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Zu zweit auf dem Fluss

Das Paddel in den Händen, die Nase im Wind und ordentlich Wasser unterm Kajak - so erlebt Zeitungsreporter Moritz Eisenach in diesen Tagen ein abwechslungsreiches Paddel-Abenteuer auf dem Main.
Arbeiter winken von einem Steg unter der A3. Bilder > Arbeiter winken von einem Steg unter der A3.

Innerhalb einer Woche fährt er mit dem Kajak von Seligenstadt nach Mainz und berichtet an dieser Stelle täglich von seinen mitunter aufregenden Erlebnissen und Begegnungen. Am gestrigen Donnerstag, auf seiner vierten Etappe, fuhr der Reporter vom Stadtteil Sindlingen im Frankfurter Westen bis nach Flörsheim - dabei hatte er ausnahmsweise sogar einen Begleiter in seinem Boot.

Fast vergessen hatte ich, wie es sich anfühlt, auf einer weichen Matratze zu schlafen. Meine Abenteuerreise dauert zwar erst wenige Tage, aber mir kommt es vor, als sei ich Meilen von der Zivilisation und Jahre vom letzten Montag entfernt. Daher bin ich fast verwundert, wie gut und fest man schlafen kann. Und komme auch erst etwas später aus den Federn. Ich erwache im Zimmer von Bernd Zürn. Der umtriebige Rentner aus Weilbach hat mich am Vorabend am Steg in Sindlingen abgeholt. Eine kurze Autofahrt später lernte ich seine Frau Uschi kennen, die Chili für uns zubereitete. Nach einer ausgiebigen Dusche, in langen, trockenen Jeans und mit gutem Essen im Magen ist mir wieder der Kontrast zwischen Kultur und Natur in den Sinn gekommen. Kultur, so dachte ich, hat schon ihre Berechtigung.

 

Feines Frühstück

 

Zum Frühstück tischt Uschi mir getoastete Brötchen und frische Marmelade auf. Dazu reicht sie mir heißen Kaffee aus einer feinen Porzellantasse. Ich fühle mich sehr wohl. Fast zu wohl, ich bin schließlich auf einer Abenteuerreise! Als kurz darauf Bernd mit Regenjacke und Handschuhen vor mir steht, wird mir klar: Die Reise ist noch nicht zu Ende. Heute bin ich aber zum Glück nicht allein, denn der 75-Jährige will mich begleiten.

Wir fahren zu Bernds Sohn Stefan und von dort aus zu dritt zum Bootshaus des Hattersheimer Ski- und Paddelclubs (SPC). Bernd leiht sich ein Paddel. Dann geht’s wieder ins Auto und zurück zum Kanuclub KC Kapitän Romer in Sindlingen. Dort habe ich gestern mein Kajak abstellen dürfen.

Paddeln verbindet. Auch Menschen, die nichts mit dem Wassersport zu tun haben. Jemand schreibt mir, dass er Bernd von früher kennt und lässt Grüße ausrichten. Der Vorsitzende des KC Kapitän Romer, Detlef Beyer, war früher Bernds Schüler in der Berufsfachschule. Und als wir am Sindlinger KC stehen, kommt plötzlich Karlheinz Tratt auf seinem tuckernden Moped angefahren. Er kennt Bernd aus der gemeinsamen Schulzeit vor mehr als 60 Jahren. „Der 38er war ein guter Jahrgang“, sind sich beide sicher. Sie haben sich seit Jahrzehnten nicht gesehen, Karlheinz hat in der FNP von meiner Paddelreise gelesen und ist auf Verdacht gekommen, um seinen alten Schulkameraden zu treffen. Es hat geklappt, Paddeln verbindet.

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Auf dem Wasser kommt mein Zweier-Kajak zu seiner Bestimmung. Wir sitzen zu zweit drin. Vorne nehme ich Platz. „Du bist der Schlagmann“, erklärt Bernd. „Der gibt den Takt vor.“ Und hinten sitze der, der die Arbeit macht. Wir lachen und paddeln los. Das ist ein neues Gefühl für mich. Zwar geht es schneller, weil wir mit doppelter Kraft paddeln, aber es bedarf auch einer gewissen Abstimmung. Anfangs klappt es nicht so recht, besonders das zusätzliche, mit den Füßen zu steuernde Ruder macht Bernd etwas schaffen. Aber schon bald fahren wir zügig über den Main. Das Wasser liegt ruhig vor uns, diesig hängen Wolken darüber. Es droht zu regnen, aber noch bleibt es von oben trocken.

 

Gemächliches Gleiten

 

Diese vierte Etappe meiner Reise führt von Sindlingen nach Flörsheim. „Eigentlich keine Strecke“, findet der erfahrene Paddler Bernd. Aber nach meiner gestrigen „Ochsentour“ bin ich recht froh über etwas Entspannung. Wir können gemächlich gleiten und die Ufer betrachten. Bernd ist in den 1940er Jahren in Okriftel aufgewachsen und kennt hier jeden Winkel. Seine Erzählungen sind für mich wie eine Zeitreise. Als wir an einem unscheinbaren Steinwall vorbeikommen, den ich kaum beachte, erklärt Bernd: „Das war früher eine Nadelschleuse.“ Auf Floßen wurden hier Baumstämme „getreidelt“, führt er aus. Von Menschen oder Tieren über das Wasser gezogen.

An einer mit Holz und Stahl befestigten Ufermauer, einer „Spundwand“, wie Bernd weiß, liegt ein Frachtschiff und entlädt Stahl. Mir wird erklärt, wie die Abrechnung anhand des außen am Schiff aufgebrachten Eichstrichs funktioniert. „Wie tief das Boot liegt, erkennt man am Eichstrich“, sagt Bernd. Dann werde umgerechnet, wie viel Gewicht ge- oder entladen wurde und wie viel das kostet.

Bernd kennt nicht nur die Schifffahrt, sondern auch die Menschen. Den früheren Okriftler Fährmann Heini nennt er „ein Original. Den kannte hier jeder.“ Er habe die damals noch handbetriebene Fähre bestens gelenkt, obwohl er nur einen Arm hatte. Gleichzeitig sei er ein Wirt gewesen und habe immer am Fenster seiner Gaststätte gewartet, bis jemand gekommen sei und gerufen habe: „Heini, hol“ über!“ Der Fährmann ist inzwischen verstorben, Bernd scheint ihn zu vermissen, als er von ihm erzählt.

 

Unheimliche Schleuse

 

Während Bernd so in seiner Jugend schwelgt, erreichen wir die Schleuse in Eddersheim. „Lass uns umtragen“, schlägt mein Begleiter vor. „Auf keinen Fall“, denke ich in dem Bewusstsein, welche Plackerei das am vorherigen Tag war. Ich schlage vor, die Bootsschleuse erst mal genauer zu betrachten. Bernd, der naturverbundene BUND-Helfer, der mir vorher erzählt hat, wie der Eisvogel nistet, der jeden Baum benennen kann und der mich foppt, weil ich großen Respekt vor den höheren Wellen habe, wird immer ruhiger, je näher wir der Schleuse kommen. Dort stehen wir alsbald an dem Bedienkasten und Bernd gesteht: „Mir sind die Schleusen ganz schön unheimlich.“ Wir drücken den Knopf für das untere Tor.

Später, während wir das Boot vom Ufer aus und mit der Leine um den recht unpraktisch angelegten Kai kurven, rutscht Bernd am steilen Hang aus und verletzt sich am Schienbein. „Halb so wild“, meint er und setzt sich ins Kajak. Später paddeln wir unter der A3 hindurch und entdecken drei Arbeiter. „Wir prüfen, ob die Brücke in Ordnung ist“, ruft einer hinunter.

Unsere Reise ist in den letzten Zügen, das Etappenziel liegt etwa zwei Kilometer vor uns. Dort angekommen landen wir, nicht ohne dass Bernd mir etwas erklärt: „Mit dem Bug gegen die Strömung. Das wird immer so gemacht.“ Wenn die Strömung stark ist, könne man sich ihr so besser erwehren.

 

Herzliches Willkommen

 

Am Bootshaus des Flörsheimer Rudervereins 08 treffen wir Heinz-Günter Ruppert, den zweiten Vorsitzenden. „Herzlich Willkommen“, sagt er lachend und bittet uns in sein Reich. Ich darf mein Kajak abstellen und im Vereinsraum auf einem Feldbett schlafen. „Mach es dir bequem“, sagt Ruppert und zeigt mir den Raum. „Nach unserem Rudertraining sitzen wir hier noch gemütlich zusammen. Wir würden uns freuen, wenn du dabei wärst.“ Für den nächsten Morgen verspricht er mir ein Frühstück.

Später, im Feldbett, freue ich mich über den unproblematischen, lehrreichen Tag. „Nur noch eine Etappe“, denke ich wehmütig. Dann übermannt mich der Schlaf.

 

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