Frankfurter Neue Presse, Special: Der S&K-Skandal
Meine Nachbarn, die Millionenbetrüger
von Mirco Overländer
Beobachtungen zu einem Finanzkrimi
Stellen Sie sich vor, Ihre Nachbarn sind millionenschwere Fondsmanager mit einer Vorliebe für schnelle Autos, leichtbekleidete Frauen und glamouröse Partys. Doch plötzlich wird die Fassade des Wohlstands durch eine Großrazzia zu Fall gebracht. Rauskommt dabei: Die Nachbarn sollen ein Multi-Millionen-Schneeballsystem erstellt haben.
Frankfurt. 

Schön ruhig wohnt es sich am unteren Ende der Sachsenhäuser Kennedyallee. So schön, dass Jonas Köller und Stephan Schäfer, die Chefs der S&K-Holding, vor einigen Jahren in der Jugendstilvilla mit der Hausnummer 123 ihr Hauptquartier installierten und von hier aus bis zur Großrazzia vor zwei Tagen ihre hochriskanten Immobilienspekulationen im dreistelligen Millionenbereich steuerten.

Irrsinnig teure Sportwagen, die tags wie nachts mit quietschenden Reifen durch die schmale Waidmannstraße heizten, rücksichtslos auf dem Gehweg geparkte PS-Boliden mit dem Kennzeichen F- SK gehörten ebenso zum äußeren Erscheinungsbild wie ein prächtiger Dobermann mit kupiertem Schwanz, der seinen gesamten "Arbeitstag" im Vorgarten der Villa verbrachte und jeden Passanten aggressiv verbellte, was für viel Unmut in der Nachbarschaft sorgte.

Buddha steht im Garten

Ein Spätsommerabend im September 2012: Inzwischen ziert nicht nur der Dobermann, sondern auch eine überlebensgroße Buddha-Statue den Garten der prunkvollen Jugenstilvilla. In Anbetracht dieser extravaganten Außendarstellung kommt man als genervter Nachbar und neugieriger Journalist zwangsläufig auf die Idee, die betuchten Nachbarn auf ihren Lebenswandel und vor allem den stets kläffenden Hund anzusprechen. Man staunt erst einmal nicht schlecht über das monströse Klingelschild, auf dem mehrere Dutzend Firmen sowie der "Hauptmieter" S&K Holding stehen.

Ruppiger Umgangston

Nach mehrmaligem Klingeln erscheint – nicht der Besitzer von Hund und Haus – sondern dessen stämmig gebauter, im rosa Businesshemd gekleideter osteuropäischer "Sicherheitsbeauftragter". Der Herr fackelt nicht lange und verlangt, dass das Grundstück, auf dem man gar nicht steht, unverzüglich verlassen wird: "Hund bleibt, Du gehst!" Sonst gibt’s Ärger. Auch ein herbeieilender Polizist kann den Herrn im rosa Hemd nicht beschwichtigen und wendet sich letztlich von der Szene ab. Seltsame Nachbarn, denkt man da.

Nebenan residiert seit zwei Jahren das türkische Generalkonsulat. Die hierfür zuständigen Objektschützer bewachen das Konsulat und die nähere Umgebung wochen-, sonn- und feiertags rund um die Uhr. Auch die Villa in der Kennedyallee 123 wird mehrmals täglich abgeschritten. Auf die Frage, weshalb niemand gegen die falsch parkenden Autos mit dem Kennzeichen F-SK vorgeht, entgegnet der Beamte sinngemäß, "die Herren haben so viel Geld, denen sind Strafzettel doch egal", und stellt widerwillig ein Knöllchen aus.

Die mit diesem Vorwissen gestartete Internetrecherche bringt gar Erstaunliches zutage. Während die S&K Holding auf ihrer eigenen Website voller Stolz verkündet, dass man Jahr für Jahr mehrstellige Millionengewinne einfahre und das eigene Immobilien-Portfolio auf stattliche 1,7 Milliarden Euro taxiert wird, gibt es eine Vielzahl an Websites und Wirtschafts-Recherche-Plattformen, auf denen die Herren Schäfer und Köller in weitaus weniger schmeichelhaften, gar zwielichtigen Posen abgebildet sind.

Es findet sich auch ein vorgebliches Schreiben der Sparkasse Miltenberg, in dem die Eltern von Jonas Köller darüber informiert werden, dass die Bank aufgrund der intransparenten Kontoführung ihres Sohnes mit sofortiger Wirkung sämtliche Geschäftsbeziehungen zur gesamten Familie einstellt. Auf Nachfrage beim zuständigen Sparkassen-Sprecher wird die Echtheit des Schreibens weder dementiert noch bestätigt. Unter der Hand heißt es jedoch, man sei auf dem richtigen Weg und müsse lediglich tief genug graben.

Alles bloß üble Nachrede?

Tatsächlich finden sich im Internet viele weitere brisante Details und Hintergrundinformationen zur steilen Erfolgsgeschichte des ominösen Investoren-Duos und dessen Mitstreitern: Jonas Köller bewohnt heute eine Luxusvilla in Erlenbach bei Aschaffenburg. Sein Motto ließ er in Stein meißeln. Er ließ sich davor fotografieren. Das Motto lautet: "Get rich or die tryin’" (Werde reich oder sterbe bei dem Versuch), schrieb das Online-Finanzportal Gomopa am 31. Juli 2012. Demnach wurde Köllers "jüngerer Bruder L. (21), von dem kein Berufsabschluss bekannt ist, plötzlich Geschäftsführer einer Playboy Mansion GmbH und drei weiterer Firmen und soll ein Gehalt von 25 000 Euro im Monat aus den Geschäftsführerposten der Firmen beziehen, die noch gar keine Bilanz vorweisen können". Zudem dürfe L. "einen Aston Martin für rund 200 000 Euro" fahren.

Starker Tobak für ein Unternehmen, dass seinen Anlegern auch nach Ausbruch der Immobilienkrise zwölf Prozent Zinsen jährlich – und zwar mindestens – sicher verspricht, zugleich jedoch so wahnsinnig schnell und auf so intransparente Weise expandiert, dass außer den S&K-Chefs niemand weiß, was mit all den Millionen geschieht, die bis zuletzt von arglosen Anlegern eingeworben werden.

Neben dem Online-Enthüllungsportal Gomopa war vor allem der Hamburger Bilanzprüfer Stephan Appel bemüht, Licht ins Dunkel des undurchsichtigen Unternehmensgeflechts zu bringen. "Das Geld der Investoren fließt prospektgemäß direkt auf das "Einzahlungskonto der Fondsgesellschaft". "Ab diesem Zeitpunkt unterliegt es keiner externen Kontrolle", warnt Appel in seinem auf den 4. Juni 2012 datierten und im Internet frei zugänglichen Analyse-Ansatz.

Appel kommt zu dem Fazit, wonach die S&K binnen vier bis fünf Jahren 300 Prozent Gesamtrendite erwirtschaften müsste, um sowohl den Anlegern ihren Jahreszins in Höhe von 12,5 Prozent auszahlen zu können als auch den aggressiven Expansionskurs weiterzuverfolgen: "Nehmen wir an, dass nach allen Kosten und einigen Fehlinvestitionen die Hälfte des anlegerseits eingezahlten Geldes tatsächlich in erfolgreichen Immobilieninvestitionen steckt. Aus 100 Millionen Euro Einsatz müssten daher stolze 300 Millionen Euro gemacht werden, damit das System funktioniert. Nach unserer Erfahrung schaffen das in Deutschland keine Handvoll Profis, die ihre Leistungsfähigkeit zuvor über Jahrzehnte erarbeitet und bewiesen haben", warnt Stephan Appel in seinem Dossier.

Während man die S&K-Macher in den Vorjahren nur selten außerhalb ihres Hauses beobachten konnte, trat ab Anfang 2013 eine bemerkenswerte Verhaltensänderung zutage. In jüngster Zeit stand Stephan Schäfer immer häufiger telefonierend und hektisch gestikulierend vor seinem Anwesen. Es wirkte fast, als fürchte er, von seinen Mitarbeitern belauscht zu werden. Ahnte er, dass schon bald die Ermittler der Staatsanwaltschaft mit 1200 Beamten vor seiner Haustür und den Büros des Hamburger Geschäftspartners Emissionshaus United Investors stehen würden?

Ermittler sind optimistisch

Laut Doris Möller-Scheu, Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, habe sich der Großeinsatz ausgezahlt: "Wir haben Sachwerte und Bargeld im Wert von 2,5 Millionen Euro und mehrere teure Sportwagen sowie Schmuck beschlagnahmt." Zudem habe man Konten eingefroren und auf Grundstücke zugegriffen. Insgesamt wolle man 105 Millionen Euro sichern, um den entstandenen Schaden für Anleger auszugleichen, so die Oberstaatsanwältin. Es seien auch Geldsäcke mit Euromünzen sichergestellt worden. "Einer der Festgenommenen hat offenbar in seiner Aschaffenburger Wohnung wie Dagobert Duck im Geld gebadet", so Möller-Scheu.
Artikel vom 21.02.2013, 13:11 Uhr (letzte Änderung 11.04.2013, 18:20 Uhr)
Artikel: http://www.fnp.de/rhein-main/sk-skandal/Meine-Nachbarn-die-Millionenbetrueger;art3645,40150