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Der Ritterschlag: Auf Zeitreise im Taunus

Drei mittelalterliche Festungen, dazu imperiale Pracht des beginnenden 20. Jahrhunderts und Wohnluxus der Gegenwart, das Ganze eingerahmt vom satten Grün der Taunuswälder wenn das mal nicht majestätisch klingt.
In die tiefen Taunuswälder kann der Wanderer richtiggehend eintauchen. Foto: Boris Roessler/Archiv In die tiefen Taunuswälder kann der Wanderer richtiggehend eintauchen. Foto: Boris Roessler/Archiv
Einmal ins Mittelalter bitte hin und zurück! Von den Mitarbeitern am Ticketschalter des Frankfurter Hauptbahnhofs dürfte man mit dieser Bitte vermutlich fragende Blicke ernten, aber ganz sicher keine Fahrkarte bekommen.
 

Nein, der RMV hat das Zeitreisen noch nicht erfunden. Aber er bietet Transportmittel, die den Wanderer ganz nah und bequem ans Mittelalter heranfahren. Mit dem Zug nach Königstein und dort am Bahnhof aussteigen, so steht der Wanderer quasi schon mit einem Bein in der Ritterzeit. Zumindest grüßt von droben bereits der Bergfried der Burgruine, dem ersten Etappenziel dieser Tour Royal.
 
Zunächst aber geht es ganz untertänig und bodenständig am Fuße des Königsteiner Burgbergs entlang. In Richtung des Gleisübergangs, dann nach rechts, ein kurzes Stück die Straße hinauf und gleich bei der nächsten Gelegenheit nach links wird Königstein mit jedem weiteren Schritt ein wenig grüner. Hier ist der Straßenname Programm, weist der Heuhohlweg doch darauf hin, dass die provinziellen Vorfahren der mondänen Jetztzeit-Königsteiner über diesen Pfad das Futter für ihr Vieh herankarrten.
 
Ja, man mag es kaum glauben, aber die kleine Wohlfühlwelt für Millionäre war mal ein ganz normales Dorf und nicht einmal ein reiches. Bevor der Geldadel aus Frankfurt im 19. Jahrhundert dieses Fleckchen Taunuserde für sich entdeckte, trotzten die Königsteiner mit ihrer Hände harter Arbeit der Scholle den kargen Lebensunterhalt ab. Dass noch nicht alle Bewohner der Kurstadt ihre Liebe zum Grünen an den Hausgärtner abgetreten haben, beweisen die kurstädtischen Kleingärtner, die es sich hier im Stillen Hain zwischen Feldsalat und Rosenbeeten gemütlich gemacht haben.
 
Mit Eintritt in den Burghain präsentiert sich die Landschaft mit einem Mal von ihrer schroffen Seite. Imposante Schieferkanten machen dem Wanderer unmissverständlich klar, wo er lang gehen muss und wo er abbiegen darf. Allein der erste Abzweig, der sich rechts auftut, darf noch getrost links liegen gelassen werden. Erst ein paar hundert Meter und mehrere Felsvorsprünge weiter öffnet sich ein schmaler Pfad, der zur Rechten über Stock, Stein und Laub nach oben und zum Freiheitsfelsen führt.
 
Wir sind frei
 
Geländer und Ruhebank mit eher angekratztem Charme, reißt die Aussicht von klassischer Schönheit vieles, wenn nicht alles raus. Erst 1930 machten die Königsteiner aus dem bis dahin namenlosen Riesen den Freiheitsfelsen, zierten ihn mit der Aufschrift Wir sind frei und feierten damit das offizielle Ende der seit 1919 andauernden Besatzungszeit nach dem Ersten Weltkrieg.
 
Es war nicht das erste Mal, dass Königstein über den Abzug fremder Truppen jubelte, und es war nicht das erste Mal, dass die Stadt auf einigen Kollateralschäden sitzen blieb.
 
Das zu erkennen, dafür reicht schon ein Blick auf die Königsteiner Burg. Vom Freiheitsfelsen kommend, geradeaus durch den Burghain hindurch und nach wenigen hundert Metern einen Anstieg hinauf, kommt bereits die erste Bastion in Sicht. Einst in Stein gefügtes Sinnbild der Macht, mit Türmen, Toren und imposanten Mauern, ist davon heute nur noch der Torso zu sehen. Ruiniert wurde das stolze Bollwerk, zu dem der Sage nach schon Frankenkönig Chlodwig den Grundstein gelegt haben soll, von französischen Revolutionstruppen. Die hatten sich hier in den 1790er-Jahren einquartiert und auf ihrem Rückzug vor den Preußen 1796 die Festung in die Luft gejagt aus Versehen, versteht sich. Upps pardonnez-moi! Die Königsteiner haben den linksrheinischen Nachbarn dieses kleine Missgeschick natürlich längst verziehen, führen heute sogar gleich zwei französische Partnerstädte unter ihrem Stadtwappen. Man soll ja nicht so nachtragend sein.
 
Großes Ritterturnier
 
Zumal die Sprengung den Kurstädtern rückblickend auch ein paar Vorteile gebracht hat. Nach der Explosion zunächst lange als kostenloser Baustoffhandel von Königsteiner Häuslebauern genutzt, bietet die Burg heute die Kulisse für das weithin bekannte Burgfest und das große Ritterturnier, das heuer vom 18. bis 20. Mai also Ende dieser Woche in den historischen Mauern abgehalten wird.
 
Sich von einer der größten Festungsruinen der Republik ein genaueres Bild zu machen, dazu fehlt bei dieser Wanderung zwar die Zeit. Da der Eintritt jedoch erschwinglich und die Aussicht erstaunlich ist, sollte eine kurze Stippvisite auf der Plattform des Bergfrieds auf jeden Fall drin sein, bevor es von der Burg hinab in Richtung der Altstadt weitergeht.
 
Das Luxemburger Schloss, das der Wanderer dabei rechter Hand passiert, ist heute zwar Sitz des Amtsgerichts. Im 19. Jahrhundert jedoch hatten sich hier echte Nassauer eingenistet sehr zur Freude der Königsteiner. Die waren mit Fug und Recht stolz darauf, dass sich ihr Landesvater Herzog Adolph von Nassau und dessen zweite Gemahlin Adelheid Marie auf Hochzeitsreise 1851 ausgerechnet in ihr Städtchen verguckt hatten. Königstein wurde zur Sommerresidenz der Nassauer und blieb es auch, als die 1866 ihr Herzogtum verloren. Als Adolph 1890 im Alter von 73 Jahren noch einmal zum Großherzog von Luxemburg avancierte, stieg auch das Schlösschen im Rang und Namen auf sein heutiges Niveau.
 
Zur Linken die evangelische Immanuelkirche, geht es im Anschluss durch die Altstadt. Die schmale hintere Schlossgasse hinunter, wird das alte Rathaus passiert, in dem sich heute das Burg- und Stadtmuseum befindet, danach die Woogtalstraße bergab am kleinen St. Josef-Krankenhaus vorbei und drum herum, führt der Weg aus der Stadt heraus und in ein grünes Kleinod hinein: das Woogtal.
 
Die vom Reichenbach durchzogene Oase mit ihren Weihern, Parkbänken und dem großen Mühlrad ist beliebter Treffpunkt für Spaziergänger, Jogger wie auch Gassi-Geher und markiert den Einstieg in das grüne Reich von Mutter Natur. Über die Bahntrasse hinüber geht es am Gelände des Entomologischen Vereins Apollon vorbei. Ento... wie bitte? Entomologen sind Menschen, die ein Herz für Insekten haben. Im konkreten Fall sind es Schmetterlinge. Den fragilen Diamanten der Lüfte gilt hier alle Aufmerksamkeit.
 
Das Blöken von Schafen, das in der Folge an das Ohr des Wanderers dringt, navigiert den Schritt genau in die gewünschte Richtung zum Bangert. Heute ein Flora-Fauna-Habitat-Gebiet, hätte in den 1970er-Jahren nicht viel gefehlt, und das Grün wäre zum Baugebiet mit Burgenblick umgeackert worden. Den Wanderer wird es freuen, dass er an Streuobstwiesen und Weiden und nicht an Gartenzäunen vorbei in Richtung der Landesstraße 3369 spazieren kann.
 
Ist die erreicht und überquert, steht die erste echte Herausforderung auf dieser Tour an. Der Weg zieht gehörig an und den Wanderer über 1,3 Kilometer durch dichten Mischwald hinauf zur Billtalhöhe. Dort angekommen bietet das Naturfreundehaus eine willkommene Gelegenheit für eine kurze Verschnaufpause. Die urige Waldgaststätte ist Teil eines Campingplatzes, den sich die Naturfreunde aus Höchst hier schon vor über 100 Jahren eingerichtet haben.
 
Es waren einfache Arbeiter, die Anfang des 20. Jahrhunderts dem tristen Grau der Fabriken für ein paar Tage entflohen und hier Erholung fanden. Raus ins Grüne war der Wunsch, der klassenübergreifend die Runde machte. Während Bankiers und Industrielle in den Taunus-Städtchen ihre Villen errichten ließen, quartierten sich die Naturfreunde auf der Billtalhöhe in einer Blockhütte ein.
 
Gegebenenfalls gestärkt geht es weiter auf dem Borgnisweg an Fischweihern vorbei zur Bundesstraße 8. Hier ist beim Überqueren Vorsicht geboten. Die Asphalt-Tangente ist viel befahren, spült und staut täglich zigtausende Pendler durch den Königsteiner Kreisel zu den Arbeitsplätzen in Rhein-Main. Ist der Übergang geschafft, wird es umgehend wieder ruhiger. Auf der anderen Straßenseite, wo der Revierförster sein Zuhause hat, geht es schon bald nach rechts und durch dichten Wald in Richtung Falkenstein. Hier ist der Wanderer der König, breitet sich der Waldweg wie ein Teppich zu seinen Füßen aus ein Geschenk für die von der Steigung doch leicht strapazierten Waden.
 
Majestätische Blicke
 
Die können sich in der Folge im lockeren Spazierschritt vorbei am Forellenweiher im Reichenbachtal und den schmucken Heimstätten augenscheinlich solventer Stadtrandbewohner ein wenig entspannen, bevor im Zentrum von Falkenstein die nächste Berg- und Burgetappe wartet. Steil nach oben, der Falkensteiner Festung entgegen, wird der Wanderer beim Betreten der Ruine eines majestätischen Fernblicks über Kronberg hinweg bis nach Frankfurt gewahr.
 
Nicht minder aussichtsreich ist ein kurzer Besuch am Dettweiler-Tempel gleich um die Festungsecke. Der schmucke Pavillon mit Pracht-Panorama erinnert an den renommierten Lungenfacharzt Dr. Peter Dettweiler, der in seiner Falkensteiner Heilanstalt Ende des 19. Jahrhunderts unzähligen Tuberkulose-Patienten Heilung gebracht und Medizin-Geschichte geschrieben hat.
 
Apropos Lunge: Wem an dieser Stelle das Atmen doch schon zu schaffen macht, darf sich guten Gewissens aus dieser Tour ausklinken und sich über die in der Karte vermerkte Abkürzung gen Bahnhof Königstein verabschieden.
 
Wer hingegen noch fit ist und Lust hat, für den geht es wieder hinunter nach Falkenstein, weiter in den Ortskern und schon bald nach links in den Debusweg. Auf dem Weg zum Waldrand passiert der Wanderer eine der feinsten Adressen, wenn es ums gehobene Logieren geht. Hier, wo einst Dettweilers Klinik stand und Kaiser Wilhelm II. später seine Offiziere kurieren ließ, leuchtet heute das Falkenstein Grand Kempinski Hotel mit fünf Sternen und einem nicht minder glänzenden Superior so hell, dass sogar die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft davon magisch angezogen wurde und hier zur WM 2006 Quartier nahm.
 
Nach so viel royalem Prunk ist es doch an der Zeit, dass sich die Erde mal wieder angemessen in Szene setzt. Das Wegzeichen Schwarzer Ring nimmt den Wanderer am Ende des Debusweges in Empfang, geleitet ihn in den Wald und nach oben zum Kocherfels, einer mächtigen Grünschieferformation mit einigen imponierenden Ecken und Kanten.
 
Geht es hier noch ein wenig auf und ab, gibt es danach kein Halten mehr. Der Wanderer tritt den Abstieg an. Durch den Wald hindurch geht es die Straße Oberer Aufstieg in Richtung Schönberg hinunter. Kurz vor Erreichen des Kronberger Stadtteils zieht der Weg jedoch noch einmal nach links, führt auf den Naturlehrpfad am Förster Hans Streun Weg und weiter nach links am Ortsrand von Schönberg entlang bis zur Einmündung der Viktoriastraße. Hier nach rechts bewegt sich der Wanderer auf das Herz Kronbergs zu.
 
Apropos: Wenn ein Herz für die Burgstadt schlug, dann war es wohl das eben jener Viktoria, der die Straße ihren heutigen Namen verdankt. Tochter der britischen Commonwealth-Regentin Victoria, Gattin des deutschen 99-Tage-Kaisers Friedrich III. und Mutter von Kaiser Wilhelm II., gehörte die Kultur liebende und hochgebildete Monarchin zu den großen Gönnerinnen Kronbergs.
 
Nach dem Tod ihres Mannes (1888) hatte sich Viktoria das Taunusstädtchen als Witwensitz auserkoren allerdings nicht ganz freiwillig. Ausgerechnet Wilhelm, ihr Erstgeborener, war es, der der Mutter nach seiner Krönung überdeutlich zu verstehen gab, dass am Hof in Potsdam kein Platz mehr für sie und ihre liberalen Gedanken war. Wenn es eines Gegenbildes zum Ödipus-Komplex bedürfte, das gestörte Verhältnis zwischen Viktoria und ihrem Filius wäre wie gemalt dafür.
 
Viktoria, die sich in Erinnerung an ihren geliebten Ehemann von ihren Untergebenen Kaiserin Friedrich nennen ließ, siedelte nach Kronberg über, wo mit Schloss Friedrichshof ein für sie standesgemäßes und very britisches Domizil entstand. Mittlerweile längst zur renommierten Nobelherberge samt Golfplatz umfirmiert, atmet das Schlosshotel noch heute die royale Pracht des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
 
Viktorias nobles Exil
 
Der Wanderer allerdings kann den Witwensitz auf dieser Tour linker Hand nur erahnen. Zwar ist der Schlosspark für Spaziergänger zugänglich, vorausgesetzt man kommt den Golfern nicht in die Quere. Just zur Viktoriastraße hin jedoch findet sich gegenwärtig kein Eingang, macht ein Zaun dicht. Macht aber nichts. Schließlich bleibt auch so noch reichlich Raum und Gelegenheit, den Spuren der Mäzenin nachzugehen.
 
Da ist zunächst der Viktoriapark, den die Kaiserinmutter im Stile eines englischen Landschaftsgartens anlegen ließ und durch den es in Richtung Stadtzentrum geht. Dass sich der Wanderer in der Folge aus der grünen Oase verabschieden und dem weniger einladenden Gehweg parallel zur Hainstraße den Vorzug geben muss, mag nicht jedem gefallen, hat aber einen guten Grund. Ein kleines Schild zur Rechten weist einen schmalen Pfad zur Burg aus, der den Weg zur Vorzeige-Festung des Taunus doch beträchtlich verkürzt.
 
Eine Vorzeige-Festung
 
Vorzeige-Festung ohne den angeschlagenen Nachbarinnen in Königstein und Falkenstein zu nah treten zu wollen, muss man doch sagen, dass die Kronberger Burg irgendwie imposanter, weil kompletter daherkommt. Dabei machte auch das Gemäuer aus der Stauferzeit Mitte des 19. Jahrhunderts einen erbärmlichen Eindruck.
 
Es war Kaiserin Friedrich, wer sonst, die damals tief in die eigene Tasche griff und die Burg renovieren ließ. Eine lobens- wie stadtgeschichtlich lohnenswerte Initiative, die heute vom Burgverein und einer eigens gegründeten Stiftung fortgesetzt wird. Jetzt noch auf den 40 Meter hohen Freiturm, der nicht nur viele Kronberger ob seines Aussehens an eine Maggi-Flasche erinnert, danach hastig in den Prinzengarten, und im Spurt durch das Burgmuseum im Flügelstammhaus halt, halt! Wie Königstein hat auch Kronberg so viel zu bieten, zu sehen und zu genießen, dass man diese Tour getrost als Appetitanreger verstehen und auf jeden Fall wieder zurückkommen sollte. Also: Nur nicht hetzen, sondern ganz gemütlich von der Festung Richtung Altstadt spazieren, vielleicht noch zum Einkehrschwung ansetzen und dann den Bahnhof ansteuern so wird das Wandern im Taunus zum royalen Erlebnis.

Strecken-Info

Schwierigkeit: mittel
Strecke: 17,3 Kilometer
Aufstieg: 514 Meter
Abstieg: 640 Meter
Dauer: ca. 4,40 Stunden
Niedrigster Punkt: 212 Meter
Höchster Punkt: 527 Meter
Start / Ziel der Tour:
Bahnhof Königstein / Bahnhof Kronberg
Wegbeschreibung
Gut ausgebauter Wanderweg, durchsetzt mit einigen Steigungen.
Ausrüstung
Leichter Rucksack mit etwas Proviant, aber vor allem Getränken. Feste Wanderschuhe anziehen.

Anfahrt
Von Frankfurt kommend, geht es auf der A 66 in Richtung Wiesbaden aber nur bis zur Abfahrt Main-Taunus-Zentrum. Dort gehts weiter über die B8 nach Königstein. Da es sich um eine Streckentour handelt, muss man vom Ziel aus mit dem ÖPNV zurück nach Königstein.
Parken
Am Bahnhof Königstein.
Öffentliche Verkehrsmittel
Von Frankfurt aus mit der S4 nach Kronberg, dort weiter mit dem Bus 261 nach Königstein. Von Höchst mit der Hessischen Landesbahn nach Königstein. Fahrzeiten über www.rmv.de. Infos online auf www.fnp.de/tourenplaner/
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