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Die Rhön: Zum Abheben schön!

Vor die Aussicht hat der liebe Gott den Schweiß gesetzt. Steil geht es von Gersfeld aus hinauf zur Wasserkuppe. Oben auf dem Berg der Flieger angelangt, wird der Wanderer mit einem fantastischen Blick über die Rhön belohnt.
Rhön Wanderung mit Stefan Jung, Wanderserie Rhön Wanderung mit Stefan Jung, Wanderserie
Das kann doch nicht wahr sein! Kaum sind die ersten Schweißtropfen getupft, ist der Kopfhörer justiert und der MP-3-Player auf zufälliges Berieseln eingestellt, um das, was kommt, zumindest rhythmisch ein wenig abzufedern was tropft da voll Pathos aufs Trommelfell: Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer.
 

Aus über 2000 Titeln pickt sich die kleine Höllenmaschine mit dem Apfel drauf ausgerechnet Xavier Naidoos elegischen WM-Song von 2006 heraus. Und das just in dem Moment, da man noch am Anfang der Tour zur Wasserkuppe steht und doch schon schwer schnaufend irgendwo am Hang zwischen Gersfeld und einem kleinen Weiler namens Dreierhof klebt.
 
Das kann kein Zufall sein, schießt es durch den von scharfen Rhön-Winden umtosten Kopf. Ist es nur eine Laune der Technik oder vielleicht doch ein böser Streich von Perpedia, der übellaunigen Göttin der Wanderei? Zugegeben: Es gibt keine antike Quelle und kein zeitgemäßes Lexikon, worin sich Hinweise auf diese Dame finden ließen.
 
Je länger man jedoch als FNP-Scout unterwegs ist, desto eher ist man bereit daran zu glauben, dass sie es ist, die Wanderzeichen hinter Blattwerk versteckt, Wege in schwammige Pfade verwandelt und völlig unerwartet giftige Anstiege vor einem auftürmt. Sollte Perpedia jetzt auch noch Macht über die Musikauswahl haben?
 
Obwohl irgendwie passt die gesungene Weg-Beschreibung ja zu dem, was da zu Füßen liegt. Sieht man mal davon ab, dass der Song ein Sommermärchen stimmig untermalte und dieser Mittwoch im April sehr viel mehr von einem gebrauchten Spätherbst-Tag hat. Nebel, Sturm, Nieselregen und Temperaturen, die gefühlt im November sehr viel besser untergebracht wären, machen das Vorankommen noch ein wenig schwerer, als es per se schon ist.
 
Kein leichter Weg
 
Nein, dieser Weg wird wirklich kein leichter sein zumindest auf den ersten neun Kilometern. Dessen muss sich jeder bewusst sein, der die Tour zur Wasserkuppe gehen und von Gersfeld aus zum Sturm auf Hessens höchste Erhebung blasen möchte.
 
Rückblick: Zunächst noch gemütlich vom Gersfelder Bahnhof kommend, eine Treppe nach links hinunter und über Straße und Fulda hinweg in Richtung Altstadt, begrüßt die heimliche Kapitale der Rhön den Gast mit schmucken Fachwerkhäusern, einem gerade erst neu gestalteten Stadtplatz und einem hochherrschaftlichem Barockschlösschen, in dem sich heute eine Klinik befindet, in der der Mensch nach naturkundlichen Methoden wieder auf die Beine gebracht wird.
 
Vielleicht eine Adresse, die man im Hinterkopf behalten sollte, in Anbetracht dessen, was den Wanderer noch erwartet. Kaum hat der nämlich dem historischen Zentrum den Rücken gekehrt und am Eingang zur Fliegerstraße den Aufstieg zur Wasserkuppe eingeleitet, gibt es ganzheitlich Arbeit für den Körper. Und das nicht zu knapp.
 
Über die Kreisstraße 41 aus der Kleinstadt hinaus und ins freie Feld hinein gibt ein schwungvoll gezeichnetes Ö den Kurs vor. Hier noch in grüner Farbe die Zuführung markierend, wirft sich der Umlaut einige hundert Höhenmeter später in ein modisches Orange und schwingt sich zum Wanderzeichen eines der schönsten Wanderwege der Republik auf, des Hochrhöners.
 
Im Zeichen des Ö
 
Doch dieser Farbwechsel liegt noch in weiter Ferne, hängt der FNP-Scout die Hände in die Seiten gestützt durchpustend im Hang. Genug lamentiert, weiter gehts bergan. Vorbei an den letzten Gehöften, halblinks einen steilen Feldweg hinan und weiter auf einem gepflasterten Wirtschaftsweg zieht das Ö nach links und den Wanderer durch ein kleines Waldstück hindurch zum letzten, aber dafür knackigen Anstieg.
 
Immer wieder peitscht der Wind in den Rücken und bringt einen auf die abstrusesten Gedanken: Jetzt wie Ikarus die Schwingen ausbreiten, den Wind unter den Flügeln spüren und einfach hinauffliegen das wäre es. Zumal die Gefahr, sich die Flügel an der Sonne zu verbrennen, an diesem Tag doch mehr als gering wäre. Allein, diese sagenhafte Möglichkeit bietet sich in realiter leider nicht. Die Füße sind und bleiben das tragende Element.
 
Eine kleine Motivationsspritze gibt es an dieser Stelle aber dann doch noch: Hat der Wanderer den Aufstieg vorbei an einer Viehweide nämlich erst einmal bewältigt und den Wald erreicht, ist das Gröbste geschafft. Das erkennt, wer den Weg kurz verlässt und auf die große freie Wiese tritt, die sich zur Linken öffnet. Obwohl noch fast drei Kilometer zu bewältigen sind, ist der Höhepunkt dieser Tour von hier aus bereits gut zu erkennen.
 
Kein Baum wagt, sich dem Blick auf die Wasserkuppe in den Weg zu stellen. Die Landschaft duckt sich ehrfürchtig vor der mit 950 Metern höchsten Hessin weg. Erhobenen Hauptes darf ihr derweil der Wanderer entgegentreten, immerhin hat er bis hierher bereits eine stolze Leistung erbracht. Belohnt wird er in der Folge dafür nicht nur mit schönen Blicken auf den vom Radom gekrönten Gipfel, sondern auch mit einem weitgehend steigungsfreien Tourenabschnitt.
 
Dennoch empfiehlt es sich, den Kopf nicht in den Wolken zu tragen, sondern sehr genau darauf zu achten, wo man entlang spaziert. Vor allem das Abweichen vom Wege wird, je näher man der Wasserkuppe kommt, zum absoluten No Go. Der Wanderer spaziert hier schließlich am Rande eines Flugfeldes vorbei, auf und über dem an schönen Tagen schon mal Hochbetrieb herrscht.
 
Segelflieger, Gleitschirm-Lenker, Drachenflieger und viele andere, die eine gute Thermik und eine einmalige Fernsicht zu schätzen wissen, heben hier oben ab und untermauern damit den stolzen Beinamen der Wasserkuppe: Der Berg der Flieger.
 
Hier oben wurde aeronautische Geschichte geschrieben, setzten Pioniere der Technischen Hochschule Darmstadt nach 1911 still und leise weil frei von Motorenkraft zu Höhenflügen an, die den Beginn des modernen Segelflugs markierten. Wer das noch nicht wusste und noch mehr darüber in Erfahrung bringen will, ist im eigens eingerichteten Deutschen Segelflugmuseum genau richtig.
 
So friedlich die Piloten heute um die Kuppe kreisen, so lange hatte das Militär den Daumen auf Teilen der exponierten Lage. Gemahnt das von einem Adler gezierte Fliegerdenkmal an die gefallenen Piloten des Ersten Weltkriegs, so lassen einige der älteren Gebäude noch erkennen, dass sie einst Teil einer Kaserne im Zweiten Weltkrieg waren.
 
Bleibt noch als unübersehbares Relikt des Kalten Krieges das Radom. Was von weitem wie ein Fußball aussieht, der mit geradezu übermenschlicher Kraft in einen Eierbecher gepresst wurde, war noch vor zehn Jahren ein High-tech-Horchposten vom Feinsten. Von der Wasserkuppe aus hörte der Westen Jahrzehnte lang ganz genau darauf, was hinter dem Eisernen Vorhang vor sich ging. So groß war die Sorge, dass im Falle eines Krieges der Feind aus dem Osten just über die Rhön kommen könnte.
 
Einst Sperrgebiet
 
Eine Befürchtung, die spätestens mit der deutschen Wiedervereinigung zu den Akten gelegt werden konnte. Heute ist der militärische Sperrbezirk passé, haben Touristen die Aussichtsplattform des Radoms für sich erobert.
 
Wie überhaupt Hessens Höhepunkt heute mehr denn je ein Ausflugsziel ersten Ranges ist. Da sind Skifahrer und Rodler, die den Berg erobern, wenn die Flieger Pause machen. Eine Sommerrodelbahn ist ebenfalls vorhanden und ein Baumwipfelpfad in Planung.
 
Dass die Königin der Rhön abseits von Spiel, Spaß und Sport noch genug Platz für Natur, Ruhe und Erholung bietet, zeigt sich im Groenhoff-Haus. Benannt nach dem 1932 im Alter von 24 Jahren bei einem Absturz ums Leben gekommenen Segelflugpionier Günther Groenhoff, findet sich in diesem Haus heute das UNESCO-Infozentrum zum Biosphärenreservat Rhön.
 
Kindgerecht eingerichtet, empfiehlt sich ein Abstecher gerade für Familien, die ihren Nachwuchs für einen Besuch auf der Wasserkuppe begeistern konnten. Im angegliederten Rhön-Laden gibt es das Leckerste aus der Region zum Mitnehmen und Nachschmecken. Doch Vorsicht! So sehr hier alle Sinne gelockt, gereizt und umgarnt werden, gilt es doch, die Kauflust so zu zügeln, dass sie dem Volumen des Rucksacks wie auch der Länge des Rückwegs angemessen ist. Hier oben ist schließlich erst Halbzeit.
 
Zum Glück allerdings geht es von jetzt an fast nur noch bergab. Ein wenig Übergepäck fällt da nicht ganz so ins Gewicht. Da zudem beim Aufstieg die eine oder andere Kalorie am Hang hängen geblieben ist, darf es guten Gewissens auch noch ein Eis am Kiosk oder eine Brotzeit in einem der Ausflugslokale sein, bevor es an den Abstieg geht.
 
Parallel zur Landesstraße 3068 durchs Feld nimmt das Ö den Wanderer bei der Hand, führt ihn zu Tal und dabei zunächst an der Quelle der Fulda vorbei. Hier oben entspringt sie also: die Mutter der Weser. Beim Blick auf das schmale Rinnsal, das unterhalb der Straße aus dem Fels tritt, mag man kaum glauben, dass sie sich noch zu einem echten Fluss auswächst. Na ja, jeder hat mal klein angefangen.
 
Zumal sich die Fulda hier oben das Wasser mit rund 30 anderen Quellen teilen muss. Nachschub allerdings gibt es hier oben im Überfluss. Die Wasserkuppe trägt ihren Namen nicht zu unrecht, regnen hier doch übers Jahr im Durchschnitt 1100 Millimeter Niederschlag ab.
 
Dieser nasskalte Tag im April ist so gesehen im feuchtesten Sinne guter Durchschnitt. Eine angenehme Abwechslung bietet da nach dem langen Marsch über kahle Höhen das Erreichen eines Waldstücks einige Meter hangabwärts.
 
Zur Rechten begleitet von der Fulda tritt der Wanderer unter das Blätterdach und genießt dessen Schutz. Das erhöht für kurze Zeit den Wohlfühlfaktor, sollte aber nicht die Konzentration schmälern. Denn kaum, dass man dem Ö nach links gefolgt ist, schlägt es kurze Zeit darauf noch einmal einen Haken, zieht wiederum nach links einen Hang hinauf und den Wanderer im Anschluss zur Blockhalde Fuchsstein und damit in einen Steingarten hinein, den Mutter Natur selbst entworfen hat.
 
Abstecher ins Rote Moor
 
Im Slalom an unzähligen bemoosten Felsbrocken vorbei geht es in Richtung der Bundesstraße 284, die es zu überqueren gilt. Dass just in dem Moment, da es aus dem Schutz des Waldes hinausgeht, die Sonne hinter grauen Wolken hervorlugt, ist an diesem Tag überaus angenehm eine Überraschung jedoch ist es nicht. Das Klima hier oben ist rau, aber herzlich und kann auch schnell einmal umschlagen. In diesem Fall zum Vorteil des Wanderers.
 
Wir müssen draußen bleiben, gibt der Holzzaun zu verstehen, der sich am Roten Moor in den Weg legt. Dieses Stück Umwelt immerhin das größte Hochmoor Hessens ist etwas ganz Besonderes und hat durch den Menschen schon genug Schaden genommen. Davon erzählen die Infotafeln, an denen man vorbeikommt, hat man erst einmal den Aussichtsturm am Roten Moor erreicht.
 
Vorbei an seltenen Beständen von Karpatenbirken und über Holzstege hinweg bekommt der Wanderer einen guten Einblick in die Geschichte und Entstehung des Hochmoors wie auch über die Ausbeutung dieses Biotops. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde hier im immer größeren Stil Torf gestochen, um in Anbetracht schrumpfender Holzbestände Brennstoff für die wachsende Bevölkerung heranzuschaffen.
 
Als im Laufe des 20. Jahrhunderts zudem Heilbäder wie Bad Bocklet zunehmend Bedarf an feuchtem Material für wohltuende Moorbäder anmeldeten, wurde der Ab- oder besser Raubbau immer weiter vorangetrieben und industrialisiert. Wurden zunächst Profis aus Norddeutschland zum Torfstechen in die Rhön geholt, kamen später sogar Bagger und eine Feldbahn in den Einsatz, um den Schatz der Natur im großen Stil zu vermarkten. Fast hätten die Baggerschaufeln dem Roten Moor das Grab gegraben. 1979 jedoch zog das Land Hessen dann doch noch die Reißleine, erklärte die Fläche zum Naturschutzgebiet, stoppte 1984 endgültig den Torfabbau und startete die Renaturierung.
 
Mit reichlich Information über das feucht-weiche Element versorgt, setzt der Lehrpfad an der nächsten Weggabelung eine Zäsur. Klar ist: Zurück nach Gersfeld heißt es auf jeden Fall nach rechts abbiegen.
 
Bleibt nur die Frage, ob zuvor noch eine kurze Pause eingelegt werden soll. Immerhin sind es noch fast sechs Kilometer bis zum Ziel. Für den Fall, dass der Magen knurrt oder der Gaumen klebt, wäre unweit von hier die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. Vorausgesetzt, man ist bereit, einen kleinen Abstecher in Kauf und zunächst Kurs nach links zu nehmen. Dort nämlich steht das Haus am Roten Moor, in dem Nahrhaftes aus der Region serviert wird.
 
Sind die körpereigenen Brennstoffzellen wieder aufgetankt, geht es zurück zur Weggabelung am Lehrpfad, dort wie beschrieben nach rechts, geradeaus dem Ö hinterher, über die nächste große Kreuzung hinweg und an weiten Lichtungen vorbei. Unübersehbar haben sich hier die großen Stürme der vergangenen Jahre nach Herzenslust ausgetobt. Im Unterschied zu Kyrill oder Wiebke sollte der Wanderer allerdings sein aufbrausendes Temperament schon etwas zügeln. So verlockend die Aussicht auch ist, dass es von hieran fast nur noch bergab geht, so sehr sollte man darauf achten, dass man den eigenen Bewegungsapparat nicht mit zu strammen Schritten durchrüttelt.
 
Hält man sich an diesen Rat, wird der Landeanflug auf die heimliche Hauptstadt der Rhön auch wenn er sich noch mehrere Kilometer hinzieht ein Kinderspiel. Ja, dieser Teil des Weges wird ein leichter sein, vorausgesetzt man behält die Wegzeichen im Auge. Gelingt das, führt der Abstieg durch Wald wie auch Feld, mit Erreichen des Wanderparkplatzes Kaskadenschlucht über die Bundesstraße 284 hinweg und anschließend nach rechts parallel zur Straße zurück nach Gersfeld.

Strecken-Info

Schwierigkeit: anspruchsvoll
Strecke: 18,1 Kilometer
Aufstieg: 543 Meter
Abstieg: 543 Meter
Dauer: ca. 4,27 Stunden
Niedrigster Punkt: 484 Meter
Höchster Punkt: 947 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Parkplatz Bahnhof Gersfeld.

Wegbeschreibung
Gut ausgebauter Wanderweg durch Feld und Wald mit relativ großer Höhendifferenz, maximal sinds 543 Meter.
Ausrüstung
Rucksack und feste Wanderschuhe. Normaler Proviant, ausreichend Getränke mitnehmen.
Anfahrt
Mit dem Auto: Aus Süden über die Autobahn 7, Abfahrt Bad Brückenau/Wildflecken. Weiter auf die B286 in Richtung Riedenberg, Oberbach, Wildflecken, Gersfeld.
Parken
Parkplatz Bahnhof Gersfeld.
Öffentliche Verkehrsmittel
Mit der Bahn: Mit Regionalbahn oder Inter-City nach Fulda, von dort aus mit der Hessischen Landesbahn (Verbund mit dem RMV) nach Gersfeld. Fahrräder können teilweise mitgenommen werden. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner
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