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Der hessische Landfriede

Von Nun haben auch in Hessen Schwarz-Grün die Schranken überwunden und sind bereit für eine Koalition. Chefredakteur Rainer M. Gefeller gratuliert dazu.
Rainer M. Gefeller Rainer M. Gefeller
Plötzlich hat die Hasskappe ausgedient. Der gerade in Hessen so beliebte Kopfschmuck mag in irgendwelchen Kellern verschimmeln; gebraucht hat das Land das Dauerscharmützel der hiesigen Landespolitik, gerne jenseits von Geschmacksgrenzen, sowieso schon lange nicht. Auch wenn CDU und Grüne derzeit äußerst bemüht sind, ihre anstehende Vermählung als „Zweckehe“ und Bündnis auf Zeit herunterzuspielen – nirgends sonst in der Republik ist der Schritt zu Schwarz-Grün dramatischer und im Wortsinn bahnbrechender als gerade hier.

Ein kleiner Moment der Erinnerung ist schon vonnöten. Während in vielen Regionen Deutschlands, in großen Städten allemal, die politischen Konkurrenten schon seit Jahren gemeinsames Paktieren jedenfalls nicht ausgeschlossen haben, herrschte in der hessischen Landespolitik bis in die letzten Stunden des zurückliegenden Wahlkampfs offene Feindschaft. Für die Schwarzen waren die Grünen unzuverlässige, verantwortungslose, linksradikale Schnellredner. Für die Grünen waren die Schwarzen rückwärtsgewandte, machtbesessene, von der Wirtschaft gelenkte Polit-Trickser. Wenn das nicht eine prächtige Voraussetzung für eine gedeihliche Ehe ist!

Hessens Landespolitiker haben sich über Jahrzehnte in ihren Schützengräben eingerichtet. Wenn sie jetzt, übrigens schon während der äußerst konstruktiven Sondierungsgespräche, aufs freie Feld treten und die Erzfeinde irgendwie ein bisschen liebhaben sollen, dann mag das manchen Bauchschmerzen bereiten. Nicht zuletzt deswegen spielen Bouffier und Al-Wazir ihre Bündnis-Gespräche so energisch herunter. Dabei sollten sie sich gegenseitig beglückwünschen; wir jedenfalls wollen es tun: Willkommen in der Wirklichkeit!

Schwarze und Grüne haben sich auf einen Weg gemacht, den die Gesellschaft längst gegangen ist. Schwarz, Grün, Rot – das sind Farben, mit denen früher mal eine Lager-Zugehörigkeit eindeutig feststellbar war. Heute ist alles verblasst, links und rechts sind verwaschen; in der gesellschaftlichen Wahrnehmung spielen die Unterschiede kaum noch eine Rolle. Die CDU ist auch ein bisschen sozialdemokratisch, die Grünen weiden die Rest-Überzeugungen der FDP aus, die SPD ringt noch mit sich selbst, ist aber wirtschaftsfreundlicher, als der Lafontaine erlaubt.

Volker Bouffier. Foto: dpa
Flughafen: Bouffier ist kompromissbereit

Die Frage um den Ausbau des Frankfurter Flughafens sorgt bei den schwarz-grünen Koalitionsverhandlungen für Zündstoff. Vor dem Start der Verhandlungen in Wiesbaden geht Volker Bouffier nun einen Schritt auf die Grünen zu.

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Die wahre Sensation ist, dass die schwarz-grüne Kumpanei ausgerechnet in Hessen möglich ist. Zu verdanken hat die CDU das vor allem Volker Bouffier. Der hat die Stahl-Fraktion des Roland Koch allein durch konsequenten Verzicht auf verbale Schärfen überwunden. Das hat ihm sogar in den eigenen Reihen den Ruf eingetragen, lediglich Hessens oberster Grüßonkel zu sein – jetzt allerdings hat es ihm ermöglicht, das offenkundig auf Gegenseitigkeit beruhende Missbehagen gegenüber dem Grünen-Chef abzustreifen und das vorher Undenkbare zu denken. Der jähe Schwenk mutet den so lange auf Krawall gebürsteten Parteien allerlei zu. Dieser Kulturbruch kann dennoch gelingen, weil die Spitzen-Verhandler offenkundig entschlossen sind, tatsächlich Rücksicht zu nehmen auf die Schmerzgrenzen der anderen.

Schwarz-Grün ist mehr als ein regionales Experiment. Für beide Parteien ist es auch eine Machtoption auf Bundesebene. Die alten Lager zerbrechen; Schwarz-Gelb und Rot-Grün können sich schon deshalb nicht mehr zur Pflichtehe bekennen, weil man ja nie weiß, was bei Wahlen herauskommt. Ob also Bouffier und Al-Wazir wollen oder nicht: Sie sind Pioniere der deutschen Politik. Der hessische Landfriede ist ein Modell für Deutschland.

chefredaktion@fnp.de
 

Sie trauen sich: Grünen-Chef Tarek Al-Wazir (l.) und Ministerpräsident Volker Bouffier von der CDU. Foto: dpa
Grüne sagen Ja zur CDU

51 zu 6 – das war ein klares Votum: Die hessischen Grünen sagten am Samstag in Frankfurt Ja zu Schwarz-Grün. Das neue Bündnis will bereits heute Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Die FDP hat sich unterdessen auf einem Parteitag in Gießen auf die neue Oppositionsrolle eingestellt.

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