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Durch das Tor zum Rheingau

In Frauenstein blüht Hessens Landeshauptstadt auf. Von der Schiersteiner Rhein-Riviera aus geht es durch Weinberge hinauf zum Goethe-Stein und hinein in die Kirschgärten des Wiesbadener Stadtteils ein Genuss für Gaumen und Seele.
Ausgerechnet Wiesbaden! Noch heute glaubt man den Stoßseufzer in Frankfurt und Mainz vernehmen zu können, wenn die Rede auf die hessische Landeshauptstadt kommt. Ausgerechnet Wiesbaden! Nicht ansatzweise so weltmännisch und finanzstark wie Mainhattan und bei weitem nicht so geschichtsträchtig und lebenslustig wie Moguntiacum, hatte Hessens Kapitale doch ihre besten Tage, als der Kaiser noch Wilhelm und der Volkswagen noch Kutsche hieß. Ausgerechnet Wiesbaden! Neben Schwerin hat dieses Kapitälchen doch die besten Aussichten einen Quizkandidaten auf der Suche nach den 16 Landeshauptstädten zur Verzweiflung zu bringen Stop! Genug auf Hessens erster Adresse herumgehackt.


Wiesbaden hat seine schöne Seiten und sich deshalb den Platz am Ende unserer Wanderserie auch sehr wohl verdient. Ja die Stadt, die manchem zu bieder und anderen zu snobby daherkommt, kann sogar richtig spritzig und bodenständig sein. Glauben Sie nicht? Dann wird es Zeit, einen Spaziergang durch Wiesbadens Vorgarten hinauf nach Frauenstein zu unternehmen.
 
Ausgangspunkt zu dieser Tour ist der Schiersteiner Bahnhof. Von hier aus geht es nach rechts und die Freudenbergstraße hinauf. Hat man auf diesem Weg die Brücke über die vielbefahrene A66 passiert, geht es gleich hinter dem Übergang nach links und von der Hardtstraße aus in die Schwarzwaldstraße. Sicher gibt es bis hierhin malerischere Einstiege in eine Wanderung. Doch kaum ist der Rand der Bebauung erreicht, entfaltet die Tour ihren eigentlichen Zauber.
 
Ein gelber Weinrömer auf grünem Grund, das Markenzeichen des Rieslingpfades, zieht die Aufmerksamkeit auf sich und in die Weinberge hinein. Der Wanderer bekommt schnell einen Eindruck davon, warum Frauenstein für sich das Prädikat "Das Tor zum Rheingau" reklamiert. Zu Recht? Zugegeben: Der Wiesbadener Stadtteil steht mit diesem Anspruch nicht allein da, fordern doch auch Wicker oder Walluf diese Ausnahmestellung für sich ein. Verstecken muss sich Frauenstein aber auf jeden Fall nicht hinter den Konkurrenten. Das unterstreicht ein Weinlehrpfad, der dem Wanderer genau erklärt, wo die Stärken Frauensteins in Sachen Rebensaft liegen.
 
Während Ende April, Anfang Mai die Weinstöcke noch weitgehend kahl sind, wirbt ein anderer Exportschlager bereits von weitem unübersehbar für sich. Ein Meer aus zartrosafarbenen Farbtupfen ergießt sich zur Kirschblüte über die Hänge und Felder. 50 000 Kirschbäume, so heißt es, sollen in und um Frauenstein stehen. Eine unglaubliche Zahl. Und doch, je näher man dem Ort kommt, desto mehr ist man bereit, das Zählen aufzugeben und die Zahl als realistisch anzuerkennen.
 
War bis in die Lagen von Dachs- und Homberg der gelbe Römer von wegweisender Bedeutung, so bringt sich kaum, dass man nach links den Lindenbach überschritten hat, ein mittlerweile guter, wenn auch noch nicht allzu alter Bekannter in Position. Der Rheinsteig, markiert durch den weißen Fluss auf weißem Grund, kommt von links aus Richtung Schierstein und lenkt den Wanderer nach rechts vom Rieslingpfad weg den Hang hinauf.
 

Ein karges Fleckchen

 
Mal links, dann wieder rechts durch Kirschgärten und Weinberge hindurch und stetig nach oben geht es dem Hof Nürnberg entgegen. Einst im Auftrag der Grafen von Nassau gebaut, ist das Hofgut heute eines der beliebtesten Ausflugslokale der Umgebung mit eigenen Weinlagen versteht sich. Die gedeihen übrigens auf trockenem, für die Landwirtschaft unbrauchbarem Schieferboden. Daher auch der Name Nürnberger Hof.
 
Für die Vorfahren der heutigen Frauensteiner nämlich bedeutete das Wort norr, aus dem sich nürn herausbildete, schlicht dasselbe wie für uns heute das Wörtchen dürr ein karger Berg eben. Allerdings einer mit beeindruckenden Fernblicken nicht nur, aber auch von der Terrasse des Gutshofs.
 
Wer es noch etwas klassischer möchte, ist ein paar hundert Meter weiter oben genau richtig. Welches Wanderzeichen dort hinführt? Man hat die freie Auswahl und sollte sich für das Offensichtlichste entscheiden: Eine große, spitz zulaufende Pyramide, die schon von weitem zu sehen ist.
 
Eine Pyramide am Tor zum Rheingau nein, hier hat kein ägyptischer Pharao seine letzte Ruhe gefunden. Allerdings besaß der Mann, der mit diesem Denkmal geehrt werden soll, in seiner Zeit und in seiner Branche einen ähnlich unantastbaren, gottgleichen Status. Die Rede ist von Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe. Sein Gesicht samt markanter Nase ist es, das die aus Quadern zusammengesetzte Huldigung ziert. Erst 1932 aufgeschichtet, erinnert der Goethestein an einen Besuch des Giganten des Geistes an dieser Stelle.
 
Während eines Kuraufenthaltes in Wiesbaden war Goethe 1815 hierhergekommen. Als Ästhet genoss er die Aussicht, als Geologe die Zusammensetzung des Felsens, auf dem er saß, und als bekannter, wenn auch nicht mehr ganz junger Bonvivant ganz sicher die Gesellschaft von Philippine Lade. Gerade mal 18 Jahre war die Schwester des Wiesbadener Hofapothekers damals erst und Goethe immerhin schon über 65. Ob das für den selbstbewussten Dichterfürsten ein Problem war? Wohl eher nicht.
 
Nicht Menschenhand, sondern die mächtigen Kräfte der Erde haben übrigens jenen 254 Meter hohen Spitzen Stein emporgehoben, auf dessen Ausläufern heute nicht nur Goethes Rastplatz zu finden ist, sondern auch ein ansehnlicher Aussichtsturm. Hat man auch den bezwungen und die 360-Grad-Rundumsicht auf den Rhein und die dichten Taunuswälder genossen, wird es wieder Zeit, ein wenig voranzukommen.
 
Da sich der Rheinsteig in Richtung Frauensteiner Ortsmitte verabschiedet hat, ist es angezeigt, die Spur eines neuen Wanderzeichens aufzunehmen. Was allerdings kein großes Problem darstellen sollte, wartet doch der schwarze Punkt des Taunusklubs nur darauf, endlich die Führung übernehmen zu dürfen. Jetzt also darf er. Und das kostet er aus. Rechts vom Spitzenstein führt er den Wanderer in die Kirschgärten hinein. Parallel zur Kirschblütenstraße, die linker Hand gut zu erkennen ist, geht es voran und näher an den Ortsrand von Frauenstein heran.
 

Der Taunuswald wartet

 
Ist die Straße Zum Goethestein erreicht, weist der schwarze Punkt nach links, über die Kirschblütenstraße hinüber und dann einen gepflasterten Weg hinunter. Vorbei an der Grundschule und dem örtlichen Sportplatz geht es einen dicht von Obstbäumen bestandenen Hang hinauf und einer Kreuzung entgegen, an der der schwarze Punkt den Weg nach rechts und dem Wald entgegen weist.
 
Was jetzt folgt ist eigentlich schon mehr als nur ein neuer Streckenabschnitt. Die Tour erfindet sich quasi neu. Und das auf eine sehr ansprechende Art. Eben noch Obstplantagen und weite Blicke, wird der Wald jetzt dicht, geht es hinauf in den Taunus.
 
Der Aufstieg allerdings fällt doch sehr gemäßigt aus, ist bestens zu bewältigen. Eine Abkürzung tut also eigentlich nicht Not, angeboten werden soll sie an der nächsten Weggabelung wie in der Karte vermerkt aber doch. Wer dagegen die Runde komplett machen will, der folgt dem schwarzen Punkt weiter, setzt an der Gabelung seinen Weg nach halbrechts fort und spaziert den Lippbach zur Rechten durch einen Taleinschnitt mit Weihern und grünen Wiesen.
 

Immer dem Hasen nach

 
Wie lange man denn schon unterwegs ist? Wer Antwort auf diese Frage sucht, wird an der nächsten großen Kreuzung erhört. Acht Kilometer liegen zwischen hier und Schierstein, verrät ein Wegweiser. Da wird es doch Zeit, an den Rückweg zu denken. Also runter vom Weg des schwarzen Punktes, den es nach rechts zieht. Es gilt, sich nach links zu wenden und die Fährte des Hasen aufzunehmen. Die neue Markierung hoppelt voran, weiter einen Anstieg hinauf und führt seine Häscher schließlich über die Landesstraße 3441 hinweg zurück in die Spur Richtung Frauenstein.
 
Den dazu erforderlichen Abzweig kann der Wanderer eigentlich gar nicht verpassen. Immerhin haben sich die Wegeplaner eine besonders imposante Landmarke als Dreh- und Angelpunkt ausgeguckt. Das Naturdenkmal Grauer Stein ist schon ein ansehnlicher Felsbrocken. Als wäre er wie ein Pilz aus dem Boden geschossen, macht sich der kantige Koloss mit einem Mal im Wald breit und veranlasst den Hasen dazu mit einem mächtigen Satz nach links und dann am Fels entlang zu springen.
 
Der Wanderer seinerseits kann an dieser Stelle getrost die Flinte ins Korn werfen. Schließlich meldet sich am Grauen Stein der Rheinsteig zurück. Dessen Wegzeichen hat auf längere Sicht ohnehin die höhere Weisungsbefugnis. Durch Eichen- und Buchenbestände hindurch geht es einem sagenhaften Gewächs entgegen. Heute liegt der Monstranzenbaum zwar ganz geknickt, weil altersschwach am Wegesrand.
 
Als er jedoch noch eine junge, aufstrebende Pflanze war, da soll seine Krone an die Form einer Monstranz erinnert haben. Und das aus legendärem Grund. Es wird erzählt, dass eine Äbtissin in diesem Wald vor vielen hundert Jahren das Allerheiligste ihres Klosters vergraben hatte, um es vor Krieg und Schaden zu bewahren. Um die Stelle zu kennzeichnen habe die fromme Frau dort einen Baum gepflanzt. Als jedoch der Krieg vorbei und die Mutter Oberin nach der Monstranz suchte, da fand sie das zum Baum herangewachsene Pflänzchen nicht mehr.
 
Auch wenn man niemandem die schöne Illusion rauben möchte, so erscheint es doch ratsam, mit der Suche nach der Monstranz heute gar nicht mehr erst zu beginnen, sondern gleich dem Zeichen des Rheinsteigs in Richtung eines Wanderparkplatzes zu folgen. Von hier aus nach rechts, bergab und weiter unten dann im Bogen Richtung Frauenstein wird der Wanderer dafür mit einem Schmuckstück aus der Schatzkiste von Mutter Natur belohnt.
 
Als solches präsentiert sich das Naturschutzgebiet Sommerberg gerade in der Blütezeit. Ein mehr als idyllisches und noch dazu sonnenverwöhntes Plätzchen mit Bachanschluss, das einem seltenen Gast ein perfektes Lebensumfeld bietet. Die Äskulapnatter ist hier zu Hause, davon berichtet ein ihr eigens gewidmeter Schlangenlehrpfad.
 
Eigentlich vorrangig in Südeuropa verbreitet, hielten sich lange Vermutungen, die alten Römer hätten die ungiftige Schönheit mit an den Rand des Taunus gebracht. Heute geht man eher davon aus, dass sich der Bestand hier ob der klimatischen Bedingungen gehalten hat, während sich die Äskulapnatter aus anderen Teilen Mitteleuropas über die Jahrtausende hinweg zurückgezogen hat.
 

Ein seltener Gast

 
Sollte das auch hier irgendwann der Fall sein, könnte das für den Frauensteiner Nachbarort Schlangenbad in einer Katastrophe enden. Dort heißt es, dass an dem Tag, an dem die Schlange verschwindet auch die Heilquelle des Staatsbades versiegen wird. Damit das nicht passiert, tut man heute vieles dafür, dass sich die Natter auf ihrer Insel am Tor zum Rheingau wohlfühlt.
 
Just diesem Zweck dienen auch die Trockenmauern, an denen der Wanderer vorbeikommt, nachdem er den Bachlauf überquert und einen neuerlichen Anstieg in Angriff genommen hat. Das zieht sich jetzt noch mal ein Stück, ist allerdings keine echte Herausforderung. Man schlängelt sich quasi wie von selbst nach Frauenstein hinauf und hinein.
 
Wer jetzt eine Wanderkarte etwas älteren Datums mit sich führt, dürfte überrascht sein, dass der Rheinsteig in gedruckter Fassung einen ganz anderen Weg nimmt, als es die blau-weißen Schilder in realiter vorgeben. Der Grund: Die Wegführung wurde 2009 verändert. Heute führt die Tour über die Straße Am Hermannsberg in den Ort.
 
Hat der Wanderer die Kirschblütenstraße überquert und die Herrnbergstraße erreicht, weisen die Zeichen des Rheinsteigs wie auch des Rieslingpfades schon wieder den Weg aus dem Ort hinaus. Doch Moment, nicht so hurtig! Schließlich sind da noch die Reste der alten Burg, die der örtliche Burgverein mit so viel Einsatz und Liebe zum historischen Detail wieder hergerichtet hat. Die Treppe zum Bergfried nicht hinaufzusteigen und die Aussicht zu genießen, wäre doch ein schweres Versäumnis.
 
Danach allerdings ist es dann wirklich Zeit, dem Wiesbadener Vorgarten langsam den Rücken zu kehren. Über die Untergasse geht es raus in die Weinberge.
 

Belohnung am Rhein

 
Gibt zunächst noch der gelbe Römer des Rieslingpfades den Kurs vor, ändern sich die Zeichen der Zeit unterhalb des Nürnberger Hofs. Von dort an geht es nach rechts und bergab zurück nach Schierstein begleitet und angeleitet vom Zeichen des schwarzen Punktes und dem Signet des Gebückwanderwegs den schwarzen Hainbuchen auf weißem Grund.
 
Die noch zu bewältigenden Kilometer machen sich dabei in den Waden kaum bemerkbar. Ganz bequem spaziert man dahin, vorbei an unzähligen Schrebergärten und unter der A66 hindurch, wo bereits das Gleisbett der Bahn erkennen lässt, dass es jetzt nur noch ein Katzensprung bis zum Schiersteiner Bahnhof ist. Dort angekommen, sollte eigentlich noch Zeit und Lust vorhanden sein für einen kurzer Ausflug an den Schiersteiner Hafen quasi als Belohnung. Mit einem Eis am Rhein entlang spazieren, dabei dem prominentesten Storchenpaar des Stadtteils beim Klappern zuschauen oder das Leben auf dem Rhein an sich vorbeitreiben lassen einen schöneren Abschluss eines Wandertags kann man sich kaum vorstellen. Und das ausgerechnet in Wiesbaden!
 
Streckeninfos

Schwierigkeit: leicht
Strecke: 16,2 Kilometer
Dauer: 4,25 Stunden:
Aufstieg: 362 Meter
Abstieg: 362 Meter
Höchster Punkt: 327 Meter
Tiefster Punkt: 94 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Bahnhof Schierstein


Wegbeschreibung
Gut ausgebauter Wanderweg durch den Vorgarten Wiesbadens, kleinere Steigungen, herrliche Aussichtspunkte Wein, Obst, Kultur, alles ist dabei.

Ausrüstung
Rucksack, leichter Proviant, gute Wanderschuhe. Einkehrmöglichkeit: Nürnberger Hof sowie eine Vielzahl an Gaststätten in Frauenstein und Schierstein.
Anfahrt
Mit dem Auto: Die hessische Landeshauptstadt Wiesbaden ist über die A66 bestens zu erreichen.
Parken
Parken im Umfeld des Bahnhofs.
Öffentliche Verkehrsmittel
Mit der Regionalbahn von Frankfurt aus direkt nach Schierstein. Oder mit der S-Bahn (S6) nach Mainz-Kastel und von dort mit dem Bus weiter nach Schierstein. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner/


Etwas dezenter könnten Mamas Stiefel schon sein .... ein Küken in einem Storchennest in Schleswig-Holstein. Foto: Carsten Rehder
Ein Herz für Familie Adebar

Ein echter Schiersteiner, der was auf sich hält, der hat ein Faible für klappernde Schornstein-Besetzer.

clearing
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