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Unter Schmerzen zum Goldabzeichen

FNP-Reporter Karlheinz G. Niess geht in seinem Selbstversuch, das Sportabzeichen zu erlangen, in die zweite Runde und an seine Grenzen. Denn: Es soll ja nicht irgendein Sportabzeichen sein, sondern auf jeden Fall das goldene.
Hoch hinaus ging es beim Standweitsprung, bei dem Niess 1,96 Meter schaffte. Bilder > Hoch hinaus ging es beim Standweitsprung, bei dem Niess 1,96 Meter schaffte.
Kelsterbach. 

Eine Woche lang hatte ich Zeit, um die Zerrung in meinem linken Oberschenkel in den Griff zu bekommen, sieben Tage, um mich mental auf die noch zu erwartenden sportlichen Höchstleistungen vorzubereiten und um den höllischen Muskelkater wieder los zu werden. Irgendwie hatte ich den verwegenen Gedanken entwickelt, zum 100. Geburtstag des Deutschen Sportabzeichens auch mal wieder sportlich aktiv zu werden. Nach dem ersten Tag hatte ich allerdings das Gefühl, dass ich das letzte Mal Sport getrieben hatte, als das Sportabzeichen gerade geschaffen wurde.

Wie bereits berichtet, lief nicht alles so wie geplant. Vor allem das Kugelstoßen war wegen der ziemlich gegen mich arbeitenden Schwerkraft etwas ernüchternd - die Kugel fiel eindeutig zu schnell herunter. Vielleicht hatte Christine Gnida, die sowohl für den Kreis Groß-Gerau als auch für Kelsterbach die Oberaufsicht über das Deutsche Sportabzeichen hat, doch recht. „Sinn macht das eigentlich nur, wenn man erst einmal ein wenig trainiert“, hatte sie mir vor meinem ersten Wettkampftag erklärt. Dazu gebe es jeden Dienstag Gelegenheit, sagte sie. Aber noch hatte ich die Chance auf Gold.

Sieben Tage lang studierte ich das Faltblatt, in dem die einzelnen Disziplinen und die geforderten Leistungen aufgeführt waren. Meist machte ich das, während ich wartete, dass die verschiedenen Heilsalben ihre Wirkung bei meinen lädierten Muskeln entfalteten. Und jetzt ist es so weit. Es ist wieder Dienstag, 18 Uhr und ich bin im Kelsterbacher Sportpark. Los geht es mit dem 3000-Meter-Lauf. Ich würde ja lieber erst die 50 Meter Sprint hinter mich bringen. Wer weiß, ob ich nach den drei Kilometern überhaupt noch die Sprintstrecke schaffe. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich die Langstrecke schaffe. Schließlich war ich in meiner aktiven Zeit Sprinter. Alles was länger als 400 Meter war lehnte ich ab. „Es gibt Busse, Autos und Taxis - wozu soll ich so weit laufen?“, war mein Standardargument. Doch jetzt führt kein Weg daran vorbei. Und nach dem ersten Tag habe ich gemerkt, dass er sinnvoll ist, auf den Rat von Christine Gnida zu hören. Immerhin ist sie gerade dabei, ihr 27. Sportabzeichen zu machen.

 

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Also erst etwas warm machen, eine Runde sollte genügen. Schließlich brauche ich meine Puste ja noch. 17 Minuten 20 Sekunden - das ist die Zeit, die ich unterbieten muss, wenn ich in dieser Disziplin Gold schaffen will. Als stolzer Besitzer eines Smartphones habe ich technisch vorsichtshalber aufgerüstet. Ein Brustgurt überprüft meine Herzfrequenz, die schon vor dem Start deutlich steigt. Dazu habe ich ein Programm gewählt, das mich ständig über alles Wichtige informiert. Vor allem soll es mir sagen, ob ich das richtige Tempo habe. Langsam trabe ich zum Start. Sieben Runden und eine halbe liegen vor mir. Und los geht’s! Die ersten 200 Meter gehen noch ganz gut. „Noch sieben Runden!“, ruft mir Nicole Georgi, die die Zeitnahme übernommen hat, zu. So genau will ich das gar nicht wissen. 3000 Meter lassen einem viel Zeit zum Denken. Solche Reportagen machen Spaß, schießt es mir durch den Kopf. Ich sollte öfter Sport machen. Das Wetter ist angenehm, nicht zu warm, nicht zu kalt. Jester wäre jetzt gut. Jester ist mein junger Labradorrüde. Wenn ich morgens durch den Wald jogge, zieht er mich die meiste Zeit. Aber ich glaube, das ist beim Sportabzeichen nicht zulässig. „Noch sechs Runden!“, nehme ich Nicoles Stimme war. Die Beine beginnen ein wenig zu schmerzen, mein Smartphone sagt mir, dass der Puls schon recht schnell, mein Durchschnittstempo dagegen recht langsam ist. Nach 20 Minuten ist es so oder so geschafft, versuche ich mich zu motivieren.

Ich denke über mein Leben nach, meinen Job - und an Jester. „Noch fünf Runden!“, dringt die bekannte Stimme an mein Ohr. Kinder, kleine Kinder, die fürs Sportabzeichen trainieren überholen mich. Ein schwerer Schlag für meine Motivation. Auf den letzten beiden Runden bekomme ich Unterstützung. Schemenhaft nehme ich eine Läuferin war, die mich zieht. „Nur noch eine Runde“ - das höre ich gerne - „Hop, zieh an. Es geht noch!“, ruft meine Mitläuferin. Hast Du eine Ahnung. Hier geht gar nichts mehr, denke ich bei mir. Die letzten hundert Meter, der - na ja - Schlussspurt. Mein Puls ist jenseits von Gut und Böse, selbst Jester könnte mir jetzt nicht mehr helfen. Das Ziel - ich habe es geschafft, 3000 Meter, am Stück, ohne Pause. „Weiterlaufen!“, ruft mir Christine Gnida zu. Ich versuche es. 18 Minuten und 41 Sekunden habe ich gebraucht. Das reicht für Silber.

 

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Eine kurze Pause, eine Banane, viel Wasser, dann geht es auf die 50 Meter. „Startblock macht keinen Sinn, wenn man nicht trainiert ist. Wir machen das ohne“, erklärt Gnida. „Amateure“, denke ich. „Ich möchte es aber mit versuchen“, sage ich. Früher, in den 1970er Jahren lief ich die 100 Meter in zehn, elf Sekunden. Damit sollte ich auch die geforderten 8,8 Sekunden auf 50 Metern schaffen. Nach drei Versuchen beschließe ich, ohne Startblock zu starten. Ich schnelle zwar wie ein geölter Blitz los, aber dann schaffe ich es nicht, in die Laufbewegung zu kommen. Irgendwie klappte das früher besser. Aufgewärmt bin ich ja schon, also kann es losgehen. Auf die Plätze, fertig, los - meine Beine fühlen sich so schwer an. Ich habe das Gefühl, dass mein Geist schon fast im Ziel ist, mein Körper sich aber hinterher schleppt. Irgendwann sind dann alle Teile im Ziel - 8,5 Sekunden. Ich habe Gold im Sprint!

Nun steht nur noch das Kugelstoßen dem totalen Triumph im Weg. „Sie könnten Standweitsprung machen. Das mit dem Kugelstoßen wird ja nichts mehr“, sagt Gnida. Wenigstens hat sie nicht wieder den Medizinball vorgeschlagen. Also auf zur Sprunganlage. Schon beim ersten Sprung merke ich die 3050 Meter, die in meinen Knochen stecken. Es gelingt mir kaum, die Schwerkraft zu überwinden. Noch ein Versuch - etwas weiter, aber immer noch zu wenig. Wieder steigen Erinnerungen an eine glanzvolle und viel zu früh beendete Karriere als Leistungssportler hoch. Wie schnell doch 30 Jahre vergehen. Und wie viel sich da ändert. Der letzte Sprung, danach höre ich auf, nehme ich mir vor. Die Beine schmerzen mittlerweile. Volle Konzentration. Ich gehe tief in die Hocke, die Arme schwingen und schwingen und schwingen. Dann der Sprung, alles was noch an Kraft vorhanden ist, schicke ich in die schmerzenden Beine. Ich hebe ab, ein kurzer Flug, eine heftige Landung. Die Messung ergibt 1,96 Meter - das ist Gold! Ich habe es geschafft. In drei Disziplinen reichen die Leistungen für Gold und trotz des Silbers bei den 3000 Metern bedeutet das unter dem Strich: Ich habe das goldene Sportabzeichen geschafft.

In mir macht sich das angenehme, warme, kribbelnde Gefühl des Erfolgs breit. Der anschließende Luftsprung fällt sehr niedrig aus. Egal, ich habe es geschafft. Ich bin der König der Welt, oder wenigstens des Sportparks in Kelsterbach. Müde, aber glücklich packe ich meine Sachen und schleppe mich zu meinem Auto. Dort sitze ich noch ein paar Minuten und denke nach. Christine Gnida hatte recht. Jeder kann das Sportabzeichen schaffen. Sie hatte auch recht, als sie sagte, dass vorab ein Training sinnvoll ist. Immerhin hätte ich den ganzen Sommer Zeit gehabt. Und die Leute, die sich hier jeden Dienstag treffen, sind nett und hilfsbereit. Das nächste Mal nehme ich mir mehr Zeit und trainiere fleißig. Dann wird sicher auch der Muskelkater nicht mehr so schlimm sein, der sich jetzt schon ankündigt. Morgen werde ich wieder nur ganz langsam gehen können. Aber das ist es mir wert.

Das Jubiläum „100 Jahre Deutsches Sportabzeichen“ wird am Sonntag, 30. Juni, mit einem Fest auf dem Großen Feldberg im Taunus gefeiert. Von 9 bis 17 Uhr wird dort ein vielfältiges Sportabzeichen- und Familienprogramm geboten.

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