Lade Login-Box.
E-Paper Abo & Service Immo Stellen Trauer

Er will unbedingt Gold

Das Deutsche Sportabzeichen wird dieses Jahr 100 Jahre alt. Ein guter Grund darüber zu berichten - und zwar über einen Selbstversuch. FNP-Reporter Karlheinz G. Niess stellte sich der Herausforderung und probierte aus, wie schwierig oder leicht es ist, das Abzeichen zu erlangen.
Trotz Drehtechnik und zusammengebissener Zähne wollte die Kugel nicht so weit fliegen, wie Niess sich das gewünscht hatte.	Fotos: Klaus Braungart Bilder > Trotz Drehtechnik und zusammengebissener Zähne wollte die Kugel nicht so weit fliegen, wie Niess sich das gewünscht hatte. Fotos: Klaus Braungart
Kelsterbach. 

„Kein Problem!“, denke ich. Immerhin habe ich mal Leichtathletik trainiert. Nach einem Blick auf die Broschüre des Deutschen Olympischen Sport Bundes sehe ich voller Zuversicht der Abnahme des Sportabzeichens entgegen. So dramatisch hören sich die geforderten Leistungen nämlich gar nicht an.

Ich nehme Kontakt mit Christine Gnida auf. Sie ist so etwas wie die Chefin des Sportabzeichens in Kelsterbach. „Kommen Sie einfach am Dienstag um 18 Uhr in den Sportpark“, sagte sie, offensichtlich erfreut, einen weiteren Sportler gefunden zu haben. Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Sportabzeichen. Es wurde in diesem Jahr geändert, erklärte Gnida. Während es früher immer mit Bronze begann - Silber und Gold war dann erst in den Folgejahren möglich, hängt es jetzt einfach von den Leistungen ab, die der Sportler erbringt. Und auch diese sind anders aufgeteilt. Es gibt vier Gruppen: Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit und Koordination. Diese wiederum sind in verschiedene Disziplinen unterteilt. Bei der Ausdauer fällt meine Wahl auf 3000 Meter Laufen. In meiner Altersklasse, 50 bis 54 Jahre, muss ich die Strecke in 23 Minuten und 20 Sekunden laufen, um Bronze zu schaffen. Aber eigentlich ist mein Ziel Gold - also 17 Minuten. Die 10 Kilometer sind mir zu lang, ich war immer Sprinter. 7,5 Kilometer Walking mag ich genauso wenig wie 20 Kilometer Radfahren. Und 400 Schwimmen - ach nö, ich bin lieber auf dem Trockenen. Allerdings komme ich um das Schwimmen nicht ganz herum, wie sich noch zeigen sollte.

 

* * *

 

Bei der Rubrik Kraft soll mich das Kugelstoßen zum goldenen Sportabzeichen bringen. Zur Wahl stehen noch Medizinball (eher was für Mädchen), Steinstoßen (mehr für die Schotten), Standweitsprung (haben in der Schule immer die gemacht, die Weitsprung nicht konnten) und Geräteturnen (Turnen? - Nein danke).

Bei Schnelligkeit ist sofort klar, ich laufe die Kurzstrecke. Da war ich früher schon immer sehr gut. Nachdem ich gerade in die Altersgruppe über 50 gerutscht bin, brauche ich auch nur 50 Meter zu sprinten - das dürfte ja kein Problem sein. 25 Meter Schwimmen oder 200 Meter Radfahren schieden für mich wieder aus, ebenso wie das Turnen (siehe oben).

Eine große Auswahl gibt es beim letzten Block, der Koordination. Hoch- und Weitsprung, von 55 Jahren an gibt es alternativ den Zonenweitsprung, Schleuderballwurf, Seilspringen und wieder Turnen stehen zur Auswahl. Alles in allem kein Problem, denke ich und bin am Dienstag pünktlich im Sportpark.

„Am besten, Sie laufen sich erst einmal zwei Runden warm“, begrüßte mich Christine Gnida beim Training. Also mache ich mich auf den Weg, immerhin 800 Meter. Von meinem Plan, das Sportabzeichen gleich abzulegen, scheint sie nicht viel zu halten. Eigentlich sollte ich erst einmal die Disziplinen trainieren. Der Sinn des Sportabzeichens sei ja, die Menschen dazu zu bringen, das ganze Jahr Sport zu machen.

Irgendwie waren die Bahnen früher kürzer, denke ich bei der zweiten Runde und überlege, wann ich das letzte Mal um einen Sportplatz gejoggt bin. Das muss im 20. Jahrhundert gewesen sein, irgendwann in den 1990er Jahren. Vielleicht hat Christine Gnida doch recht. Gut aufgewärmt und etwas außer Atem mache ich mich auf den Weg zur Kugelstoßanlage. Mittlerweile sind noch einige Sportler aller Altersklassen eingetroffen. Ein paar davon sind seit Jahren beim Sportabzeichen dabei, andere kommen das erste Mal.

„Ihr werdet gleich staunen“, denke ich voller Zuversicht. Während die meisten ohne viel Technik die Kugel aus dem Stand stoßen, plane ich mit der alten Drehtechnik die Kugel mindestens bis an den Horizont zu jagen. Woran es genau liegt, ist schwer zu sagen, aber die Kugel fliegt nicht ganz so, wie ich es geplant hatte. Irgendwie klatscht sie zu früh auf den Boden. „Wir können auch den Medizinball nehmen“, schlägt Gnida vor. Vermutlich will sie mich damit nur motivieren - oder ärgern. Immerhin fliegt die Kugel dann doch noch auf 6,60 Meter - für Bronze reicht das.

 

* * *

 

Nicht so schlimm, beruhige ich mich. Kugelstoßen war nie meine stärkste Disziplin. Aber im Weitsprung war ich eigentlich immer ganz gut. Während Christine Gnida den Sand gerade zieht, bereite ich mich vor. Den Anlaufpunkt markieren, wegen des passenden Absprungs, lange Trainingshose aus, wegen des Tempos. Der erste Anlauf - verdammt, bin ich früher wirklich so lange gerannt? Kurz vor dem Absprungpunkt wird der Sauerstoff langsam knapp und die Oberschenkel brennen. Den nächsten Anlauf mache ich lieber nur halb so lang. Erneuter Versuch - ich sprinte los. Aber auch diesmal passt das alles nicht so, vor dem Absprung trippele ich. Entsprechend mau ist die Weite. Also noch einmal - mit aller Kraft laufe ich los, als ein heftiger Schmerz meinen linken Oberschenkel durchfährt. Der Sprung war - na ja, immerhin der weiteste. Dafür humpele ich jetzt. Eigentlich wollte ich heute alles machen, das wird wohl nichts. Gnida schlägt vor, aufzuhören. Aber so darf es nicht enden. Trotz Zerrung ruht meine Hoffnung auf dem Hochsprung. In meiner aktiven Zeit war es die Paradedisziplin. Und 1,25 Meter, so hoch muss ich für Gold hinaus, sprang ich früher aus dem Stand. Wobei früher in diesem Fall die späten 1970er Jahre waren.

 

* * *

 

Ich beginne mit 1,20 Meter und vielen Problemen. Im dritten Versuch bleibt die Latte endlich liegen. Jetzt gilt es - 1,25 Meter. Angefeuert von den anderen Sportlern wage ich mich an die Höhe, über die ich früher nur gelächelt habe. Was ganz gut klappt, ist die Vorbereitung - zumindest optisch. Ich stehe da wie vor einem Weltrekordversuch, sehr konzentriert. Der Anlauf ist wohl auch ganz in Ordnung. Nur mit dem Springen, das ging früher irgendwie besser. Aber beim dritten Mal ist es geschafft. Die Latte wackelt noch eine Zeit, bleibt dann aber doch liegen. Ich habe es geschafft - Gold im Hochsprung. So ungefähr dürften sich Olympiasieger fühlen.

Sprint und 3000 Meter Laufen muss ich aber sein lassen. Die Zerrung ist schlimmer als ich dachte. Dafür humpele ich noch ins Sport- und Wellnessbad. Für das Sportabzeichen brauche ich einen Nachweis, dass ich schwimmen kann. Dafür soll ich 200 Meter in weniger als elf Minuten im Wasser zurücklegen - ohne Pause! Nach sieben Minuten und ein paar Sekunden ist es geschafft. Nachdem ich erschöpft, aber ohne fremde Hilfe, aus dem Becken geklettert bin, bekomme ich meinen Stempel. Stolz humpele ich zu meinem Auto. Bis nächsten Dienstag muss ich die Zerrung in den Griff bekommen. Dann wird gelaufen. Noch habe ich eine Chance auf das goldene Sportabzeichen.

Zur Startseite Mehr aus 100 Jahre Sportabzeichen

BITTE BEACHTEN SIE: Unser Angebot dient lediglich Ihrer persönlichen Information. Kopieren und/oder Weitergabe sind nicht gestattet. Hier finden Sie Informationen zur Verwendung von Artikeln. Quellen: Mit Material von dpa, afp, kna, AP, SID und Reuters

Archiv ThemenMediadatenKontaktImpressumDatenschutzRSS

© 2017 Frankfurter Neue Presse