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Rasselbande an Bord

Paddel in den Händen, Wasser unterm Kajak – so ist FNP-Reporter Moritz Eisenach auf dem Main unterwegs. Die Flussfahrt stromabwärts – von Seligenstadt bis Mainz – wird ihm mit Sicherheit spannende Begegnungen und Erlebnisse bescheren.
Die Kleinen aus der Kita in Maintal nehmen mein Boot gleich in Beschlag - Spaß hatten wir alle dabei. Die Kleinen aus der Kita in Maintal nehmen mein Boot gleich in Beschlag - Spaß hatten wir alle dabei.

Damit Sie daran teilhaben können, wird unser Paddler täglich darüber berichten. In der dritten Folge seiner Serie erzählt Eisenach, wie er seine erste Schleuse im Alleingang passierte, eine ganze Rasselbande getroffen hat und knapp dem Gewitter entkommen ist. Heute führt seine Route mitten durch die Stadt nach Sindlingen.

Mein Handywecker klingelt um halb acht. Zu der Zeit bin ich allerdings schon eine Stunde wach. Im Zelt wurde es sehr früh zu heiß zum Schlafen. Etwas gerädert habe ich mich gestreckt, bin auf den Rasen des Hanauer Bootsclubs (HBC) gestapft. Für eine Isomatte ist kein Platz im Kajak, also habe ich direkt auf dem Boden geschlafen.

Am Abend hatten wir am Tisch gesessen und erzählt. Bernhard und Caroline Becker sind die Betreiber des Bootsclubs. Sie haben von ihren Reisen auf dem Wasser berichtet. „Sobald du in die Wellen gehst, bist du in einer anderen Welt“, erzählt Bernhard. Ich kann es inzwischen nachvollziehen. Er warnt mich vor den Tankschiffen: „Wenn du zu nah bist, zieht dich der Sog ihrer Fahrt an. Da kommst du nicht mehr weg“, meint er. Ich gelobe, in Ufernähe zu bleiben. Später, etwa beim dritten Glas Bier, sagt Caroline, dass sie mir Kaffee vorbereiten wird. Dann lausche ich ihren Erzählungen. Der Club habe ein mobiles Vereinshaus, das bei Hochwasser mit allen sanitären Anlagen weggefahren werden könne. Sie seien hier sehr naturverbunden, aber man müsse eben vorbereitet sein. Bald wird sie müde und geht schlafen.

Ungewohntes Campen

Die Ausrüstung - auch der Laptop - ist in wasserdichten Behältern. Bild-Zoom
Die Ausrüstung - auch der Laptop - ist in wasserdichten Behältern.
Je gemütlicher und länger der Abend, desto schwieriger der Morgen. Ich bin das Campen nicht mehr gewohnt. Jetzt brummt der Schädel, ich freue mich auf die Dusche. Im modernen Vereinshaus finde ich neben der Kaffeemaschine einen Zettel. Da steht, ich solle mir einen Kaffee machen und mich im Kühlschrank bedienen. „Sehr nett“, denke ich und schmiere Marmeladenbrote.

Dann wird es ernst, ich muss weiter. Heute ist die Schleuse in Mühlheim meine erste Aufgabe. Es ist nicht sehr weit, kaum mehr als ein paar Paddelschläge. Auf dem Weg fühle ich, was Bernhard meinte: die andere Welt des Wassers. Um mich herum blüht die Landschaft. Hunderte Grüntöne säumen das Ufer, hin und wieder unterbrochen von den tiefen Farben der Uferblumen. Vor mir ein metallisch spiegelndes Band: der Main. Es mutet romantisch an. Manchmal ist Konzentration gefragt, etwa wenn „Chantal II“ meinen Weg kreuzt. Ein rostiger Tanker, der einen zweiten schiebt. Fast 200 Meter purer Stahl, auf ihm ein Paar, das Tanzmusik aus den 90er Jahren anhört. Lackiert ist das Schiff in Türkis, wie mein Kajak. Fast schon routiniert lenke ich quer zu den Wellen, es platscht und etwas Wasser schwappt über meine Beine. Aber mittlerweile beunruhigt es mich kaum mehr. „Das kann ich“, bin ich mir sicher.

An der Mühlheimer Schleuse angekommen, werde ich etwas unruhig. Die rot-weißen Bojen weisen auf die Gefahr des Wehres hin, auch die vor Lebensgefahr warnenden Schilder erscheinen wieder. Ich achte darauf, nicht zu weit von der Wehrmauer entfernt zu paddeln. Ein blaues Schild mit der Aufschrift „Sport“ weist mir den Weg. Ich bin allein und heute erscheint auch kein Sport- oder Schlauchboot mit erfahrenen Wassersportlern, die mir hätten helfen können. Nur Erwin, ein Offenbacher Arbeiter auf Fahrradtour steht oben auf der Brücke und kommentiert mein immer noch etwas unbeholfenes Gehabe an der Bootsschleuse.

Aber bald ist es geschafft, das Kajak ist fast fünf Meter gesunken und meine Leine hat gereicht. Ich steige ein, winke Erwin und dann geht es weiter in Richtung Bürgel. Das ist mein heutiges Ziel. Wo ich übernachte, weiß ich noch nicht.

Daran denke ich jetzt noch nicht. Stattdessen genieße ich die Natur um mich herum. Eine Entenfamilie kreuzt meinen Weg, Vater Mutter und ein Haufen Küken. Aufgeregt schnattern die Eltern, weil ich ihre Jungen gefährde. Dann wird hektisch geflattert und alles ist wieder gut. Bewundernd beobachte ich, wie flink die Tiere über den Main gleiten, und denke wieder über das Motiv des „Landtiers“ nach. Der Mensch mit seinen bisweilen staksigen Beinen ist im Wasser oft aufgeschmissen. Ohne Technik, ohne Boot, ohne Schwimmweste wird es für uns rasch bedrohlich. Besonders in schwierigen Situationen wünscht man sich festen Boden unter den Füßen. Da der Wetterdienst ein heftiges Gewitter für diesen Tag ankündigt, steht mir eine solche Situation bevor.

Idyllische Region

Herzliches Willkommen bei meiner griechischen »Gastfamilie«. Bild-Zoom
Herzliches Willkommen bei meiner griechischen »Gastfamilie«.
Das Rhein-Main-Gebiet ist vom Main aus gesehen schön. Die Grüntöne, die Enten, mal ein Reiher und recht selten ein Sportboot oder Tanker. „Es ist ein Idyll“, denke ich. Das ist, was das Auge sieht, das Ohr hat einen anderen Eindruck: Von Immergrün zu immer Krach. Flugzeuge, Schnellstraßen, Züge über den Brücken, knatternde Motorsägen und Industrielärm. Nichts davon sehe ich, aber alles ist zu hören. Mir wird bewusst, was ich beinahe vergessen hatte: Es ist das Rhein-Main-Gebiet, durch das ich paddle.

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Die Landschaft verändert sich allmählich, das Grün weicht dem Grau. Mehreren Wagenfähren muss ich ausweichen, eine Industrieanlage breitet sich am gegenüberliegenden Ufer aus und einige hoch frequentierte Trassen sind bald sichtbar. Ich nähere mich Frankfurt.

Plötzlich nehme ich wahr, wie ich fotografiert werde. Am Ufer stehen Anja und Mattho. Die beiden Radfahrer aus Heusenstamm haben mich entdeckt und fanden, ich in meinem türkisfarbenen Kajak sei ein gutes Motiv. Im Schatten der Bäume am Ufer stehen die beiden und rufen: „Ahoi!“

Eigentlich seien sie in Sachen „Geocaching“ unterwegs. Das ist wie eine Art Schnitzeljagd. An bestimmten Orten sind die Caches versteckt, nur im Internet werden die Fundorte veröffentlicht. Geocacher können die Fundstücke sammeln. Später bekomme ich eine Nachricht: „Gefunden!“, schreibt Mattho. Entlang der Klimaroute am Main haben sie an der alten Landungsbrücke bei Mühlheim eine Art Schatz ausgegraben. „Glückwunsch“, denke ich und paddle weiter.

Gewitter naht

Das Seil hat gereicht - meine erste Schleuse, die ich alleine meisterte. Bild-Zoom
Das Seil hat gereicht - meine erste Schleuse, die ich alleine meisterte.
Noch bin ich nicht in Bürgel und das Gewitter kreist in meinen Gedanken. „Mitten auf dem Wasser, mit dem  Metallpaddel in der Hand. Das kann nicht gut sein“, finde ich. Noch hält das Wetter und als ich sorgenvoll an einer Spalier stehenden Ansammlung von Flussvögeln vorübergleite, entdecke ich eine ganz andere Ansammlung.

Mindestens 15 Kinder, eine ganze Horde, spielt am seichten Ufer. Im Halbschatten der Gewächse planschen die Kleinen im Wasser, und als sie mich entdecken, jubeln sie mir zu und winken heftig. Ein schöner Anlass zu pausieren. Ich lenke mein Kajak in die Bucht und kaum bin ich angekommen, werde ich regelrecht überfallen. Bevor ich etwas erklären kann, sitzen mehrere Kinder auf meinem Kajak und begrüßen mich. „Vorsicht“, rufe ich, aber das Boot schaukelt wie wild. Den Kindern aus dem Hort in der Berliner Straße in Maintal ist nicht bewusst, wie sie mir zusetzen. Sicher, ein wenig nass zu werden ist nicht schlimm. Aber meine Ausrüstung sollte nach Möglichkeit nicht untergehen.

Es ist gut gegangen. Ich bin nicht gekentert, bin trocken geblieben und gebe der stellvertretenden Leiterin des Horts, Martina Völker, meine behandschuhte Rechte zur Verabschiedung. Die Kleinen kreischen und freuen sich über mein Gepaddel. „Sehr ordentlich“, sagt ein Junge mit quer gestreiftem und klatschnassem Hemd.

Dann ist es nicht mehr weit. Etwa drei Kilometer weiter erreiche ich einen Steg am linken Ufer. „Bootshaus“, lese ich. Zwei junge Männer erklären mir, dass das kein Bootshaus, sondern ein Restaurant ist. Aber der Ort wirkt einladend, also lande ich und binde das Kajak an. Einer der beiden Männer ist der 26-jährige Yacin aus Offenbach. Zwar wollte er mit seinem Bekannten die Hunde ausführen, aber nun nimmt er sich die Zeit und hilft mir, das Kajak aus dem Wasser zu heben.

 

Griechischer Ouzo

 

Ich hatte die richtige Nase, hier ist es einladend. Der griechische Wirt Konstantinos Bouzmpas (50) erlaubt mir, mein Zelt auf die Wiese vor seinem Restaurant zu werfen. Er gibt mir ein kaltes Getränk, etwas zu essen und heißt mich willkommen. Ein Ouzo darf nicht fehlen. Dann kommt das Gewitter über uns. „Zum Glück bin ich hier gelandet“, finde ich und nicke Konstantinos zu. Am nächsten Tag, dem Mittwoch, geht es mitten durch Frankfurt, da kann ich eine Stärkung bei netten Menschen gebrauchen.

Moritz Eisenach paddelt und FNP.de paddelt selbstverständlich mit. Hier gibt es weitere spannende Geschichten von der Tour: www.fnp.de/eisenach

 

Die Stationen der Paddeltour von Moritz Eisenach, ein Klick vergrößert die Ansicht.

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Die geplante Strecke der Paddeltour.
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Wer kann Moritz Eisenach einen Schlafplatz anbieten? Eine Ecke im Stall, der Garage oder auch nur eine kleine Wiese für die Nacht sind schon hilfreich.

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