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Fernsicht, Weitsicht, Weltsicht!

Von der Burgenstadt Eppstein hinauf zu den Höhen der Nassauischen Schweiz erwarten den Wanderer auf dem Weg über den Hofheimer Stadtteil Langenhain nach Lorsbach herrliche Aussichten. Unvergleichlich: der Blick vom Staufen.
Panoramablick mit "hässlichem Tempel". Foto: sj Panoramablick mit "hässlichem Tempel". Foto: sj
Zwei stark befahrene Straßen zerteilen die Burgstadt in ungleiche Stücke, trennen, was eigentlich zusammengehört. Fabrikgebäude auf der einen und eine hohe Mauer, die die Bahntrasse trägt, auf der anderen Seite der B 455 lassen den ohnehin schmalen Kessel des Lorsbachtals noch etwas enger erscheinen.
 

 

 

 

Nein, Eppstein bietet auf den ersten, ganz irdischen Blick nicht viel, was seinen stolzen Ruf "Die Perle der Nassauischen Schweiz" polieren könnte. Von oben betrachtet jedoch sieht das gleich ganz anders aus. Da beginnt das Schmuckstück am Rande des Main-Taunus-Kreises mit seiner Burgruine und den Gründerzeit-Villen in Hanglage zu glänzen. Wer es nicht glaubt und selbst die Probe aufs Exempel machen möchte, ist bei dieser Panorama-Tour genau richtig. Denn die führt den Wanderer an einer Vielzahl von Aussichtspunkten vorbei, die mit zum Schönsten zählen, was Rhein-Main zu bieten hat.
 
Zu Beginn der Runde um Eppstein, Langenhain und Lorsbach wartet derzeit eine kleine Enttäuschung. Vom Startpunkt am Eppsteiner Bahnhof wird ein Strich von der Dicke einer Bahnschranke durch die ursprünglich ins Auge gefasste Wegführung im Zeichen des Blauen Punktes gemacht.
 
Statt direkt wie steil auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise den Aufstieg zu wagen und den Neufville-Turm anzusteuern, muss der Wanderer, wenn er am Bahnhof losmarschiert, gegenwärtig einen großen Bogen um den Aussichtsturm machen oder gleich ganz darauf verzichten.
 

Hässliches Templein

 
Eine Großbaustelle macht den Verzicht erforderlich. Ein neuer Tunnel wird wohl noch bis Mitte 2013 dem mächtigen Fels abgetrotzt und bis der nicht fertig ist, führt kein Weg am Umweg vorbei.
 
Es geht also nach rechts am Bahnübergang vorbei den Hang hinauf und dem ersten Punkt mit Panorama entgegen. Zugegeben: In seiner Höhe wie auch in Gestaltung und Ausblick, kann sich der 1889 von Militärs errichtete Pionier-Tempel in keiner Weise mit dem im Bergpark der Villa Anna gelegenen Neufville-Turm messen. Aber irgendwie ist es gerade das an ein Bushäuschen erinnernde Äußere, das das hässliche Templein irgendwie sympathisch macht.
 
Immer der Nase und dem Blauen Punkt nach geht es in der Folge sacht nach oben. Eisenbahnfans, die sich ein Bild vom Fortgang der Bauarbeiten im Umfeld des Tunnels machen möchten, sollten in Höhe des Clara-Hilda-Felsens kurz vom Weg abweichen und einen Blick auf das Daisbachtal, die Gleise und den Nachbarort Niedernhausen werfen, um sich anschließend wieder auf den eigentlichen Weg zu begeben.
 
Clara-Hilda-Fels? Weiter entspannt bergan bleibt dem Spaziergänger reichlich Zeit, über die Frage nachzugrübeln, wer denn einem harten Stück Stein eine derart feminine Note gab, um seinen Töchtern ein Andenken zu sichern. Die Antwort: Es war derselbe Mann, der das bereits erwähnte hochherrschaftliche Landhaus seiner Gattin Anna widmete und sich selbst gleich noch einen Turm gönnte - Alfred von Neufville.
 

Das Erbe des Bankers

 
Der Frankfurter Bankier entdeckte im späten 19. Jahrhundert die Vorteile Eppsteins für sich, richtete sich auf dem Jähenberg standesgemäß ein und bedachte die neue Heimat mit der einen oder anderen Zuwendung, für die ihn die Eppsteiner ihrerseits wiederum mit der Ehrenbürgerwürde bekränzten.
 
Unverhofft eröffnet sich an einer Wegkreuzung oberhalb des Jähenbergs zwar doch noch die Gelegenheit, das in Stein gemauerte Vermächtnis des Herrn von Neufville in Augenschein zu nehmen. Allein, in Anbetracht der Tatsache, dass noch gut 14 Kilometer darauf warten, bewältigt zu werden, sollte sich jeder sehr gut überlegen, ob er die Extratour auf sich nimmt. 1,2 Kilometer bergab und dann dasselbe wieder bergauf zurück das kostet Zeit und Energie. Zwei Dinge, die man entlang der Strecke noch zur Genüge brauchen wird.
 
Zu empfehlen ist deshalb, sich den Neufville-Turm für ein andermal aufzusparen und die Tour an dieser Stelle geradeaus fortzusetzen. Springt der Blaue Punkt noch munter über die nächste Kreuzung hinweg und den folgenden Hang hinauf, scheint das Zeichen in der Folge doch den Schwung zu verlieren. Etwa auf halber Höhe setzt der Punkt ein Ausrufezeichen, verabschiedet sich nach rechts und übergibt die Führung an seine beiden Kollegen das Schwarze T, das den Taunushöhenweg markiert, sowie das blaue Andreaskreuz, das den Europawanderweg E3 kennzeichnet.
 
Als ausgewiesene Fernwanderwege warten die beiden zwar mit merklich mehr Ausdauer auf. Doch gerade weil es sie eben nach Größerem respektive Längerem verlangt, klinken auch die sich kaum dass der Anstieg bewältigt ist an der nächsten größeren Weggabelung wieder aus.
 
Von hier an wird es tierisch: Der schwarze Keiler übernimmt im Schweinsgalopp den Staffelstab und geleitet den Wanderer am Fuße des Judenkopfs vorbei durch den Taunuswald zum Wanderparkplatz Domherrnwald am Ortsrand von Hofheim-Langenhain. Eben noch unter einem dichten, von Eichen und Buchen zusammengehaltenen Blätterdach unterwegs, öffnet sich mit einem Mal nicht nur der Blick auf weite Wiesen und Felder, sondern sogar ins Weltall.
 

Universale Gedanken

 
Vorausgesetzt man hat den Schlüssel zu jener Holzhütte, die links am Wegesrand steht. Mit Sonnenuhr im Vorgarten, Botschaften für extraterrestrische Gäste an der Außenwand und Teleskopen unterm Schiebedach ist hier die Hofheimer Sternwarte zu Hause.
 
Auch ohne Fernglas oder Teleskop bereits von hier aus gut zu sehen, ist die strahlendweiße Kuppel des Hauses der Andacht. In den 1960er-Jahren von Anhängern der Bahai-Religion errichtet, setzt der Tempel nicht nur optisch einen exotischen Akzent in der Taunuslandschaft. Was hier in direkter Nachbarschaft zu Streuobstwiesen und schmucken Einfamilienhäuschen entstand, ist noch heute einmalig in Europa und auch global betrachtet eine Seltenheit. Gerade mal acht Häuser der Andacht gibt es weltweit, was Langenhain aus Sicht der Bahai auf eine Stufe mit Neu Delhi, Sydney oder auch Kampala stellen dürfte.
 
Zwar etwas abseits des eigentlichen Wanderweges gelegen, empfiehlt es sich auf jeden Fall, dieses außergewöhnliche Gotteshaus zumindest kurz in Augenschein zu nehmen.
 
Zurück vom Ausflug in ferne Galaxien und fremde Glaubenswelten am Waldrand wieder angelangt, ist der Schwarze Punkt für die kommenden fast fünf Kilometer von wegweisender Bedeutung. Leichten Schrittes geht es bergab, dem Hofheimer Stadtteil Lorsbach entgegen. Dabei passiert der Wanderer kurz vor Erreichen der Ortsgrenze nicht nur die Reste einer keltischen Ringwall-Anlage, sondern auch einen 2005 vom Lorsbacher Heimat- und Geschichtsverein errichteten Aussichtsturm mit perfekter Sicht über das gesamte Lorsbachtal. Wer jetzt zur Wanderkarte greift und die dort vermerkte Linienführung auf die real existierende Topographie überträgt, der bekommt schon mal einen kleinen, bitter-süßen Vorgeschmack auf das, was als nächstes ansteht: ein Anstieg. Und was für einer.
 

Der Berg ruft!

 
Da heißt es, schonend mit den eigenen Ressourcen umgehen. Also ganz entspannt zunächst durch Lorsbach hindurch, am Zimmerplatz vorbei, über die Bahngleise hinweg und noch für ein paar Schritte nach links an der Hauptstraße entlang, gibt es danach kein Halten und keine Ausreden mehr. Der Berg ruft!
 
Nach rechts in die Münsterer Straße und dann gleich weiter in die schmale Gundelhardstraße muss der Wanderer hier aufpassen, dass er in der Sackgasse das Wegzeichen nicht aus den Augen verliert. Der Schwarze Punkt wartet linker Hand und lenkt den Schritt an einem herrschaftlichen Anwesen vorbei auf einen Waldpfad, auf dem es jetzt voran und vor allem nach oben geht.
 
Zugegeben, passionierte Bergfexe und fitte Waldläufer werden die kleine Anhöhe vermutlich müde lächelnd im Sturm nehmen. Untrainierte Aufsteiger sollten sich allerdings nicht überfordern und wann immer erforderlich ein kurzes Päuschen einlegen. So sollte dann jeder ans nächste Etappenziel, die Waldgaststätte Gundelhard, gelangen. Eigentlich die perfekte Anlaufstelle, um bei Brotzeit und Kaltgetränk wieder zu Kräften zu kommen. Da im Frühjahr 2012 die Nachricht von einem Besitzerwechsel auf der Gundelhard die Runde macht, empfiehlt es sich, vorab mal nachzuhören, ob und wann der beliebte Einkehrort geöffnet hat.
 
Ein Wechsel, der an dieser Stelle auf jeden Fall vollzogen wird, gilt dem Wegzeichen. Der Schwarze Punkt tritt seine Richtlinienkompetenz an das Gelbe Rechteck ab, das jetzt bis zum Ziel den Farbton angibt.
 
Die folgenden gut eineinhalb Kilometer am Waldrand entlang mit freiem Blick über Felder und Wiesen hinweg bis zur Kuppel des Bahai-Tempels sollte jeder einzelne nutzen, um sich selbst zu hinterfragen, ob die Kraft noch für einen letzten, absolut lohnenswerten Anstieg reicht. Falls nein, spricht nichts dagegen, die in der Karte avisierte kleine Abkürzung am Fuße des 454 Meter hohen Staufen entlang zu nehmen.
 
Allerdings muss sich der Spaziergänger für diesen Fall im Klaren darüber sein, dass er auf ein Panorama verzichtet, das seinesgleichen in Rhein-Main sucht. Wer einmal auf dem Aussichtspunkt am Großen Mannstein stand und den Blick über Kelkheim, Frankfurt und die Taunushöhen schweifen ließ, der kann verstehen, warum hier oben sogar schon gestandene Freiheitskämpfer ganz pathetisch wurden.
 
Es waren die Brüder Friedrich, Heinrich und Max von Gagern, die sich dort 1838 in die Hand versprachen, gemeinsam alles für die Einheit und Freiheit Deutschlands tun zu wollen. Was als Staufenschwur begann, fand seine Umsetzung in der Frankfurter Paulskirche, in der Heinrich von Gagern 1848 zum ersten Präsidenten der Nationalversammlung gewählt wurde.
 
Mit sehr viel weniger Fernsicht und Pathos ist dagegen der eigentliche Gipfel des Staufen gesegnet. Der Wanderer verpasst denn auch nichts, wenn er sich den kurzen Anstieg spart.
 
Es wäre auf jeden Fall der letzte Gipfelsturm auf dieser Tour. Denn der anspruchsvollste Teil ist längst geschafft.
 
Von hieran geht es nur noch ganz entspannt bergab, garniert mit zwei Aussichtspunkten, die noch einmal mit exzeptionellen Blicken auf Eppstein, das Lorsbachtal und die Burgruine aufwarten. Erinnert der 1929 vom örtlichen Männergesangverein aufgestellte Mendelssohn-Stein an die Besuche des großen Komponisten in Eppstein zwischen 1837 und 1847, so ist der Grund für den Bau des benachbarten Kaisertempels doch merklich martialischer.
 

Ein Panorama zum Verlieben

 
Der Eppsteiner Verschönerungsverein, der 1894 den an die Vorhalle eines antiken Tempels angelehnten Neubau einweihte, wollte ihn als Sinnbild des Sieges über Frankreich (1870/71) und die Einigung des Deutschen Reiches verstanden wissen. Wenn auch Preußens Glanz und Gloria längst verblasst ist, so ist der atem beraubende Blick von hier oben doch unverbaubar und der Tempel gerade bei jungen Paaren ein beliebter Ort, sich die ewige Liebe zu schwören.
 
Jetzt aber ist es dann auch gut mit den überirdischen Gefühlen. Es gilt, sich nach Eppstein und auf den Boden der Tatsachen zurückzubegeben. Und, was soll man sagen auch die sind bei näherer Betrachtung mehr als ansehnlich. Hat der Wanderer erst einmal die Bundesstraße überquert und spaziert er im Schatten der Burg durch die Altstadt, dann erkennt er schnell, dass die Perle der Nassauischen Schweiz ihren Namen nicht von ungefähr trägt.


Strecken-Info

Schwierigkeit: mittel
Strecke: 15,7 Kilometer
Aufstieg: 574 Meter
Abstieg: 573 Meter
Dauer: ca. 4:54 Stunden
Niedrigster Punkt: 157 Meter
Höchster Punkt: 441 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Eppstein Bahnhof
Wegbeschreibung
Größere Höhenunterschiede zu bewältigen, teilweise starke Anstiege. Durchgehend gut befestigter Weg.
Ausrüstung
Normale Ausrüstung - gegebenenfalls leichter Rucksack mit Proviant, Getränke nicht vergessen.

Anfahrt
Mit dem Auto: Von Frankfurt Richtung Hofheim, dann Eppstein, dort an den Bahnhof. Von Norden oder von Süden aus über die A 3, Abfahrt Niedernhausen, auf die B 455 über Bremthal nach Eppstein. Von Osten her über Bad Homburg auf der B 455 bis Eppstein.
Parken
Am Bahnhof Eppstein.
Öffentliche Verkehrsmittel
Die S 2 fährt von Frankfurt über Eppstein nach Niedernhausen. Fahrplanauskunft über www.rmv.de. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/touren
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