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Höchst erfreuliche Wanderung

Unsere Wandertour führt Sie raus aus der Stadt und rein in die Dünen - auf einer 10,5-Kilometer-Runde durch den Frankfurter Westen.
Ganz schön hoch, der Turm des Höchster Schlosses! Foto: Stefan Jung Ganz schön hoch, der Turm des Höchster Schlosses! Foto: Stefan Jung
Frankfurt.  Im Norden ein Industriegigant, im Süden einer der größten Flughäfen der Welt, im Osten die Bankenmetropole und im Westen eine der meist befahrenen Autobahnen des Landes – was kann einen da schon in der Mitte erwarten?



Wer ob dieser Rahmenbedingungen, so wie der FNP-Scout, bislang einen nicht ganz vorurteilsfreien Bogen um den Frankfurter Westen gemacht hat, der dürfte von dieser Tour mehr als nur überrascht werden. Positiv – natürlich. Und doch ist da auch ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube des Scouts. Wie konnte er nur so lange so ein Ignorant sein? Wie hat er doch dem Frankfurter Westen Unrecht getan. Ganz klar: Es ist Zeit, Abbitte zu leisten.

Die Wanderschuhe werden also zum Teil des Outdoor-Büßergewandes und Höchst zum Canossa des FNP-Scouts. Mit zwei wohltuenden Unterschieden. Während Kaiser Heinrich IV. über die Alpen und durch Eis und Schnee zum Papst musste, spaziert der FNP-Scout ganz entspannt weil plan seinem Ziel entgegen und wird sogar noch von den kleinen wie großen Besonderheiten entlang des Weges verwöhnt. So lässt man sich einen Buß- und Bet-Wandertag gefallen.
Der Main von seiner naturbelassenen Seite. Foto: Jung Bild-Zoom
Der Main von seiner naturbelassenen Seite. Foto: Jung
Das beginnt schon gleich an der Höchster Batterie, wo „Walter Kolb“ darauf wartet, den Büßer über den Fluss zu tragen. Die kleine Personenfähre, die den großen Namen des ersten frei gewählten Frankfurter Oberbürgermeisters nach dem Zweiten Weltkrieg trägt, pendelt seit 1992 zwischen Höchst und Schwanheim. Und das für nur ein paar Cent.

Am Schwanheimer Ufer angekommen, grüßt gleich rechts die Tillylinde. Obwohl eine Nachpflanzung, ist deren Symbolcharakter unverändert geblieben. Die Linde steht für die gewachsene Erinnerung an eine blutige Auseinandersetzung, die hier im 30-jährigen Krieg ausgefochten wurde: die Schlacht bei Höchst.

Man schrieb den 20. Juni 1622 als hier am Ufer des Mains Johann Graf von Tilly, der Feldherr der katholischen Liga, die Protestanten unter dem jungen Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel aus dem Feld schlug. Die damals zu Kurmainz gehörenden Höchster, aber auch die Eschborner, Oberurseler und Sulzbacher dürften das als gerechte Strafe gefeiert haben. Schließlich hatten die Truppen des „wilden Christian“ zuvor deren Heimatorte heimgesucht und verheert.

Zum Glück ist das heute Geschichte und die Landung in Schwanheim kein Risiko, sondern der Beginn eines außergewöhnlichen Ausflugs.

Konstantes Grollen


Bild-Zoom
Vom Fähranleger geradeaus und dann nach links in den Höchster Weg setzt sich im Ohr des Wanderers schnell ein unterschwelliges wie konstantes Grollen fest. So ist das eben, wenn man in Nachbarschaft eines Mega-Airports spazieren geht. Mit Blick auf die Dimensionen des Flughafens und die große Zahl der stählernen Vögel, die sich zeitgleich am Himmel ausmachen lassen, ist man fast überrascht, dass das Grollen nicht bedrohlicher ausfällt.

Wirklich stören dürfte es hier ohnehin niemanden. Rechts die Ausläufer des Industrieparks, links und voraus Schrebergärten sowie Ackerflächen – es ist schon eine skurrile wie interessante Mischung, an der man vorbeispaziert. Und das ändert sich auch vorerst nicht. An zwei Bäumen, die ein Wegekreuz rahmen, nach rechts und dann weiter der Nase nach.

Bevor hier ein falscher Eindruck entsteht – hinter „der Nase nach“ verbirgt sich kein abfälliger Hinweis auf das Vereinsgelände der Höchster Angler zur Rechten. Mag auch der Club 1925 gegründet worden sein, der Fisch, der hier aus dem Teich geholt wird, ist frisch und die kleine Tür, die zum Zuhause der Petrijünger führt, von einem ganz besonderen Fischgrät-Muster geschmückt.

Hier also sind Wasser und Fisch – wo aber ist der versprochene Sand? Nur die Ruhe, gleich sind wir da. Noch einmal kurz nach links und dann wieder nach rechts, so bringt das Zeichen des Frankfurter Grüngürtels den Wanderer an den Eingang zu einem echten Naturphänomen: Willkommen in der Schwanheimer Düne!

Sie fragen sich jetzt, wo man das hierzulande sonst noch hat, dass eine Düne einfach so im Binnenland herumliegt? Schenkt man einem in solchen Fällen gerne angeklickten Online-Lexikon Glauben, dann finden sich solche Binnendünen vornehmlich in der Lüneburger Heide, im südlichen Brandenburg und eben auch entlang eines 130 Kilometer langen Bandes, das sich von Rastatt bis nach Mainz zieht und zu dem die Dünen im Frankfurter Westen gehören.

Wie der Sand dorthin kommt? Der Wind hatte hier seine Kräfte im Spiel. Am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10 000 Jahren blies das himmlische Kind die Backen auf und anschließend den Sand aus dem Bett des Mains wie eine dicke Schicht von Puderzucker übers Land. Ein Garten, in den es wirklich nur die Harten schaffen. Und deshalb sind Flora und Fauna in diesem Bereich nicht nur besonders hart im Nehmen, sondern vor allem auch sehr selten. Moose und Flechten, das seltene Silbergras oder auch Sand-Hornkraut finden hier das Wenige, was sie zum Leben brauchen.

Auf dem Holzweg


Der 58,5 Hektar große Sandkasten ist also sehr wohl etwas Besonderes. Und weil er das ist, hat man ihn 1988 auch zum Naturschutzgebiet gemacht, dem man sich mit entsprechender Rücksichtnahme nähern sollte. Um zu vermeiden, dass die Besucher in Scharen mit Schippchen, Förmchen und Liegestuhl einfallen, wurde ein Holzbohlenweg angelegt, der die Gäste mit Informationen zur Schwanheimer Düne auf dem Laufenden hält.

Am Ende dieses Holzwegs angekommen, kann der Fuß dann wieder bedenkenlos auf den Boden aufgesetzt werden. Es geht nach links, an Streuobstbeständen vorbei und dem Ende des Strandurlaubs entgegen. An der nächsten Weggabel muss man sich darauf einstellen, auf Tuchfühlung mit einigen aufdringlichen Sträuchern zu gehen. Es geht nach rechts und auf sich verengendem Pfad der B40 entgegen.

Hat man die erreicht nach links, wird noch mit Bedacht der Kreuzungspunkt an der Mainbrücke überquert und dann der Schritt in Richtung des Schwanheimer Mainufers gesetzt.

Dort angelangt geht dann alles wie von selbst. Man kann sich mit dem Strom der Frischluft-Fanatiker und Freizeit-Sportler einfach treiben lassen. An schönen Tagen ist hier wirklich was los.

Hier Hinweise auf die Streckenführung geben zu wollen, wäre vergebene Liebesmüh. Es geht ja immer nur geradeaus am Fluss entlang und an Schwanheim vorbei. Da auf dieser Tour zudem der Begriff „Anstieg“ ein Fremdwort ist, könnte der eine oder andere vielleicht in Versuchung geraten, die überschüssige Energie in ein kleines Wettgehen mit einem Mainschiffer zu investieren.

Die Aussichten, hier am Ende als Sieger dazustehen, sind gar nicht so schlecht. Je näher man nämlich dem Ziel kommt, desto mehr muss der Kapitän den Dampf vom Kessel nehmen. Die Staustufe Griesheim macht es nötig. Sie und ihre 33 „Kolleginnen“ zwischen Bamberg und der Mainspitze machen es aber auch erst möglich, dass die großen Frachter überhaupt den Fluss als Wasserstraße benutzen können. An sich nämlich wäre der Main viel zu flach für sie.

Aufzug für dicke Pötte


Um ihm dennoch eine Fahrrinne von durchschnittlich 2,90 Meter abzutrotzen, muss er alle zehn Kilometer aufgestaut werden – was wiederum für die Mainschiffer ein ständiges Auf und Nieder zur Folge hat. In Griesheim zum Beispiel sind es ansehnliche 4,50 Meter, die die 60 Schiffe, die hier am Tag durchkommen, vom Unter- zum Oberwasser hochgepumpt oder vom Ober- zum Unterwasser abgelassen werden müssen.

Ob mit oder ohne das Gefühl des sicheren Sieges ist es für den Wanderer denn auch auf jeden Fall imposant, wenn er Schritt um Schritt an den mächtigen Kähnen vorbeizieht, die Treppe zum Fußgängersteg hinaufsteigt und von oben den Schleusenvorgang beobachten kann. Nicht nur Technikaffine und Zahlendreher dürften bei den Eckdaten der 1932 eröffneten Staustufe große Augen machen. Denn hier ist alles eine Nummer größer. Allein die beiden Schleusenkammern sind jede für sich etwa 344 Meter lang. Da fällt es dann auch optisch kaum ins Gewicht, dass die südliche der beiden Schwestern etwas stämmiger ist. Mit ihren 15 Metern Breite kann sie binnen 20 Minuten – so lange dauert der Schleusengang – 23 700 Kubikmeter Main verschlucken, während das nördliche Pendant bei knapp 19 000 Kubikmetern voll ist.

Vollautomat


Dass hier alles reibungslos funktioniert, darauf achteten früher die Schleusenwärter von ihrem „Tower“ aus. Mittlerweile jedoch hat Kollege Computer den Dienst übernommen. Hier funktioniert alles automatisch und auf Knopfdruck. Das übrigens gilt auch für den am anderen Ende der Staustufe gelegenen Nussschalen-Durchlass, der Freizeitkapitänen hilft, den Höhenunterschied zu überwinden.

Bevor der Wanderer jedoch auf seinem Weg zum Griesheimer Ufer die kleine Schleuse erreicht, passiert er zunächst noch das Laufwasserkraftwerk. Getrieben vom Schwung des Wassers drehen sich hier drei Kaplanturbinen und pumpen jährlich rund 35 Millionen Kilowattstunden an Öko-Strom ins Netz. Das reicht immerhin um über 10 000 Privat-Haushalte im Jahr zu versorgen.

Ob diese Menge an Energie auch ausreichen würde, um jenes Gebäudeensemble aufzuladen, an dem es in der Folge vorbeigeht? Das dürfte eng werden – angesichts der Dimensionen. Kaum nämlich, dass man sich vom Fluss verabschiedet hat und nach links in die Stroofstraße eingebogen ist, tastet sich das Auge zur Rechten an einer nicht enden wollenden, noch dazu von Stacheldraht „gekrönten“ Backsteinmauer entlang.

Man muss es ehrlich sagen, es gibt schönere Wanderwege. Da jedoch der Gang am Ufer entlang dem Wanderer vorerst vorenthalten bleibt, muss er eben mit dem Bürgersteig und dem Blick auf Industrieanlagen vorliebnehmen. Aber auch der hat seinen Reiz.

Als hätten Riesen meterdicke Stahlrohre zu kolossalen Kunstgebilden verknotet, so mutet das an, was der Passant von dem erhaschen kann, was sich hinter den Mauern verbirgt. Und irgendwie passt die Metapher von den Riesen ja auch ins Bild. Immerhin war die Chemische Fabrik Griesheim-Elektron, die hier Ende des 19. Jahrhunderts ihre Werkstore öffnete, von 1925 bis 1952 Teil der IG Farben und damit eines Industrie-Giganten, der glänzende Geschäfte machte und doch auch wie kaum ein anderes Unternehmen für die dunkle Seite der Geschichte dieses Landes stand. Nach der Zerschlagung der IG, in der Höchst AG aufgenommen, wurde der Griesheimer Betriebszweig 2009 in viele kleinere Unternehmen zergliedert. Was geblieben ist, ist die alte Backstein-Mauer, die das Konglomerat nach außen hin zusammenhält.

Da wo der Riegel aufhört, kurz vor Erreichen der Schwanheimer Brücke, endet dann auch wieder, der Ausflug in die Industriegeschichte. Es geht nach links, am Tierheim vorbei und zurück ans Mainufer, das sich hier – am Rande des Frankfurter Stadtteils Nied – sehr viel urwüchsiger und sehr viel weniger stromlinienförmig als auf der Schwanheimer Seite. Wenn bei dem einen oder anderen im Vorbeigehen der Wunsch nach Badehose und Bikini aufkommt, mag das an den kleinen, feinsandigen Abschnitten liegen, die den Fluss säumen. Allein, so sehr das Strandfeeling auch drängt, von einem Bad im Main ist nicht nur im Herbst nach wie vor abzuraten.

Eine alte Bekannte


Genug vom „Beach“ geträumt! Die Wander-Realität hat uns wieder. Und auch die kann traumhaft sein. Das beweist jenes sattgrüne Stück Mainufer, das sich auf dem verbleibenden Kilometer bis nach Höchst auftut. Voraus die ansprechend gestaltete Wörthspitze, stößt von rechts eine gute alte „Bekannte“ hinzu, die Nidda. Stammleser unserer Wanderserie wissen: Kennengelernt hat der FNP-Scout das Flüsschen im vergangenen Jahr an dessen Quelle im Vogelsberg. Jetzt trifft man sich also an der Mündung wieder. Über eine Fußgängerbrücke hinweg ist der Höchster Fähranleger fast erreicht. Also mit Vollgas ins Ziel? Auf gar keinen Fall. Zeit lassen und nehmen ist angesagt. Höchst hat so viel zu bieten und die Tour war doch so kurz, dass ein kurzer Spaziergang durch die Altstadt, das alte Schloss und den barocken Garten des Bolongaro-Palastes kein Kann, sondern ein Muss ist.
Bilderstrecke Wanderserie Tour 10: Durch den Frankfurter Westen
Die zehnte Tour und letzte Tour unserer Wanderserie führt von Höchst an die Schwanheimer Düne, die Staustufe Griesheim und wieder zurück. Fotos: Stefan JungGanz schön hoch, der Turm des Höchster Schlosses! Foto: Stefan JungDer Main von seiner wilden, naturbelassenen Seite.
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