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Die Olympiade des kleinen Mannes

Idrottsmärke ist ein Begriff, den hierzulande kaum jemand kennen dürfte. Und wer weiß, ob der Deutsche Sportfunktionär Carl Diem die „Idrottsmärke“
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Idrottsmärke ist ein Begriff, den hierzulande kaum jemand kennen dürfte. Und wer weiß, ob der Deutsche Sportfunktionär Carl Diem die „Idrottsmärke“ je kennengelernt hätte, wenn die Olympischen Spiele 1912 nicht in Stockholm stattgefunden hätten. Die Spiele gaben ihm Anlass zu mehreren Reisen nach Schweden, und dort gab es die „Idrottsmärke“ seit 1907. Es handelte sich, wie Diem später schrieb, um „eine öffentliche Auszeichnung für die allgemeine Körpertüchtigkeit“ - und dieser Gedanke gefiel ihm ausnehmend gut.

Schnell kam ihm die Idee, so etwas auch für Deutschland zu übernehmen. Zweites Vorbild war ein 1904 eingeführtes Mehrkampfabzeichen für Schüler in New York. Das Interesse der Deutschen an derartigen Auszeichnungen war groß, auch weil 1916 die Olympischen Spiele - wozu es bekanntlich wegen des Ersten Weltkrieges nicht kam - in Berlin stattfinden sollten. Und so beschloss die Hauptversammlung des Deutschen Reichsausschusses für die Olympischen Spiele im November 1912 die Einführung der „Auszeichnung für vielfältige Leistung auf dem Gebiet der Leibesübung“ - quasi die „Olympiade des kleinen Mannes“.

Der Begriff Sportabzeichen wurde vermieden, um die Turner nicht zu verärgern. Die nämlich hatten sich mit dem ganzen Projekt gar nicht anfreunden können. Die Turnerschaft lehnte Ehrenpreise außer dem Eichenkranz zu der Zeit grundsätzlich ab. Und außerdem war aus ihrer Sicht das Turnen bei den Leistungsanforderungen nicht ausreichend repräsentiert. Aufhalten ließ sich der Reichsausschuss durch die Bedenken aber nicht.

Am 7. September 1913 wurden die ersten 22 Auszeichnungen in Berlin vergeben, eine davon an Carl Diem selbst. Ausgestellt wurden die Urkunden auf den 1. September, um den Sieg Deutschlands über Frankreich in der Schlacht bei Sedan an diesem Datum hervorzuheben.

An die Frauen wurde damals aber noch nicht gedacht. Erst im Januar 1921 wurde das Abzeichen, nach langen Diskussionen, auch für Sportlerinnen eingeführt. Im April 1921 bekam es Adele Schacke vom Schwimm-Verein Göttingen als erste Frau. Zuvor war der Name in Deutsches Turn- und Sportabzeichen geändert worden. 1925 kam das Reichsjugendabzeichen für Jungen, für die Mädchen wurde es 1927 nachgezogen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Sport schnell Konjunktur, die Menschen wollten sich bewegen und dabei ein Stück weit vom Alltag abschalten. Carl Diem brachte das Sportabzeichen Ende 1946 wieder ins Gespräch. Zunächst führten es einige Landessportverbände wieder ein, erst im Mai 1951 wurde es bundeseinheitlich geregelt.

Den ärmlichen Verhältnissen der Nachkriegszeit entsprechend musste oftmals improvisiert werden - bekannt sind Stabhochspringer, die mit Bambusstangen übten. Und noch im Jahr 1958 lief eine 18-Jährige die 2000 Meter barfuß auf der Landstraße.

Die nachfolgenden Jahrzehnte waren geprägt von den Bemühungen, das Sportabzeichen populärer zu machen. Ab 1953 konnten die Prüfungen im Schulsport abgenommen werden, seit Mai 1954 kann das Sportabzeichen auch im Ausland erworben werden. Zunächst gab es Prüflizenzen in Korea, Italien, Chile, Spanien, Südafrika, Argentinien und Südwestafrika. Heute werden jährlich zwischen 8000 und 10 000 Sportabzeichen im Ausland vergeben.

Im Juni 1956 bekam die Bundeswehr die Prüfberechtigung in Selbstverantwortung. Fortan wurde es von jedem Offiziersanwärter als zwingende Aufnahmebedingung verlangt. Zwei Jahre später wurde das Sportabzeichen zur einzigen gesetzlich anerkannten und geschützten Sportauszeichnung, es gilt damit als Orden. 1961 wurden Bedingungen für Menschen mit Behinderungen eingeführt.

Dass all diese Bemühungen erfolgreich waren, zeigt die Statistik. 1955 wurden 36 900 Sportabzeichen vergeben, 1965 waren es 148 000, 1975 schon 434 000 und 1985 dann 704 000. Im Mai 1985 wurde das Sportabzeichen zum zehnmillionsten Mal seit der Einführung verliehen, es ging an eine sechsfache Mutter aus Bergkamen. 2008 stieg die jährliche Zahl der Absolventen erstmals auf über eine Million.

Einen gewissen Dämpfer erhielt das Sportabzeichen Anfang der neunziger Jahre durch kommerzielle Anbieter und durch den Trend zum Individualsport - Joggen, Skaten, Radfahren. Aber der Deutsche Sport reagierte auf die Entwicklung und integrierte im Jahr 2000 auch zwei Übungen für Inline-Skater. Gleichzeitig setzte sich die Entwicklung fort, das Sportabzeichen weniger in der Gruppe zu erwerben, also im Verein, in der Schule, bei der Bundeswehr, sondern eher alleine.

Zum 100. Geburtstag wurde 2013 dem Sportabzeichen neuer Schwung verliehen: Jetzt gibt es die Auszeichnung in Bronze, Silber und Gold, so dass sichtbarer wird, wer die sportliche Herausforderung besser bewältigt hat. Das Mindestalter wurde auf sechs Jahre herabgesetzt, die obersten Altersklassen wurden stärker differenziert. Umgekehrt wurden die Disziplingruppen auf vier reduziert, orientiert an den Grundfertigkeiten Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Koordination. Antiquierte Disziplinen wie Gepäckmarsch, den es in den Anfangsjahren des Abzeichens gab, gibt es lange nicht mehr.

(Manfred Becht)
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