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Schaut her, das bin ich!

Tätowierungen sind Jahrtausende alt - schon der im Gletscher gefundene Ötzi soll Körperbilder getragen haben. Rituelle Bedeutung haben sie zum Beispiel in verschiedenen Südsee-Kulturen. Während in Westeuropa Tätowierungen früher eher als Stigma des Matrosen oder Häftlings galten, sind sie nun bei der Jugend in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Es darf auch mal ein Gedicht sein: Bei jungen Frauen, wie hier in Berlin, sind Tätowierungen besonders beliebt.	Foto: dpa Es darf auch mal ein Gedicht sein: Bei jungen Frauen, wie hier in Berlin, sind Tätowierungen besonders beliebt. Foto: dpa

Diplompsychologe Dirk Hofmeister von der Universität Leipzig hat die Motive für Tätowierungen untersucht. In einem Gespräch mit unserer Redakteurin Pia Rolfs erläutert er, warum diese Selbstdarstellung nach außen so wichtig ist und dass es auch um einen verdeckten Generationenkonflikt geht.

Jeder Vierte unter 25 Jahren ist laut einer Studie Ihrer Universität inzwischen tätowiert. Warum ist eine schöne Haut allein nicht mehr genug?

HOFMEISTER: Die von uns Befragten sagen immer, dass sie etwas Schönes auf der Haut haben und ihre Individualität zum Ausdruck bringen wollen. Ein Bild, das niemand anderes trägt, verstärkt das Gefühl der eigenen Unvergleichlichkeit. Es spielt aber sicherlich auch der Einfluss durch die Gleichaltrigen eine Rolle.

Aber wenn so viele ein Tattoo haben, ist es denn dann noch etwas Besonderes?

HOFMEISTER: Die meisten machen sich viele Gedanken über die Art des Bildes. Und von der Gesamtbevölkerung sind ja nur zehn Prozent tätowiert. Es tragen auch nicht alle Fußballer Tattoos - obwohl manche Zuschauer bei der letzten EM diesen Eindruck hatten. Es waren aber nur einige, die sehr aufgefallen sind. Tattoos sind also immer noch ein Eyecatcher. Das verstärkt das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Aber ist nicht jeder Mensch auch ohne Tattoo unvergleichlich?

HOFMEISTER: Das ist ja fast eine romantische Äußerung. Die äußeren Attribute spielen aber immer eine Rolle - auch beim Verlieben oder auf dem Arbeitsmarkt. Schon in den 50er Jahren sprach man in der Psychologie vom Halo-Effekt. Demnach werden attraktive junge Frauen zu geringeren Strafen verurteilt - weil das Äußere das Urteilsvermögen beeinflusst. Zudem ist in der Postmoderne alles viel austauschbarer geworden, die ganze Gesellschaft oberflächlicher. Es kommt immer mehr darauf an, das eigene Besondere schon beim ersten Eindruck schnell zu zeigen.

Aber Tätowierte wirken ja nicht auf alle attraktiv...

Dirk Hofmeister	Foto: privat Bild-Zoom
Dirk Hofmeister Foto: privat
HOFMEISTER: Ja, das stimmt, wenn wir es auf unsere Generation der etwa 40-Jährigen beziehen. Aber die 20-Jährigen wollen sich ja auch von ihren Eltern abgrenzen. Denn obwohl sie oft noch bei ihren Eltern leben, gibt es doch eine Art Generationenkonflikt, einen Konflikt zwischen eigener Autonomie und elterlicher Abhängigkeit. Tattoos können helfen, diesen Konflikt in Richtung Selbstständigkeit zu lösen. Mit der Kleidung funktioniert die Abgrenzung kaum noch, weil die heute 40-Jährigen sich wie 30-Jährige oder Jüngere kleiden. Aber sie haben meistens keine Tattoos.

Sind sich alle 20-Jährigen bewusst, dass die Tätowierung fürs ganze Leben ist und irgendwann vielleicht nicht mehr gut aussieht?

HOFMEISTER: Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob sie sich dessen in der letzten Konsequenz bewusst sind. Nach einer französischen Untersuchung sind nach einem Jahr ein Viertel mit ihrer Tätowierung unzufrieden. Aber wer sein Bild zehn Jahre lang hat, steht meistens dazu und sieht es als Teil seiner Biografie. Andere lassen sich irgendwann das Tattoo entfernen.

Dann wird zweimal ein Geschäft gemacht, beim Stechen und beim Tätowieren...

HOFMEISTER: Genau. Der Boom gibt zwei verschiedenen Berufsgruppen Arbeit.

Ist denn ein Tattoo noch Zeichen einer bestimmten Schichtzugehörigkeit?

HOFMEISTER: Das trifft höchstens noch bei Männern über 40 zu. Da sind es eher Arbeiter als höhere Angestellte, die sich ein Tattoo haben stechen lassen. Bei den Jüngeren geht es durch alle Bildungsschichten. Und während Tätowierungen früher eine Männerdomäne waren, gibt es bei den jungen Erwachsenen keinen Geschlechterunterschied mehr.

Was sind denn die Trends bei den Tattoos?

HOFMEISTER: Zum einen sind klassische Motive wie Anker und Jungfrau wieder gefragt, aber mit modernen Versatzstücken und mit Schattierungen. Zum anderen liegen großflächige Tätowierungen im Trend, die fast künstlerische Bilder sind. Da man mit Rot heute viel filigraner arbeiten kann, gibt es auch einen Trend zu mehr Farbigkeit, etwa bei Tieren und Dschungelmotiven. Junge Frauen wählen gern kitschige Figuren wie Puppen. Und bei den Körperregionen werden immer mehr die Extreme ausgereizt: Hand, Unterarm, Hals, bei Frauen das gesamte Dekolleté. Wenn etwas geschrieben wird, sind heute stylische Schriftarten gefragt.

Verbreiteter als man denkt: Tätowierungen sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Foto: dpa
Was sind die Tattoos der Hessen?

Schicken Sie uns ein Foto Ihres Tattoos. FNP.de zeigt in einer Fotostrecke, welche Bilder die Hessen auf der Haut tragen.

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Und chinesische Schriftzeichen?

HOFMEISTER: Die liegen nicht mehr so im Trend, ebenso wenig wie die Tribals, die Stammeszeichen, die eine traditionelle religiöse oder kulturelle Bedeutung hatten.

Manche lassen sich ja ganze Bekenntnisse auf den Arm tätowieren. Liegt es im Zeitgeist, zu allem seine Meinung zu sagen - so wie man auf Facebook „Gefällt mir“ klickt?

HOFMEISTER: Ja, das stimmt. Das Eigene wird immer weiter nach außen getragen. Wir leben außerdem in einer Welt, in der es kaum noch Sicherheiten gibt und alles zerfasert. Die Tätowierung aber ist wenigstens etwas Bleibendes, eine Vergewisserung des eigenen Erlebens nach außen. Die Tätowierung bedient das Bedürfnis, sich selbst zu zeigen, dass man da ist und eine Rolle spielt. Dazu passt, dass sich früher viele die Namen ihrer Partner eintätowieren ließen. Aber weil Beziehungen oft nicht lange halten, wählt man heute eher den Namen oder das Geburtsdatum des Kindes. Das hat Bestand.

Eine Zeitlang waren Piercings „in“, jetzt nicht mehr. Wie lange hält der Trend zum Tattoo noch an?

HOFMEISTER: So lange es diese Gründe gibt, sich tätowieren zu lassen, wird es auch weiterhin Tattoos geben. Ein Ende des Trends ist also nicht absehbar.

Es sei denn, es gibt neue Erkenntnisse über Gesundheitsgefahren...

HOFMEISTER: Es gibt schon Studien, dass viele Tätowierte in der ersten Zeit Hautirritationen oder Entzündungen haben. Längerfristige Folgen, wie etwa Hautkrebs, konnten noch nicht eindeutig nachgewiesen werden. Aber insgesamt ist Tätowieren heute sicherer als früher, seit 2009 dürfen keine nachweislich giftigen Stoffe in den Farben enthalten sein. Früher wurden ja teilweise noch Autolacke verwendet.

Sind Sie als Psychologe, der sich mit den Motiven für Tätowierungen befasst, denn selbst tätowiert?

HOFMEISTER (lacht): Um Automechaniker zu sein, muss man auch kein Auto sein, oder? Nein, ich habe kein Tattoo. Im Alter um die 30 habe ich mir schon Gedanken über eine eigene Tätowierung gemacht. Aber da hat dann das letzte initiale Erlebnis gefehlt. Jetzt ist der Zug irgendwie abgefahren, und ich kann mir ohne Tätowierung meine wissenschaftliche Unabhängigkeit erhalten (schmunzelt).

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