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Roland Frischkorn, Sportkreisvorsitzender: „Vereine kämpfen an mehreren Fronten“

Frankfurts Sportvereine stöhnen über höhere Preise für Hallen und Schwimmbäder, gerade haben die Schwimmvereine ihre Mitgliedsbeiträge erhöht. Sportkreisvorsitzender Roland Frischkorn kritisiert im Gespräch mit unserem Redakteur Sebastian Semrau aber nicht nur die Kommunikationsstrategie der Stadt, sondern spricht auch über Gewalt im Fußball und das Sportabzeichen, dessen 100. Geburtstag am 30. Juni gemeinsam mit dieser Zeitung auf dem Feldberg gefeiert wird.
FNP-Redakteur Sebastian Semrau im Gespräch mit Roland Frischkorn. Bilder > FNP-Redakteur Sebastian Semrau im Gespräch mit Roland Frischkorn.

Herr Frischkorn, mit welchen Problemen sind Frankfurts Sportvereine derzeit konfrontiert?

ROLAND FRISCHKORN: Dass die Finanzsituation der Stadt Frankfurt möglicherweise Auswirkungen auf die Finanzen der Vereine hat - nämlich erhöhte Gebühren für die Hallen. Das zusätzlich zu dem Mangel an Sportstätten ist keine einfache Herausforderung.

Das ist das dringlichste Problem?

FRISCHKORN: Zurzeit ja, zumal das Ärgernis für die Vereine ist, dass die Gebühren, die sie für die Nutzung der Schulturnhallen zahlen, nicht den Schulen zur Verfügung gestellt werden. Diese Gelder gehen auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung an die Saalbau. Damals sollte deren Defizit so ausgeglichen werden. Allerdings gab es da für die Schulen noch keine Budgetierung. Das heißt, dass die Vereine an mehreren Fronten kämpfen. Denn die Schulturnhallen sind nicht so, wie sie für den Sport sein sollten, jedenfalls nicht in jedem Fall. Und die Schulen müssen sagen: Für unseren Schulbetrieb reicht es, unser Budget gibt nicht mehr her. Damit sitzen die Vereine zwischen allen Stühlen.

Was sind die Konsequenzen?

FRISCHKORN: Es wird zukünftig darum gehen, zwischen Schuldezernat, Sportdezernat und Sportkreis eine Lösung zu finden, die auch dem organisierten Sport Rechnung trägt.

Sie haben die Hallen erwähnt, kürzlich haben wir von den Schwimmern berichtet. Welche Vereine sind denn am härtesten betroffen?

FRISCHKORN: Ich denke, es ist ein übergreifendes Problem. Die Schwimmer, vor allem die Leistungsschwimmer, trifft es besonders, weil sie eine Sonderregelung gegenüber anderen Vereinen hatten. Da wollte die Stadt immer auch ein Zeichen setzen. Deswegen vervierfachen sich dort die Kosten. Das eigentlich Dramatische daran ist aber, dass man nicht im Vorfeld darüber geredet hat. Vereine sind abhängig von den Mitgliedsbeiträgen. Und die werden bei Jahreshauptversammlungen beschlossen, die in der Regel in den ersten beiden Monaten des Jahres abgehalten werden. Die Vereine haben überhaupt keine Chance zu reagieren. Sie müssen entscheiden: Gehen wir in ein Defizit oder streichen wir Übungsstunden? Von daher ist das nicht zu unterschätzen. Und weil wir ja alle gemeinsam stolz auf die Sportleistungen in der Stadt sind und daher auch von der Sportstadt reden, ist es wichtig, dass der organisierte Sport, die Vereine und die Stadt eine Partnerschaft auf Augenhöhe leben.

Gibt es denn Alternativen für die Vereine, statt die Beiträge zu erhöhen?

FRISCHKORN: Das muss man sich im Einzelnen angucken. Die Frankfurter Vereine haben aus meiner Sicht in den vergangenen Jahren sehr viel Phantasie aufgewandt. Denn alle zusätzlichen Sportstätten, die entstanden sind, sind wegen des Mutes ehrenamtlicher Vorstände gebaut worden - klar, gefördert von der Stadt, vom Land und vom Landessportbund, aber zu einem vertretbaren Preis im Gegensatz zu Hallen, die von der öffentlichen Hand gebaut werden. Sport braucht nicht immer den Rolls-Royce. Es reicht ein Fahrzeug, das aber fährt und geeignet ist, die Sportart auch leben zu können.

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Gibt es denn auch Stellen, an denen auch aus Ihrer Sicht gespart werden und so auch der Sport zum Sparen beitragen könnte?

FRISCHKORN: Viele Verluste haben wir schon dadurch, dass ich die Stadtverwaltung erlebe, als wäre sie ein konkurrierendes Unternehmen. Man könnte sehr viele Ressourcen einsparen, wenn man nicht in Schubladen denken würde. Im Sport ist es offensichtlich bei der Verteilung der Nutzung der Schulturnhallen. Wir wissen, dass wir Mangel verwalten, und sagen, dass hier das Management verbessert werden muss. Die Stadt sagt, sie sei dran, aber sie ist da auch schon seit fast zwei Jahren dran. Ich würde mir wünschen, dass nach zwei Jahren ein Weg gefunden wird. Aber mein Eindruck ist, es will keiner von seiner Position herunter.

Wer will seine Position nicht verlassen?

FRISCHKORN: Schule denkt erst mal nur für Schule, vergisst aber, dass es auch eine Nutzung des organisierten Sports gibt. Das Sportamt wird zwar formal eingebunden, aber die zukünftig dort aktiven Vereine werden erst beteiligt, wenn eine Halle fertig ist. Das ist einfach schlecht. Dies müsste viel früher geschehen. Und es gibt ja Gremien wie die Sportstättenkommission, in der paritätisch Vertreter der Stadt und des Sportkreises sitzen, und die Sportkommission, die das Ziel hat, den Magistrat zu beraten. Die ist seit der vergangenen Kommunalwahl kein einziges Mal zusammengetreten.

Also eine Alibiveranstaltung. . .

FRISCHKORN: Den Eindruck muss man bekommen.

Gibt es denn Stadtteile, wo die Probleme besonders groß sind?

FRISCHKORN: Es gibt Stadtteile, die haben zu wenig oder gar keine Sportstätten. Wenn ich da etwa an die Halle in Preungesheim denke, die seit über 20 Jahren versprochen wird und wo nur dank Ihrer Zeitung und der Diskussionsveranstaltung im Haus Ronneburg mehr Druck rein kam. Dass da nun historische Funde gemacht werden, hätte man vermuten können. Aber immerhin steht fest, dass diese Anlage nun kommt.

Zur Person: Belange der Sportler liegen ihm am Herzen

Roland Frischkorn (59) ist seit dem Jahr 2000 Vorsitzender des Sportkreises Frankfurt, dessen Vorstand er seit 1997 angehört. Dabei hat er selbst, obwohl er aus einer „alten Fußballerfamilie“ kommt, nie in einem Verein aktiv Sport getrieben.

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Sie hatten eben den Begriff Sportstadt aufgegriffen. Ist der denn im Zuge dieser Diskussionen in Gefahr?

FRISCHKORN: Das kann man schon sagen. Es ist aber immer auch die Frage, wie man Sportstadt definiert. Ich definiere Sportstadt als Vielfalt des gelebten Sports in Frankfurt. Das ist das ehrenamtliche Engagement in den Stadtteilen und die Vielfalt der Angebote. Dazu gehört natürlich der Spitzensport. Und da leisten die Vereine trotz widriger Bedingungen sehr viel. Ein Paradebeispiel sind die Schwimmer. Die Bedingungen in Frankfurt sind im Vergleich zu anderen Regionen sehr, sehr mäßig. Trotzdem zeigen die Frankfurter Sportlerinnen und Sportler hervorragende Leistungen. Das alles ist für mich Sportstadt. Ich könnte es mir aber auch einfach machen. Die frühere Oberbürgermeisterin und davor Vorsitzende des Sportausschusses Petra Roth hat gesagt, dass Frankfurt dann Sportstadt sei, wenn für den Sport zehn Prozent des städtischen Haushalts ausgegeben werden. Davon sind wir weit entfernt, es sind nur 1,7 Prozent.

Weg vom Geld, hin zur Gewalt. Die auf Frankfurts Fußballplätzen war kürzlich großes Thema mit erschütternden Fakten. Sind denn auch andere Sportarten betroffen?

FRISCHKORN: In der Form ist es ein Fußball-Phänomen. Bei anderen gibt es durchaus auch Rangeleien, aber man kriegt es nicht so mit. Das hat was mit der Fußballkultur zu tun. Ich glaube, dass es auch der gesellschaftliche Druck ist, der auf dem Fußball lastet. Damit meine ich auch Themen wie Berufswahl von Jugendlichen, Arbeitslosigkeit und Eltern, die wollen, dass es ihrem Kind besser geht als ihnen selbst. Alle sollen zu Fußball-Millionären werden. Dann hat der Trainer keine Ahnung, der Schiedsrichter pfeift sowieso immer falsch und die Eltern wissen es in der Regel besser. Ich werde nie vergessen: Als Fußballmediator ging es bei meinem ersten Einsatz um eine Auseinandersetzung bei der A-Jugend. Die Jugendlichen haben mich gefragt, was ich tun könnte, damit ihre Eltern Platzverbot bekommen. Das hat mich erschrocken.

Was kann getan werden, um ein faires Miteinander auf Frankfurts Sportplätzen zu schaffen?

FRISCHKORN: Wir hatten ja einen runden Tisch auf Einladung des Sportdezernenten. Dabei haben wir ein Zehn-Punkte-Programm erarbeitet. Die Vereine sollen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben, um mit dem Thema anders umzugehen und es nicht Dritten zu überlassen. Wir müssen lernen: Ein Jugendlicher und auch Eltern lernen nichts, wenn der Verein eine Strafe zahlen muss. Auch wenn ich denke, dass man das Strafregister des Fußballs durchaus ausnutzen sollte, muss man noch mehr die sozialen Aspekte reinbringen. Fußballmediatoren gibt es ja deshalb, weil wir gesagt haben: Wenn etwas passiert, müssen die Beteiligten an einen Tisch geholt werden und in deren Köpfen muss sich etwas bewegen und nicht nur in der Kasse des Fußballverbandes. Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, sie sozial heranzuführen. Sie könnten etwa die Aufgabe bekommen, soziale Veranstaltungen wie Nachtsport zu begleiten.

Den Nachtsport haben Sie angesprochen. Da sind Ehrenamtliche, die mit Konfliktsituationen umgehen können. Auf Sportplätzen fehlt es daran oft. Ist da die Problematik zu suchen?

FRISCHKORN: Es ist ja auch im organisierten Sport nicht nur so. Auch hier haben viele Trainer und Vereinsfunktionäre eine hohe soziale Kompetenz. Die Frage ist nur: Wird das immer so gelebt? Und da gibt es Beispiele bis in die Bundesliga, wo Trainer ausflippen. Emotionen spielen im Sport eine Rolle. Wichtig ist nur, dass es Menschen gibt, die es selbst hinkriegen, das wieder zu regeln. Daher ist für uns die Selbstverpflichtungserklärung der Beteiligten, der Vereine, damit der Funktionäre, der Trainer, ein bedeutender Punkt. Es löst aber nicht das Thema der Besucher.

Wie kann man das hinbekommen?

FRISCHKORN: Die Schiedsrichter haben gefordert, dass soziale Kompetenz und wie man mit solchen Punkten umgeht noch mehr in die Aus- und Fortbildung aufgenommen wird. Der Hessische Fußballverband bietet ja auch ganz viele Module an, die aber nicht ausreichend genutzt werden. Deswegen war der Verband beim letzten Gespräch auch dabei. Es wird eine Zusammenstellung der Angebote geben. Fußball hat aber die größte Gruppe an nicht ausgebildeten Übungsleitern. Sonst könnten viele Jugendmannschaften gar nicht betreut werden. Da muss man Zug um Zug dran arbeiten.

Noch ein Thema: Im Sommer wird auf dem Feldberg unter Beteiligung des Sportkreises Frankfurt und dieser Zeitung 100 Jahre Sportabzeichen gefeiert. Was bedeutet das Sportabzeichen für den Sport?

FRISCHKORN: Das Sportabzeichen ist das Aushängeschild des Sports, weil unabhängig vom Alter und von Vereinszugehörigkeit jeder mitmachen kann. Es ist so etwas wie der Botschafter des Sports über die Stadtteilgrenzen hinaus. Deshalb finden wir es sehr schön, dass wir gemeinsam mit dem Sportkreis Hochtaunus auf dem Feldberg feiern können und zeigen können, dass wir grenzübergreifend in der Region tätig sind. Das wird eine tolle Ausstrahlung in die Region haben. Wir als Sportkreis beziehen das Thema aber auch beim Familien-Sportfest am 15. Juni auf der Galopprennbahn mit ein.

Was plant der Sportkreis für die Jubiläumsfeierlichkeiten am 30. Juni?

FRISCHKORN: Wir unterstützen den Sportkreis Hochtaunus. Es gibt verschiedene Mitmachprogramme. Außerdem kann man das Sportabzeichen ablegen und es gibt viele Informationsgelegenheiten. Ergänzt wird dies durch ein Kulturprogramm. Von 9 bis 17 Uhr wird also Einiges geboten.

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