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Altvater Rheins starke Frauen

Der Rheinsteig zeigt sich hier von seiner weiblichen Seite. Eine Eiserne Lady, eine Heilige und die Königin der Reben weisen den Weg von Rüdesheim über Schloss Johannisberg zum Kloster Eberbach.
Im Rheingau. Im Rheingau.
Gerade mal sieben Jahre alt und schon auf dem besten Weg eine echte Wander-Legende zu werden: das ist der Rheinsteig. Längst auf Augenhöhe mit so renommierten und um einiges älteren Weggefährten wie Renn- oder Rothaarsteig ist es ein Muss, den 320 Kilometer langen Pfad auch in dieser Serie mit Füßen zu treten zumindest abschnittsweise.
 

 

 

 

Und wo ließe sich damit besser beginnen als in Rüdesheim? Das weinselige Epizentrum des Rheintourismus eignet sich nicht nur ob der zentralen Lage und der bequemen Erreichbarkeit mit Bahn oder Auto perfekt für den Einstieg in diese Tour de Vin. Nein, das viel gerühmte Eingangsportal zum Welterbe Oberes Mittelrheintal leistet noch seinen ganz eigenen wie eigentümlichen Beitrag dazu, dass der Wanderer möglichst schnell raus aus der Stadt und rauf auf den Rheinsteig will.
 
Wie bitte nichts wie weg aus Rüdesheim? Können zigtausende Touristen, die hier alljährlich von den Ausflugsdampfern der Köln-Düsseldorfer ans Ufer gespült werden, irren? Das liegt im Auge des nicht selten internationalen Betrachters. Wer ein Faible für jodelnde Plüsch-Murmeltiere oder Shorts in bayerischer Rauten-Optik mit an Land bringt und zudem die stolze Vorgabe Europa in sechs Tagen im Reisegepäck hat, der kann hier im Akkord Bekanntschaft mit den deutschen Klischees machen.
 
Dem Trubel entschweben
 
Danach noch a glass of Riesling im Wirtshaus Hannelore The International oder einen Rüdesheimer Café an der Promenade mit freiem Blick auf vielfarbige Frachtwaggons, die in steter Regelmäßigkeit durch die Rheinromantik donnern Haken dran, rein in den Bus oder rauf aufs Boot und ab dafür.
 
Wer sich allerdings etwas mehr erwartet hat, der sollte die Drosselgasse gemessenen Schrittes hinter sich bringen, dann eine der Gondeln der Seilbahn entern und dem Trubel in Richtung Niederwald-Denkmal sanft entschweben.
 
Natürlich bleibt es unbenommen, den Gipfelsturm per pedes in Angriff zu nehmen. Nur die Harten kommen in den Garten. Allein, man sollte im Hinterkopf behalten, dass es die kommenden Kilometer noch in sich haben werden. Da gilt es, mit den Kräften zu haushalten.
 
Oben und damit auf Rheinsteig-Niveau angelangt, wird der Besucher bereits von der Germania, einer netten älteren Dame mit enormem Weitblick freundlich begrüßt. 1877 als die Eiserne Lady hier die Wacht am Rhein bezog, war das noch anders. Da war das 32 Tonnen schwere Vollweib die in Stahl gegossene Kampfansage an die linksrheinische Nachbarin Marianne. Doch das ist lange her. Heute lassen sich auch französische Gäste gerne mit Germanys first Top-Model ablichten. Was sich gegenwärtig allerdings noch schwierig gestaltet.
 
Mit ihren rund 135 Jahren auf dem mächtigen Buckel, schwächelte die Germania zuletzt doch merklich. Ein Millionen schweres Ganzkörper-Lifting hinter blickdichtem Korsett tat not und das ist noch nicht ganz abgeschlossen. Wohl erst im Juni fällt der Vorhang.
 
Die Heilige der Herzen
 
So lange kann der Wanderer im Frühjahr 2012 nicht warten, zu viel gibt es noch zu sehen entlang des Rheinsteigs. Dessen kaum zu verfehlendes Markenzeichen, der weiße Strom auf blauem Grund, lenkt den Schritt durch die Weinberge direkt in die Arme der nächsten starken Frau: Hildegard von Bingen.
 
Klostergründerin, Heilkundige, Kirchenlehrerin, Ratgeberin der Kaiser die heilige Hildegard war all das und noch viel mehr für die Menschen des Mittelalters und sie ist es für viele Christen bis heute geblieben. Das gilt nicht nur für die Schwestern der Benediktinerinnen-Abtei St. Hildegard, die hoch über Eibingen noch immer nach den Regeln ihrer Namenspatronin leben, sondern auch für unzählige Pilger, die Jahr für Jahr nach Eibingen kommen.
 
Eigentliches Ziel der Wallfahrer ist allerdings nicht das heutige Kloster am Rande des Rheinsteigs. Dessen massive Mauern und Türme mögen zwar den Geist der Heiligen in sich tragen, errichtet wurden sie jedoch erst 1904. Es ist die kleine Kirche St. Hildegard, die im Zentrum der Heiligen-Verehrung steht. Hangabwärts am Ortsrand von Eibingen gelegen wird ein ganz besonderer, spiritueller Schatz aufbewahrt: der Hildegardisschrein, ein prachtvoller Aufbewahrungsort für die Gebeine der Heiligen.
 
Etwas abseits des Rheinsteigs gelegen, ist es an jedem selbst, darüber zu befinden, ob der Besuch in der Wallfahrtskirche einen Umweg lohnt. Entscheidend ist, dass man letztlich auf den rechten Weg zurückkehrt. Noch steht der zwar im Zeichen des weißen Stroms auf blauem Grund. Doch das ändert sich schon bald. In dem Moment, in dem der Rheinsteig einen Haken nach links schlägt und den Wanderer hinauf nach Marienthal ziehen möchte, gilt es, ihm die Gefolgschaft aufzukündigen zumindest vorerst.
 
Nicht, dass der Weg, den der Rheinsteig hier nimmt, nicht reizvoll wäre. Nein, es sind einzig ökonomische Gründe, die der Abkürzung geradewegs durch die Weinberge den Vorzug geben. Zwar gibt es in der Folge kein Wanderzeichen, das einen dirigiert. Dafür jedoch ist das nächste Etappenziel wie ein Leuchtturm schon von weitem zu sehen. Schloss Johannisberg überragt auf seinem Plateau hoch über dem Rhein alles und hält auf Kurs.
 
Auf dem Weg dorthin bleibt dem Wanderer reichlich Gelegenheit, der Königin des Rheingaus seine Aufwartung zu machen. Links und rechts des Pfades kreist alles um ihr Wohlergehen, wird die Rieslingrebe von unzähligen Händen gehegt und gepflegt. Und das völlig zu Recht. Schließlich sorgt die Königin der Trauben hier seit Jahrhunderten gut für ihr Volk, ja, sie lässt sich sogar bereitwillig ausquetschen, wenn es nur dem Wohl ihrer Untertanen dient.
 
Wie lange schon im Rheingau Wein angebaut wird? Wohl schon die alten im sonst so finsteren Germanien stationierten Römer hatten die Sonnen verwöhnten Hänge am Rhein für die Kultivierung ihres Kultgetränks genutzt. Das verrät eine Hinweistafel, die beim Erreichen der Landesstraße in den Blick kommt. Sie ist Teil eines Weinlehrpfades, der entlang des Weges davon erzählt, dass gerade Johannisberg bei der Renaissance des Weinbaus unter den Karolingern eine besondere Rolle spielte.
 
Prächtige Präsente
 
Karl der Große höchstselbst soll die Order gegeben haben, den Johannisberg zum Wingert zu machen und schenkte den Rheingauern so den Weinbau.
 
Ein nicht minder wertvolles Präsent eines gekrönten Hauptes kommt in den Blick, hat man sich erst mal den Aufstieg nach Johannisberg hinaufgekämpft. Vorbei an einem Caféhaus zur Linken und gleich wieder rechts in eine Allee hinein, kann der Wanderer mit jedem weiteren Schritt die Pracht und Dimensionen von Schloss Johannisberg besser erkennen.
 
Es war Kaiser Franz I. von Österreich, der seinem treuen Kanzler Klemens von Metternich dieses stilvolle Eigenheim präsent-ierte. Mit Schleifchen drum und Schlüssel dran bedankte sich der Monarch 1816 bei seinem treuen Adlatus dafür, dass der nach dem ganzen napoleonischen Chaos in Europa beim Wiener Kongress im Walzertakt wieder Ordnung gemacht hatte zumindest im Sinne der feudalen Oberschicht.
 
Dass die schlicht rotblütige Mehrheit das doch etwas anders sah, bekam die sonst so kommode Donaumonarchie 1848 zu spüren. Metternich restaurierte, die Menge rebellierte, der Kaiser resignierte, worauf der Kanzler exilierte. Über England kehrte er nach Johannisberg zurück, verbrachte hier seinen Lebensabend und hinterließ bleibenden Eindruck. Noch heute zieren sein Name nebst Konterfei einen der besten Sekte der Republik, der selbstverständlich aus Johannisberger Trauben aufgeschäumt wird.
 
Zwei Kult-Figuren
 
Während der Metternich bereits seit 1930 wieder in aller Munde ist, avancierte ein anderer Johannisberger erst Ende der 1980er-Jahre zur Kultfigur und zum Comic-Helden: Karl, der Spätlesereiter.
 
Inspiriert vom Denkmal im Hof von Schloss Johannisberg waren es Michael Apitz und Patrick Kunkel, die mit leichter Feder und viel Humor 1988 jenem Meldereiter ein Gesicht und einen Namen gaben, ohne den Generationen von Weintrinkern ein Genuss vorenthalten geblieben wäre.
 
Wäre der Bote 1775 nicht zu spät mit der bischöflichen Erlaubnis zur Weinlese aus Fulda zurückgekehrt die Mönche von Johannisberg hätten wohl nie erfahren, wie gut Wein aus verfaulten Trauben schmecken kann.
 
Kaum zu glauben, aber wahr: Des Vinophilen liebstes Kind verdankt seine Entstehung einem Zufall. Heutzutage undenkbar. Längst ist der Weinbau eine Wissenschaft für sich mit eigener Hochschule in Geisenheim. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen und deshalb sitzt Yvonne Lehmann auch an einem frostigen Frühjahrsmorgen in den Weinbergen von Schloss Vollrads.
 
Etwas verdeckt hinter High-tech, den Laptop oben auf, verbringt die Biologin von der Geisenheimer Forschungsanstalt viele Tage im Wingert und lauscht darauf, was der Boden ihr zu erzählen hat.
 
Wissenschaft für sich
 
Im Rahmen eines Düngeversuchs, der der jungen Frau 2014 den Doktortitel einbringen soll, will Lehmann ermitteln, wie man den Reben ausreichende Mengen des zum Wachsen benötigten Stickstoffs zu führen kann, ohne dabei zu viel Lachgas und Kohlendioxid freizusetzen. Die nämlich treten aus dem Erdboden aus und schädigen das Klima, versucht sich die Biologin freundlich an einer auch für den treu dreinschauenden Laien verständlichen Erklärung.
 
Nach diesem kurzen Ausritt in die komplexe Welt der Wissenschaft, steht der Wanderer wenig später vor einer ganz simplen Frage: Gehts noch? Falls ja, heißt das Ziel Kloster Eberbach und liegt noch sechseineinhalb Kilometer entfernt. Falls nein, ist hier die Stelle, von der aus der Wanderer auch kürzer treten kann. Dazu vertauscht er das blaue Signet des Rheinsteigs mit dem gelben Pendant der Zuführung, verabschiedet sich nach rechts, erreicht in knapp drei Kilometern den Bahnhof von Mittelheim.
 
Für diejenigen, die dagegen aufs Ganze gehen wollen, verändert der Rheinsteig sein Gesicht. Schritt für Schritt entfernt sich der Wanderer von den Weinreben, steuert er Buchen und Eichen an. Dabei passiert er Kühns Mühle, stiefelt am Airport der örtlichen Modellflieger vorbei immer weiter nach oben und erreicht schließlich den Rand des Vorderwaldes.
 
Während zur Rechten unten im Tal der Altvater in seinem Bett ruht, heißt es hier oben: Keine Müdigkeit vorschützen. Es geht jetzt stetig bergauf und bergab, rein in den Wald und raus aus dem Wald bis die durchaus mondäne Siedlung Am Rebhang erreicht ist.
 
An in Stein und Glas gefassten Wohnträumen vorbei geht es zurück in den Wald, an der Kreuzung am Unkenbaum nach rechts und dem Ziel entgegen.
 
Noch einen bewaldeten Hang hinab, schimmern die weißen Mauern und grünen Gärten des Klosters Eberbach durch die Baumreihen. Es ist ein erhebender Anblick. Und das nicht nur, weil der Wanderer hier stolz von sich sagen kann, gut 19 Kilometer erfolgreich hinter sich gelassen zu haben. Viel mehr gehört das 1136 noch zu Lebzeiten Bernhards von Clairvaux errichtete Zisterzienserkloster zum Schönsten, was Deutschland an Sakralbauten zu bieten hat.
 
Zwar mussten die Grauen Mönche ihr Zuhause 1803 verlassen, wurde das einstmalige Kloster im 19. Jahrhundert sogar als Zuchthaus missbraucht. Das wie auch alle anderen Stürme der Zeit hat das alte Gemäuer jedoch mit Fassung ertragen. Heute erstrahlt Eberbach wieder im alten Glanz, dienen die uralten Gewölbe dem Staatsweingut, die Säle unter anderem dem Rheingau-Musikfestival und die gesamte Anlage als Filmkulisse. Unvergessen: Sir Sean Connery, der 1985 für die Verfilmung von Ecos Der Name der Rose durch die heiligen Hallen und die öchslehaltigen Keller wandelte.
 
Eine noch sehr junge und sehr glaubhafte Legende erzählt, dass der schottische Ritter mit großer Begeisterung der Königin der Rheingauer Reben seine Aufwartung machte. Eine Gelegenheit, die auch der Wanderer nicht verpassen sollte, bevor er sich auf den Heimweg macht.

Strecken-Info

Schwierigkeit: leicht
Strecke: 19,6 Kilometer
Aufstieg: 464 Meter
Abstieg: 527 Meter
Dauer: 5:12 Stunden
Niedrigster Punkt: 127 Meter
Höchster Punkt: 358 Meter
Start der Tour
Bahnhof Rüdesheim
Ziel der Tour
Kloster Eberbach
Wegbeschreibung
Mit der Seilbahn von Rüdesheim aus zum Niederwalddenkmal. Danach gut ausgebauter und häufig frequentierter Weg mit vielen Einkehrmöglichkeiten.
Ausrüstung
Da die Tour über fünf Stunden dauert, sollten ausreichend Getränke und eine kleine Mahlzeit im leichten Rucksack eingepackt werden. Man spart kein Geld, aber Gepäck, wenn man eine Einkehr entlang des Weges vorzieht.

Anfahrt
Wer mit dem Auto über die A 66 in den Rheingau fährt, sollte den Wagen in Eltville abstellen und dort die Bahn nach Rüdesheim besteigen. Vom Endpunkt dieser Tour, Kloster Eberbach, geht es mit dem Bus zurück nach Eltville.
Parken
In Eltville, Bahnhofsnähe.
Öffentliche Verkehrsmittel
Mit der Bahn rollt man schon von Frankfurt aus bequem nach Rüdesheim. Mit dem Bus vom Kloster Eberbach nach Eltville. Wer die Infos zu dieser Tour online sucht, wird hier fündig: www.fnp.de/tourenplaner.
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