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Kunst, die unter die Haut geht

Von Hier lässt sich auch mal der Vater von der Tochter bearbeiten, hier muss mancher vor einer Dummheit aus Bierlaune bewahrt werden. Eines hat im „1a Frankfurt Ink Tattoos“ Bestand wie die Körperkunst: Die Tätowiererinnen Steffi Gröschl und Jess Rytir haben ihre Berufung gefunden.
Seit sieben Jahren tätowiert Steffi Gröschl. Hier sticht sie gerade Einzelhandelskaufmann Markus Rust ein aufgefächertes Kartenspiel unter die Haut.	Fotos: Michelle Spillner (3) Bilder > Seit sieben Jahren tätowiert Steffi Gröschl. Hier sticht sie gerade Einzelhandelskaufmann Markus Rust ein aufgefächertes Kartenspiel unter die Haut. Fotos: Michelle Spillner (3)
Frankfurt. 

Der Freitagabend ist eine der Hauptgeschäftszeiten im Tattoostudio in Alt-Sachsenhausen. Steffi Gröschl (25), seit sieben Jahren Tätowiererin, und Nachwuchstätowiererin Jess Rytir (30) sitzen entspannt vorm Studio und warten auf den Ansturm in Alt-Sachsenhausen. Da treffen sich Alt-Frankfurter zur Kneipentour ebenso wie asiatische und amerikanische Touristen auf Sightseeing oder auch Junggesellenabschiede, die es vor der Trauung noch einmal richtig krachen lassen wollen.

Die beiden Mädels kennen ihre Klientel und wissen, auf wen sie besonders Acht geben müssen. „Da kommen auch schon mal Leute rein, denen redet man ein Tattoo erst einmal aus, sagt ihnen, dass sie besser ein anderes Mal wiederkommen. Und das verstehen die dann auch“, so Steffi Gröschl. Es gehe nicht nur darum, sie davor zu bewahren, etwas zu tun, was sie am nächsten Morgen womöglich bereuen. Wer getrunken hat, sollte nicht tätowiert werden. „Durch den Alkohol steigt die Blutungsneigung“, so Steffi Gröschl. Sie tätowiert nur Menschen, die nüchtern sind.

An diesem Abend haben sich Stammkunden angemeldet. Markus Rust aus Seckbach hat sich sein Motiv schon ausgesucht. Ein aufgefächertes Kartenspiel. Steffi hat es vorgezeichnet, überträgt es nun auf ein Pauspapier, mit dem das Motiv auf die Haut kopiert wird. Kartenspiele sind bei Männern ein beliebtes Motiv, genauso wie Totenköpfe. Frauen wollen Tiere und Blumen auf der Haut tragen. Nach wie vor in sind Schriftzüge, Maori-Symbole und Lebensmottos: Glück, Hoffnung, Liebe, Hass, Sehnsucht. Ganz aktuell seien derzeit auch schwarze Vögel. „Ich nenne die Bushaltestellenvögel“, grinst Steffi. Körperkunst über dem Steiß, die sogenannten Arschgeweihe, sind out. „Das ist vor über zehn Jahren abgeflaut.“

Bilderstrecke Die Tattoos der Hessen
Manfred Prüms trägt den Adler nicht nur im Herzen, sondern auch auf der Haut - wie seine Tattoos eindrucksvoll beweisen. Er schreibt dazu: "Eintracht Frankfurt - nur eine Stadt. Nur ein Verein. Eine Liebe - für immer!"Ein User namens "Fred" schickt uns sein Kunstwerk von Kartell (Noris), gestochen im Jahr 2012.Edwin (48) hat vor 27 Jahren von dem Zeichen geträumt, das seinen Oberarm ziert. Später kamen noch die Seepferdchen hinzu. Foto: Christes

 

„Ein Tattoo ist für die meisten nicht nur ein Bild, sondern es hat eine Bedeutung“, so Jess Rytir. So wie für die Mutter, der Jess am Nachmittag die Anfangsbuchstaben ihrer Kinder auf den Arm geschrieben hat. Für Markus spielt die Bedeutung keine Rolle. „Ich finde einfach, dass Karten cool aussehen“, sagt der 21-Jährige, zieht sich das T-Shirt über den Kopf, rutscht den Hosenbund ein wenig nach unten und nimmt Platz auf der Liege in der Kabine. Die Karten sollen die Haut über seiner Leiste zieren. Eine empfindliche Stelle. Markus, der Einzelhandelskaufmann, ist hart im Nehmen. „Die Leute haben ganz unterschiedliche Schmerzempfindungen“, weiß Gröschl. „Aber gerade die starken, großen Jungs, die Türstehertypen, das sind die, die jammern. Und die 40 Kilogramm leichten Frauen, die ertragen das Tätowieren an der empfindlichen Innenseite des Oberarms ohne einen Pieps“, so ihre Erfahrung. Steffie Gröschl füllt kleine Kappen mit Farbe, setzt die Einwegnadel auf die Tätowiermaschine, streift die schwarzen Latexhandschuhe über, und los geht es.

 

Der Star aus Paris

 

Das Rattern der Maschine erinnert an das Bohrergeräusch beim Zahnarzt. Im Hintergrund dudelt die deutsche Band „Unheilig“. In der Kabine nebenan mischt Jess Rytir die Farben für das Tattoo ihres Vaters. Er trägt einen fast fertigen Pest-arzt mit der für das Mittelalter typischen Vogelmaske auf dem Oberarm, den sie selbst entworfen hat. Die 30-Jährige hat ursprünglich als Telekommunikationskauffrau gearbeitet. Malen konnte sie schon immer sehr gut, früher auf Seide, heute Alice-im-Wunderland-Motive, Märchen und Mystik, Kitsch und Tod. „Ich habe mich zehn Tage hingesetzt und alle möglichen Motive gemalt, dann bin ich mit meiner Mappe hergegangen und habe mich beworben“, schildert sie. Vor wenigen Monaten hat sie im Tattoostudio angefangen, Steffi Gröschl ist ihre Lehrmeisterin. Aber auch vom Star Spike aus Paris, der regelmäßig als Gasttätowierer in das Frankfurter Studio kommt, kann sie sich etwas abschauen. „Der hat oft auf Tattoo-Conventions das ,Best of the Day’. Das ist schon eine Nummer“, schwärmt Jess Rytir.

Verbreiteter als man denkt: Tätowierungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Foto: dpa
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Als Lehrling fängt man mit kleinen Motiven an. Mal einen Stern oder ein Herz tätowieren, dann Buchstaben, anfangs auf einer synthetischen Haut. Dann am eigenen Körper. Inzwischen setzt Jess Rytir großflächige Tattoos um, die Kunstwerken gleichen. „90 Prozent der Kunden wissen, was für ein Motiv sie haben wollen“, sagt sie. Die beiden Frankfurterinnen zeichnen dann für ihre Kunden Entwürfe, machen Vorschläge und passen die Bilder den Wünschen an. Sie legen Wert auf individuelle Tattoos. „Wir machen kein Tattoo zwei Mal, es soll individuell sein, etwas Besonderes“, sagt Gröschl und nimmt etwas Farbe für die letzten Konturen des Kartenspiels auf.

Jess Rytir ist für heute schnell fertig, hat nur eine kleine Ergänzung vorgenommen. Für das Tattoo ihres Vaters braucht sie mehrere Sitzungen. Er wird wiederkommen. Und es wird nicht sein letztes Tattoo sein. Die Rytirs sind Tattoofans, die Eltern geben sich gerne als Übungsfläche her - doch nach Übungen sieht das, was Jess produziert, lange nicht mehr aus. Dabei ist es ein großer Unterschied, ob man mit dem Stift oder der Maschine zeichnet. „Die Tätowiermaschine ist viel schwerer ist als ein Stift, außerdem vibriert sie, und dann ist auch jede Haut anders“, erklärt Jess. „Je weicher das Gewebe, desto schwieriger die Arbeit“, so Steffi Gröschl. Markus ist schlank, da gibt es keine Probleme, dass die Haut unter der Nadel wegrutschen könnte. Papa Rytir betrachtet seinen Arm. Er ist stolz - auf sein Tattoo und auf seine Tochter. Noch ein wenig Vaseline über die bearbeitete Stelle, damit kein Schmutz reinkommt. „Das ist wie eine kleine Schürfwunde, die jetzt heilen muss“, sagt Gröschl. Hygiene ist im Studio das A und O. „Es gibt nirgends so strenge Vorschriften wie in Deutschland“, erklärt Steffi Gröschl. Das Gesundheitsamt kommt regelmäßig vorbei und führt penibelste Kontrollen durch.

Es darf auch mal ein Gedicht sein: Bei jungen Frauen, wie hier in Berlin, sind Tätowierungen besonders beliebt.	Foto: dpa
Schaut her, das bin ich!

Tätowierungen sind Jahrtausende alt - schon der im Gletscher gefundene Ötzi soll Körperbilder getragen haben. Rituelle Bedeutung haben sie zum Beispiel in verschiedenen Südsee-Kulturen. Während in Westeuropa Tätowierungen früher eher als Stigma des Matrosen oder Häftlings galten, sind sie nun bei der Jugend in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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Markus darf kurz Pause machen, bevor die Farbe in die Spielkarten eingebracht wird. Eine knappe halbe Stunde hat Steffi Gröschl an den Konturen gearbeitet. Eine weitere halbe Stunde wird es dauern, bis die Karten ausgemalt sind. „Die Stunde kostet 80 bis 150 Euro, je nach Motiv“, so Gröschl. Wie lange man am Stück an einem Motiv tätowiere, hänge auch vom Durchhaltevermögen des Kunden ab. Oft sind mehrere Sitzungen nötig, je nachdem, wie groß das Motiv ist. Die Haut muss sich zwischendurch erholen können.

 

„Dreck“ am Körper

 

Eine gute halbe Stunden später ist Markus’ Tattoo fertig. Zum Schluss kommt noch eine Plastikfolie darüber, damit es keine Infektion gibt. Steffi Gröschl gibt ihm eine Pflegecreme, ermahnt ihn, Sunblocker aufzutragen, um die Haut zu schützen und die Farbe vorm Ausbleichen zu bewahren, und reicht ihm noch einen Zettel über den Tisch: „Das ist die Gebrauchsanleitung zum Tattoo“, sagt sie. „Cool“, findet Markus sein Tattoo. Auf die gegenüberliegende Seite soll noch ein Revolver. Steffi wird ihn entwerfen. Die Wände hängen voller Entwürfe und Zeichnungen - manches ist noch gar nicht umgesetzt worden, so wie die Heilige Maria von Jess. „Vielleicht kommt ja einer, und will die haben“, hofft sie. Das würde ihr Spaß machen. So wie der ganze Beruf Spaß mache. „Man ist kreativ, man sieht, was man gemacht hat, man baut eine Vertrauensbasis zum Kunden auf und freut sich mit ihm, wenn das Werk vollendet ist“, schätzen die Mädels ihre Arbeit. Dass sie selbst Tattoofans sind, ist nicht zu übersehen, Steffis erstes Tattoo war ihr Name als Barcode. Jess’ erstes Tattoo war das Wort „Dreck“, das Lieblingswort eines Freundes. Wer tätowiert oder sich tätowieren lässt, will etwas Besonderes sein. Nur einer ist an diesem Abend nicht tätowiert, ein Kumpel der Tätowiererinnen, der auf einen Besuch reinschaut. Nee, er wolle auch erstmal kein Tattoo: „Ohne Tattoo bin ich ja noch was Besonderes“, sagt er und fügt an, „zumindest in diesem Laden hier.“

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