Die Rentenausschüsse bei den Berufsgenossenschaften sind paritätisch besetzt. Die Arbeitnehmervertreter und die Arbeitgeber müssen sich über die entsprechenden Gutachten verständigen. Dies ist ein wichtiges Kontrollgremium für das Thema Gutachten und aus meiner Sicht ein wichtiger Teil der Mitbestimmung. Was als Berufskrankheit anerkannt werden kann, wird von der Bundesregierung in einer Rechtsverordnung im Einvernehmen mit den Bundesländern festgelegt und unterliegt nicht dem Einfluss der Berufsgenossenschaften.

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