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Wo die Limburger zur Arbeit gingen

Die Jugendlichen der Werkstufe 2 der Astrid-Lindgren-Schule berichten aus dem ehemaligen Ausbesserungswerk der Bahn.
Manfred Seip (rechts) zeigt den Schülern, wie es früher in der Lehrlingswerkstatt aussah. Bilder > Manfred Seip (rechts) zeigt den Schülern, wie es früher in der Lehrlingswerkstatt aussah.
Limburg. 

Ein Triebwagen fährt ein, Achsen werden kontrolliert, Waggons gewaschen, es wird geschweißt, gehämmert, geschliffen, das Schmiedefeuer geschürt. So zeigt es ein Film aus dem Jahr 1968. Und heute? Wir treffen uns in der WERKStadt-Lounge.

Wo jetzt schicke weiße Polster stehen, war früher die Lehrlingswerkstatt. Vor 58 Jahren, im Alter von 14 hat er hier angefangen, erzählt unser Führer. Es ist Manfred Seip, der letzte Betriebsleiter vom Ausbesserungswerk Limburg. Vom einfachen Lehrling hat er sich zum Chef hochgearbeitet. Bis im Jahr 2005 die Lichter ausgingen – endgültig.

Die Ausbildung war sehr gut, aber hart, erinnert sich Seip. Morgens um 7 Uhr wurde angefangen. Bis 17 Uhr stand man an der Werkbank. Und wer Dummheiten machte, bekam auch mal die Pranke des Lehrlingsmeisters im Nacken zu spüren.

Noch liegen die alten Hallen im Dornröschenschlaf. Überall sind die Uhren stehengeblieben, mal auf Viertel vor sieben, mal um 10 nach 10 Uhr. Das große Gelände ist von Straßen und Schienen durchzogen. Man konnte Loks und Wagen bis in den letzten Winkel verschieben. Die Gebäude sind nach und nach entstanden. Im Krieg ging viel kaputt. Der älteste Teil, die Richthalle, wird zur Zeit als Parkfläche genutzt. Nächstes Jahr ist das Werk 150 Jahre alt. Dann sind hier vielleicht Geschäfte und ein Museum eingezogen.

Viele Schilder weisen noch darauf hin, wie gefährlich die Arbeit war: Explosionsgefahr, Vorsicht Stromschlag, Ohren schützen. Überall hängen Feuermelder. Durch Schweißarbeiten, Funkenflug oder brennbare Lappen konnte schnell ein Feuer entstehen. Es gab eine eigene Wasserversorgung und eine Werksfeuerwehr. Ein altes Bild zeigt 63 Wehrleute, eine stolze Truppe.

Manfred Seip führt uns in das Herzstück der Anlage. Große Trafos und eine Schaltzentrale sorgten für die Stromversorgung. Vorsicht, Hochspannung, ist zu lesen. In der Dienststube sieht es aus, als ob gerade Kaffeepause ist. Die Akten liegen offen auf dem Schreibtisch, darauf das Telefon. Sofort vertieft sich Herr Seip in die alten Unterlagen. Tatsächlich, Papiere, die er selbst unterzeichnet hat.

Dann geht es rüber in die Elektrowerkstatt, ein großer Ziegelbau. Dort haben 200 Personen gearbeitet, weiß Manfred Seip. Wir stehen vor einem Prüfstand. Hier konnte man die Fahrmotoren testen, bevor sie in die Triebwagen eingebaut wurden. Knöpfe, Schalter und Hebel bewegen sich noch. Strom fließt natürlich keiner mehr.

Im Werk wurde nicht nur repariert. Über die Jahre hat man hier über 3000 Bahndienstwagen gebaut. Im Zuglabor wurden Materialien getestet, zum Beispiel neue Sitze für Personenwagen. Auch Gleisarbeiter wurden beschäftigt. Sie stellten Weichen her in Handarbeit. Draußen finden wir ein altes Schild: Wer Ordnung hält und Sauberkeit, tut auch was für die Sicherheit.

Warum wurde das Werk eigentlich geschlossen? Diese Frage lässt Manfred Seip nicht kalt. Bis hin zu Bahnchef Mehdorn habe er sich für den Erhalt eingesetzt. Aber der Betriebsablauf sei zu umständlich und zeitraubend gewesen: Loks und Wagen einzeln einfahren, verschieben, ausfahren, das war nicht mehr zeitgemäß. Außerdem liege Limburg zu weit ab von den wichtigen Bahntrassen. Aber immerhin konnte dank Herrn Seip ein kleiner Ersatz geschaffen werden: Die Werkstatt der DB Regio, wo auch die Firma Vectus ihre Fahrzeuge wartet. Auch dort dürfen wir uns kurz umschauen.

30 Jahre jünger und ich würde hier einen Betrieb aufmachen, meint Herr Seip, als wir durch eine leere Halle gehen, wo vor kurzem noch Feuerwehrfahrzeuge montiert wurden. Immer noch kann er sich begeistern für "sein" ehemaliges Ausbesserungswerk.

Mitten in der Einkaufszone ist unsere letzte Station. An dem Drehgestelldruckstand erzählt Manfred Seip von früher, wenn sich zu Weihnachten 500 bis 600 Mann in der Halle versammelten, um nach ein paar Worten des Werksleiters gemeinsam "Stille Nacht" zu singen. Da wären wir doch gerne dabei gewesen.

Verfasser: Die Schüler der Werkstufe 2 mit ihrem Klassenlehrer Michael Keßeler

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