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Wenn‘s im Wohnzimmer scheppert

Von Tägliche Blechlawinen, Lärm und Abgase. Die Menschen in der Kurmainzer Straße leben seit Jahrzehnten damit und hoffen doch auf Besserung.

Tägliche Blechlawinen, Lärm und Abgase. Die Menschen in der Kurmainzer Straße leben seit Jahrzehnten damit und hoffen doch auf Besserung.

Weißkirchen. Es ist eine Art lautes, schepperndes Krachen, das plötzlich mitten ins Gespräch platzt. «Haben Sie das gehört?», fragt Michael Müller. «Das war ein Lkw.» Noch mehrmals dringt das Geräusch in das Wohnzimmer des Zweifamilienhauses und gibt einen Eindruck davon, wie es ist, an einer stark frequentierten Durchgangsstraße zu leben. In diesem Fall ist es die Kurmainzer Straße in Weißkirchen. Genauer gesagt, wohnt Michael Müller im oberen Teil der Durchfahrt – etwa 300 Meter vor dem Ortsende, wo es in einem Anstieg Richtung Steinbach geht.

Zwischen 16 und 17 Uhr beginnt auch auf der Kurmainzer Straße langsam der Feierabendverkehr. Fast ununterbrochen fahren Pkw, Kleintransporter, Busse und Lkw in beide Richtungen. «Die Spitzenzeiten sind morgens ab etwa 7.30 und abends zwischen 16 und 18 Uhr», weiß Müller. Vor allem die Lastwagen donnern in dieser Zeit durch die Hauptverkehrsader.

Müller bekommt das alles mit, auch wenn das Haus, in dem er und seine Eltern wohnen, etwa 30 Meter zurückversetzt von der Kurmainzer liegt. Mit ein Grund für die Geräuschentwicklung in diesem Abschnitt der L 3006 dürfte sein, dass die Autos hier mit Tempo 50 fahren – vorausgesetzt die Fahrer halten sich daran. «Nachts ist das hier manchmal eine Rennstrecke, wenn die Autos aus Richtung Steinbach die Brücke runter geschossen kommen», sagt Müller.

Der 47-Jährige kennt dies alles nur zu gut, schließlich ist er hier aufgewachsen, hat sogar mal direkt vorne an der Straße gewohnt, bevor die Eltern 1968 das neue Haus bauten. Abgefunden hat er sich aber mit der Situation nicht. Ziemlich genau vor zwei Jahren startete er eine Unterschriftenaktion mit dem Ziel, die Tempo-30-Zone zu erweitern, die rund 200 Meter weiter unten Richtung Zentrum endet. Außerdem regte Müller seinerzeit an, einen Fußgängerüberweg im Bereich Weißkirchener Straße/Kammerpfad anzulegen. Obwohl so ziemlich jeder Anwohner die Initiative unterstützte, lehnte die Stadt beide Vorstöße ab – unter anderem mit der Begründung, dass eine durchgängige 30er-Zone «aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen nicht zulässig ist».

Für Müller ist das nach wie vor nicht nachvollziehbar. Umso mehr, weil sich seither an der Belastung für die Menschen in der Kurmainzer nichts geändert hat. Welchen Umfang diese hat, zeigt eine Messung der Verkehrsströme auf wichtigen Verbindungen im Hochtaunus. Nach dieser Bestandsaufnahme des Hessischen Landesamtes für Straßen- und Verkehrswesen aus dem Jahr 2005 rollen täglich 14 465 Fahrzeuge auf der Straße.

Neu ist das Problem aber nicht, denn schon in den 1950er-Jahren begann die Autoflut durch Weißkirchen zu schwappen. In der engen Ortsdurchfahrt wurden Häuser an Engstellen abgerissen, der Bach unter die Erde verbannt und Bürgersteige angelegt, aber an eine Umgehungsstraße dachte bis etwa 1955 kein Politiker. Am 2. August 1960 schrieb der Taunus-Anzeiger: «Niemand hat geahnt, wie sich der Verkehr entwickeln könnte. Die Bürger sind in steter Sorge, wie sie die Gefahren bannen können, die durch den ständig wachsenden motorisierten Verkehr für Leib und Leben entstanden sind.»

Michael Müller hofft noch immer, dass irgendwann die Südumgehung kommt. Denn eines will er auf keinen Fall: aus der Kurmainzer Straße wegziehen.

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