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Der Vogelsberg: Tanz auf dem Vulkan

Manche mögens heiß! Das galt vor Jahrmillionen auch für den Hoherodskopf. Früher ein Vulkan mit explosivem Temperament, ist er heute ganz friedlich und damit der perfekte Dreh- und Angelpunkt für die Tour durch den Vogelsberg.
Bild: Vogelsberg Touristik Bild: Vogelsberg Touristik
Ätna, Mount St. Helens, Eyjafjalla man kann sich seine Verwandtschaft bekanntlich nicht aussuchen. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Ex-Vulkane wie den Hoherodskopf. Schämen muss der sich der Verwandten aber auch nicht. Immerhin war die heutige Vorzeigeerhebung des Vogelsbergs selbst mal ein sehr aktiver Teil dieser heißblütigen Sippe.
 

Um das den Besuchern des Hoherodskopfs vor Augen zu führen, um ihnen klarzumachen, dass sie hier auf einem erloschenen Schlot des Schildvulkans Vogelsberg herumspazieren, haben die Macher des Infozentrums dort oben ein großes Hinweisschild errichtet, dessen Pfeile auf besonders prominente und partiell noch recht lebendige Feuerspeier in aller Welt deuten.
 
Zum Glück handelt es sich bei denen allerdings das belegen die Kilometerangaben doch um sehr entfernte Verwandte. Der Hoherodskopf hingegen hat sich schon vor ganz, ganz langer Zeit aus dem aktiven Geschäft des global tätigen Familienbetriebs zurückgezogen. Wenn es heute noch mal heiß hergeht auf dem Gipfel des 764 Meter hohen Berges, dann nicht, weil der alte Herr mal wieder überkocht. Dann sind es die Touristen, die an Sonn- und Feiertagen in riesiger Zahl hier hinauf pilgern sei es mit dem Auto, Rad oder Motorrad, mit dem Vulkanexpress oder eben zu Fuß, wie bei dieser Tour auf dem Vulkan.
 
Ihren Ausgang nimmt die Wanderung auf einem Parkplatz an der Landesstraße 3338, die den Schottener Stadtteil Breungeshain mit der Waldsiedlung verbindet. Hat man den Wagen dort abgestellt und Kurs von der Straße weg in Richtung des Waldes genommen, kommt der große Funkturm auf dem Gipfel des Hoherodskopfes schon nach wenigen Metern in Sicht. Einen besseren Orientierungspunkt kann man sich gar nicht wünschen.
 
Wenn es dennoch zu empfehlen ist, sich eines der vielen Wegzeichen zum Beispiel das rote Rechteck herauszupicken und dessen Vorgaben zu folgen, dann begründet sich diese Vorsichtsmaßnahme in dem sensiblen Gebiet, das es zu passieren gilt.
 
Hier nämlich ist heute die Segelfluggemeinschaft Hoherodskopf zu Hause. Damit sich Freizeitpiloten und Passanten bei An- und Abflügen nicht in die Quere kommen, lautet die oberste Prämisse für den Wanderer: Immer am Waldrand entlang. So kommt man sicher voran.
 
Ist der Spaziergänger am Fuß des Berges angekommen, erwartet ihn das wohl knackigste Stück der ganzen Tour: der Aufstieg zum Gipfel. Der zieht sich schon ein wenig. Und das wird nicht eben dadurch besser, dass immer wieder lachende und vor allem sitzende Zeitgenossen an einem vorbei und zum Gipfel hinauf ziehen. Obwohl man sollte wohl besser sagen gezogen werden.

 
Aufzug zum Gipfel

 
Der Aufzug ist essenzieller Bestandteil der Sommerrodelbahn, deren Röhren sich auf der anderen Seite des Hangs hinabschlängeln. Müßig zu erwähnen, dass das schneefreie Ganzjahres-Rodeln gerade bei Kindern ein echter Renner ist. Wie überhaupt in Sachen Freizeitgestaltung auf dem Hoherodskopf einiges geboten ist. Minigolf und Kletterwald, Mountainbike-Parcours und Langlaufloipe, dazu Skilifte, Kioske und Restaurants. Brodelte das Leben einst unter der Erde, so tanzt es heute sommers wie winters auf dem Vulkan.
 
Ob das nicht ein wenig des Guten zu viel ist Erholungssuchende, denen der Sinn sehr viel mehr nach Ruhe und Natur steht, werden dem Event-Berg vermutlich recht schnell den Rücken kehren und den Schutz des Waldes ansteuern.
 
Links am Info-Zentrum vorbei wartet mit dem grünen H bereits das passende Wanderzeichen darauf, den Weg in Richtung der Landesstraße 3291 zu weisen. Der Wanderer kann sich für die kommenden Kilometer guten Gewissens in die Obhut des H begeben, markiert es doch den Höhenweg, der bis zur Rückkehr zum Hoherodskopf die Richtung vorgeben wird.
 
Geradeaus über das Asphaltband hinweg und dann immer der Nase nach ist bereits nach wenigen hundert Metern die höchste Erhebung des Vogelsberg-Gebiets erreicht: der Taufstein.
 
Wie bitte die höchste Erhebung? Man mag an einen Scherz glauben, wenn man den mit Basaltbrocken gespickten Hügel erreicht und noch in allzu frischer Erinnerung den mühsamen Aufstieg zum Hoherodskopf im Sinn hat. Und doch auch wenn es nicht so aussieht so überragt der Taufstein mit seinen 773 Metern den vermeintlich größeren Bruder eben doch noch um ein paar Meter.
 
Wie nicht anders zu erwarten, hat auch diese Erhebung eine brenzlige Vergangenheit, ist auch sie ein alter Vulkanschlot. Steigt man ihn hinauf, erwartet den Wanderer oben mit dem Bismarckturm ein Aussichtspunkt, den es unbedingt zu besteigen gilt. Schon allein, um von der Plattform aus besser zu erkennen, dass der Taufstein kein Scheinriese ist.
 
Am Fuße des Turms wieder angekommen, fällt linker Hand eine Steinformation in den Blick, bei deren Zustandekommen nicht Mutter Natur, sondern der Mensch Hand angelegt hat. Die steinerne Fassung markiert den sogenannten Bonifatiusbrunnen. Der Legende nach soll der Apostel der Deutschen hier vor über 1200 Jahren Heiden getauft haben.
 

Scheinriese - von wegen

 
Vom Plateau des Taufsteins wieder hinab und gleich nach rechts weist das grüne H den Weg voran. Zunächst gemütlich durch den Wald, nimmt das H den Wanderer mit Erreichen des Wanderparkplatzes Heide am Rande der Landesstraße 3291 nach rechts mit und in eine Welt hinein, die man so hier gar nicht erwartet hätte. Eben noch durch dichten Mischwald öffnet sich an der Ernst-Ludwig-Fischer-Buche der Blick auf das Hochmoor.
 
Glaubt man den Sagen, die sich die Menschen hier über Jahrhunderte erzählt haben, sollen ganz in der Nähe drei mythische Gestalten zu Hause sein. Die nordischen Götter Wotan, Donar und Ziu sollen sich in den Geiselstein zurückgezogen haben, nachdem sie Bonifatius mit dem Kreuz aus den Köpfen der heidnischen Bevölkerung verbannt hatte. Es geht die Mär, dass die drei im Inneren des Felsens noch immer einen riesigen Schatz bewachen.
 
Es ist nur ein kurzer Abstecher, der den Wanderer nach rechts weg vom eigentlichen Pfad und hin zum Geiselstein führt. Vorbeizuschauen lohnt sich, auch wenn die Götter vergangener Zeiten einem dort nicht erscheinen. Man kann den Fels auch gern besteigen, sollte aber genau darauf achten, wann man wo hintritt. Vor allem, wenn der Untergrund feucht und der Fels doch sehr rutschig ist.
 
Vom Ausflug in die germanische Götterwelt zurückgekehrt auf den ursprünglichen Weg, geht es weiter und schon kurze Zeit später über den munter rauschenden Ellersbach hinweg. Mangel an Wasser gibt es hier wahrlich nicht. Auf den Wald- und Wiesenflächen links und rechts des Weges bilden sich nicht selten kleine Teiche und geben einen Eindruck davon, wie hier in direkter Nachbarschaft vor Jahr-Millionen die feuchten Grundlagen für jenes Hochmoor Breungeshainer Heide gelegt werden konnten, das heute als Naturschutzgebiet zu den großen Besonderheiten der Region zählt. Wer es noch nicht wusste: Die Nidda das Lieblingsflüsschen vieler Menschen in Mainhattan entspringt im Vogelsberg. Wo genau, das erfährt der Wanderer, kaum dass ihn das grüne H gleich hinter dem Hochmoor zwei Mal nach links und wieder auf Kurs Richtung Hoherodskopf gebracht hat.
 
Rechts des Weges, mit einem Hinweisschild versehen und um eine Schutzhütte ergänzt, rinnt der kommende Fluss noch aus kleinen Anfängen heraus in Richtung des Main, den er nach knapp 90 Kilometern erreichen wird.
 
Zunächst noch parallel zum Bachlauf, dann über Landesstraße 3291 hinweg bieten Infotafeln und Wegzeichen am großen Wanderparkplatz Niddaquelle mehr als ausreichend Gelegenheit, sich zu orientieren und zu informieren. Weiter dem H hinterher kommt bereits wenige hundert Meter weiter der Funkturm auf dem Gipfel des Hoherodskopfs wieder in Sicht. Dem entgegen, zweigt der Weg nach links ab und führt an jenem großen mit Nidda-Wasser gefüllten Forellenteich vorbei, der heute Teil des Naturschutzgebietes ist. Unsere Vorfahren hingegen nutzten die erst aufgestaute und dann losgelassene Kraft des Wassers dazu, Baumstämme effizient und schnell zu Tal zu flößen.
 
Für den Wanderer geht es ähnlich fließend voran. Hat er erst einmal den Teich passiert und den dichten Nadelwald wieder erreicht, führt ihn sein Weg nach rechts und zur Taufsteinhütte, einem beliebten Ausflugslokal unweit der örtlichen Jugendherberge Hoherodskopf, die in der kalten Jahreszeit mit eigener Ski-Station aufwarten kann.
 

Zwölf Monate lang Saison

 
Die Pistenraupe hat im April 2012 allerdings Pause. Kettenlos steht sie am Rand der Landesstraße 3338 und wartet geduldig auf den Beginn der Wintersaison. Jetzt haben erst einmal die Radler und Fußgänger Vorfahrt allerdings nicht beim Überqueren der Landesstraße 3338. Die gilt es, mit gebotener Vorsicht zu kreuzen, um danach an Wiesen vorbei den kurzen wie problemlosen Aufstieg zurück zum Gipfel des Hoherodskopfs.
 
Oben angekommen, hat man sich durchaus eine Rast nebst Einkehr verdient. Vielleicht eine gute Gelegenheit, sich bei der Jause zu hinterfragen, wie es nach der Stärkung weitergeht. Will man noch Rodeln, Klettern, Minigolfen oder empfehlen die Waden die direkte Rückkehr zum Auto? All das wäre von hier oben aus kein Problem.
 
Wer allerdings gerade erst warmgelaufen ist, dem sei noch ein kurzer, wenig anstrengender Ausflug zum Bilstein empfohlen. Zur Rechten am Rande des Plateaus entlang geht es unterhalb von Kiosk und Sommerrodelbahn voran, durchs Feld und auf einen gepflasterten Weg. Der führt den Wanderer weiter hangabwärts und in einen Streckenabschnitt, auf dem die Orientierung dann doch einmal etwas anspruchsvoller wird. Das H, das so lange so gute Dienste geleistet hatte, ist bei der Rast auf dem Gipfel hängen geblieben, und seine Kollegen, die sich hier und da mal wieder andienen, verabschieden sich schneller als es dem Wanderer lieb sein kann. Mit etwas Orientierungssinn und der L3338 vor Augen sollte es aber doch gelingen, den richtigen Straßenübergang zu finden.
 
Dazu schlängelt sich der Weg zunächst an einem kleinen Gehöft vorbei, an der nächsten größeren Wegkreuzung nach halblinks, kurz darauf nach rechts und dann zum Abschluss noch einmal nach links und bergauf der Landesstraße entgegen. Keine Sorge: Das klingt komplizierter als es ist.
 
Entscheidend ist, auf der anderen Straßenseite den richtigen Einstieg gen Bilstein zu finden. Dabei hilft eine schwarze 1 auf gelbem Grund. Die beschreibt einen Weg rund um Breungeshain, nimmt den Wanderer an der Hand und führt ihn an Fischteichen vorbei und durch Wald hinauf zum Bilstein.
 
Wie nicht anders zu erwarten, baut auch dieser felsige Aussichtspunkt voll und ganz auf Basalt. Hat man sich am herrlichen Blick über die ganze Wetterau bis hin zum Taunus Adleraugen erkennen von hier oben sogar an klaren Tagen die Frankfurter Skyline geht es wieder hinunter, nach rechts, der schwarzen 1 hinterher und auf steilem, bei Nässe glitschigem Pfad bergab.
 
An der nächsten großen Wegkreuzung macht sich die 1 dann zwar schon wieder nach rechts aus dem Staub. Das aber ist verzeihlich, übernehmen doch eine Vielzahl anderer Markierungen die Aufgabe, den Wanderer ganz sicher und in nur wenigen hundert Metern zurück zum Wanderparkplatz zu führen.
 
Wenn dabei ein wenig Anden-Feeling aufkommt, dann hat das sicherlich mit den Exoten zu tun, die in ihren Wollmänteln den Spaziergängern neugierig hinterherschauen. Lama-Trekking ist auch im Vogelsberg angesagt und für die Klein-Kamele sicher keine große Herausforderung. Immerhin sind die Vierbeiner in ihrer südamerikanischen Heimat auf bis zu 4000 Metern und mehr zugange.
 
Andentauglichkeit ist jedoch keinesfalls zwingend, will man diese Tour nachgehen. Im Gegenteil.
 
Wie wohl fast jeder bei der Rückkehr zum Parkplatz in seinen beiden Beinen spüren sollte, ist der Tanz auf dem Vulkan ein leichtläufiges Vergnügen, für das der Wanderer alles andere als ein Höhentraining braucht.

Strecken-Infos

Schwierigkeit: leicht
Strecke: 14 Kilometer
Aufstieg: 290 Meter
Abstieg: 290 Meter
Dauer: ca. 3,29 Stunden
Niedrigster Punkt: 594 Meter
Höchster Punkt: 762 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Parkplatz Waldsiedlung Breungeshain.
Wegbeschreibung
Gut ausgebauter Wanderweg. Leicht zu bewältigende Strecke.
Ausrüstung
Rucksack, feste Wanderschuhe, Proviant und vor allem Getränke. Je nach Jahreszeit kann ein Sitzkissen oder ein (Sonnen-)-Schirm hilfreich sein.
Anfahrt
Mit dem Auto: Über die A5 nach Hungen und weiter nach Schotten. Von dort aus nach Breungeshain.
Parken
Parkplatz Waldsiedlung Breungeshain.
Öffentliche Verkehrsmittel
Der Hoherodskopf ist Zielpunkt für zahlreiche Freizeitbuslinien mit Fahrradmitnahme. Diese fahren den hohen Vogelsberg sternförmig von wichtigen Bahnhöfen aus an. Weitere Informationen gibts bei der Verkehrsgesellschaft Oberhessen. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner/
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