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Jugend im Wirbel der neuen Zeiten

Von Angepasst oder aggressiv? Strebsam oder stinkfaul? Nur chillen und chatten? In vielen Gesprächen mit Jugendlichen haben wir versucht, Antworten darauf zu bekommen, wie es sich heutzutage so lebt – als Jugendlicher im Taunus.

Angepasst oder aggressiv? Strebsam oder stinkfaul? Nur chillen und chatten? In vielen Gesprächen mit Jugendlichen haben wir versucht, Antworten darauf zu bekommen, wie es sich heutzutage so lebt – als Jugendlicher im Taunus.

Hochtaunus. Früher war alles anders. Die Jugend traf sich im Park oder am Milchhäuschen, diskutierte Nützliches und Unnützes, zischte das eine oder andere Bierchen am Abend und wies bei der Kirmes die Altersgenossen aus den Nachbarorten in die Grenzen.

Heute chillt die Jugend im Stadtpark, hält Smalltalk über Nützliches und Unnützes, hängt an der Flasche und macht ab und an Randale.

Und was hat sich jetzt eigentlich geändert? Nach vielen Gesprächen mit der Taunus-Jugend steht die Antwort fest: Wenig. Nur das Leben. Es ist schneller geworden, beruflich schwieriger und viel technischer. Und unsere Jugend hat nichts anderes getan, als sich der Rotation anzupassen – mit allen Auswüchsen, die ein Überangebot eben schafft.

Wir sitzen im Eschbacher Jugendtreff, einem Ortsteil von Usingen. Nun ist der Kelleraum alles andere als ein Treff, sondern nach dem doppelten Hochwasser durch Regen und eine vergessene Heizungsleitung eine Baustelle. Und dort stehen, mit Hammer und Meisel bewaffnet, 10 Jugendliche zwischen 12 und 18, um den maroden Putz abzuschlagen. Die kurze Gesprächspause für die TZ ist ihnen willkommen.

Was interessiert?

Sarah, Nicole, Larissa, Fabian, Florian, Fraja und Larena stammen aus Eschbach, besuchen die Schulen in der nahen Umgebung – Konrad-Lorenz-Schule, Christian-Wirth-Gymnasium und die Adolph-Reichwein-Schule. Und nach der Schule? Was bietet sich im Usinger Land so an?

«Im Sommer chillen wir im Park in Usingen», meint Fabian. Und jetzt natürlich im Jugendtreff. Und ansonsten? Außer chillen? «Na ja. Kino halt. Oder nach Frankfurt zum Shoppen», ergänzen die Damen. Die Liste der Freizeitaktivitäten wird zögerlich länger. «Klar. Wir treiben fast alle Sport», meint Larena. Reiten, Boxen, Kickboxen, Tischtennis und Tennis, Radeln und Joggen; nichts Ungewöhnliches eben. Da gibt‘s zwar zwar noch Und dann ist (besser: war) da ja noch die Usinger Disco, doch im jugendlichen Alter sind die Ausgehzeiten noch sehr beschränkt.

Dann trifft man sich doch lieber mit Freunden. Wenngleich auch die Möglichkeiten der jugendlichen Treffpunkte mit Gastronomie – im Vergleich zum Vordertaunus – beschränkt sind. Auswege sind dann Computer und Mobiltelefon. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren: Bei der nächsten Generation sind die elektronischen Bauteile bereits Grundausstattung bei der Geburt.

Problem Taschengeld

Für Tobias und Marcel (Namen geändert), die ich im Usinger Stadtpark treffe, sind Vereine kein Thema. Thema ist, wie man mit 20 Euro Taschengeld im Vergleich zu den Ansprüchen über die Runde kommt. Denn beide qualmen wie die Schlote, und ein Nachmittagsbierchen wird auch schon gezischt. «Ob wir Probleme haben? Wir nicht, aber die anderen mit uns.» Tobias schaut mir in den Block: «Schreib hin, dass wir keinen Jugendtreff brauchen. Und schon gar keine Hipos. Oder die ganzen Aufpasser. Wer soll denn nach dem ganzen Polizei-Aufriss noch zur Kerb gehen?» Mit Streetworker Jochen Würz (siehe Interview unten) kommen sie klar. «Netter Kerl.» Mehr gibt‘s dazu nicht zu sagen.

Was darf‘s denn dann sein? Schweigen. Langes Schweigen. Ein Ausbildungsplatz als Schreiner, das wäre was für Marcel. Nur: Die Hauptschule hat er nach der Achten verlassen. Brauchbares Zeugnis Fehlanzeige, Chancen: gegen Null. Das Gespräch endet nach der Frage übers Elternhaus abrupt. Und ein bisschen wird das Vorurteil bestätigt, dass die Jugendlichen, die in Jugendzentren zu finden sind oder in Vereinen mitwirken, wenig mit der Problem-Jugend auf der Straße zu tun haben.

Fragen wollte ich auch einige ausländische Jugendlichen, die sich in der Oberurseler Vorstadt unterhielten. Nur einer war bereit, einige Worte zu wechseln – und auf keinen Fall mit Namen. Er hätte gerne Abitur gemacht, sagt der junge Mann. «Es gab aber einen Riesenkrach mit dem Vater, der wollte das nicht, Schule ist nicht wichtig. Ich soll arbeiten gehen.» Es treffen eben doch Kulturen aufeinander. Er sucht einen Ausbildungsplatz, kann aber mit dem Vater im Gemüse-Großmarkt arbeiten, wenn er will.

Ausnahmen. Denn die meisten Jugendlichen wissen eigentlich genau, was sie wollen: Abitur, Studium, Ausbildungsplatz. Da soll‘s hingehen. Die Träume von den Berufen Arzt, Lehrer oder Tierpfleger sind da schon sehr konkret. Und wenn sich die Eschbacher Jugend was wünschen dürfte, dann natürlich besseren Nahverkehr, denn schon früh am Abend endet der Bus-Verkehr – es bleibt das Anruf-Sammeltaxi.

Flaschenkinder

Ist es eigentlich Tatsache, dass die Jugend viel trinkt, will ich wissen? Nach kurzen Schweigen macht die Antwort der Jugendlichen – unisono geäußert – staunen: Zwischen 50 bis 70 Prozent der Freunde hängen nach ihren Aussagen an der Flasche. Was bedeutet: Mindestens eine Flasche Bier täglich. «Gehen Sie doch auf die Schulhöfe, was da schon getrunken wird.» Und davon abgesehen könne man überall auch schnell Drogen kaufen. Natürlich gibt‘s auch Probleme mit Gewalt und Alkohol. Man kennt einige, mitmachen will niemand. «Sie gehören zum sehr, sehr weiteren Freundeskreis», sagt Sarah. Oft würden Eltern ihren 14-Jährigen sogar den Alkohol kaufen. Da ist sogar ein Journalist ‘mal sprachlos.

Das Bild ändert sich etwas nach einem Besuch im Jugendzentrum Ober-Erlenbach. Die Altersspanne der Besucher ist größer, auch 18-Jährige besuchen die Einrichtung. Um Lukas, Dennis und Jasin schart sich eine ganze Gruppe. Einig sind sie sich, dass das Angebot für Jugendliche in Bad Homburg ganz in Ordnung ist. Man trifft sich im Juz oder eben dort, wo sie nicht weggescheucht werden. Und auch den Nahverkehr, also die Möglichkeiten, ohne das Taxi-Unternehmen «Muttern» Termine wahrnehmen zu können, ist okay. Ob sie auch mal im Usinger Land etwas unternehmen? «Wo? Wer will denn da hin?». Klare Grenzen also.

Das «Gambrinus» oder das «Empire» sind beliebte Orte, und natürlich Frankfurt und die Zeil. Und auch hier kristallisiert sich schnell heraus, was sie wollen: Die Schule gut abschließen, Abi machen, eine Lehrstelle finden. Zur Bank will Thomas, das steht fest. Einzelhandeskauffrau schwebt einem Mädel vor. Und natürlich den Führerschein machen. Sehr realistisch, die heutige Jugend. Und aktiv, denn es haben einige einen Job: Gartenarbeiten oder Zeitung austragen, damit das Geld reicht.

Angst? Wovor?

Was er morgen macht, der hoffnungsvolle Nachwuchs, das weiß er. Und was ist mit der weiteren Zukunft? «Wir hoffen, dass wir mal alle einen Beruf bekommen», ist im neuen Juz Schmitten zu hören. Annkathrin will ins Hotelfach, nach dem Abi. Und Maximilian meint: «Erst mal Abitur, dann sehen wir weiter.»

Auch hier kristallisiert sich das klare Problem mit der Fahrerei heraus. «Die Busse sind schlecht getaktet, das Anrufsammeltaxi ist unzuverlässig. Da müssen eben die Eltern fahren, wenn es regnet. «Bei gutem Wetter sind die Wege mit dem Moped zu schaffen.»

Arbeitsplätze scheinen das Wichtigste zu sein, was die kurz vor Schulende stehende Jugend umtreibt. Vor allem den, den man sich wünscht. Und dass sie bei ihren Touren zu Festen, Feten und Feiern nicht unter die Räder von Alk-Schlägern geraten. «Das mit dem Beruf hat aber doch jeder selbst in der Hand», meint Ruppert, der vor der Tür eine qualmt. «Einfach die Schule gut machen.»

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