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Durch den Spessart wie zu Schulzeiten

Erinnerungen an die eigene Kindheit könnten auf dieser Wanderung geweckt werden. Unweit des Schullandheims Wegscheide führt der Weg vom Tierpark Bad Orb über den Beilstein durch den dicht bewaldeten Spessart.
Auch hier kommt man entlang: Das Schullandheim an der Wegscheide. Foto: sj Auch hier kommt man entlang: Das Schullandheim an der Wegscheide. Foto: sj
Das Spessart-Städtchen Bad Orb mit seinem heilsamen Wasser und seinem mächtigen Gradierwerk steht zwar seit über 200 Jahren in dem guten Ruf, die Lebensgeister seiner Kurgäste zu wecken. Dass ein Besucher aber schon beim Durchfahren des Kurortes die eigenen grauen Zellen wieder auf Trab bringen kann, ist aber dann doch eher unwahrscheinlich. Der Selbstversuch auf dem Weg zum Ausgangspunkt dieser Wanderung allerdings lässt daran glauben.
 

 

 

 

Das habe ich doch schon mal gesehen, das kenne ich doch wem es bei der Fahrt durch den Kurort ähnlich geht, wem irgendetwas bekannt vorkommt, die Versatzstücke vor dem geistigen Auge jedoch noch nicht ausreichen, um sich eine gescheite Erinnerung zusammenzupuzzeln, dem dürfte spätestens beim Blick auf eines der Straßenschilder am Ortsausgang ein Licht aufgehen: Wegscheide prangt da in schwarzen Lettern auf sattgelbem Grund. Na, klingelt da was?
 
Ja, die gute alte Wegscheide auch für ältere Semester dürfte das noch heute nach RocknRoll mit Capri-Sonne und Lunch-Paketen klingen. Zum ersten Mal allein und ansatzweise fern der Heimat war und ist das seit 1920 bestehende Schullandheim für Generationen von Grundschülern aus dem Raum Frankfurt ein Hort der Freiheit.
 

Wie in den guten, alten Zeiten

 
Hier, tief in den Wäldern des Spessart, der seinen Namen dem Specht verdankt, setzt mit dem Basteln von Herzen und Bommeln jener Abnabelungsprozess ein, der zum Leidwesen der meisten Eltern viel zu schnell und viel zu ruckartig in die Pubertät mündet. Doch auch die geht ja bekanntlich irgendwann vorbei zumindest sollte sie das.
 
Was bleibt, sind im besten Fall schöne Erinnerungen an den Schulausflug in den Spessart, die womöglich noch deutlicher werden, wenn der Wanderer erst am Bad Orber Wildpark angekommen ist und die Tour antritt.
 
Vom Parkplatz gleich neben dem Café Waldfriede aus führt der Weg in den Wald hinein und durch dichten Nadelwald so unausweichlich hinauf, dass die Suche nach Wegzeichen an dieser Stelle eigentlich obsolet ist. Wer dennoch nach Halt sucht, der kann sich linker Hand an der Kreisstraße 890 orientieren. Parallel zu ihr zieht sich der Aufstieg noch gehörig hin bis zum ersten Knackpunkt der Tour.
 
Kurz vor einem Hochbehälter stellt sich die für den Wanderer nicht selten alles entscheidende Frage: Links oder rechts? Die vermeintlich schwierige Frage lässt sich letztlich recht einfach beantworten. Beide Wege führen zum gleichen Ziel. Wer allerdings meint, mit der linken, die entspanntere Variante gewählt zu haben, sieht sich rasch getäuscht.
 
Kaum hat der Wanderer einen Hochbehälter hinter sich gelassen, da bricht der Weg auch schon nach rechts aus, reißt den Spaziergänger mit sich einen steilen Hang nach oben und liefert ihn just dort ab, wo er auch angelangt wäre, wenn er sich für die rechte, vermeintlich aber wirklich nur vermeintlich anstrengendere Option entschieden hätte.
 
Egal, welcher Variante man letztlich den Vorzug gibt der Anstieg ist an dieser Stelle längst noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Nach rechts geht es weiter querwaldein nach oben. Und das unter erschwerten Bedingungen. Unter Unmengen von Laub lauern Wurzeln und Äste darauf, sich Füße zu angeln. Wer mit Bedacht seine Schritte setzt, sollte die Bergetappe jedoch unbeschadet und allenfalls ein wenig außer Atem bewältigen können.
 
Oben angekommen, ist das Schlimmste dann auch erst mal geschafft. Nach links und auf gut ausgebautem Weg geht es wieder hinunter in Richtung der K 890, die in der Folge nicht nur als Orientierungspunkt, sondern auch als Untergrund herhalten muss. Für eine kurze Strecke führt kein kürzerer Weg am Straßenrand vorbei. Da heißt es, Vorsicht walten lassen.
 
Ist der Golfclub zur Rechten erst einmal passiert und einige hundert Meter weiter die kreuzende Landesstraße 2905 erreicht, ist die asphaltlastige Episode schon wieder Geschichte, beginnt der sagenhafte Teil der Tour. Am Wanderparkplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Landstraße wartet das Wegzeichen mit der 18 bereits darauf, für die kommenden Kilometer die Führung zu übernehmen.
 
Es geht zum Beilstein, einem Basaltkegel, von dem es heißt, dass in seinem Innern bewacht von schönen Frauen Gold, Silber und Edelsteine liegen. Allein, der Zugang zum Schatz ist verschlossen, seitdem ein allzu gieriger Jüngling allzu achtlos mit dem Schlüssel, einer blauen Wunderblume, umgegangen war. Ob das florale Sesam-öffne-dich mittlerweile nachgewachsen ist? Auf dem Weg hinauf auf den 500 Meter hohen Beilstein kann der Wanderer ja mal die Augen offen halten.
 
Etwas genauer hinschauen muss man auch, um sich ungefähr vorstellen zu können, wo früher die Burg auf dem Beilstein stand. Abgesehen von ein paar mittelalterlichen Mauerresten und einigen Betonstücken deutlich neueren Datums ist von der Feste nichts übrig geblieben. Der Zahn der Zeit hat hier kraftvoll zugebissen.
 
Erst auf dem Weg hinunter vom Plateau und links vorbei an der Felsformation bekommt der Spaziergänger einen wirklichen Eindruck davon, wie hoch sich der Basalt an dieser Stelle aufgetürmt hat. Den räumt so schnell nichts aus dem Weg, was sich ähnlich auch vom Jossgrunder Ortsteil Lettgenbrunn sagen lässt.
 
Drei Mal hat man das Dorf in seiner über 700-jährigen Historie ausradiert, es als Manöverschauplatz und 1937 sogar als Trainingsziel für Bombenabwürfe missbraucht. Doch jedes Mal kehrte Lettgenbrunn auf die Landkarte zurück. Das letzte Mal 1947. Während der Wanderer durch die Straßen des 800 Einwohner zählenden Ortes spaziert, kommt er an Straßenschildern vorbei, die ihm eine Idee davon vermitteln, wer hier eine neue Heimat gefunden hat. Stettiner-Straße, Dresdner-Straße, Südmährer-Straße die Namen erinnern an die Familien, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs ihre Heimat verlassen mussten und hier im Westen Zuflucht fanden.
 
Hat man den Sportplatz von Lettgenbrunn erreicht, endet der Ausflug in die jüngere deutsche Geschichte dann aber auch schon wieder. Es geht zurück in den Wald und noch einmal durch dichten Nadelwald anspruchsvoll bergan in Richtung einer Lichtung. Hier nach links bietet sich an der nächsten Gabelung die Gelegenheit, den Füßen ein wenig Entlastung zukommen zu lassen. Kleine Abkürzung gefällig? Für den Fall geht es geradeaus, über die Straße rüber und wieder in den Wald hinein. Doch das sollte man sich gut überlegen.
 
Schließlich wird dem Wanderer für den Fall, dass er sich gegen die Abkürzung und weiter für die 18 entscheidet, ein Weg bereitet, der mehr und mehr zum Fest für die Füße und Schmaus für die Augen wird. Auf bestens präparierter und noch dazu angenehm ebener Unterlage schwebt der Wanderer geradezu durch den Wald hinan zur Bismarckeiche. Die knorrige Dame ist Reminiszenz an den Eisernen Kanzler und Wendepunkt auf dieser Tour zugleich. Die 18 als Lotse bleibt jedoch an Bord zumindest vorerst. Sie weist an der Schutzhütte nach links und den Weg hinunter zur Landesstraße. Hier über den Asphalt hinweg und wieder in den Wald führt ein breiter Weg nebst 90 Grad-Kurve zur nächsten Station, dem Madstein. Vorausgesetzt man findet ihn linker Hand im Hang unter Unmengen an Laub.
 
Und hier kommt denn auch gleich das Geständnis: Der FNP-Scout hat ihn nicht entdeckt. Schande auf das schweißbedeckte, gramgebeugte Haupt. Irgendwo links des Waldweges muss er auf jeden Fall sein der Stein. Darauf deuten Schilder hin, die aus dem Tal kommend den Weg weisen sollen, und dafür steht die Sage vom Madstein.
 

Wo ist der Madstein?

 
Jahrhunderte lang der Ort, an dem die Orber Recht sprachen, wäre hier, so erzählten es die Ahnen, einer jungen Magd fast großes Unrecht widerfahren. Vollkommen unschuldig von einem abgewiesenen Liebhaber des Diebstahls bezichtigt, stand das Mädchen kurz vor seiner Hinrichtung. Just in dem Moment, in dem das Urteil gesprochen wurde und die junge Frau weinend um himmlischen Beistand bat, hob sich der mächtige Gerichts-Stein wie von Geisterhand in die Höhe. Ein Zeichen von oben, das der Magd den Hals rettete und dem Felsen seinen Namen einbrachte: Ma(g)dstein.
 
Übernatürliche Kräfte braucht der Wanderer auf seinem Weg zum Ausgangspunkt zwar nicht. Etwas Geduld ist allerdings schon gefragt. Denn auch wenn das persönliche Gefühl einem sagt, dass das Ziel doch gleich hinter der nächsten Ecke warten sollte, sind es doch noch einmal fünf Kilometer, die begangenen werden wollen.
 
Parallel und in angenehmer Distanz zur Straße rechts am Rande des Orber Tals durch den Wald und unterhalb des Wegscheideküppels dann vorbei an Pferdekoppeln über die Orb und die Straße hinweg zum Parkplatz zurück. Geschafft noch nicht ganz. Mal abgesehen davon, dass eine Einkehr noch drin sein sollte, führt am Besuch des benachbarten Wildparks kein Weg vorbei. Für manche schon aus alter Verbundenheit.
 
Der Besuch im Tierpark gehört schließlich schon seit Jahrzehnten zum Standardprogramm eines jeden Aufenthalts im Schullandheim. Außerdem ist es schlicht herzig, einmal mit dem freilaufenden Muffel- und Damwild durch die rustikale Menagerie zu spazieren. Die Tatsache, dass der Eintritt frei ist, sollte den Anreiz erhöhen, die seit 2011 von einem eigens gegründeten Tierschutz- und Wildgehegeverein am Leben gehaltene Einrichtung mit einer Spende zu unterstützen.

 
Strecken-Info

Schwierigkeit: mittel
Dauer: 3,43 Stunden
Länge: 14,9 Kilometer
Aufsteigend: 441 Meter
Absteigend: 440 Meter
Tiefster Punkt: 237 Meter
Höchster Punkt: 512 Meter
Höchster Punkt: 358 Meter
Start und Ziel der Tour
Wanderparkplatz am Café Waldfriede unweit des Tierparks von Bad Orb.
Wegbeschreibung
Parallel zum Orbtal führt der Weg teilweise recht steil hinauf in Richtung des Beilstein. Von dort aus über Lettgenbrunn, die Bismarckeiche und den Madstein geht es wieder hinab ins Orbtal.
Ausrüstung
Feste Wanderschuhe. Rucksack mit Proviant und ausreichend Getränken. Auf der Strecke keine Einkehrmöglichkeit. Höhenmesser und Kompass sind optional.

Anfahrt
Mit dem Auto: Von Frankfurt über Hanau auf die A66 nach Norden. An der Abfahrt Bad Orb/Wächtersbach auf die L 3199. Durch Bad Orb hindurch geht es nach rechts zum Wildpark.
Parken
Wanderparkplatz am Café Waldfriede.
Öffentliche Verkehrsmittel
Mit der Regionalbahn zum Beispiel von Frankfurt aus bis nach Wächtersbach, von dort weiter mit dem Bus.
Wer die Informationen zu dieser Tour online sucht, wird hier fündig: www.fnp.de/tourenplaner
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