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Im Zauberwald des Wispertals

Wo die Wisper leise flüstert Über das verwunschene Tal der Wisper hinein in Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet, gewährt diese Tour bezaubernde Einblicke in die Schatzkammer von Mutter Natur: den Rheingauer Hinterlandswald.
Das romantische Wispertal becirct jeden Wanderer mit seiner Schönheit. Das romantische Wispertal becirct jeden Wanderer mit seiner Schönheit.
Wer mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens in einem kleinen Dorf verbracht hat, hier sogar aufgewachsen ist, für den sollte der Schritt vor die eigene Haustür eigentlich dem sicheren Griff in die Westentasche gleichkommen.
 

Und doch gab es bis zuletzt auch im Leben des FNP-Scouts eine über 20 000 Hektar große Unbekannte: den Hinterlandswald. Hessens größtes zusammenhängendes Waldgebiet lag und liegt zwar quasi gleich neben dem Elternhaus. Über 40 Jahre lang blieb es trotzdem Terra incognita. Warum?
 
Gereizt hatte die Expedition ins Unbekannte zwar schon länger. Es fehlte allerdings an Zeit und ganz ehrlich auch ein wenig an Mut. Nach dem, was man als Kind von den Alteingesessenen über dieses Fleckchen Erde zu hören bekommen hatte, vielleicht kein Wunder. Wenn die vom Hinnerlandswald erzählten, ging zwar das t irgendwo bei einer rustikalen Lautverschiebung verschütt. Dafür jedoch unterlegten die alten Hasen ihre Geschichten mit einem Raunen, das schon früh zu verstehen gab, dass da gleich nebenan etwas Außergewöhnliches wartete. Eine ganz eigene Welt, in der der Mensch nur Gast ist.
 
Reich der Zwerge
 
Das klang vielversprechend, aber eben irgendwie auch einschüchternd. Ein Gefühl übrigens, das zumindest im 19. Jahrhundert weit verbreitet war. Lange Zeit trieb der verwunschene Wald die Fantasie der Menschen um, rankten sich Märchen und Sagen um das geheimnisvolle Reich von Mutter Natur. Von Zwergen war da die Rede, die tief im Innern des Rheingau-Gebirges nach Schätzen suchten, aber auch von Menschen, die sich allein in die undurchdringliche Baumwelt wagten und nie mehr gesehen waren.
 
Wie unsere Vorväter auf solche Ideen kommen konnten das lässt sich bereits bei der Anfahrt zur Laukenmühle, dem Start- und Zielort dieser Wanderung, erahnen. Mächtig ragen Schieferhänge links und rechts in die Höhe, lassen gerade noch so viel Platz, dass sich die Landesstraße 3033 und die Wisper nebeneinander durch den Talgrund zwängen können. Burgruinen grüßen von den Höhen, erinnern daran, dass es in alten Zeiten durchaus von Bedeutung war, wer das Sagen im sagenumwobenen Tal hatte.
 
Vertraut man Heinrich Heine, dann verdankt das Flüsschen Wisper samt Tal seinen Namen, den wispernden Stimmen, die einem dort ans Ohr vorbeypfeifen und an ein gewisses heimliches Pist! Pist! erinnern. So zumindest beschreibt es Heine in einer Abhandlung über Elementargeister.
 
Heute muss der Wanderer allerdings schon sehr genau hinhören, will er das geheimnisvolle Wispern des Windes noch vernehmen. Gerade an Sonn- und Feiertagen zieht es unzählige Ausflügler hierher, legt sich das Dröhnen von Motoren wie ein dicker Flokati über das uralte Klangparkett aus Vogelstimmen und Bachgeplätscher.
 
Was zunächst wenig einladend klingt, verstummt schon bald, nachdem der Wanderer am Parkplatz unweit der Laukenmühle angelangt ist. Gleich gegenüber des Forellengutes, dort wo die Wisperstraße sich in die Kurve legt, wird er von einem noch recht neuen Mitglied in der Familie der Wegzeichen erwartet.
 
Ein weißes W mäandert auf blauem Grund und markiert so den 2009 eingeweihten und bereits zum Premiumweg aufgestiegenen Wispertal-Steig, der vorerst den Kurs vorgibt. Rechts der Straße geht es durchaus ambitioniert den Hang hinauf und vorbei an einem Kapitel deutscher Geschichte, das auch im üppig-grünen Wispertal dunkel bleibt. Das steinerne Tor, durch das der Wanderer in die Tour einsteigt, wie auch die Treppenstufen, die im Gelände linker Hand auftauchen, erinnern an die Zeit, da der Reichsarbeitsdienst (RAD) Ende der 1930er Jahre hier im Katzengrund zugange war und den Boden ebnete für die Forstwirtschaft.
 
Strategisch günstig
 
Je höher man kommt, desto besser ist der Blick, der sich auf das Wispertal und die umliegenden Höhen bietet. Strategisch offensichtlich eine günstige Position. Darauf deutet zumindest der sogenannte Blidenplatz (Blide = Katapult) am Wegesrand hin. Rechts des Weges gelegen, wurde von hier oben aus die 350 Meter entfernte Lauksburg ruiniert.
 
Weiter durch den Wald nach oben und an der nächsten Kreuzung dann links ab ist das steile Stück erst einmal geschafft. Entspannt geht es jetzt am Hang entlang zur nächsten größeren Weggabelung. Hier heißt es, standhaft bleiben. So sehr sich auch das W des Wispertalsteigs ins Zeug legt, um den Wanderer mit sich nach rechts und den Hang hinauf zu ziehen, muss der Zuschlag an die Variante zur Linken gehen.
 
Und diese Entscheidung fällt auch gar nicht so schwer. Immerhin führt dieser Weg talwärts und ist damit nicht minder verlockend. Doch Vorsicht! Im guten Gefühl des leichten Schrittes sollte man den nächsten Abzweig nicht verpassen. Denn der wartet etwas unvermittelt in einer Kurve am Rande einer Lichtung. Ein verwittertes Zeichen weist den Weg hier nach links, hinunter zur Wispertalstraße und damit zum Eingang in den Hinterlandswald.
 
Zugegeben, das Portal eine mit Graffiti beschmierte Hütte auf der anderen Seite der Straße ist wenig repräsentativ. Dahinter aber öffnet sich ein Naturraum, der fast schon zu postkartenidyllisch ist, um wahr zu sein. Kaum zu glauben, dass große Teile des grünen Herzens in den 1970er Jahren fast hinter einer mächtigen Staumauer und unter Millionen Kubikmetern von Wasser begraben worden wären.
 
Verantwortlich dafür sollte ein munteres Kerlchen zeichnen, das so gar nicht danach aussieht, als könnte es ein Wässerchen trüben: der Ernstbach. Obwohl eigentlich ein fließender Freigeist, der aus den Höhen des Rheingaugebirges herunterkommt, lässt sich der kleine Bruder der Wisper hier am Hermannssteg sogar widerstandslos in ein Betonkorsett zwängen, kurz bevor er seine große Schwester trifft. Das ist kein Typ, der einen ausufernden Lebenswandel pflegt.
 
Und doch gab es sie ernsthaft, die Überlegungen, den Bach mit aller Macht einzubremsen, bis der vor lauter Überdruck das ganze Tal überschwemmt hätte. Zum Glück sind diese Pläne längst vom Tisch, ist und bleibt der Ernstbach hoffentlich das, was er ist ein freundlich plätschernder Gefährte auf dem Weg in den Hinterlandswald.
 
Entspannt nach oben
 
Der empfängt den Gast übrigens sehr viel zurückhaltender, als es der Wanderer von jenseits der Wisper zu hoffen gewagt hätte. Natürlich geht es Stück für Stück nach oben. Das allerdings so gemächlich, dass die Waden dem Ganzen durchaus entspannt entgegengehen können. Die Orientierung ist und bleibt derweil denkbar einfach, ist da doch ein schwarzes Hufeisen, das den Kurs vorgibt und zudem keine große Auswahl, was die Wegeführung angeht.
 
Es gibt einen Pfad, der ist bestens ausgebaut, und dem folgt man treu und brav. Nach dem Weg fragen ist nicht nötig, und könnte auch schwierig werden. Denn andere Wanderer bekommt man hier nicht allzu oft zu Gesicht. Und das obwohl gerade an den Wochenenden die Parkplätze an der Wisper voll sind. Der Wald schluckt das problemlos.
 
Sie können hier oft sehr lange laufen, ohne einer Menschenseele zu begegnen, beschreibt Hans-Ulrich Dombrowsky diesen ganz besonderen Reiz.
 
Dombrowsky weiß wovon er spricht, wenn er sagt, dass diese Landschaft etwas Bedeutungsvolles hat. Schließlich ist er so etwas wie der Herr des Waldes hier oben. Als Leiter des Rüdesheimer Forstamtes zeichnet er mit Kollegen in elf Revierförstereien dafür verantwortlich, dass im Reich von Mutter Natur alles seine waidmännische Ordnung hat.
 
Denn ein Urwald ist die Baumwelt keineswegs. Das lassen schon die immensen Holzstapel erkennen, die gerade im Frühjahr in großer Zahl am Wegesrand liegen. Und darauf deuten auch die unübersehbaren Einschlagstellen in den Hängen hin, die immer wieder in den Blick kommen.
 
Der Hinterlandswald ist seit altersher auch Wirtschaftsraum, erklärt Dombrowsky. Versorgten sich Mächtige und Normalsterbliche hier früher oft ohne Rücksicht auf Verluste mit Bau- und Brennholz, gelte heute bei der Forstarbeit im Hinterlandswald das Prinzip der Nachhaltigkeit. Anders ausgedrückt: Es wird immer etwas weniger Holz geschlagen, als nachwächst.
 
Viel Holz
 
17 Baumsorten weist die Statistik des Forstes hier aus. Das warme Klima am Rheingraben lässt sogar selteneren Gewächsen wie der Edelkastanie Platz zum Leben auf dem weitgehend felsigen Untergrund aus Tonschiefer und Taunusquarz. Wie in Hessen kaum anders zu erwarten, mischen Buche und Eiche auch im Hinterlandswald prozentual am stärksten mit.
 
Wenn sich mit dem weiteren Vordringen in das Reich von Mutter Natur das eigene Mobiltelefon zeitweise von der Außenwelt verabschiedet, dann bekommt der Wanderer eine Idee davon, warum sich Experimentier-Guru Ranga Yogeshwar 2010 ausgerechnet diesen abgeschiedenen Ort ausgesucht hatte, um seine Orientierungskünste kameragerecht in Szene zu setzen.
 
Nur mit einer Schnur, einer Armbanduhr und einem Taschenmesser gerüstet schlug sich der TV-Moderator binnen 24 Stunden von A nach B durch den Hinterlandswald abseits der Wege versteht sich. Eine Herausforderung, die Otto-Normal-Waldläufer erspart bleibt. Niemand muss Brotkrumen ausstreuen, um den Weg nach Hause zu finden.
 
Hat man erst einmal die Wickersheller Brücke erreicht, schwenkt der Weg nach links, bleibt der Ernstbach zur Rechten die Landschaft allerdings verändert ihr Gesicht beträchtlich. So wie das schwarze Hufeisen die Führung an den gelben Punkt abtritt, so zieht sich der dichte Wald zurück, macht er Platz für sattgrüne Wiesen, durch die sich der Bachlauf schlängelt.
 
Tierisch viel los
 
Nimmt man die hohe Dichte an Hochsitzen als Anhaltspunkt für den Wildreichtum, dann muss dieses langgezogene Tal so etwas wie die Frankfurter Freßgass für Wildschwein, Hirsch und Co. sein. Und wirklich: Was Hans-Ulrich Dombrowsky an tierischen Bewohnern dieses Landstrichs aufzählt, klingt wie das Whos who der deutschen Waldgesellschaft.
 
Allerdings sagen sich hier nicht nur Fuchs und Hase gute Nacht, wenn sie sich denn mal in der Tiefe des Raums treffen. Nein, der Hinterlandswald ist auch Heimat für Arten wie den Schwarzstorch, die andernorts längst den Rückzug angetreten haben. Sogar der scheue Luchs, ein echter Spätheimkehrer, soll hier bereits wieder gesichtet worden sein. Während der Wanderer so durch das Tal flaniert, wird mit jedem Schritt die Frage drängender, wann es denn endlich bergauf geht. Nicht dass man sich eine steile Passage jetzt wünschen würde. Da aber klar ist, dass sie irgendwann kommen muss, will man sie doch schnellstmöglich hinter sich bringen. Und dann ist er plötzlich da: der Anstieg. Kurz hinter einer Weggabelung, an der der Ernstbach sich nach rechts verabschiedet, springt der gelbe Punkt nach halblinks in den Hang hinein und zerrt den Spaziergänger hinter sich her.
 
Also Augen zu und durch die Einstellung hilft, denn zu sehen gibt es nicht viel, zu gehen dagegen eine ganze Menge. Links des Braubachs zieht sich der Weg nach oben wie Gummi. Fast zwei Kilometer nur bergauf das geht an die Substanz. Wenn dann endlich das schmucke Erbacher Forsthaus weiter oben in den Blick kommt, hat der Wanderer zumindest etwas, worauf er sich freuen kann. Auf der Höhe des über 250 Jahre alten Gehöfts angekommen, endet nämlich die Qual.
 
Ein steiles Stück
 
Zwei Wege bieten dort zur Linken ihre Dienste an, beide führen letztlich zum gleichen zentralen Punkt der Volk-manneiche. So gesehen bleibt es sich gleich, für welche Option man sich entscheidet. Empfehlenswert ist, von beiden Angeboten die rechte zu wählen, da die bereits im Zeichen des roten Rechtecks steht, das jetzt bis zum Ziel an der Laukenmühle die Richtung vorgibt.
 
Bis dahin allerdings ist es noch ein gutes und vor allem schönes Stück Weg. Entspannt geht es an der großen Kreuzung an der Volkmanneiche nach rechts und in der Folge bergab zurück zur Wisper. Zuvor allerdings öffnet Mutter Natur rechts der Strecke noch ein ganz besonderes Fenster, durch das man auf jeden Fall noch einen Blick riskieren sollte. Von einem Felsplateau aus hat der Wanderer einen herrlichen Blick über Geroldstein. Tief im Tal gelegen, mag der Heidenroder Ortsteil zwar mit seinen rund 100 Einwohnern recht klein sein. Er hat aber eine große Vergangenheit, von denen die Ruinen der Burgen Haneck und Geroldstein noch heute zeugen.
 
Zurück in der Spur des roten Rechtecks, die Wisperstraße schon in Hörweite, sollte jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen. Und doch: Es wird noch einmal haarig. Kaum hat der Wanderer die Straße erreicht und sie in Höhe des mittlerweile leerstehenden Forstguts Lauksburg überquert, da wird es schwer mit der Orientierung. An einer Mauer zeigt sich zwar noch mal das rote Rechteck, aber dann . . .
 
Zwar liegt das Ziel nur ein paar hundert Meter und einige Kurven weiter links. Die aber haben es noch einmal in sich, führt doch offensichtlich kein Weg daran vorbei, an der vielbefahrenen Straße entlang zur Laukenmühle zurückzuspazieren. Da gilt es, Vorsicht walten zu lassen und möglichst große Distanz zum Asphalt zu halten.
 
Wer sich daran hält, erreicht in kurzer Zeit den Ausgangspunkt, wo er sich mit einer Einkehr im Gasthaus oder einer frisch geräucherten Wisperforelle von der gegenüberliegenden Fischzucht belohnen kann.

Strecken-Info

Schwierigkeit: mittel
Strecke: 17,6 Kilometer
Aufstieg: 526 Meter
Abstieg: 526 Meter
Dauer: ca. 4:30 Stunden
Niedrigster Punkt: 156Meter
Höchster Punkt: 455 Meter
Start- und Zielpunkt der Tour:
Parkplatz Laukenmühle
Wegbeschreibung
Gut ausgebauter Wanderweg. Malerische Pfade durch grüne Täler und teils recht steile Anstiege.
Ausrüstung
Rucksack, feste Wanderschuhe, Proviant und Getränke. Einkehrmöglichkeit: Laukenmühle.

Anfahrt
Mit dem Auto: Aus Richtung Frankfurt kommend auf der A 66 Richtung Rheingau. Anschließend auf der Bundesstraße 42 über Rüdesheim nach Lorch. Dort nach rechts abbiegen und über die Wispertalstraße zum Einstiegspunkt.
Parken
Wanderparkplatz an der Laukenmühle.
Öffentliche Verkehrsmittel
Vom 1. April bis 31. Oktober steuert der Naturbus das Wispertal an. Von der Kurstadt Bad Schwalbach fährt die Linie 210 durch das Wispertal nach Lorch am Rhein und wieder zurück. Informationen zu dieser Tour online auf www.fnp.de/tourenplaner/
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